Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Settt 6 DIE WAHRHEIT Prof. Dr. Markus Hajek - 70 Jahre. Der Vorstand der laryngo-rhinologischen Klinik in Wien, Universitätsprofessor Dr. Markus Hajek, wurde am 25. November 70 Jahre alt Aus kleinen Verhältnissen und im schwersten Daseinskampfe hat sich Markus Hajek, der Jude, seinen Weg zum führenden Lai yngologen der Welt gebahnt. Als junger Student kam er nach Wien. Professor Johann Schnitzler, der Vater Artur S ch n i tzJ c rs. war es, der den jungen Arzt an der Poliklinik in die Laryngologie einführte. Im gastlichen, schöngeistigen Hause Johann Schnitzlers fand Hajek auch seine liebenswürdige Gattin, die Schwester Artur Schnitzlers. Im Jahre 1919. achtundfünfzigjährig, wurde er auf Grund des Referates des medizinischen Professorenkollegiums von der Regierung zum Vorstand der 1871 errichteten laryngologischen Klinik ernannt. Im Inlandc und im Auslande genießt die „Schule Hajek" einen ausgezeichneten Ruf. Die Klinik Hajek hat den Ruhm des medizinischen Wien in der ganzen Welt erhöht und erhalten; zahlreiche Aerzte strömen der Klinik zu, um liier unter Anleitung Hajeks ihre Ausbildung zu vervollkommnen. Gar manche Unterstützungsaktionen, die während des Weltkrieges Wien zu gute kamen, waren nur dem Ansehen zu verdanken, das Hajek im Auslande, namentlich in Amerika, genießt. Viele der Schüler Hajeks sind in führender Stellung als Fachärzte und als Lehrer im In- und Auslande tätig. Wie ihr Lehrer und Meister sind sie selbst in seinem Sinne an dem ständigen Ausbau des Faches unermüdlich tätig. Trotz seiner 70 Jahre ist Professor Hajek von seltener jugendlicher Frische und Arbeitskraft, von einer prächtigen Impulsivität, die in wissenschaftlichen Diskussionen immer wieder Gegenstand der Bewunderung ist Auf reicher Erfahrung basierend, mit kritischem Verstand und sprühendem Witz ausgezeichnet vermag Hajek mit wenigen Worten den Kern eines Problems meisterhaft zu erfassen. Ein begeisterter und begeisternder klinischer Lehrer, ein durchaus origineller und erfolgreicher Forscher, ein ausgezeichneter Arzt, ein guter Mensch und Jude, das ist Professor Dr. Markus H a j e k, der Schöpfer der modernen Rhinologie, einer der besten Köpfe der Wiener medizinischen Schule, auf den das Wiener Judentum stolz sein darf. Hingesendet*) Vom israelitischen Tempel» und Schulverein für den X. Gemeindebezirk erhalten wir folgende Zuschrift mit der Bitte um Veröffentlichung: In Nummer 217 der „Neuen Weit" vom 13. d. M. wird von privater Seite gegen unser Bethaus, bzw. gegen einige seiner Funktionäre eine Reihe von Angriffen erhoben, die vollkommen unberechtigt und haltlos sind. Vor allem liegen denselben keinerlei Tatsachen oder Vorgänge des öffentlichen Gottesdienstes zugrunde, sondern private Gespräche mit den betreffenden Funktionären, die willkürlich und zum größten Teile entstellt in die Oeffentlichkeit gezogen wurden. So zum Beispiel hat selbstverständlich unser Rabbiner niemals erklärt, daß er die jüdischen Zeitungen nicht lese, da er im Gegenteil die Veröffentlichungen derselben mit dem größten Interesse verfolgt. Im übrigen zeigt der Artikel eine krasse Unwissenheit in jüdisch-religiösen Angelegenheiten, eine Unwissenheit, die dem Verfasser jedes Recht nimmt, über ein „ehrwürdiges Gotteshaus und ehrwürdige Funktionäre" zu sprechen. Max B e r g e r, Obmann. * Zu dem in dieser Rubrik in Nr. 45 der ,.Wahrheit'' vom 6. d. M. veröffentlichten Schreiben des Herrn Kommenziafcat S. Rendi, Graz, erhielten wir vom Vizepräsidenten der GTazer Kultusgememde, Herrn Karl Schwarz folgende Zuschrift, der wir loyalerweise Raum geben: Als Einsender der in Nr. 190 vom 27. August und Nr. 197 vom 15. Oktober der „Stirn m e" in Angelegenheit Rendi erschienenen Artikel bitte ich Sie, sehr geehrte Redaktion,' Ihren Lesern als Antwort auf die in Ihrem gesch. Blarte vom 6. crt. enthaltene Zuschrift des Herrn Kommenriakat S. Rendi folgendes bekanntzugeben: 1. Die Tatsache, daß im Tuchhaus Rendi keine Juden aufgenommen werden, ist mir bereits vor drei Jahren von einem nahen Verwandten des Herrn Rendi bekannt gegeben worden. Obwohl ich als Vertreter der Interessen dieser Teile unseres Volkes hierzu verpflichtet gewesen wäre, habe ich in unseren jüdischen Zeitungen diese Angelegenheit nicht besprochen. 