Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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haben, das Spital nicht aufzusuchen. Die Primarärzte haben sich mit der Neueinführung, die übrigens schon vot längerer Zeit geplant war, bereits einverstanden erklärt, es wird nun im Vertreterkollegium eine entsprechende Durchführungsbestimmung ausgearbeitet, so daß bereits ab 1. Dezember im Spital die freie Aerztewahl Platz greifen wird. Schließlich teilte Baurat Kempler mit, daß das Instrumentarium des vor sieben Jahren eingerichteten Röntgeninstitutes nicht mehr auf der den Anforderungen der modernen Hygiene entsprechenden Höhe stehe, und beantragte deshalb im Sinne von Vorschlägen des ausgezeichneten Leiters des Instituts, des Herrn Primarius Dr. Borak, verschiedene Neuanschaffungen im Werte von S 8500.—, für deren Einbringung er ebenfalls zweckdienliche Anträge unterbreitete, des ferneren soll eine größere Menge Radium besorgt werden. Alle Anträge des Obmannes der Spitalskommission wurden mit lebhaftem Beifall einstimmig angenommen, wie auch sein Vorschlag, Herrn Professor Dr. Schön bau er den Dank der Gemeinde für seine tatkräftige Unterstützung bei der Reformarbeit auszusprechen. Den letzten Punkt der Tagesordnung bildeten Mitteilungen des Obmaflnes der Versorgungshauskommission Dr. Körner über eine Vermehrung des Belagraumes in der Versorgung s a n s t a 11, die sich schon deshalb als notwendig erwiesen hat, weil die Ansuchen um Aufnahme immer stärker werden, ein Neubau aber angesichts der tristen wirtschaftlichen Lage vollkommen ausgeschlossen ist. Vor dem Kriege beherbergte das Versorgungshaus 220 Insassen, jetzt 350 und dennocli übertrifft die Anstalt hinsichtlich ihrer Kommodität und hygienischen Einrichtung alle ähnlichen Institutionen, wie z. B. das Lainzer Versorgungshaus oder das neu errichtete Altersheim der Wiener Kaufmannschaft. Die, wie gesagt, ständig steigenden Ansuchen um Aufnahme haben eine neuerliche Untersuchung der Anstalt bezüglich weiterer Belagmöglichkeiten notwendig gemacht. Die Herren Börserat I. G1 ü c k, Dr. K ö rner und Verwalter Popper haben nun bei dieser Untersuchung gefunden, daß in 15 Zimmern noch 15 Betten untergebracht werden können. Das Vertreterkollegium hat diesem Plane wohl zugestimmt, aber es war für seine Ausführung keine Bedeckung vorhanden. Da war nun wieder einmal das jüdische Herz Retter in der Not, ein hochangesehenes Wiener Haus hat sich bereit erklärt, nicht nur die Einrichtung der 15 Betten zu übernehmen, sondern auch die Verpflegskosten für die neuen Insassen zu tragen. Unter lautem Beifall teilte Dr. K ö r n e r mit, daß die Alten, die dieser edlen Spende eine Verschönerung ihres Lebensabends verdanken, bereits an der diesjährigen Chanuka-Feier teilnehmen werden. Bekanntlich, §§ 99 Die „Dötz*" (Deutschösterreichische Tageszeitung) brachte vor einigen Tagen ein Telegramm, in dem über die antisemitischen Ausschreitungen in Wilna berichtet wurde. Fast hätte man dabei schon die Objektivität bewundert mit der das sonst wahrlich nicht judenfreundliche Blatt dieser Mitteilung eine recht auffallende Form gab. Allein, abgesehen davon, daß solche Nachrichten in Blättern dieser Art immer den Eindruck erwecken, sie wären nicht im Interesse objektiver Publizistik, sondern nur zu dem Zwecke veröffentlicht worden, um in versteckter Art zur Nachahmung aufzufordern, kam in diesem Falle ganz deutlich am Schlüsse der Mitteilung der antisemitische Pferdefuß zum Vorschein. Da hieß es nämlich, die Unruhen seien darauf zurückzuführen, daß „bekanntlich" die Juden sich weigerten, jüdische Leichen beizustellen uridl lieber an arischen Leichen studieren wollen. Die Wilnaer Antisemiten haben den Pogrom also nur zu dem Zwecke veranstaltet, um den Juden in der Lieferung von Leichen behilflich zu sein, und so ein Zweck heiligt bekanntlich die Mittel. Es ist der „Dötz" aber wahrscheinlich weniger bekannt, daß einmal Dr. Josef Bloch den Antisemiten im Wiener Reichsrat bei ähnlichem Anlaß zurief, sie sollten es lieber den Juden gleichtun und auch ihrerseits für die würdige Bestattung christlicher Leichen sorgen. Von solchen wirklich menschlichen Erwägungen sind aber bekanntlich sowohl die heldenhaften antisemitischen Studenten von Wilna als auch die Wiener ..Dötz" weit entfernt. Nach Strabo soll Heraklit aus Ephesus