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Die Wahrheit · 1931-11-20 · Heft 47 (20.11.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT sage des S. A.-Mannes T h i e k e, der jedem, der es hören wollte, erzählte, daß „Graf Helldorf uns am Kurfürstendamm geführt habe". Auch sonst lag viel belastendes Material gegen die Angeklagten vor. Nach alledem haben sich offenkundig so abgespielt: die Geschehnisse Der Berliner Oberführer, sein Stabsleiter, drei Standartenführer, zwei Sturmbannführer und mehrere S. A.-Sturmführer waren erwiesener- und zugegebenermaßen am Kurfürstendamm. Mindestens 600 S. A.-Leute aus elf verschiedenen Stürmen, also Angehörige der diszipliniertesten Organisafion Deutschlands, wie der Verteidiger Dr. Frank II sagte, betätigten sich dort in mild gesagt höchst „illegaler" Weise. Diese S. A.-Führer konnten ihre gut disziplinierten Leute nicht im Handumdrehen nach Hause schicken. Eine Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Parteianwälten und ihren Plädoyers erübrigt sich. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Stenig hat dazu in seiner kraftvollen Replik das Erforderliche gesagt, indem er an Hand eindeutiger Zeugenaussagen nochmals den klar radauantisemitischen Charakter dieser „Hungerdemonstration" hervorhob und nachwies, mit welcher Befriedigung einzelne S. A.-Führe r von der Absicht antisemitischer Gewalttaten Kenntnis genommen hatten. Brandt und H e 11 d o r f, obwohl vorbestraft, kamen, wie bereits gemeldet, mit sechs Monaten davon, die raufenden S. A.-Leute waren seinerzeit zu Gefängnisstrafen von neunMonatenaufwärts verurteilt worden. Man darf hoffen, daß das Urteil von der nächsten Instanz korrigiert wird. W. G., Berlin. Die Kalenderreform. Das offizielle Protokoll der Genfer Beratungen über die Kalenderreform ist nunmehr erschienen. Die Resolution, welche die Konferenz in ihrer Schlußsitzung vom 19. Oktober und als Ergebnis ihrer Beratungen dem Völkerbund übermittelt hat, bringt — wie wir bereits mitgeteilt haben — als fast einmütige Meinung der Delegationen zum Ausdruck, daß der gegenwärtige Augenblick nicht geeignet sei, eine Reform des Gregorianischen Kalenders durchzuführen. Die Einwände gegen die zur Diskussion gestellten Reformpläne haben sich, wie in der Resolution betont wird, vornehmlich gegen die Einführung von Blankotagen gerichtet. In diesen Zusammenhange wird auf die Opposition der religiösen Gemeinschaften und gewisser sozialer Gruppen, deren Vertreter von der Konferenz gehört worden sind, hingewiesen. Anschließend wird der Vermutung Ausdruck gegeben, daß durch diese Opposition zum mindesten in gewissen Ländern die Einführung des immerwährenden Kalenders ganz besonders schwierig, wenn nicht unmöglich gemacht würde. Dennoch glaubt die Konferenz, daß die Anstrengungen, die sowohl von der Verkehrs- und Transitkommission des Völkerbundes als auch von dem durch sie eingesetzten Sonderkomitee sowie von den in den einzelnen Ländern errichteten nationalen Komitees unternommen worden sind, nicht vergeblich waren. Zum erstenmal habe die öffentliche Meinung in ihrer Gänze angefangen, ernsthaft die Vorteile und die Schwierigkeiten einer Vereinfachung des Gregorianischen Kalenders zu diskutieren. Zum erstenmal seien auch die Regierungen in ihrer Gesamtheit dazu gebracht worden, in der Vereinfachung des Kalenders eine Frage zu erblicken, über die miteinander zu diskutieren und zu entscheiden ihnen obliege. Bei der gegebenen Sachlage habe die Konferenz es nicht für opportun erachtet, sich auch nur über das Prinzip der Kalenderreform auszusprechen. Aber die beratende und technische Kommission für Verkehr und Transit würde nicht verfehlen, sich weiter über die Anstrengungen, die ohne Zweifel weiter verfolgt würden, um die öffentliche Meinung über die Vorteile und Nachteile einer Reform aufzuklären, auf dem laufenden zu halten. Sie würde auch nicht verfehlen, die Regierungen regelmäßg über diesen Gegenstand zu informieren. Die Resolution der Genfer Konferenz zeigt, daß die intensive Arbeit, die im letzten Jahre jüdischerseits zur Bekämpfung der Kalenderreform