2. Nicht die Mitteilung des Herrn Rendi, daß er unter 140 Angestellten nur 3 Juden beschäftigt, wurde als unjüdisch bezeichnet, sondern die Tatsache, daß er eben nur 3 Juden beschäftigt 3. Herr Rendi hat gar keine Ursache, sich wegen dieser unserer Mitteilung an die Presse so sehr zu kränken. Denn, wenn er, der langjährige Präsident unserer Gemeinde, den Standpunkt einnimmt, keine Juden aufzunehmen, so muß er schon gßtigst damit rechnen, daß die von ihm ausgeschlossene Gruppe seines Volkes von diesem Ausschluß sich zu sprechen erlaubt Und mehr ist nicht geschehen. Oder hält er die jüdische Handkngsgehilfenschaft, resp. deren Vertreter für. so indolent, daß sie selbst dann noch darüber schweigen sollen, wenn er selbst schon davon spricht und diese Tatsache für seine Interessen auswertet? 4. Wenn das Tuchhaus Rendi deu Standpunkt, keine Juden aufzunehmen, nicht mehr aufrecht hält, so wäre dies ein überaus erfreulicher Erfolg unserer Mitteilungen. 5. Unsere Mitteilungen können keinesfalls die wahre Ursache dafür sein, daß der frühere Präsident dem Gotteshaus und der. Gemeinde den Rücken kehrt 6. Ich habe die Zuschriften an die „Stimme" in Ausübung meines Mandates als Vertreter der jüdischen Angesteltenschaft gerichtet aufgefordert und im Einverständnis mit einer großen Anzahl der übrigen Mandatare des Klubs zionistischer Kultusräte. Hochachtungsvoll Karl Schwarz, Vizepräsident der isr. Kultusgemeinde, Graz. * Wir haben die obige „Richtigstellung" des Herrn Karl Schwarz Herrn Kommerzialrat S. Rendi zur Stellungnahme übermittelt, der uns hierzu folgendes mitteilt Mit dieser Replik erscheint die Diskussion für uns beendet. Sehr geehrter Herr Redakteur! Obwohl das „Eingesendet" des Herrn Karl Schwarz mit keinem einzigen Worte eine Berichtigung meines letzten „Eingesendet" beinhaltet will ich zur Steuer der Wahrheit mich dennoch zu seinem Schreiben wie folgt äußern: ad 1. Die Bemerkung des Herrn Karl Schwarz, daß er angeblich von einem meiner nächsten Verwandten schon vor drei Jahren erfahren habe, daß ich keine Juden in meinem Geschäfte aufnehme, ist buchstäblich erfunden. Diese Behauptung ist ja dadurch ad absurdum geführt, daß ich in den letzten Jahren wiederholt jüdische Angestellte aufnahm und meine allerdetztc Akzeptation im Mai des Jahres 1930 in der Anstellung eines mit Herrn Schwarz freundschaftlich bekannten Juden mit dem höchsten Gehaite, den ich überhaupt Beamten bezahlte, bestanden hat. Selbstverständlich ist es, daß nicht selten jüdische Stellungsuchende in meinem Geschäfte aufgenommen zu werden wünschen, ich aber Beamte nur nach Bedarf akzeptiere, und ebenso selbstverständlich ist es. daß ich immer jüdischen Stellungsuchendeu, wenn sie die Eignung und Verwendungszulässigkeit haben, den Vorzug gebe. Hätte aber Herr Karl Schwarz wirklich schon vor drei Jahren angenommen, daß ich keine Juden akzeptiere, so hätte er sicherlich schon damals seine Methode, jede Gelegenheit zu ergreifen, um einem Nichtzionisten eins zu versetzen, praktiziert. Daß er dies aber erst in dem Moment tut, in welchem ich wegen meiner Zugehörigkeit zum Judentume von antisemitischer Seite angegriffen werde, ist um so verdamrnenswerter. ad 2. Der Bemerkung des Herrn Karl Schwarz, daß ich in meiner seinerzeitigen Erklärung in der „Tagespost" bekanntgegeben;l>abe, daß ich unter 140 Angestellten nur 3 Juden beschäftige, zeigt klipp und klar die Absicht seiner Entsrellungssucht; denn in der diesbezliiglxhen Erklärung heißt es ausdrücklich, daß ich zirka 70 Fixangestellte beschäftige, darunter 3 Juden (ohne meine vier mitarbeitenden Neffen). Aus diesen 70 Angestellten macht Herr Schwarz, weil dies seiner Methode besser paßt, 140 Angestellte. Ich führte wohl in meiner seinerzeitigen Erklärung auch an, daß ich zeitweilig auch zirka 70 Hilfsarbeiterinnen zum Musterkleben beschäftige: ich hielt es damals nicht für notwendig anzuführen, wie viel jüdische Mädchen unter diesen 70 Hilfsarbeiterinnen sind, da es sich nur um zeitweilig be- DQgienisdies tföntgsllcht Seit vielenjahren das anerkannt beste tw^-rsötw Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Brannhlrschengassse 3 Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. GROSSFLEISCHHAUEREI tIEGM. KORNMEHL xjmwmmmm^mmm^ammtmmmmmmmammm^mtm^ammmmmmmm»' WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-4-99 and A 16-9-34 Lieferant für Hallanstalten AbteilungemarKoscherfleisch sater Aufsieht des ehrst. