Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 48 (27.11.1931)
- Date
- 1931-11-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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öffi WAHRHEIT SeHs ä 99 Harzburg oder Habsburg?'* So lautet das neueste österreichische Problem, das den Nationalsozialisten, den Heimwehren und ihren Hintermännern das größte Kopfzerbrechen verursacht. Die schwere Krise, von der Oesterreich geschüttelt wird, hat allgemein den Glauben an die Existenzmöglichkeit und die Lebensfähigkeit dieses Staatswesens erschüttert und auf dem Wege, für die Lebensfrage der Republik eine Lösung zu finden, wird einerseits seitens der Hitlerleute die Parole „Harzburg!" ausgegeben, d. h., das Harzburger Programm der Nationalsozialisten soll auch für Oesterreich gelten, anderseits finden andere Elemente, daß, wenn Oesterreich schon in seiner heutigen Gestalt als selbständiger Staat nicht existieren könne, der beste Ausweg die Anlehnung an einen anderen Staat, bzw. an eine andere Staatengruppe wäre — und da der Anschluß an Deutschland derzeit nicht möglich ist, so käme vorerst eine Union zwischen Oesterreich und Ungarn in Betracht, der sich später auch andere Staaten anschließen könnten. Obwohl dieser Plan in erster Linie eine Wirtschaftsannäherung ins Auge faßt, wittern gewisse Kreise dahinter die Gefahr einer Habsburgerrestauration und nehmen dagegen Stellung. So ist denn die Fragestellung „Harzburg oder Habsburg?" entstanden. Es fehlt aber auch nicht an einer dritten Alternative: Weder Harzburg noch Habsburg — sondern Oesterreich! Daß das Harzburger Programm Oesterreich nur an den Rand des Abgrundes bringen müßte, bedarf keiner weiteren Beweisführung. Man muß sich nur den Wahnwitz dieses Programmes näher ansehen, mit seiner hirnverbrannten Ideologie, auf Haß und Kampf basierend, um zu verstehen, daß es für die österreichische Republik direkt Selbstmord bedeuten würde, sich auf diese abschüssige Bahn zu begeben. Was wiederum die Habsburgerrestauration, bzw. das Projekt einer Donauföderation als angebliche Vorstufe für diesetzlichkeit und der Ordnung für alle Bürger ist. Uns will es scheinen, daß man die Auswirkungen der innerpolitischen Verhältnisse auf die wirtschaftliche Entwicklung nicht gehörig eingeschätzt hat. Anstatt jahrelang alle Kräfte zur Mitarbeit an der Entwicklung und der Gesundung der Republik zu vereinigen, hat man nur Zwiespalt und Haß gesät und diese Saat hat naturgemäß bittere Früchte getragen. Wieviel Kräfte wurden vergeudet, wieviel Energien verpufft in einem Leerlauf der politischen Maschinerie, die, zum Wohle der Gesamtheit angespannt, Großartiges hätte vollbringen können! Wenn die Oesterreicher sich einmal dazu aufraffen könnten und wollten, die ungebetenen Freunde und Fürsorger sich vom Leibe zu halten, wenn sie einmal verstehen wollten, daß dieser Staat nur existieren könne, wenn er ein Kulturzentrum in Europa bildet, ein Asyl für Freiheit und Gerechtigkeit — dann wäre auch die wirtschaftliche Lage der Republik nicht so arg und dann wäre die Fragestellung „Harzburg oder Habsburg?" nicht nötig. * * & Freilich, dann darf es aber auch in diesem demokratischen Staate keine sogenannte „Jude nfrage" geben, weder im Sinne des Hakenkreuzes, noch im Sinne des Hahnenschwanzes. Dann dürften ernst zu nehmende politische Parteien nicht traditionsgemäß an dem „Judenpunkt" in ihrem Programm festhalten; dann darf man nicht mit dem Gedanken eines „Numerus clausus" liebäugeln und nicht dem Phantom eines „Studentenrechtes auf rassenmäßiger Basis" nachjagen; dann dürfte nicht ein Bundesminister vollkommen ungesetzlich von „jüdischer Volkszugehörigkeit" sprechen; dann darf man nicht für jedes Unheil und für jedes Uebel den Sündenbock zur Hand haben: darr Jud'!... Vorläufig sind wir noch nicht so weit; vorläufig spielte sich an der Wiener Universität noch bis vor kurzem die Groteske mit den „Ordnern" im Braunhemd und mit dem Hahnenschwanz