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Die Wahrheit · 1931-11-27 · Heft 48 (27.11.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 48 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHCP Die österreichische Jadenschaft im Abwehrkampf. Seit Mitte der vergangenen Woche herrscht an den Wiener Hochschulen vollkommene Ruhe. Nichts kann blamabler für die Herren Hakenkreuzler und deren hohe Freunde sein als diese Tatsache. Man muß zugeben, daß diese Herrchen gute Disziplin halten. Auf Kommando entlädt sich ihre rassenantisemitische Wut. ein neues Kommando und sie lassen ihre Gummiknüttel verschwinden und gebärden sich als harmlose, friedliebende Studierende. Angeblich waren es die Provokationen von jüdischer Seite, die den Unmut der Hakenkreuzler erregt und die Herren Rektoren veranlaßt hatten, Ordnertrupps aufzustellen. Die Tatsache, daß mit dem Zurückziehen der bewaffneten Braunhemden und Hahnenschwänzler die Universität wieder ihr normales Bild bietet, zeigt am deutlichsten, auf welcher Seite die Provokateure zu suchen sind. Die Herren Rektoren und ihre antisemitischen jungen Gönner scheinen, was die neue „Studentenordnung" anlangt, ihrer Sache schon ganz sicher zu sein und halten es nun für geboten, jede Provokation vorläufig zu unterlassen. Ein merkwürdiges Zusammentreffen fügte es, daß das Zurückziehen der bewaffneten „Ordnungsmacher" und die Ueberreichung der vom Kultusvorstande beschlossenen Resolution an den Regierungsstellen zeitlich zusammenfielen. Die Resolution, die wir nachstehend im Wortlaute wiedergeben, läßt an Deutlichkeit und Entschiedenheit nichts fehlen. Sie lautet: In den Tagen, in welchen die Not unseres Landes die Gemüter aller mit tiefster Besorgnis erfüllen muß, an der Schwelle eines Winters, der durch die zunehmende Arbeitslosigkeit und Hunger diel schrecklichsten Schatten vorauswirft, in einer Zeit, in der alle maßgebenden Stellen bemüht sind und bemüht sein sollen, unter Ueberbrückung aller bestehenden sonstigen Gegensätzlichkeiten sich zu vereinter Hilfeleistung für die Unglücklichsten und zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft zusammenzuschließen. Ist die Wiener Universität der Schauplatz von kulturwidrigen Vorgängen, von wüsten Hetzen und von brutalen Gewaltsanwendungen gegen jüdische Studierende. Unverständlicher- und beschämenderweise können jene Studentengruppen, welche durch ihr jahrelanges Treiben die Ruhe auf der Universität gestört haben und durch die geschilderten Handlungen den akademischen Boden entweihen, darauf pochen, daß sie ganz besonders in dem Verhalten des Prorektors und des akademischen Senates eine Stütze finden, jener Stellen, die es anordnen oder dulden, daß parteimäßig uniformierte und bewaffnete Personen in den Räumen der Universität während der Vorlesungszeit militärische Exerzier- Übungen vollziehen, als die „Herren" der Aula auftreten und, mit den Befugnissen von »Ordnern" ausgestattet, die Möglichkeit haben. Brutalitätsakte gegen die jüdischen Studenten zu begehen. Schon in seiner Kundgebung vom 24. Juni 1931 bat der Kultusvorstand mit Empörung festgestellt.' daß die jüdische Studentenschaft auf akademischem Boden den organisierten brutalen Gewaltakten, einer rohen Uebermacht wehrlos preisgegeben wird und nirgends, insbesondere nicht bei den hierzu berufenen akademischen Behörden, Schutz findet Neuerlich fordert die Israelitische Kultusgemeindc Wien mit allem Nachdruck die Staatsgewalt auf, die Sicherheit der jüdischen Studentenschaft endlich auch auf dem Boden der Hochschulen pflichtgemäß zu schützen und mit den entsprechenden Machtmitteln des Staates dahin zu wirken, daß die verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung aller Bürger auch endlich auf der Wiener Universität zur Geltung komme, damit die jüdischen Studierenden ohne Gefährdung von Leben und Gesundheit von dieser aus den Mitteln alier Staatsbürger erhaltenen Bildungsstätte Gebrauch machen können. Diese Resolution wurde dem Herrn Bundeskanzler Dr. Buresch, dem Vizekanzler Doktor Schober sowie den Bundesministern für Inneres und Unterricht Wink 1 e r und Dr. Czermak übermittelt. Am 23. d. M. sprach das Präsidium der Kultusgemeinde beim Bundeskanzler Doktor Buresch und dem Unterrichtsminister Doktor Czermak vor, um die Resolution durch eine eingehende Darstellung der Vorgänge zu unterstützen und die Forderungen der österreichischen Judenschaft zu Gehör zu bringen. Ueber den Verlauf dieser Vorsprachen ist am 25. d. M. in den Tagesblättern