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen schäfÜKte Hilfsarbeiterinnen handelte. Aber Tatsache ist. daß zur Zeit der Musterklebearbeiten ausnahmslos alle sich meldenden jüdischen Mädchen aufgenommen werden. Die Gründe aber, warum ich gegenwärtig nur wenige f i x angestellte Juden in meinem Unternehmen beschäftige, sind (wie ich in meinem letzten „Eingesendet" auseinandersetzte), daß die vielen früher bei mir angestellt gewesenen Juden ihre Posten ausnahmslos und freiwillig verlassen haben, um sich selbständig zu machen, und da ich wegen der schweren Zeiten keine einzige Entlassung vorgenommen habe, sind mir alle christlichen Angestelltem geblieben. ad 3. Es ist eine eigentümliche Ansicht des Herrn Schwarz, daß ich mich durch seine Verunglimpiungen in der jüdischen, richtiger zionistischen Presse gekränkt sehe. Herr Schwarz verwechselt Gekränktsein mit Empörung, die, trotz seiner für mich unwesentlichen Persönlichkeit, nicht allein mäch, sondern jeden nüchtern und objektiv denkenden Menschen erfassen muß bei dem Gedanken an das Vorgehen eines Juden gegen einen anderen Juden in Verbindung mit einer Angelegenheit, im der er für das Judentum dulden mußte. ad 4. Die Bemerkung des Herrn Schwarz, daß es ihn freue, daß ich den Standpunkt, Juden nicht aufzunehmen, nicht mehr aufrecht halte, ist wieder eine seiner freundlichen EntsteUungen, da dieser Standpunkt, wie ich bereits unter ad 1 erwähnt habe, bei mir nie existiert hat. Das zionistische Kesseltreiben gegen mich, das ich als ein „Chillul Haschern" bezeichne, wird mich aber trotz meiner gerechten Entrüstung nicht veranlassen, dies jüdische Stelhingsuchenden büßen zu lassen, und werde ich werter geeigneten jüdischen Kräften den Vorzug geben, wenn sich Bedarf einstellt. ad 5. Daß, soweit es meine Treue zum Judentume zuläßt, das Band, das mich mit der Kultusgemeinde verbindet, für die ich ja die größten, je von einem Mitglied© erreichten Opfer an Vermögen, Mühe und Sorge gebracht habe, füir mich zerrissen ist. insolange eine Person an der Leitung der Kultusgemeinde teilnimmt, die eines solchen Vorgehens fähig war, ist eine selbstverständliche Folge der bekannten bösartigen Handlungsweise. Meteer Andacht aber kann ich auch in anderweitigen Gotteshäusern oder an anderen Stätten Rechnung tragen. ad 6. Wer das zionistische Kesseltreiben gegen mich inszeniert hat, ist jedermann bekannt und was die eigentliche Ursache der Feindseligkeit gegen mich ist; das weiß Herr Schwarz ebensogut wie ich und viele hundert andere. Kommerzialrat S. Rendi, Graz. *i ttir diese Rubrik übernimmt die Schriftleiturg keinerlei Verantwortung. Gemeinde - "Chronik Amsterdam. Der Stadtrat von Amsterdam hat eine neue Verordnung betreffend die Sonntagsruhe angenommen, laut welcher den jüdischen Geschäftsleuten, die an Samstagen ihre Läden geschlossen halten, gestattet wird, an Sonntagen von 5 Uhr morgens bis 8 Uhr abends ihre Läden offen zu halten. Der Brigittenauer israelitische Tempelvereiri, XX., Kluckygasse 11, beging am Sonntag, den 22. d. M. das schöne Fest des 30jährigen Bestandes dieses prachtvollen Gotteshauses in einer Weise, die dem Vorstand des Vereines nur zur höchsten Ehre gereicht. Er hatte alles aufgeboten, um diese Feier zu einer besonders würdigen zu gestalten, und sein Bemühen ist ihm restlos gelungen. Der Tempel war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt; unter den Anwesenden bemerkte man das gesamte Präsidium der Kultusgemeinde und zahlreiche Kultusvorsteher, die Herren Rabbiner Dr. Bach, Dr. Feuchtwang und Dr. Mehrer, verschiedene Abordnungen von Tempel- und Bethausvereinen, mehrere Kantoren u. v. a. Der Tempelvorstand mit Obmann Josef Kohn, Obmannstellvertreter Leopold Bösel und Schriftführer Geza Kling er war vollzählig erschienen. Die e? hebende Feier wurde mit dem musikalischen Vortrage der Zionsphantasie von Lindemann unter der ausgezeichneten Leitung des Herrn . Ernst Eppinger stimmungsvoll eingeleitet; hierauf intonierte. Oberkantor Landerer unter Begleitung des Chors, dessen hervorragende Leistung