Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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iME WAHRHEIT S«tt* ä j*- Die bestEn Hurstu. Selchwaren! Petyän&C9 XX.,Klosterneuburg«rstr.60 Telephon A 43-1-59 Streng ortb. 12D Eigene Verkaufsstellen: II., Praterstr. 38. Telephon R40-8 12 XX.Dammplatz6,XX,Wallensteinatr.45 Ansonsten in allen Bezirken Wiens und größeren Provinxsiädten in den durch unsere Tatel gekennzeichneten l.ädcn. jy Bitte verlangen Sie aei lh<-em Kaufmann nurunaer-Ware! am "Firmament zeigt sich kein glückverheißendes Anzeichen iür die Opposition. Wohin nun mit der aufgespeicherter. Energie, wohin mit all den öligen Phrasen, die mau seit Jahren in den Aether hinaussendet? Konnte man die Regierung nicht im Sturm erobern, ist der große Anlauf nicht gelungen — dann schreitet man eben zum Kleinkrieg. Dem Feinde durch kleine Angriffe das Leben sauer machen, durch Ausfälle an ungeschützten Stellen seine Kraft lähmen, das muß die Stelle des großen Wurfes, der kühnen Strategie vertreten. Oenai: wie im Stellungskriege . . . Wie wunderbar, wie vorteilhaft fügen sieh nun Ueberiälie auf Juden in das ganze Bild der jammervollen Trostlosigkeit! Keine Künstlerhand hätte es je schöner entwerfen, kein geschickter Regisseur es besser ausstatten können. Also: erstens werden der verhaßten Regierung Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten bereitet, sie muß überall eingreifen. Zweitens wird sie vor dem „Volke" diskreditiert, wenn sie ihrer Rolle als Judenschützerin treubleiben will, bleibt sie jedoch neutral, dann hat die Opposition gesiegt, weil sie „Terrain" gewinnt . . Drittens erfährt das ganze „Volk" mit einmal, wo der verdammenswerteste Feind, der an allem schuld, zu suchen ist, und sieht mit Entsetzen, daß die Regierung diesen Feind, den Juden, schützt. Viertens aber: der Jude wird gehaut und das ist sicher gut. Alles n allem genommen: Es geht nach dem Schnürchen . . . Vorwände? Wie naiv? Als ob man darnach suchen müßte! Es gibt deren genug. Erstens einmal die t r a u r i g berühmte Frage jüdischer Leichname. Die Juden liefern keine Toten für die anatomische Abteilung, man muß also jüdischen Studierenden christliche Leichen vorsetzen. Das ist... jüdisches Privilegium. Wie rührend ist doch die Sehnsucht nach toten Juden! Die jüdische Oeffentlichkeit steht in dieser Frage auf den richtigen Standpunkt, daß einzig die gesetzliche Regelung da Wandel schaffen kann. Es müßte nämlich auf legislativem Wege festgesetzt werden, daß die Kultus-, bzw. Friedhofsvcrwaltungen eine gewisse Anzahl von Leichen für anatomische Zwecke zu Kefern haben. Solange dies nicht geschehen ist. besteht die hellen Tage des Radio und der Lufteroberung das Leben verbittert! Allerdings: auch die Regierung ist nicht von Schuld freizusprechen. Die Mai-Regierungen haben, wie erwähnt, manches Positive geleistet. Die Entgiftung der Atmosphäre, die Befreiung des öffentlichen Lebens vom Miasma des wilden, zoologischen Antisemitismus, dann eine reinere Verwaltung, eine gewissenhaftere Handhabung der Staatsgeschäfte, das alles hat die neue Aera erreicht. Aber sie ist dabei stehengeblieben. Es ist ihr nicht gelungen, ihren Prinzipien bis zur letzten Konsequenz zum Durchbruch zu verhelfen. Auch hier ist der Judenpunkt die Achilles-Ferse des Systems geblieben. Offenbar gebrach es den Männern an Mut. auch auf diesem Gebiete gegen das Hergebrachte zu kämpfen. Wie gesagt: es ist eine trauriginteressante Erscheinung, daß der Judenpunkt geradezu ein Kriterium für Demokratie und Fortschritt bei jeder politischen Körperschaft ist Willst du wissen, wieviel Wahrheit in den Aushängeschildern und Reklameplakaten einer Partei liegt — dann betrachte ihre praktische Behandlung der Juden, Beim Judenpunkt muß man Farbe bekennen. Am Judenpunkt werden sie alle zuschanden. Als die Unruhen begannen, waren Hochschulverwaltungen und Polizei ziemlich passiv. Es dauerte lange, iür die betroffenen Juden besonders lange, bis sie sich rührten. Erst mußte die Verwilderung große Dimensionen annehmen, der Schauplatz der Kämpfe mußte in Volksgärten und auf die Straßen verlegt, der Skandal ein großer, ungeheurer werden, bis die regierenden Kreise.einsahen, daß man wohl die Juden schlägt, aber die Regierung, das herrschende System meint. Erst als eine Reihe von Verletzungen, davon manche sehr schwere, den Ernst der Lage kennzeichneten, erst als Todesnachrichten