Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064453-3064499--18625-3083675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
QIE WAHRHEIT Seite 5 mmmmmmmmmmmmmmm j PERSERTEPPICHE : waren noch nie so billig wie jetzt MllgiäflSS- SCHEIN A.G. | nur I., Bauernmarkt 12-14 (Keine Filiale in Wien) OrOJStes Lager Wiens In Banyai-Knüpfern unserem Vaterlande. für das unsere Vorfahren gestritten und gelitten haben. Wer uns dieses Land als Vaterland abstreitet, ist unser Feind. Aber auch aus rein jüdischem Empfinden heraus müssen wir sagen, die Ethik unseres Glaubens gebietet es, alle Menschen gleich zu stellen. Wir Juden predigen Völkerversöhnung und nicht Völkerverhetzung. Wir müssen uns vor Augen halten, daß dieser Kampf vor allem gegen die jüdische Jugend geführt wird. Wenn wir nicht mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln den Kampf gegen diesen Wirtschaftsantisemitismus und Nationalismus aufnehmen, werden wir eines Tages erkennen müssen, daß für die jüdische Jugend Oesterreichs keinerlei Existenzmöglichkeiten mehr sind. Wer ist nun berufen, m Oesterreich diesen Kampf zu führen? Seit fast fünf Jahrzehnten tritt die „Union österreichischer Juden" gegen die antisemitischen Auswüchse des politischen Lebens auf. Seit Jahren stehen unsere besten Juden an der Spitze dieser Bewegung, arbeiten mit aller Energie und Kraft für die Verwirklichung der unionistischen Idee, für die Zusammenfassung der Juden Oesterreichs, die jede staatsbürgerliche, politische oder nationale Sonderstellung ablehnen. Sie allein war dazu berufen, die Jugend zur Mithilfe an diesem Kampfe heranzuziehen. Die Jugend-Union, die in die Fußstapfen dieser großen Vereinigung tritt, will am Abwehrkampfe mitarbeiten. Gestützt auf das altbewährte Programm der „Union" gehen wir daran, unser Ziel zu verwirklichen. Wir wollen der Jugend, die sich zu uns bekennt, die Anerkennung und Wertung der österreichischen Juden als gleichberechtigte Bürger in diesem Lande erkämpfen. Die Wege, die Jugend um uns zu sammeln, sind: Die Jugend-Union will der gesellschaftliche Mittelpunkt der jüdischen Jugend werden, wozu sie auf dem besten Wege ist. Sie will jungen jüdischen Oesterreichern Gelegenheit geben, im geselligen Kreis ihre freien Abende zu verbringen, durch politische und kulturelle Vorträge, durch Diskussionen über alle jüdischen Probleme und Tagesfragen das Wissen unserer Glaubensgenossen vermehren, sie in die Ethik und Moral des Judentums einzuführen. Durch sportliche Veranstaltungen wird der Jugend bei uns die Möglichkeit gegeben, ihren Körper zu kräftigen und zu stählen. Wir vertreten nicht nur die idealen Interessen des österreichischen Judentums, bei uns findet die Jugend all das, worauf sie auf Grund eben ihrer Jugend Anspruch erheben kann. Nach einer Pause eröffnete Dr. J. G r ü n w a I d die Diskussion. An ihr beteiligten sich die Herren Ludwig K e 11 n e r, Sekretär Oskar Hirschfeld, Vizepräsident Dr. Karl Steiner, der Obmann der „Oesterreichisch-Jüdischen Akademiker-Union" cand. jur. Bruno David, Reg.-Rat Dr. Max Lenk und Herr Glaser. Die Wechselrede bewegte sich hauptsächlich um das Problem der Erfassung der österreichisch-jüdischen Jugend, das nun angesichts der schönen Entwicklung der Jugend-Union einer höchst erfreulichen Lösung entgegengeht, wie die Ausführungen fast aller Diskussionsredner bewiesen. Auch Präsident Dr. J. O r n s t e i n besprach in seinem Schlußworte die Bemühungen der „Union" auf diesem Gebiete, die jetzt von großem Erfolge gekrönt sind. Die Teilnehmer verließen die Versammlung mit dem Bewußtsein, einer Veranstaltung vom großen propagandistischen Werte beigewohnt zu haben. VERANSTALTUNGEN DER JUGEND-UNION. Neues Klublokal: Goldsaal des Cafe Silier, Wien I„ Schwedenplatz. Samstag, den 28. November, halb 9 Uhr abends, Klubabend bei geselligem Spiel und Tanz. * Dienstag, den 