gesagt haben, die Ephesier sollten erwürgt werden, da sie den besten Mann in der Stadt vertrieben haben und! meinten, niemand solle besser sein als sie, sonst möge er es anderswo und bei anderen sein. So etwas gibt es bekanntlich heutzutage und in unseren Gegenden doch nicht! * Es wurde eine „judenreine" Woche an der Universität propagiert — wie sähe Wien aber wohl aus, wenn es einmal auch nur ein Jahrzehnt gegeben hätte, in dem weder eine Klinik noch ein Spital oder eine sonstige gemeinnützige Anstalt von Juden gegründet worden wäre. Muß es sich ja beispielsweise sogar das Museum für Volkskunde gefallen lassen, daß die Liste seiner Gründer und Förderer zahlreicher Namen von Juden verunzieren. * Eine der beliebtesten Phrasen der Maul- und Klauenhelden von der Wiener Universität ist die vom deutschen Charakter dieser Anstalt Hat man aber schon jemals gehört, daß die Völker, die heute die Welt beherrschen, um den englischen, französischen usw. Charakter ihrer Hochschulen besorgt zu sein nötig finden, trotzdem es dort noch viel mehr Fremde der verschiedensten Rassen und Sprachen gibt? Dieser Charakter wirdi eben bekanntlich dort durch die Vortragssprache bedingt und im übrigen kann Internationalität und Universalität einer Universität gewiß nur angemessen sein. HS VORNEHME FAMILIEN - PENSION |RBstauration,RaffBehaos 1 täglich 5-Uhr-Tee B «EMMERING TELEPHON 11 g Hochstraße 43 H neben Hotel Panhans § g Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts |§ Zentralheizung» fließendes Warm- und Kaltwasser M =ä in jedem Zimmer. §= Ü Anshnnlt: Wien Telephon D 21-6-24. §1 p Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer || Früher hieß es: frisch, fromm, fröhlich, frei — jetzt dagegen: faul, frech, finster, feig. * Die geringste Kenntnis über ihr Christentum haben bekanntlich die Herren vom Hakenkreuz. Wäre es sonst möglich, daß neulich ihr Wiener Hauptorgan die Nachricht von dler Herstellung einer slowakischen Bibelübersetzung durch einen Rabbiner wie folgt glossierte: „Was wohl die Slowaken dazu sagen werden, wenn ihnen die. Heilige Schrift von dem Rabbiner überreicht werden wird?" Ja was werden die Herren vom „Kampfruf" dazu sagen, wenn ihnen bekannt würde, daß nicht nur diese Bibelübersetzung, sondern sogar das Original der Bibel von den bösen Juden herrührt? M. Cfianiifia-£eier der „Union" Die Bezirksorganisation Leopoldstadt und die Jugend-Union veranstalten am Samstag, den 5. Dezember, präzise M8 Uhr abends, in den Sälen des Cafe-Restaurants Tonello, II., Lilienbrunngasse 2, eine Chanuka-Feier. 1. Teil des Programmes: Lichteranzünden durch Herrn Oberkantor J. Müller. Festrede des Herrn Prof. Dr. C. Baumgarten. 2. Teil: Künstlerische Darbietungen. Tanz-Jazzkapelle Heilerschmiedt. Eintrittskarten im Vorverkauf zu S 1.— im Sekretariat der „Union" und bei allen Funktionären. Der Reingewinn fließt der Notstandsaktion der Kultusgemeinde zu. Veröffent/icßungen der „Union" Werbeversammlung in Floridsdorf. Es war ein glücklicher Gedanke der umsichtigen Leitung der Floridsdorfer Bezirksorganisation der ..Union", in diesen Tagen, da allgemein ein Erstarken der unionistischen Bewegung, hauptsächlich unter der Jugend, zu konstatieren ist. eine Werbeversammlung gemeinsam mit der Jugend-Union abzuhalten. Die Versammlung, die am 17. d. M. im großen Saale des Cafe- Restaurants „Goldener Engel" unter Vorsitz des Obmannes der Ortsgruppe, Herrn Dr. Julius Grünwald, stattfand, war denn auch ausgezeichnet besucht; der Vorsitzende konnte neben zahlreichen Floridsdorfer Anhängern der „Union" Vertreter des Zentralvorstandes mit Präsidenten Dr. J. O r n s t e i n an der Spitze, sowie Abordnungen aus verschiedenen Bezirksorganisationen der „Union", insbesondere der Leopoldstadt, mit Obmann Direktor G. K o 1 m i n begrüßen. Besonders stark war die Jugend-Union mit ihrem Obmann Sekretär Oskar Hirschfeld erschienen, die der Werbeversammlung wegen ihren regulären Diskussionsabend hatte entfallen lassen, dafür aber nach Floridsdorf beinahe in so großer Zahl wie zu dieser allwöchentlichen zentralen Veranstaltung gekommen war. Der Eindruck der Versammlung war ein ungemein erfreulicher und viele Neuanmeldungen sowohl für die Bezirksorganisation wie für die Jugend-Union bewiesen das restlose Gelingen des Werbeabends, der nun auch in anderen Bezirksorganisationen der „Union" Nachahmung finden soll. Der erste Referent der Versammlung, Dr. Ernst Feldsberg, führte in seinem fesselnden und mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Nationalismus — die Gefahr unserer Tage" u. a. aus: Wenn man mit Aufmerksamkeit die politischen Mitteilungen in den Tagesblättern liest, so kann man zwischen den Zeilen dieser Mitteilungen ohne Rücksicht auf das Land, das sie betreffen, lesen, daß die Idee des Nationalismus sich wie ein roter Faden durch all diese Mitteilungen zieht. Es scheint, als ob der Nationalismus die Idee der Zukunft wäre. Der deutsche Nationalismus bekämpft den aus nationalem Sadismus geborenen Haß der Franzosen, der konservative Nationalismus der Engländer steht dem an Irredentismus grenzenden Nationalismus der Iren gegenüber, der Faschismus in Italien, wie die nationale Bewegung in Rumänien, in Ungarn und in der Tschechoslowakei sehen in der Unterdrückung der nationalen Minderheiten ihr. Heil, mit fanatischer Begeisterung folgen die Inder den nationalen Ideen Mahatmi Ghandis, der Kampf der Riffkabylen in Marokko, der Befreiungskampf der Aegypter vom englischen Joche, alle diese Strömungen dienen der idec des Nationalismus. Trotzdem kann diese Idee nicht die Idee der Zukunft, sondern nur die Idee der Vergangenheit sein. - Denn diese Idee ist reaktionär, sie führt in ihrem Schlepptau Militarismus, Krieg und Intoleranz, sie ist die Gegnerin aller Demokrtie, sie ist die Gegnerin allen Fortschrittes und aller Freiheitsideen. Aus diesem Grund ist der Nationalismus auch der Feind des Judentums, da das jüdische Volk als Vorkämpfer des Pazifismus die Welt, die Idee der Gleichheit und der Freiheit, die Idee der Völkerversöhnung und nicht, wie der Nationalismus, die Idee der Völkerverhetzung gelehrt hat. Der Nationalismus in Oesterreich ist nicht einmal ein echter Nationalismus. Denn in Oesterreich gibt es nur Deutsche, die bereits in einem souveränen und unabhängigen Staate geeinigt sind, die also den Zusammenschluß nur höchstens noch mit den anderen Deutschen erstreben können. Der Nationalismus in Oesterreich, welcher von Heimwehr und Nationalsozialisten propagiert wird, tobt sich als Antisemitismus aus. Es ist daher Aufgabe aller Juden, ohne Rücksicht auf ihre innerjüdische Parteischattierung zusammenzustehen, um diesen Strömungen zu begegnen und vor allem die Rechte zu wahren, die mit dem Blute der Ahnen erkauft wurden. Jüdischnationale Landespolitik betreiben, heißt den Nationalismus fördern. Der Nationalismus ist aber auch vom wirtschaftlichen Standpunkte eine eminente Gefahr für Oesterreich und selbstverständlich auch für die in Oesterreich lebenden Juden. Die Wirtschaftskrise, die so schwer auf allen Bürgern dieses Staates lastet, sie wird noch vergrößert durch die Förderung und Unterstützung der durch die nationalen Bewegungen geschaffenen Wehrformationen. Es ist für die Kreditwürdigkeit eines Staates sicherlich nicht gleichgültig, daß neben der legalen Ordnungsgewalt bewaffnete illegale Formationen bestehen und die Staatsautorität lähmen. Der fanatische Nationalismus in Oesterreich verhindert das Herannahen einer besseren Zukunft. Das temperamentvoll vergetragene Referat des Obmannstellvertreters der Jugend-Union, Herrn Siegfried M a u n e r, über „Die jüdische Jugend im Kampf gegen den Nationalismus" schloß sich sinngemäß an die Ausführungen des Vorredners an. Der Redner bewies, wiederholt von stürmischem Beifall unterbrochen, daß die österreichisch-jüdische Jugend nicht mehr gewillt ist, der Kulturschande des Antisemitismus ohnmächtig gegenüber zu stehen und sich endlich im Rahmen der im Abwehrkampfe in Vergangenheit und Gegenwart rühmlichst bewährten „Union" zu tatkräftiger Arbeit organisiere. Er entwickelte diesen bedanken u. a. wie folgt: Der Nationalismus arbeitet mit einer Kampftruppe, die unendlich schwer aufzuklären, einer Kampftruppe, die schwer niederzuringen ist: Jugend. Jeder junge Mensch, der ins Leben tritt, ist voller Ideale, träumt von Unmöglichem, läßt sich leicht von utopistischen Ideen, die routinierte Geschäftspolitiker ihm entwickeln, betören. Wir Juden haben nicht nur die Aufgabe, diesen Nationalismus mit allen Mitteln zu bekämpfen, wir haben auch die Aufgabe, speziell was uns Oesterreicher betrifft, immer wieder zu erklären: Wir junge österreichische Juden stehen treu zu