eine amtliche Mitteilung erschienen, die wir an leitender Stelle behandeln. V Mit Rücksicht auf den Ernst der Situation und in der Erkenntnis, daß es sich bei den Vorgängen an den Wiener Hochschulen und in der Angelegenheit der „Studentenordnung" nicht nur um Fragen des unbehinderten Lernbetriebes, sondern um eine Sache der gesamten jüdischen Bevölkerung Wiens und Oesterreichs handelt, traten Delegierte der im Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde vertretenen Parteien, sowie die Leiter des Jüdischen Hochschulausschusses und der in der „Union österreichischer Juden" vereinigten Akademiker bereits vergangene Woche zu einer Aussprache zusammen, in der der Beschluß gefaßt wurde, bis auf weiteres gemeinsam vorzugehen und jede Partei-Sonderaktion im Interesse der Sache vorläufig zu unterlassen. In Auswirkung dieses einheitlich gefaßten Beschlusses entfiel die Veranstaltung der bereits für Donnerstag, den 26. d. M. vorher angekündigten Protestversammlung der „Union", sowie das Auftreten des Obmannes des Hochschulausschusses in der am 23. d. M. abgehaltenen Versammlung der im Kultusvorstande nicht vertretenen Gruppen der radikalen Zionisten. In informierten Kreisen machte die Einberufung gerade dieser Versammlung Ben^Eindruck einer'~äüfdrihglichen Anmaßung, der durchi die großsprecherische Aufmachung in einzelnen gefügigen oder uniformierten Tagesblättern noch verstärkt wurde. Die anwesenden Vertreter dieser Zeitungen konnten sich durch den Besuch dieser Versammlung, zu der deren Veranstalter nicht die Vertreter „d e r jüdischen Bevölkerung Wiens", sondern nur seinen erweiterten Anhang und eine Zahl Neugieriger heranzuziehen vermochte, von ihrem Reinfall überzeugen. Die jüdische Bevölkerung Oesterreichs kann dessen sicher sein, daß die „Union österreichischer Juden" auch in dieser schweren Stunde ihre Pflicht erfüllen und, wie gewohnt, unter Verzicht auf das Rühren der Reklametrommel alles daransetzen wird, um jede Beeinträchtigung der jüdischen Interessen hintanzuhalten. Die antisemitischen Unruhen in Polen. Protest der Warschauer jüdischen Gemeinde. Repräsentanz und Vorstand der Jüdischen Gemeinde Warschau traten am 20. d. M. zu einer Sondersitzung zusammen, um zu der das ganze Land durchziehenden antisemitischen Hetze und zu den antijüdischen Exzessen in den Hauptstädten und den Mittel- und Kleinstädten Stellung zu nehmen. Sitzungssaal und Galerien waren vollbesetzt, die Beratung trug einen sehr ernsten Charakter. Den Vorsitz führte der Agudah-Führer Trokenheim, es sprachen Vertreter sämtlicher Parteien. Mit allen Stimmen gelangte die folgende Resolution zur Annahme, die besser als alle detaillierten Schilderungen der Unruhen, über die übrigens die Tagespresse fortwährend berichtet, die furchtbare Situation der polnischen Judenheit charakterisiert: „Repräsentanz und Vorsteherschaft der Warschauer Jüdischen Gemeinde stellen mit tiefem Bedauern fest daß die nationaldemokratische akademische Jugend über die jüdischen Studierenden in den Hochschulen brutal hergefallen ist, daß die nationaldemokratische Jugend sodann die Unruhe auf die Straßen hinausgetragen hat, daß sich die Unruhewelle über zahlreiche jüdische Städte und Städtchen ergossen hat, wodurch eine Atmosphäre geschaffen wurde, die Sicherheit und Leben der friedlichen jüdischen Bevölkerung bedroht. Wir verzeichnen mit Zufriedenheit die würdige Haltung der jüdischen Bevölkerung, insbesondere der jüdischen akademischen Jugend, die sich gegen Ueberfälle der Huligans energisch verteidigt hat und sich nicht aus den Hochschulen verdrängen ließ, auf die sie, wie alle Bürger des Landes, ein Recht hat. Wir bedauern, daß in einer Reihe von Orten die Behörden nicht die nötige Energie in der Unterdrückung der antijüdischen Exzesse bewiesen haben. Wir legen den schärfsten Protest ein gegen diese schändlichen Exzesse und fordern von der Regierung — die bereits in Erklärungen scharf und entschlossen die Huligan-Taten verurteilt und in einigen Orten auch schon bewiesen hat, daß sie in der Lage ist, die Exzesse zu unterdrücken — daß sie nunmehr die energischsten Maßnahmen zum Schutze des Lebens und der Sicherheit der jüdischen Bevölkerung ergreift." Schalom Asch über den antisemitischen Terror. Der repräsentative jüdische Dichter Schalom Asch, der soeben aus dem Ausland in Warschau STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: ID., Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEIN LAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 