Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 49 (4.12.1931)
- Date
- 1931-12-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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iieite 4 i)lf. WAMRHEO Hoover-Moratorium, Rüstungsfeier jähr und Juden. Von Regierungsrat J. Kreppe!. Jt' r ■ i! Die schwere Krise, unter der die Welt in der Nachkriegsperiode zu leiden hat ist hauptsächlich durch zwei Momente verursacht worden, die ihre Wurzeln in den Friedensverträgen haben. Die großen Reparationslasten, die den besiegten Staaten auferlegt worden sind, machten diese direkt zu Sklaven der Sieger, schwächten ihre Wirtschaftskraft, zehrten ihr Volksvermögen auf, behinderten die normale wirtschaftliche Entwicklung, vermehrten die Arbeitslosigkeit und häuften immer mehr Elend und Not nicht nur in diesen Staaten, sondern auch in den Ländern der Sieger, die für ihre Produkte keine entsprechenden Absatzgebiete finden können. Anderseits haben die Friedensverträge auch in politisch-nationaler Hinsicht abnormale Verhältnisse geschaffen und Konfliktsstoffe angehäuft; das Mißtrauen unter den Staaten wurde noch vermehrt, die Angst vor einer Revanche seitens der Besiegten wird immer größer und die Folge ist ein Wettrüsten, das den Staaten und Völker ungeheure Opfer auferlegt und das ihr finanzielles Gleichgewicht stört. Diese beiden Momente lassen die Welt nicht zu Atem kommen und vermehren noch die Notlage, machen jede Gesundung unmöglich und komplizieren die internationale Situation immer mehr. Die führenden Geister aller Völker haben längst die Quelle des Uebels erkannt und wiederholt sind ernste Bemühungen unternommen worden, diesem zu steuern- Locarno war eine wichtige Station auf diesem Wege; der Kellog-Pakt sollte dem Wettrüsten ein Ende machen; mittels des Daves-.und später des Young-Planes sollte die Reparationslast Deutschlands auf ein erträgliches Maß ' herabgesetzt werden; wiederholte Abrüstungskonferenzen sollten die Ausgaben für die Heeresbudgets der einzelnen Staaten verringern und die hierfür aufgewendeten Beträge lieber der Gesundung der Wirtschaft zugänglich machen. Aber alle diese Versuche und Vereinbarungen vermochten nur. eine zeitweilige Erleichterung zu bringen. Das Hauptübel wurde nicht beseitigt und der erwartete Effekt konnte sich daher nur in sehr geringem Ausmaße einstellen. Da faßte vor einigen Monaten Präsident Hoover den kühnen Entschluß, der schwer geplagten Welt eine Atempause zu verschaffen — das Hoover-Moratorium soll den Schuldnerstaaten die Möglichkeit bieten, sich ein wenig zu erholen. Hoover wollte allerdings noch weiter gehen und dem Moratorium eine mehrjährige Geltung verschaffen. Doch zeigten sich da verschiedene Schwierigkeiten und so begnügte er sich zunächst mit einem einjährigen Moratorium, darauf rechnend, daß es nach Ablauf desselben gelingen werde, nötigenfalls eine Verlängerung zu erwirken. Anderseits haben die Schwierigkeiten, die sich bisher dem Abrüstungsproblem entgegenstellten, die beteiligten und interessierten Staaten veranlaßt, sich zunächst über ein Rüstungsfeierjahr zu einigen — ein Jahr lang soll der Rüstungs-Status-quo aufrecht erhalten bleiben und keine Vermehrungen des militärischen Wettrennens Platz greifen. Man hofft, daß es vielleicht dann, wenn man einmal eine ruhigere Atmosphäre geschaffen haben werde, eher gelingen könnte, zu definitiven Abrüstungsvereinbarungen zu gelangen. Ob und in welchem Ausmaße alle diese Hoffnungen in Erfüllung gehen werden, bleibt abzuwarten. Was das Hoover-Moratorium betrifft, so hat es, bei aller Anerkennung seiner, allgemeinen Bedeutung, den Nachteil, daß es die Atempause nur hinsichtlich der Staatsschulden gewährt, wogegen die Privatwirtschaft weiterhin nicht aus der Anspannung