1. Dezember, %9 Uhr abends. Kulturell-politischer Diskussionsabend. Frau Luise Fischer-Treu: „Jugend und Alter". * Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen. ♦ Stelleavermiftlung der „Union" Offene Stelle: Gesucht wird ein intelligenter, rühriger und verläßlicher Vertreter, vorerst nur gegen Provision, später auch Fixum, zum Besuch von Möbelfabriken und Tischlereien. Nur schriftliche Offerte sind an das Sekretariat der „Union", IX„ Berggasse 4, zu richten. Junge Dame mit Französisch, Englisch (im Auslande erlernt), Klavier, sucht für einige Nachmittage Stunden zu Kindern oder Erwachsenen, Unter „Gewissenhaft" an die Adm. d. BL Die „Union österreichischer Juden" hat im Hinblick auf das am 25. d. M. In den- Tagesblättern veröffentlichte amtliche Kommunique über die Vorsprache des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde beim Bundeskanzler Dr. B u r e s c h und Unterrichtsminister Dr. Czermak am Nachmittag des gleichen Tages folgendes Telegramm an die Bundesregierung gerichtet: Die „Union österreichischer Juden" als die seit nahezu 50 Jahren bestehende, sohin älteste und überdies stärkste Organisation österreichischer Juden zum Schutze ihrer staatsbürgerlichen Rechte erhebt schärfsten Einspruch gegen die Einführung einer auf dem Grundsatz der sogenannten „Volksbürgerschaft" aufgebauten „Studentenordnung". Die „Union österreichischer Juden" legt im besonderen dagegen entschiedenste Verwahrung ein, daß in dem heute veröffentlichten amtlichen Kommunique von „jüdischer Volkszugehörigkeit" gesprochen wird, einem der österreichischen Gesetzgebung, die ausschließlich österreichische Staatsbürger jüdischen Glaubens kennt, unbekannten Begriffe. Eine „Studentenordnung", die es jüdischen Studenten unmöglich macht, sich jener Studentenschaft anzuschließen, die ihrem nationalen Bekenntnisse entspricht, würde dem Geist und dem Wortlaut unserer Verfassung zuwiderlaufen. „Union österreichischer Juden." Noch eine jüdische Untugend... In unserer letzten Nummer hat ein freundlicher Einsender darauf verwiesen, welch großes Unrecht viele Mitglieder unserer Gemeinde dadurch begehen, daß sie, von Vorurteilen und Mißgunst geleitet, die wahrlich aufopfernde Tätigkeit unseres Kultusvorstandes herabzusetzen versuchen. Ein neues Beispiel dafür, wie leichtfertig und oberflächlich, wenn nicht gehässig man sich in gewissen jüdischen Kreisen dazu verleiten läßt, gegen andere Gruppen der jüdischen Bevölkerung Pauschalverdächtigungen auszustreuen, bot in den letzten Wochen die Besprechung des, Frage der E i näscherung jüdisch'er^Le'ichen. Es ist wirklich erstaunlich, was man sich da an Unterschiebungen und Verdrehungen leistet. Und es ist deshalb nur außerordentlich begrüßenswert, daß das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde durch eine amtliche Feststellung (die an einer anderen Stelle unserer heutigen Nummer zum Abdrucke gelangt) dieser mehr oder weniger absichtlichen Verbreitung unwahrer Behauptungen entgegentritt und weiteren Entstellungen den Boden entzieht. Das bekannte antisemitische Schlagwort „Dar Jud' ist schuld!" hat in gewissen jüdischen Kreisen ein beliebtes Pendant in der Verleumdung gefunden: „Die Union ist schuld!" Entgegen besserem Wissen wird im Zusammenhang mit der Frage der Funktionen bei jüdischen Leichen, welche zur Einäscherung bestimmt sind, die Behauptung verbreitet, die Vertreter der „Union" in der Kultusgemeinde seien es, die aus finanziellen Erwägungen heraus diese ganze Frage wieder aufgeworfen und sogar das rabbinische Gutachten direkt beeinflußt hätten. Was die angebliche Initiative und die Stellungnahme unionistischer Kultusvorsteher in dieser Frage anlangt, so wäre beispielsweise der Vertreter der agudistischen Judenschaft in der in Betracht kommenden Kommission des Kultusvorstandes in der Lage, in seinen Kreisen gegenüber den auf