eingetroffen ist, übergab der Jüdischen Telegraphen-Agentur die folgende Erklärung: „Tief erschüttert über die Ereignisse, die wie ein Sturm über das polnische Judentum hingefegt sind und deren Nachwehen ich bei meinem Eintreffen in Polen gespürt habe, glaube ich dennoch, daß wir die Auswirkungen dieser Geschehnisse in der Zukunft der polnischen Juden nicht außer Acht lassen dürfen. Ich fühle den schmerzlichen Zorn des gesamten jüdischen Volkes über die Huligan- Taten einer politischen Partei mit, aber auch in der leidenschaftlichen Empörung muß man gerecht bleiben: Keineswegs darf man das ganze polnische Volk für die barbarischen Taten eines einzelnen Elements dieses - Volkes verantwortlich machen. Während der vergangenen traurigen Tage hörte man tief ergreifende menschliche Stimmen seitens der verantwortlichen und von Sorgen bedrückten Kreise der polnischen Gesellschaft; diese Stimmen erwecken in uns die Hoffnung, daß trotz der Anstrengungen des Gegners, die menschlichen Beziehungen, die sich in den letzten Jahren zwischen Christen und Juden zu spinnen begonnen haben — Beziehungen, die für Polen eine Lebensnotwendigkeit sind — zu zerstören, es auf die Dauer dennoch nicht gelingen wird, die beiden Völker, die die Geschichte in einem Lande vereinigt und unter ein Schicksal gestellt hat, durch künstlich aufgerichtete Mauern voneinander, getrennt zu halten. Wir bauen auf den gesunden Verstand und die menschlichen Gefühle des polnischen Volkes. Wenn auch Geschehnisse wie die letzten eine solche Hoffnung als wenig berechtigt erscheinen lassen, glauben wir, daß schon die nackte Existenznotwendigkeit die beiden Völker zu einem natürlichen friedlichen Zusammenleben führen wird, ohne welches das Land niemals glücklich sein kann." Von palästinensischen Beduinen ermordet und vergraben. Vor mehreren Monaten erregte das Verschwinden eines aus Deutschland stammenden jungen Juden, namens Stahl, und eines jüdischen Mädchens, Zohar-Goldstein. die sich von Tel Aviv zu einer kurzen Wandertour entfernt hatten und nicht mehr zurückgekehrt waren, großes Aufsehen. Nachdem bisher alle Nachforschungen der Freunde der Vermißten nach deren Verbleib vergebens waren, haben am 12. November einige junge Leute, die sich nochmals auf die Suche begaben, Spuren gefunden, die auf eine Ermordung der Vermißten und deren Vergrabung in der Nähe der Kolonie Herzlia schließen ließen. Die Polizei ging diesen Spuren nach, an der bezeichneten Stelle wurden die Leichen von Stahl und Fräulein Zohar ausgegraben und, obwohl die Leichen schon stark in Verwesung übergegangen waren, an den Kleidern identifiziert. Die Polizei setzte eine Belohnung von 200 Pfund für die Ermittlung der Mörder aus. Dies hatte den Erfolg, daß mehrere Beduinen vom Stamme Arbal Kuran als Täter verhaftet wurden. Zu den Verhafteten gehört auch der Effendi. der den Freunden der Ermordeten mitteilte, er sei gegen eine Belohnung von 200 Pfund bereit, die Mörder zu nennen und die Mordstelle zu zeigen. Der Effendi steht im Verdacht der Mittäterschaft. Die Summe von 200 Pfund wurde von der Jewish Agency und dem Waad Leumi je zur Hälfte geleistet. Die Jewish Agency hatte auch der Polizei die von derselben ausgesetzte Prämie für Ermittlung der Täter in Höhe von 20 Pfund zur Verfügung gestellt. Die Mörder haben auch schon die Mordtat eingestanden. Die Leichen der beiden Ermordeten wurden nach Tel Aviv gebracht, wo die Beerdigung am späten Nachmittag des 13. November unter großer Beteiligung, insbesondere der Jugend, stattgefunden hat. Nach dem Geständnis der drei Mörder hat sich die Tat folgendermaßen abgespielt: Fünf aus Jaffa kommende Beduinen-Kamelreiter trafen Stahl und Fräulein Zohar in der Gegend um Herzlia, sie wanderten entlang den Yarkon-Fluß. Drei der Kamelreiter stiegen ab und griffen die beiden an. Stahl wurde durch Dolchstiche getötet. Daraufhin schändeten alle fünf das Mädchen, das das Bewußtsein verlor und aus der Bewußtlosigkeit nicht wieder erwachte. Die Mörder begruben dann die beiden Leichen getrennt Die gesamte hebräische Presse Palästinas befaßt sich an erster Stelle mit der Tragödie Stahl-Zohar. In dem Leitartikel wird über die Unzulänglichkeit der Polizei geklagt, auch wird die Frage aufgeworfen, warunr jüdische Institutionen die Prämien für die Ermittlung der Täter zahlen sollen, wo hunderttausende Pfund an Steuern geleistet werden, die ja zu einem großen Teil zur Erhaltung der Polizeikräfte verwendet werden.

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