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Die Wahrheit · 1931-11-20 · Heft 47 (20.11.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Satt? 6 _ der jüdischen Bevölkerung, die sich in ihrer Indolenz und Scheelsucht gar nicht erst die Mühe nehmen, sieh einen Einblick in die uneigennützige, zeitraubende und aufopferungsvolle Tätigkeit zu gewinnen, der sich der Kultusvorstand, gewiß aber eine große Anzahl der Herren desselben, im Dienste der Wiener Judenschaft jahrein und -aus unterziehen. Das mindeste, das diese Herren von uns erwarten können und müssen, ist anerkennende Dankbarkeit, nicht aber auf Vorurteile oder Kritiklosigkeit gegründete Anklagen. Allerdings sei es auch Sache der Herren des Kultusvorstandes, einen engeren Kontakt mit den jüdischen Kultuswählern zu suchen und durch fortgesetzte Aufklärung das Zutrauen und Verständnis für das Tätigkeitsfeld und das Wirken des Kultusvorstandes zu wecken. Präsident Ehrlich dankte dem Vorredner, indem er insbesondere die anerkennenswerten Leistungen der „Union" im Dienste des Abwehrkampfes hervorhob und betonte, daß auch das jüdische Gremhim seinen Vereinspflichten zum Schutze des jüdischen Kaufmannes und der Gewerbetreibenden stets nachkommen werde. M. D. ♦ Vorankündigung Die „Union österreichischer Juden" veranstaltet Donnerstag, den 26. November, 8 Uhr abends, im Sitzungssaal des Alten Rathauses, I., Wipplingerstraße eine Protestversammlung gegen den antisemitischen Terror an den Hochschulen. Stellenvermittlung der „Union". Offene Stelle: Praktikant für Bureau, eventuell auch Magazin in der Nähe des VII. Bezirkes. Anfragen an das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, TeL A19-2-77. VonWodte zu Woche Armes Deutschland! In H e s s e n haben die Nationalsozialisten am vergangenen Sonntag einen neuen großen Wahlsieg errungen. Als im September 1930 bei den Reichstagswahlen die Stimmen der Hakenkreuzler im ganzen Deutschen Reich sprunghaft gestiegen waren, da glaubte man, daß die furchtbare Wirtschaftslage des Deutschen Reiches einer politischen Entwicklung zum Durchbruch verholfen habe, die auf ihrem Höhepunkt angelangt schien. Man hat sich getäuscht: Heute geht es Deutschland wirtschaftlich viel schlechter, als vor vierzehn Monaten, und die Nationalsozialisten gewannen am Sonntag in manchen hessischen Wahlkreisen bis zu 200 Prozent an neuen Stimmen. Von 138.000 sind die Anhänger des Hakenkreuzes auf 300.000 angewachsen, die Hitler-Leute sind zur stärksten Partei im Landtag geworden. Armes Deutschland! Welche Resultate würde heute eine neue Reichstagswahl in der ganzen Republik liefern, wenn am Rhein zwischen Neckar und Main, also in einer Gegend, die rein geographisch dem Radikalismus keine allzu günstigen Vorbedingungen bietet. Hitler so zu siegen vermochte? Der „judenstaat" macht wenig Fortschritte. Von den von der J e wish Agency für ein halbes Jahr angeforderten 1700 Einwandererzertifikaten für Chaluzim und Angehörige von Palästina-Einwohnern hat die Regierung wie verlautet, nur etwa ein Fünftel bewilligt, das auch nur zum geringen Teil für Chaluzim verfügbar sein wird. Die Jewish Agency führt die Verhandlungen über Erhöhung der Quote wohl fort, es besteht aber nicht viel Aussicht, daß die Regierung den Wünschen der Jewish Agency entgegenkommen wird. Palästinensische Justiz. Polizeirichter Harcavy in Haifa verurteilte vier jüdische Arbeiter, die bei der Arbeitslosen-Demonstration vor den Plantagen in C h e d e r a Ii festgenommen wurden, zu je sieben Tagen Gefängnis. In der Begründung des Urteils sprach der Richter seine Mißbilligung über das brutale Vorsehen der Polizei beim Auseinandertreiben der Demonstranten aus: die Polizei ging aber — straflos aus. Gemeinde - thromft Der Oberrabbiner von Mailand beim Papst Der 82 Jahre alte Oberrabbiner von Mailand, Alessandro De