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Die Wahrheit · 1931-11-27 · Heft 48 (27.11.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 48 (27.11.1931)
Date
1931-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16—Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV1I. Jahrgang Wien, 27. November 1931 Nummer 48 Minister Dr. Czermak auf Hakenkreuzpfaden. Herr Unterrichtsminister Czermak hält sein Wort. Was er vor kurzem durch den Mund des Prorektors Uebersberger den antisemitischen Hochschülern aller Couleurs verkünden ließ und was er selbst im Budgetausschuß des Nationalrates durch sein eigenes Wort bekräftigte, das einzulösen ist er nun im Begriffe: Die Hakenkreuzstudenten sollen haben, was sie fordern: Die Scheidung der Studenten nach Rassen und die faktische Vorherschaft der „Deutschen Studentenschaft". Noch liegt der angekündigte Gesetzentwurf selbst der Oeffentlichkeit nicht vor, noch bedarf er der Genehmigung durch den Ministerrat, der sich in diesen Tagen damit befassen soll, die Absichten des Herrn Czermak und der Geist, von dem sein Regierungsentwurf getragen sein wird, aber erhellen aus der amtlichen Mitteilung über d i e V o r s p r ac h e des P r äsidiumsder Israelitischen Kultusgemeinde. Der Herr Minister, in dessen Ressort die weitestgehende, wichtige Zweige der Wissenschaft mit Verdorrung bedrohende Drosselung der Ausgaben vorgenommen werden muß, scheint unter dem Drucke der Hakenkreuzstudenten und ihrer hohen Gönner, der Rektorenkonferenz, jetzt keine andere dringendere Sorgen zu haben, als „die innerakademischen Verhältnisse" baldigst zu regeln. Für ihn bedeutet diese Regelung aber nicht die Vorsorge für die Beschaffung der Mittel zur Aufrechterhaltung des Studienbetriebes im Interesse der lerneifrigen Studentenschaft, sondern die Erfüllung der anmaßenden Forderungen der antisemitischen Radaubrüder. Für ihn bedeutet diese Regelung die Schaffung eines „zeitgemäßen Studentenrechtes". Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so trostlos traurig wäre, nun zu erfahren, was einem österreichischen Unterrichtsminister als „zeitgemäß" erscheint. Er hält es für „zeitgemäß", statt unter der heranwachsenden Studentengeneration den Geist des Gemeinsamen, des Staats- und Staatsbürgergefühls zu stärken, die Kluft zwischen den Bürgern dieses Staates zu vertiefen, neue Scheidemauern aufzurichten, das Trennende zu verewigen, die Bürgerschaft unseres fast reinen Nationalstaates durch die Einführung des „V o 1 k s b ü rgerschaftsprinzips" zu zerreißen. Einem* Minister, dessen oberste Aufgabe es ist, in Zeiten der Bedrängnis und Gefahr alle Volkskräfte zu gemeinsamem Tun zusammenzufassen, einem Unterrichts minister, dessen natürliche Pflicht es ist, die Kinder des Volkes zu dem Ideal der einträchtigen Arbeit im Dienste des Staates anzuleiten und zu erziehen, gefällt es — um seinen antisemitischen Kommilitonen zu gefallen — die Interessen des Ganzen zugunsten der mittelalterlichen „Belange" blindwütiger Burschen zu gefährden. Dies und nichts anderes bedeutet der hoffentlich vergebliche Versuch des Ministers, verschiedene „nationale Studentenschaften" aufstellen zu lassen, die, auf dem neuentdeckten Grundsatz der „Volksbürgerschaft" beruhend, der „zeitgemäßen" Rassentheorie entsprechen sollen. Ist sich der Herr Minister Dr. Czermak, dessen Name sicherlich nicht auf urteutonische Abstammung hinweist, der sich aber ebenso gewiß stolz und selbstbewußt zum deutschen Volke, vielleicht sogar zur germanischen Rasse, ja sogar nordgermanischen Edelrasse bekennt, gar so sicher der wissenschaftlichen Fundierung dieser von fast allen Wissenschaftlern zurückgewiesenen und in der Praxis fast undurchführbaren Rassentheorie? Gilt den Herren Wenzel Gleispach, S r b i k, Czermak und ihren anderen deutschen Kollegen slawischer Abstammung denn gar nichts die Rechtsauffassung unseres anerkannt bedeutenden Staatsrechtslehrers Bernatzik, der in seiner berühmten Rektöratsredc die V o 1 k szugehörigkeit einzig und allein von dem Bekenntnisse des Einzelnen zu einem bestimmten Volke abhängig macht? Fürchten die Herren denn gar nicht die Schmälerung unseres Ansehens in der übrigen Kulturwelt, die über „zeitgemäße" Erfordernisse bereits andere Anschauungen hat? Besorgen sie nicht eine weitere Erschütterung des Vertrauens der besonnenen Schichten unserer Bevölkerung in unsere