herauskommt und die Lasten der Verschuldung weiterschleppen muß. Da die finanzielle Krise der Staaten hauptsächlich ihren Ursprung in der notleidenden Privatwirtschaft hat. die außerstande ist, die Mittel für den gewaltigen Aufwand der Staaten aufzubringen, so ist mit dem Hcover-Moratorium nur wenig geholfen — und tatsächlich hat sich die allgemeine Wirtschaftskrise trotz des Hoover-Moratoriums gerade in den letzten Monaten wesentlich verschärft. Man wird somit einen Schritt weiter gehen müssen und auch der Privatwirtschaft in einer zulässigen Form eine Atempause verschaffen. Was anderseits das Rüstungsfeierjahr betrifft, so darf nicht übersehen werden, daß nicht nur die einzelnen Staaten gegeneinander rüsten, sondern auch die einzelnen Parteien. Klassen und Schichten innerhalb der Staaten und Länder. Der nationale Chauvinismus und der Klassenkampf haben gerade in den letzten Jahren die größten Dimensionen angenommen. Eine militärische Abrüstung ist insolange unmöglich, insolange ihr nicht eine politische vorangegangen sein wird. „Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik — nur mit anderen Mitteln!" hat ein berühmter Staatsmann gesagt. Will man den.Krieg unmöglich machen, dann müßte die Politik vorher abrüsten, müßte die Verhetzung der Völker gegeneinander aufhören, die Haßprediger zum Stillhalten gezwungen werden. Das beste Mittel, das Wettrüsten der Staaten einzudämmen und den Völkern die furchtbare Last der Heeresbudgets abzunehmen, kann nur eine Völkerversöhnung sein, eine Einstellung jedes Chauvinismus. eineHintanhaItungjedes..sacroegoismo", ein Abbau des Hasses und des politischen Kampfes. Vorher müssen alle Aktionen, so gut gemeint sie auch sein mögen, nur unzulänglich bleiben. Wenn wir diese allgemeinen weitpolitischen und weltwirtschaftlichen Probleme an dieser Stelle einer Eröterung unterziehen, so geschieht das nicht ohne Grund. Die Bibel der Juden hat der Welt nicht nur den Sabbat, den Ruhetag für Mensch und Tier nach sechstägiger Arbeitslast, gegeben, sondern auch die Institution des „Schemita"- Jahres, des Erlaß- oder Schuldenfeierjahres. An jedem siebenten Jahre trat nach dem mosaischen Gesetz ein allgemeines Moratorium ein. das allerdings noch weiter ging, indem es die Schulden nicht bloß stundete, sondern sie ganz erließ. Später wurde dieses Erlaßjahr auch auf die Freilassung der Sklaven ausgedehnt, die sich aus Not oder wegen Schulden hatten verkaufen müssen. Wenn Präsident Hoover den Gedanken des Einjahresmoratoriums verkündete und verwirklichen ließ, so hat er damit gewissermaßen auf eine Bestimmung des jüdischen Gesetzes zurückgegriffen — wenn er auch zunächst auf halbem Wege stehen blieb. Denn tatsächlich kann der schwergeplagten Welt nur geholfen werden, wenn ein völliger Erlaß der sogenannten Kriegsschulden Platz greifen würde, wenn die besiegten Völker, die dieser Schulden wegen gewissermaßen Sklavendienste leisten müssen, wieder ihre Freiheit erlangen. Wenn schon die vorbildlichen jüdischen Ideen nachgeahmt werden — dann sollte dies im vollsten Ausmaße geschehen, denn nur dann kann der Welt das erwartete Heil zuteil werden. Wenn aber diese Vorschriften der Bibel wieder zur Geltung gelangen sollen, dann darf man des Volkes der Bibel nicht vergessen. Auch wir Juden haben einen Anspruch auf eine puiiiiiiiiiiimniwiiiiiw | YORNEflflE FAMILIEN - PENSION | iBstauratjDD.HaffBEhaus | täglich 5-Uhr-Tee - g SEMNERINög TELEPHON 11 g Hochstraße 43 1 _ neben Hotel Panhans Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts j=!§ Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser m m in jedem Zimmer. g ABSknnl«: Wien Telephon II 27-6-24. || Zum Besuch ladet höflichst ein Ecksteini Besitzer m Atempause; auch uns gegenüber darf der Haß. der Neid und die Verfolgung einmal zumindest für eine Zeit lang aussetzen. Es ist traurig, daß gerade während der gegenwärtigen Weltkrise der Kampf gegen die Juden in den verschiedensten Formen und in den verschiedenen Ländern einsetzte. Wenn man den Gedanken unseres „Schemita"- Jahres aufgreift, sollte man auch uns ein Erlaßjahr zubilligen und uns ein wenig Erholung gönnen. Vielleicht wird es dann, während einer ruhigeren Atmosphäre, leichter fallen, den Haß ganz abzubauen und dem Ideal des Völkerfiriedens und der Völkerversöhnung näherzukommen. Das Wettrüsten und der Kampf muß nicht nur zwischen den Staaten aufhören, sondern auch zwischen den Völkern — dann wird aller Welt geholfen sein! 99 Wir Parasiten. SS Die Leistungen des ungarischen Judentums für das Vaterland. werden". Es vergingen kaum einige Jahrzehnte und Kürzlich hat die königl. Tafel in Budapest als zweite Instanz das erstinstanzliche Urteil bestätigt, durch das der Verfasser eines antisemitischen Artikels, in welchem der ungarischen Judenheit der Vorwurf gemacht war, daß sie ein Parasit sei. freigesprochen worden ist. An dieses Urteil knüpft nun Hofrat Samuel Stern, der Präsident der Pester Israelitischen Kultusgemeinde, in einer Zuschrift an die Presse die folgenden Betrachtungen: „Angesichts dieses Urteils dürfen wir wohl eine Rückschau halten auf das. was wir Juden in der Vergangenheit in diesem Lande geleistet haben und wie die Arbeit beschaffen ist. die uns nunmehr den Vorwurf des Parasitismus einträgt Es sind im ganzen anderthalb Jahrhunderte her, daß die Pforten der ungarischen Städte sich den Juden erschlossen und in der Stadt Pest die ersten Juden sich dauernd ansiedeln durften. In dem Ansiedlungsgesuch machten sie geltend, daß die jüdischen Kaufleute im Wege ihrer Handelstätigkeit „Pest binnen kurzen Jahren zum ersten HandelsempoTium erheben schon in den dreißiger Jahren des verflossenen Jahrhunderts war Pest in der Tat die erste Handelsstadt Ungarns geworden, und die achtunggebietende Reihe der auch heute bestehenden angesehenen Handelsfirmen beweist, daß am Werke des Aufblühens des ungarischen Handels wir. die Parasiten, an unserem Teil ehrlich mitgeschaffen haben. In den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts setzte mit großem Schwung die neue Strömung der heimischen Industriebewegung und des. ungarischen Geisteslebens ein. Wir können hinweisen auf auch heute noch lebende Männer des industriellen und geistigen Lebens und auf die große Schar der in ihren Schöpfungen fortlebenden Ungenannten, die den Beweis erbracht haben, wie schöpferisch wir schon am Anfang dieses Jahrhunderts auf industriellem Gebiet tätig waren und mit welcher Begeisterung wir am geistigen Leben Ungarns teilgenommen haben. Als Belohnung für diese. Vaterlandsliebe und für unser opferfreudiges Wirken haben K o s s u t h und seine großen Zeitgenossen unsere Gleichberechtigung verkündet und im JUn^erem. tafle artittlg« KAI¥ WAN N mit Kapital bietet sich die selteiie Gelegenheit, altes, glänzend in Wien und Provinz eingeführtes Engrosgeschäft wegen vorgerückten Alters des Besitzers Jzu übernehmen. Unter „Sichere Existenz" an die Administration des Blattes. Freiheitskampf des Jahres 1848 haben im ungarischen Honvedheer wir Parasiten 20.000 Mann stark für das Vaterland gekämpft und geblutet. In der Zeit des Absolutismus wurden unsere führenden Priester in den Kerker geworfen und wegen unseres patriotischen Verhaltens haben wir Parasiten der österreichischen Willkürherrschaft als Strafe eine mächtige Kriegskontribution zahlen müssen. In der im Jahre 1860 beginnenden Epoche der großen nationalen Wiedergeburt waren wir überall zugegen, wo es galt, dem Fortschritt zu dienen auf dem Gebiete der Gründung. Entwicklung