ab; vorläufig spricht man bereits davon, den Kampf um das „Studentenrecht" Isdiias, Rheuma, tikht Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensänrebäder, Diathermie Helfilult, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8-6 Uhr Hellanstali „Thermla" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-87 Leiter: Dr. Wolf Somer nanzen zu leiten, in welcher die Notlage der K u 11 u s g e m e i n d. e, die ihr von den früheren Kanzlern und den früheren Bundesministern für Finanzen gemachten Zusagen und schließlich der Umstand dargelegt wurden, daß es sich hier nicht um einen „Wunsch" der Israelitischen Kultusgemeinde, sondern um ihr gutes Recht handle. Neuerlich wurde der Herr Bundesminister gebeten, seinen Einfluß im Sinne der Bewilligung eines Beitrages aus Bitndesmitteln geltend zu machen. Nach Genehmigung des Präsidialberichtes gelängte eine Resolution gegen den antisemitischen Hochschulterror zur einstimmigen Annahme, die wir an anderer Stelle behandeln. Der Obmann der Fürsorgekommission. Doktor K 1 a b e r. erstattete nun den Bericht über die Notstandsaktion 1931/32 (Winterhilfe), der sich im wesentlichen mit dem in den heutigen „Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" enthaltenen Berichte über diese Aktion deckt. Bemerkenswert war die Feststellung des Referenten, daß der Armenkataster der Kultusgemeinde heute bereits 7000 Befürsorgto enthält, von denen ungefähr 5000 Familienerhalter sind, so daß mit einer Zahl von 20.000 bis 22.000 Bedürftigen zu rechnen ist. Für diese in der strengen Not des Winters zu sorgen, war Bemühen der Fiirsorgekommission bereits seit dem Sommer d. J. und sind in dieser Beziehung insbesondere die Leistungen Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt selbe betrifft, so sind die Widerstände und Hindernisse politischer und wirtschaftlicher Natur, die hierbei zu überwinden wären, derart kolossal, daß es sich vielleicht doch verlohnen würde, sich einmal die Frage vorzulegen, ob es denn doch nicht wesentlich leichter fallen dürfte, alle Kräfte anzustrengen, um das demokratische Oesterreich, so wie es ist, zu erhalten... Allerdings, es müßte sich wirklich um ein demokratisches Staatswesen handeln, um einen Staat, der nicht bloß äußerlich auf demokratischer Grundlage aufgebaut ist, sondern der auch innerlich durch und durch demokratisch, ein Hort des Rechtes, der Geauch auf die Mittelschulen auszudehnen — vielleicht werden dann auch die Volksschulen und die Kindergärten folgen; vorläufig denkt man noch immer daran, unser öffentliches Leben „j u d e n r e i n" zu gestalten... Ja, wenn man nur solche Sorgen hat, dann darf man sich nicht darüber wundern, daß das Staatsgebäude in allen Fugen kracht, daß die sonderbare Fragestellung „Harzburg oder Habsburg?" die Gemüter erhitzt und daß die Parole „Weder Harzburg noch Habsburg — sondern freie, demokratische Republik!" so wenig Anklang findet... Immer wieder muß man es erfahren, mit wieviel Unvernunft die Welt regiert wird ... Spectator. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Mittwoch, den 18. d. M. fand unter Vorsitz des Herrn Präsidenten Prof. Dr. Alois Pick eine P1 e n a rversammlung des Wiener Kultusvorstandes statt, deren erster Teil öffentlich war. Dem von Herrn Amtsdirektor Reg.-Rat Dr. G. Fuchs gelb erstatteten Präsidialbericht entnehmen wir: Nach einer Mitteilung des Bethausvorstandes für den XVI. und XVII. Bezirk hat Herr Markus Glücksmann für den Ottakringer Tempel eine herrliche Kanzeldecke gespendet. Das Ehepaar Kommerzialrat Josef Lemberger und Frau widmeten anläßlich der Wiederkehr des Todestages des verewigten Herrn Oberrabbiners Prof. Dr. Z. P. C h a j e s eine der weihevollen Ausgestaltung der Bundeslade in Stadttempel dienende Decke. Aus dem Spendenverzeichnisse sefen angeführt: efne Widmung von S 1000.— für das Spital und von S 300.