Gesetzgebung und Verwaltung, wenn der Versuch gemacht wird, den verfassungsrechtlich festgelegten Grundsatz der Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze durch die Einschmuggelung des neuen, angeblich „zeitgemäßen" Begriffes des „Volksbürgerrechtes" einfach zu eskamotieren? O, wir wissen, der Wortlaut des angekündigten Gesetzentwurfes wird sicherlich — schon mit Rücksicht auf die vorangegangene Entscheidung des Verfassungsgerichtshofes über die Gleispachsche „Studentenordnung" — dem Buchstaben des Verfassungsgesetzes entsprechen, aber ebenso sehr im Widerspruch zum Geist der Verfassung stehen, die jede Differenzierung unter den Staatsbürgern ausschließt. Wir Juden, die wir seit Jahrzehnten auf dem Papier die volle Gleichberechtigung besitzen, die wir noch immer um Verlebendigung, um Verwirklichung dieser Gleichberechtigung im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben ringen, wir können uns lebhaft vorstellen, wie auf einer vom Antisemitismus verseuchten, von einer dominierenden „Deutschen Studentenschaft" terrorisierten Hochschule die Handhabung einer im „Studentenrecht" selbst gesetzlich verbrieften „vollen Gleichberechtigung der Angehörigen jüdischer Volkszugehörigkeit" aussehen würde. „Angehörige jüdischer Volkszugehörigkeit!" Diesen technischen Ausdruck, den wir bisher — zu unserem Mißvergnügen — nur aus dem Munde unserer jüdisch-national eingestellten Glaubensgenossen hörten, nahm nun mit SCHAFWOLLODE N - SKIHOSE CA Ein Sehlager 10r Damen und Hepen. Im '■II alien Größen, S 19'BO Luraberjaclc. wasnerv v dichter Zeltstorf mit Zippverschluß, S 2>SO Ski-Walk-Socken. S 2.— Ski-Walk-Fiustlinb S 11'80 Ooppet-Moppel. Mode-Sportbemd für Herren u. Damen in Gelb, Rot u. Khaki m ur bei w Ski-Anzug ein Schlagar, Prima Scbafwoll- A9' loden imprägniert, für Damen und Heiren ri Sportvatter OA ipplinger itraSa Nr. £m%0 Vergnügen unser Herr Unterrichtsminister in die eingangs erwähnte amtliche Mitteilung auf. Mögen doch der Herr Minister und seine Referenten sich die Mühe nehmen, in den österreichischen Gesetzes- und Verordnungsblättern der letzten Jahrzehnte nachzuforschen, ob sich dort aucii nur an einer einzigen Stelle diese Terminologie rindet, sie werden dadurch des Besseren belehrt werden, daß es nach der österreichischen Gesetzgebung einzig und allein nur Staatsbürger jüdischen Glaubens gibt. Wir empfehlen dem Herrn Unterrichtsminister, sich z. B. darüber durch die Lektüre des Gesetzes vom Jahre 1890 (des sogenannten „J u d e n g e s e t z e s") unterrichten zu lassen. Er komme uns ja nicht mit der Einwendung, daß es auch jüdische Gruppen in Oesterreich gäbe, die sich auf nationalem Boden ralliieren oder zu ralliieren versuchen. Die staatsbürgerliche Berechtigung österreichischer Juden, sich in national gerichteten Vereinen zu sammeln, steht ebenso außer Frage wie die gleiche Berechtigung katholischer oder protestantischer Staatsbürger. Dies gibt vielleicht einer willfährigen Regierung den Schein einer Berechtigung, aber noch lange nicht die Berechtigung selbst, ohne Abänderung der betreffenden Verfassungsbestimrnungen von dem Staatsbürgerprinzip abzugehen und ein neues „Volksbürgerrecht" zu statuieren. Unseren jüdischnationalen Glaubensgenossen werden hoffentlich jetzt die Gefahren aufdämmern, die sie nicht nur für sich, sondern für die gesamte jüdische Bevölkerung Oesterreichs durch ihre nationale Eigenbrötelei heraufbeschworen haben. Sie werden hoffentlich jetzt noch rechtzeitig erkennen, daß das, was für Polen oder Rumänien möglich und billig, für die ganz anders gearteten österreichischen Verhältnisse inopportun ist. Wir wollen und können nicht daran zweifeln, daß sie nicht die Unbesonnenheit haben werden, wegen des Linsengerichtes einer „jüdischen Studentenschaft" die Gleichberechtigung aufs Spiel zu setzen. Sie mögen der bekannten, für uns Juden eine Drohung darstellenden Ankündigung des ehemaligen Rektors Dr. Gleispach eingedenk sein, daß die Durchsetzung des „Volksbürgerschaftsprinzips" auf akademischem Boden unabsehbare Folgen haben kann. Die österreichische Judenschaft, vornehmlich die „Union deutschösterreichischer Juden" aber wird alles daran setzen, um die — von welcher Seite immer — kommende Gefahr der Antastung unserer Gleichberechtigung durch nationale Unterstellung zu bannen. Dr. Lenk.

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