Fano, der älteste Rabbiner Italiens, wurde aus Anlaß seiner Anwesenheit in Rom, wo er an der Beratung der Rabbiner und der Kommissare der jüdischen Gemeinden teilgenommen hat, von Papst Pius XI. in einer Audienz empfangen, die mehr als eine halbeStunde gedauert hat. Der Papst empfing Oberrabbiner De Fano in seiner Privatbibliothek. Der Rabbiner sprach über den Papst den hebräischen Segen und dankte ihm dafür, daß der Vatikan in der Frage der Kalenderreform, die das jüdische religiöse Interesse tief berührt, eine den Juden günstige Stellung eingenommen hat, was dazu beigetragen hat, daß kein die Haltung des jüdischen Sabbath erschwerender Plan angenommen wurde. Der greise Rabbiner dankte auch dem Papst für seinen Aufruf gegen religiöse Verfolgung, der in der ganzen Welt einen so tiefen Eindruck gemacht hat. Der Papst verabschiedete sich herzlichst vom Oberrabbiner und gab seiner Freude Ausdruck, daß De Fano, mit dem ihn seit Jahrzehnten freundschaftliche Beziehungen verbinden, trotz seines hohen Alters noch so rüstig ist, daß er eine Reise nach Rom hat unternehmen können. Die guten Beziehungen zwischen dem Oberrabbiner von Mailand und dem Papst rühren noch von der Zeit her, als der jetzige Papst noch als Monsignore Achille Ratti Präfekt der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand war und sich oft mit Rabbi De Fano über die hebräischen Manuskripte der Bibliothek unterhielt und der Rabbiner Msgr. Rattis Kenntnisse auf dem Gebiete des hebräischen Schrifttums bereicherte. Wien zur Nachahmung empfohlen! Gemäß einer Anregung des Gemeinderabbiners von Kiel Dr. P o s n e r hat der dortige Kultusvorstand beschlossen, öffentliche Vorträge in der Synagoge abzuhalten, damit in vornehmer Weise die nichtjüdische Welt von jüdischer Seite aufgeklärt werde. Der erste Vortrag -fand! nun in der Kieler Synagoge am Sonntag, den 8. d. M. statt. Es waren über 500 meist nichtjüdische Personen erschienen, sehr viele mußten umkehren, weil ein Zutritt wegen Ueberfüllung nicht mehr möglich war. Die Besucher setzten sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen. Neben Aerzten und Anwälten sah. man Universitätsprofessoren, Lehrer der höheren und Volksschulen, Kaufleute, Beamte, und in sehr großer Zahl Schülerinnen und Schüler der höheren Klassen. Auch Geistliche waren in größerer Anzahl erschienen. Dr. P o s n e r hielt eine längere Ansprache über „Schicksale der Juden in der Geschichte von Völkern und Ländern". Er durchstreifte die geschichtlichen Erlebnisse der Juden von 70 nach bis zur Gegenwart und zeigte, welche gewaltigen Leistungen die Juden für die Umwelt trotz aller Verfolgungen aufzuweisen hatten und haben. Der Vortragende zog daraus die Lehre, daß alle Schicksale der Juden die Nichtjuden zum Verständnis des jüdischen Menschen führen müssen, daß ihre Schwächen oft auf den Willen und den Einfluß ihrer Umwelt zurückzuführen sind — wie die geringe Beteiligung am Handwerk und Ackerbau den Zwangsgesetzen und Zunftbräuchen entspricht, denen sie sich fügen mußten. — und daß ihre Leistungen auf allen Gebieten des Geistes um so höher anerkannt werden müßten. Der Vortrag, dem sehr große Aufmerksamkeit gewidmet wurde, fand sichtlich Beifall Er verlief ohne jede Störung, wiewohl auch gegnerische Elemente anwesend waren. Hoffentlich stellt sich eine allmähliche Einwirkung dieser Aufklärungsvorträge ein, die den Haß zurückdrängen und für den Frieden werben sollen. Schächtverbot in Aussig. Die Stadtvertretung von Aussig a. E. hat vor kurzem den Beschluß gefaßt, die Schächtung nach jüdischem Ritus zu verbieten. Obzwar von jüdischer Seite sofort Proteste gegen dieses Verbot erhoben wurden, in denen insbesondere auf die wiederholten Entscheidungen in Deutschland hingewiesen wurde, hat die Landesbehörde von Böhmen diesen Beschluß bestätigt, so daß auf dem städtischen Schlachthof von Aussig nicht mehr rituell geschlachtet werden DIE WAHRHEIT ~k GROSSFLEISCHHAUEREI fliGM, KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 1» FILIALE! XVIII., WAhRINQERSTRASSE »7 Telephon Nr. A 17-3-99and A 1S-9-34 LUfarant für Heilanstalt«* AbteilungemarKoscherfleisch unter Aufsieht ehr«. Rabbinatoa alar!