— zur Verteilung an arme Kranke durch das Präsidium von den Erben nach Arthur Schnitzler im Sinne seiner Verfügungen: von Herrn Josef Kaszab iniWien je ein Waggon Kartoffel für das Spital und die Versorgungsanstalt der Kultusgemeinde: von der Wiener Dampfmühle (Herren Brach & Lessing) nebst Mehlspenden, die bereits an das Blindeninstitut, das Spital der Kultusgemeinde und das Merores-Waisenhaus ergangen sind, weitere 20 Säcke Weizenmehl, wovon 10 Säcke für die Versorgungsanstalt und je fünf Säcke dem Knabenwaisenhaus. XIX.. Probusgasse 2. und dem Mädchenwaisenhaus, XIX.. Ruthgasse 21. überwiesen wurden. Von Herrn Professor Dr. Kupfer sind Interventionen und Pastorierungsberichte eingelangt, aus denen insbesonders die segensreiche Wirksamkeit der jüdischen Gefährde ten-Fürsorge zu entnehmen ist. Am 2. d. M. hat das Präsidium eine unangesagte Inspizierung der Versorgungsanstalt vorgenommen und mit besonderer Genugtuung die ausgezeichnete Führung der Anstalt und die Zufriedenheit der Insassen festgestellt. Im Hinblick auf die im Nationalrate stattfindende Behandlung des Bundesvoranschlages für das Jahr 1932 hat das Präsidium der Kultusgemeinde beim Herrn Bundeskanzler wegen Einstellung eines Beitrages aus Bundesmitteln für die Erfordernisse der Israelitischen Kultusgemeinden vorgesprochen und auch dem Herrn Bundesminister für Finanzen ein Memorandum überreicht. Von Herrn Bundesminister für Finanzen, Dr. W e i d e n h o f f e r, ist ein Schreiben an den Kultusvorstand gelangt, in welchem unter dem Hinweis auf die allgemeinen Verhältnisse der Herr Minister zu seinem Bedauern es für unmöglich erklärt, neue staatsünanzieile Bindungen einzugehen und bemerkt, daß sich vielleicht bei Besserung der Verhältnisse in der Zukunft die Möglichkeit ergeben werde, den Wünschen des Kultusvorstandes entgegenzukommen. Das Präsidium hat sich veranlaßt gesehen, eine neuerliche Vorstellung an den Herrn Bundesminister für Fides Herrn Börserat I. Glück und der Beamtenschaft der Fürsorgezentrale hervorzuheben. Der Erfolg des dieser Tage ergangenen Aufrufes ist ein recht erfreulicher: schon in der ersten Woche sind zirka 15.000 S Linneküinmen. Besonderes Interesse lösten die Ausführungen des Obmannes der Spitalskommission, Herrn Baurat Wilhelm K e m p I e r, über verschiedene beabsichtigte Reformen im Spitale aus. Die Vorschläge, die Herr Baurat Kempler diesbezüglich erstattete, sind tatsächlich solcher Art, daß die gesamte Wiener jüdische Bevölkerung sie lebhaft begrüßen und gewiß gutheißen wird. Sie ermöglichen aber auch, wie der Referent richtig bemerkte. Ersparungen im Betriebe des Spitals, des finanziellen Sorgenkindes unserer Gemeinde. Und gerade in unserer krisenhaften Zeit, in der die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Budget immer schwerer wird, werden die proponierten Verbesserungen sich sicherlich segensreich auswirken. Wenn man bedenkt, daß im Spital von 230 zur Verfügung stehenden Betten gewöhnlich nur 160 belegt werden, daß im Zahlstock von den dortigen 60 Betten nie mehr als 25 benützt werden, so wird man dem Redner beipflichten, der davon sprach, daß das Spital unausgenützt scheint, zumal angesichts der großen Gesamtbelagmöglichkeiten nur eine ganz geringe Quote von Zahlenden aufzuweisen ist. Es war naheliegend, diese Situation von fachkundiger Seite überprüfen zu lassen, und die Kultusgemeinde ist dem Primarius des Rudolfsspitales, Herrn Professor Dr. Schönbauer, zu Dank verpflichtet, der sich in uneigennützigster Weise dieser Aufgabe unterzog. Auf Grund der Ergebnisse seiner Untersuchung unterbreitete Baurat Kempler dem Plenum folgende Anträge: Zusammenlegung der beiden internen Abteilungen zu einer einheitlichen und Einführung der freien Aerztewahl. Der Referent besprach die großen Vorteile, die insbesondere der letztere Vorschlag für das Spital haben würden, dem Aerzte und Patienten deshalb bisher mit einiger Reserve gegenüberstanden, weil die mangelnde Möglichkeit des Kontaktes zwischen dem Privatarzt und dem Kranken diesen veranlaßt