Uninformiertheit beruhenden falschen Ausstreuungen die richtigen Aufklärungen über die ablehnende Haltung fast sämtlicher unionistischer Vertreter in der bezüglichen Kommission zu erteilen. Was aber die Anwürfe bezüglich einer Beeinflussung des Rabbinats betrifft, widerspricht es unserer Achtung vor dieser höchsten Autorität und unserem guten Geschmack, uns diesbezüglich in eine Diskussion einzulassen. t Die Jugend-Union gratuliert ihren Mitgliedern Lotte Reig und Max Kohn anläßlich ihrer Verlobung Radio, Grammophone sthailpiatten neueste Schöpfungen, aueh Tausch» Zahlungserleichterung. „Elphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Xa&enfcreuz am Werk Kollektivbeleidigung gegen deutsche Juden straffrei. Am 16. November hat der Zweite Strafsenat des Leipziger Reichsgerichtes in der Frage der Kollektivbeleidigung von Juden durch Nationalsozialisten in zwei Fällen schwerwiegende Entscheidungen gefällt. Im ersten Fall handelt es sich um einen Prozeß segen den Redakteur des „Hirschberger Beobachters" Paul Franke, der in erster Instanz wegen öffentlicher Beleidigung zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt, aber von der Strafkammer des Landgerichtes Görlitz als Berufungsgericht freigesprochen worden war. da sich das Landgericht auf den Standpunkt stellte, in den inkriminierten Ausführungen fehle es an einer bestimmten Beziehung zu einem genauer umschriebenen Kreise von Angehörigen des Judentums. In einer erneuerten Revision machten die jüdischen Nebenkläger geltend, es wäre doch ein leichtes gewesen, durch entsprechend formulierte Fragen an den Angeklagten jeden Zweifel zu beheben, daß speziell die von ihnen vertretenen Hirschberger Juden gemeint gewesen seien: im übrigen berge der angefochtene Freispruch die Konsequenz, daß die durch die Reichsverfassung verbürgte Gleichberechtigung der Juden mit den nichrjüdischen Deutschen praktisch aufgehoben würde. Die Revision wurde vom Reichsgericht ver- \v o r f e n. Der zweite Fall betraf ein Urteil des Glatzer Schöffengerichtes gegen den nationalsozialistischen Wanderredner und Stadtrat Franz Gengier aus Nürnberg, der im April 1931 zu Frankenstein in Schlesien in einer Rede: „Alljuda, der Todfeind des deutschen Volkes" die Juden mit blutsaugenden Insekten verglichen hatte, die man „knickt und erstickt" (der Redner machte dabei entsprechende Gesten). Er wurde vom Schöffengericht zu 450 Mark, von der Berufungskammer zu 300 Mark Geldstrafe verurteilt. Maßgebend für die Milderung der Strafe war die Tatsache, daß Gengier am Schlüsse der Rede doch eine „legale" Lösung der J u d e n f r a g e ankündigte. Die Zweite Strafkammer des Reichsgerichtes erkannte auf Aufhebung des Urteils und RückverWeisung an das Erstgericht. Die Aufhebung erfolgte auf Revision des Verurteilten; die Revision der Nebenkläger wurde v e r w o r f en. Ein „Schandfleck für die Christenheit und die Menschheit". Die schwedische Zeitung „J u d i s k T i d skrift" veröffentlicht einen Brief, den der kürzlich verstorbene, in der ganzen Welt und auch in Deutschland verehrte Erzbischof Nathan Sode r b I o m an Dozent Hugo V a 11 e n t i n in Upsala gerichtet hat. Erzbischof Söderblom nimmt in diesem Schreiben scharf gegen den deutschen Antisemitismus Stellung und bezeichnet diesen als einen „Schandfleck für dieChristenheitunddieMenschhei t". Dozent V a 11 e n t i n hatte Söderblom darauf aufmerksam gemacht, daß bereits verschiedene katholische Kirchenfürsten gegen die nationalsozialistische Judenhetze sich ausgesprochen haben, daß aber bisher kein führender protestantischer Theologe ein gleiches getan hat. Söderblom, der den Nobelfriedenspreis erhielt und a 1 s Freund Deutschlands bekannt ist, hatte die Absicht, mit deutsch-evangelischen Kirchenfürsten in dieser Sache in Verbindung zu treten. Diese Absicht ist durch den Tod Söderbloms zunichte geworden.