•■». KultHagameinda Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen __i darf. Der Vorstand der jüdischen Gern e i n d e Aussig hat gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt, in der insbesondere darauf hingewiesen wird, daß nach zahlreichen Gutachten tierärztlicher Sachverständiger die rituelle Schlachtung bei entsprechenden Maßnahmen keinerlei Quälerei des Tieres darstellt. Ehrung der gefallenen jüdischen Helden — in London. An der gewaltigen Feier am Waffensüllstaiidstag (12. November) In London nahmen in Gegenwart des Hofes und sämtlicher Notabein auch 3000 jüdische Exsoldaten aus allen Teilen des Landes teil, die bedeckten Hauptes, wie die großen englischen Zeitungen berichten, das Kadiseh sprachen. Lord A11 e n b y, der Sieger in Palästina, stand tiefergriffen unter diesen Soldaten, und in Anwesenheit aller Großiunktionäre des Reiches legte ein jüdischer Exleutnant und jüdischer Exgemeiner im Namen des gesamten Judentums des Weltreiches einen herrlichen Kranz in Form eines Mögen Davids nieder. Man versuche ähnliches bei unseren Heldenfeieni in Oesterreich und Deutschland! C. Benedikt. Dr. Fildermann Präsident der Bukarester Kultusgemeinde. Dr. Wilhelm Fildermann, Präsident der Union rumänischer Juden, wurde vom Bukarester Kultnsrat mit 50 gegen 7 Stimmen bei 6 Enthaltungen zum Präsidenten der Bukarester Jüdischen Gemeinde gewählt. Mit dieser Wahl hat Doktor Fildermann gleichzeitig auch die Funktion eines Präsidenten der Union der jüdischen Gemeinden Altrumäniens übernommen. Dr. Fildermann steht im 49. Lebensjahre und ist seit zwölf Jahren führend im jüdischen öffentlichen Leben tätig. Er gehörte früher dem rumänischen Senat an. Heinrich Reitzes gestorben. Der in Wien im Alter von 52 Jahren verstorbene bekannte jüdische Politiker Heinrich Reitzes, der mehrere Jahre dem alten österreichischen Parlament als Abgeordneter für den . Bezirk Z1 o c o w und später auch dem ersten polnischen Sejm angehörte, hat in Wien wie in Warschau energisch gegen Antisemitismus und Reaktion gekämpft. Personalnachrichten. Generalkonsul Dr. Paul: Hohenau, welcher sich derzeit zur Rekonvales- zenz nach einer Operation in Montreux aufhält, wurde vom Bundespräsidenten . der Schweiz durch Uebersehdung einer Photographie mit beifolgenden, liebenswürdigen Begleitzeilen geehrt: „Der Bundespräsident der Schweiz. Eidgenossenschaft spricht den aufrichtigen Wunsch aus, daß Ihr „Neues Etiropa" recht wirksam dazu beitragen möge, in Tat und Wahrheit ein neues Europa zu schaffen im Sinne und Geiste Ihrer völkerverbindenden Tätigkeit auf dem Boden des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Friedens!" — Bundespräsident Miklas hat dem Universitätsprofessor Dr. Leopold Moll, Gründer und Vorsteher der Reichsanstalt für Mütter- und Säuglingsschutz, das große silberne Ehrenzeichen der österreichischen Republik verliehen. Prof. Moll hat auch die Institution der „Volkspatenschaft" begründen helfen, die zwanzig Mutterberatungs- und zwölf Schwangerenfürsorgestellen unterhält, in denen jährlich etwa 10.000 Kinder und 5000 schwangere Frauen betreut werden. Protestversamminn?. Das Gremiuni der jüdischen Kaufmannschaft hält am Montag, den 23. November. 8 Uhr abends, im Caferestaurant Excelsior. I., Rotenturmstraße 24, eine Gremialversammlung ab. Tagesordnung: Protest gegen die Vorgänge in der Universität. Wir verweisen auf das Inserat der billigsten Einkaufsqueile Brüder Schiffmann auf Seite 7.

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