und Kräftigung der Fabriksindustrie, der Mühlenindustrie und der Bergwerksindustrie. Durch Schaffung lebenskräftiger Banken haben wir mitgeholfen, die festen Grundlagen des ungarischen Wirtschaftslebens zu schaffen, und anläßlich der Landesausstellung vom Jahre 1885 fanden sich unter 8218 Ausstellern schon 671 aus den Reihen der jüdischen Parasiten. Wenn das glückliche Groß-Ungarn der Friedenszeit sich so blühend und so mächtig entwickeln konnte, wenn die ungarische Volkswirtschaft, die ungarische Wissenschaft, ungarische Kunst und Literatur, ungarische Kultur dem Vaterlande so viele Ehren nach innen wie nach außen einbringen konnten, so dürfen wir uns mit Recht auf die Arbeit die Hingebung, das Wissen, die Begabung und die Vaterlandsliebe berufen, die w i r Parasiten auf allen Gebieten geleistet haben. Wo es galt, zu arbeiten, haben wir gearbeitet, wo es galt, zu opfern, haben wir geopfert, wo es galt für kulturelle, soziale, humanitäre oder Wohltätigkeitszwecke sittliche und materielle Güter. Arbeitsfleiß. Geld. Vermögen aufzuwenden, standen wir immer und überall stets in den vordersten Reihen: und wenn es galt. Blutopfer zu bringen — das für das Vaterland vergossene Blut unserer 10.000 toten Helden besiegeln diese Tatsache —, da haben wir mit patriotischer Selbstaufopferung unser Leben hingegeben: wir Parasiten. Und als nach so viel vergossenem Blut noch kummervollere Tage kamen, als es galt, zu leiden und zu dulden, als nicht Verantwortlichkeit, sondern ein Odium zu tragen war für die schwere Zeit, als wir einzutreten hatten für unser Ungartum. da taten wir es in der Heimat und in der Fremde — wir Parasiten. Wir haben gelitten, wir haben das Odium getragen, aber Ungarn sind wir geblieben und Ungarn bleiben wir. Ungarn werden auch unsere Kinder und unsere Nachfahren sein und in allen Zeiten werden wir auch fortab überall anzutreffen sein, wo es gilt, für das Vaterland zu schaffen, zu opfern, zu leiden oder zu bluten, mit unseren Kindern und Kindeskindern werden wir stets und überall da sein: wir Parasiten." Stefan Zweig—der Jude. Von Dr. Margules, Salzburg. Im österreichischen wie reichsdeutschen Blätterwald, aber auch in der gesamten Weltpresse wurde der Dichter Stefan Zweig anläßlich seines 50. Geburtstages vielfach gefeiert. Der Rundfunk vermittelte mit aller Knappheit ein literarhistorisches Lebensbid dieses genialen Autors so zahlreicher Werke, aus denen bekannte Rezitatoren erlesene Stellen vortrugen. Nur das jüdische Charakterbild des Poeten wurde da herzlich wenig herausgemeißelt. Und doch zeichnen Stefan Zweig ureigene Charakterzüge des Judentums wesenhaft aus. Vor allem ziert den großen Dichter echt biblische Bescheidenheit. Wer einmal mit diesem gewaltigen Sprachbildner bloß eine Stunde im gemütlichen Gespräch verbracht hat, der erkennt die fast m osaische Demut dieses weltberühmten Dichters. Dabei bildet die Bescheidenheit nur den passenden Rahmen für das große jüdische Charakterbild Zweigs. Denn den Mittelpunkt nimmt naturgemäß seine wahre Herzensgüte ein. Mit keinem Worte erwähnt dieser hervorragende Schöngeist seine wohl bekannte Hilfsbereitschaft, namentlich junge Musensöhne materiell wie ideell zu fördern. Allein seine Menschenliebe beschränkt sich nicht auf die vielen aufstrebenden und bei ihm hilfesuchenden Schriftsteller, sondern erstreckt sich auf das weite Gebiet der jüdischen wie allgemeinen Karitas. Seine namhaften Spenden findet man auf allen Listen der Glaubens- und Stadtgemeinde Salzburg. Großes Interesse bekundet der Dichter des „Jeremias" auch für die hebräische Spräche, in welcher einige seiner Meisterwerke bereits übersetzt wurden, die ser'Autor mir persönlich mit offenkundiger Freude vorgelegt hat.' Begreiflicherweise^