geleistet worden ist, nicht vergeblich war. Sie hat einen wesentlichen Teil dazu VORNEHME FAMILIEN - PENSION § iRBstauratio D.KaTf BBfians | täglich 5-Uhr-Tee g SE1WER1NG1 TELEPHON 11 9 Hochstraße 43 g __ neben Hotel Panhans (§ H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts H U Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser j( H in jedem Zimmer. §§ §§ Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer beigetragen, daß die Entscheidung über die Kalenderreform zunächst auf längere Zeit hinausgeschoben wurde. Aber die Resolution zeigt leider auch mit aller Deutlichkeit, daß die Gefahr nicht für alle Zeit beseitigt ist. Die Organisationen, die sich um die Abwehr der Kalenderreform verdient gemacht haben, insbesondere der Weltverband Schomre Schabbos, werden weiter auf der Hut bleiben müssen, um auch für die Zukunft die Gefahr zu bannen. Wo bleibt eine Jellinekgasse im sozialistischen Wien? Von Ciotilde Benedikt. Abermals jährt sich in düsteren Novembertagen das Datum, an dem einer, der versprach, einer unserer Besten zu werden, schnöde hingemordet wurde. Denn anders als feigen Mord kann man die Hinrichtung Hermann J e 11 i n e k s in den Novembertagen des Jahres 1848 nicht bezeichnen. Sein Name sei den Enkeln lieb; er staTb, weil er die Wahrheit schrieb, so schließt Moriz Hartmann sein Gedicht auf Jellineks Opfertod und keinem der von ihm an gleicher Stelle besungenen Todesopfer von 1848 hat er so warme Verse gewidmet, keinen hat er so hoch gestellt in geistiger Beziehung, wie eben Jellinek. der. wie mir Ludo Hartmann nach mündlicher Tradition mitteilte, wahrscheinlich für seinen Vater gestorben ist (Ein Jude sollte baumeln. Goldmark, Fischer. Hartmann waren geflüchtet für einen von ihnen wurde Jellinek erfaßt, ein scheußlicher Justizmord, da Jellinek vollständig unschuldig an den Oktoberereignissen war. ja sogar jedem bewaffneten Widerstand als nutzlos widerraten hatte.) Hermann Jellinek ist uns durch Dr. M. Rosenmanns treffliches Buch über seinen Bruder besonders lebendig geworden, ein Buch, das um so mehr zu rühmen ist als die aus so vielen Synthesen zusammengesetzte, in schönsten Farben schillernde Persönlichkeit Adolf Jellineks nicht leicht von einem, der ihn nicht gekannt hat für solche, die ihn nicht gekannt haben, so plastisch zu schildern war, wie es Rosenmann gelungen ist Aber auch dem Bruder Hermann hat Rosenmann Worte der Bewunderung gewidmet und diesen genialen Jüngling, der mit 26 Jahren sein Leben lassen mußte, weil er Jude war, so lebendig gemacht daß es mich wundern muß, daß ihn noch kein Dichter zum Helden eines Romanes oder Dramas gemacht hat Sein Name war seinem Bruder lieb, denn er gab ihn seinem jüngsten Lieblingssohn, der ihn als berühmter Germanist unserer Universität zu hohen Ehren gebracht hat. „Buben haben mir in einen Bruder gemordet" so sprach der schon halb bewußtlose Oberrabbiner in der letzten Stunde, seines Lebens, ein Detail, das Rosenmann nicht erwähnt, zu Dr. Gelbhaus, in dessen Armen er verschied. Hat aber Wien gezeigt, daß dieser.Name ihm lieb sei? Alle anderen Todesopfer der 48er Oktobertage, Messenhauser, Blum. Becher, zieren mit ihren Namen Wiener Gassen; der Umstand, daß Jellinek Jude war, kann doch das sozialistische Wien nicht abhalten, endlich diesem Märtyrer durch ein© Gassenbenennung das verdiente Sühnedenkmal zu setzen. Ich weiß, daß viele unserer Besten die Zurücksetzung Hermann Jellineks schmerzlich empfinden und würde mich freuen, wenn meine bescheidene Stimme von autoritativer Seite Unterstützung fände, dem Stadtsenat diese Anregung zn geben. Israelitischer Lehrer erteilt gegen ganz mäßiges Honorar oder gegen Mittagstisch Unterricht in Religion, Latein und Griechisch. Zuschriften an R. R o s e n. Privatlehrer. 20. Bezirk, Denisgasse 37, 2. Stock, Tür 21. Wie Kann man Geld ersparen? Indem man aus altfem Krawatten neue machen läßt Fleckige oder beschädigte werden gereinigt eventuell gewendet Haltbarste Fagon Preis pro Krawatte S 1.— HRAWATTEN-KUNIK GRÜhV IL, TaborstraBe 76 a. IL Stiege, II. Stock, Tür 22 TELEPHON R 41 5-69 Abholung und Zustellung von 5 Stück aufwärts gratis. t( Veröffent/icffungen der „Union" Die Bezirksorganisaiion Leopoldstadt der „Union hielt Mittwoch, den 11. d. M. im Wintergarten de« Hotel Continental ihre diesjährige Mitglieder- Vollversammlung ab. Schon das äußere Bild dieser Versammlung, die unter dem Vorsitz des rührigen Obmannes dieser Bezirksorganisation Herrn Direktor Gustav Kolmin stattfand, kennzeichnete sie als einen Höhepunkt in der stattlichen Reihe der so beliebten Veranstaltungen dieser Ortsgruppe, aber auch als einen erfreuliche» Ausgangspunkt für die so verheißungsvoll einsetzende Winterkampagne. Der Obmann konnte mit Genugtuung die überaus große Schar der Erschienenen begrüßen, insbesondere die zahlreick vertretenen Mitglieder des Zentralvorstandes der „Union" mit dem Präsidenten Dr. Jakob Ornstein und den Vizepräsidenten Dr. J. Tic ho und Dr. K. Steiner an der Spitze, ferner die Herren Kultusvorsteher Medizinalrat Doktor J. Deutsch, Obermedizinalrat Dr. H. H a a s e, E. Hof mann, Kommerzialrat M. Leitner und Kommerzialrat M. R e i f. Weiters hieß er die Vertreter und Vertreterinnen vieler befreundeter Vereinigungen, die Damen des Union-Frauenklubs und die Herren .Professoren Dr. C. Baumgarten Dr. J. Gold berger, Dr. K. Kupfer und Dr. M. E. Proßnitz willkommen. Er gab schließlich seiner besonderen Freude darüber Ausdruck, daß die Jugend-Union in so stattlicher Anzahl erschienen war, um auf diese Weise de« innigen Kontakt zwischen ihr und der „Union", bzw. der Bezirksorganisation Leopoldstadt im besonderen zu bekunden. Unter sichtlicher Ergriffenheit der Versammlung, die sich von ihren Sitzen erhob, gedachte Dir. G. Kolmin hierauf in ehrenden Worten der in diesem Jahre verblichenen Ausschußmitglieder der Ortsgruppe, der Herren Vizepräsidenten Hofrat Ing. J. L ö w y, Chefredakteur Ludwig Hirschfeld und Baumeister Markus F r a n k 1. Er rühmte das Wesen und Wirken der Heimgegangenen und gab die Versicherung, daß die Bezirksorganisation ihnen allen ein treues Angedenken bewahren werde. Schriftführer Felix Wachsberger erstattete nun unter lebhafter Aufmerksamkeit der Versammlung den Tätigkeitsbericht der Ortsgruppe, dem wir schon deshalb im folgenden auszugsweise Raum geben, weil seine leitenden Gedanken vollkommen richtig die Situation charakterisieren, in der sich die Wiener Judenschaft im allgemeinen und die der Leopoldstadt im besonderen in unserer Zeit des anwachsenden Judenhasses befinden: „In einem politisch wie wirtschaftlich überaus bedrohlichen Zeitpunkte halten wir die diesjährige Vollversammlung unserer Bezirksorganisation ab. Die „Union1' wair sich zu allen Zeiten bewußt, welch hervorragende Rolle der Leopoldstadt als dem judenreichsten Bezirke Wiens zukommt Besonders aber in den letzten Jahren seit den Kultuswahlen hat sie einen großen Teil ihrer Tätigkeit in diesen Bezirk verlegt Denn er ist politisch und wirtschaftlich am allerstärksten gefährdet: politisch durch den Ansturm und die Angriffe unserer äußeren Feinde, der Antisemiten, deren Angriffsziel immer wieder die Juden der Leopoldstadt bilden, wenigstens bisher bildeten, obwohl oder vielleicht gerade deshalb, weil in diesem Bezirke nicht die reichsten, sondern die wirtschaftlich schwächsten Juden zu Hause sind. Aber auch unsere innerpolitischen Gegner, die nationaljüdischen Zionisten, entfalten begreiflicherweise gerade in diesem Bezirke ihre Propaganda, insbesondere unter den jugendlichen Elementen. Daß dieser unser Bezirk in wirtschaftlicher Beziehung den allergrößten Gefährdungen ausgesetzt ist das erleben wir gerade in diesen Tagen, da unter der Einwirkung der chaotischen wirtschaftlichen Zustände die Judenschaft dieses Bezirkes am allerschwersten zu leiden hat. So ist es denn begreiflich, daß die „Union" sich seit Jahr und Tag bemüht hat »■ der Leopoldstadt wieder festen Fuß zu fassen, ihre Organisation auszubauen und das Solidaritätsgefühl unter der Leopoldstädter Judenschaft zu stärken, denn in dieser Solidarität allein liegt die Gewähr dafür, daß wir in der Zukunft, wenn notwendig. Imstande sein wer-

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