die Luft durchschwirrten und auch der rauf- und raublustige Mob bei den „Kulturtaten" der akademischen „Blüte der Nation" mitzutun sich anschickte — erst dann entschloß man sich, die Passivität aufzugeben und mit Energie Ordnung zu schaffen. Die Einstellung des Betriebes an den Hochschulen, das Reinemachen seitens der Polizei und die entschlossene Haltung der Regierung —, das alles hat gewirkt. Im Momente, wo diese Zeilen geschrieben werden, werden aus Krakau, Lemberg und Posen, der Hochburg des Antisemitismus, wohl noch Demonstrationen gemeldet, aber die große Flut ist verebbt, der s-roße Skandal im Abklingen. Da Einzelheiten den Lesern aus der Tagespresse und auch aus Berichten dieses Blattes bekannt sind, halten wir eine detaillierte Darstellung der Ereignisse für überflüssig. Wir wollten nur zeigen, daß es kommen mußte, wie es kam. Gleichwohl können wir uns nicht versagen, an dieser Stelle einer überaus charakteristischen Einzelheit Raum zu geben. In Warschau besteht seit Jahren eine Technische Mittelschule, gestiftet und bis heute erhalten von der einst in Warschau berühmt gewesenen Industrie- und Bankiersfamilie Wawelberg. Auch in dieser Schule, die nunmehr auf einige hundert Christen Ischias, tthenma, tittht Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-» Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, flehten-, Koblens&urebäder, Diathermie, Heifilnft, Höhensonne Paraffinntfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8 - ft Uhr HellanstfaM ..Ihermla" I., Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer die altera pars nun tat, was die Endeken und die anderen Parteien, die die Regierung bekämpfen, steht die Regierung mit blankem Schild glänzend und tadellos da. Blicken wir auf die Oppositionsparteien, dann kommt uns das entsetzliche Schauspiel der letzten Tage wie ein kleiner Ausschnitt aus ihrer Welt vor, wie ein Mikrokosmos, der zeigt, was sie wohl in ihrer großen Welt haben müssen. Oder wie_ein Schaufenster, das nur einen Bruchteil jener Waren zeigt, die die Geschäftsinhaber besitzen. Seht her: das ist das Schaufenster und stellt euch vor, was sie euch bieten würden, wenn es ihnen gegeben wäre, ihre Schätze ganz zu öffnen, ihre Macht x a n z zu entfalten . . . Und noch eine Lehre, womöglich trauriger als die vorige: Der Amboß beneidet stets den Hammer. Stets dünkts ihm: fein wär's, wenn auch ich mal Hammer sein könnte, dann möchte ich hauen aus Herzenslust . . . Nun. die Laune der Geschichte und die Gnade der Opposition haben uns jetzt zum Hammer gemacht, zum Hammer, der die Regierung hauen soll. Fühlen wir un> etwa wohler dabei? Behagt uns die Rolle? Die Moral von der Geschichte: Ob Hammer oder Amboß, ob du geschlagen wirst oder schlägst, immer ist dein Los bejammernswert. Denn dort, wo du schlagen sollst, bist du es erst recht, der die Schläge abbekommt, du. der Jude . . . Wohin der Blick auch fallen mag, Trostlosigkeit. Ungemach. Das ist das Los der Juden in Polen. Lemberg, im November 1931. (). P r e in i n g e r. Ofe Juden loyale Staatsbürger. „üazeta Polska", das Organ der polnischen Regierung, nimmt in ungewöhnlich scharfer Form Stellung gegen den Studenten-Antisemitismus in Polen und schreibt, wenn die Regierung die angegriffenen jü- Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt kein Zwang und nur Bosheit kann dem jüdischen Studenten einen Strick daraus drehen. Aber die antisemitische Hetzpropaganda stößt unausgesetzt in dieses Horn, als ob die Leichenfrage wirklich das Alpha und Omega des Antagonismus wäre. Und dann: Juristen, Philosophen, Techniker usw. arbeiten doch nicht an Leichen. Was hat man gegen sie? Gemach. Es wurde auch dafür gesorgt. Ein weiterer Vorwand: di-' Juden bilden 40 Prozent (!) der Intelligenz, die das öffentliche Leben Polens lenkt, und dem muß abgeholfen werden. Wie fadenscheinig, wie armselig und durchsichtig dieses Argument ist. erhellt aus der allbekannten Tatsache: ein Jude, und mag er noch so tüchtig sein und noch so gute Zeugnisse mitbringen, ja mag er auch der militärischen Dienstpflicht entsprochen nnd den polnischen Krieg mitgemacht haben, bekommt keine Stelle im Staats- oder kommunalen Dienste. Es wird weder nach Fähigkeiten noch nach moralischen Qualifikationen gefragt. Taufschein ist Trumpf. Man kann da das bekannte Wort des Evangeliums variieren: eher kommt ein Elefant durchs Nadelöhr, als ...ein Jude in deii polnischen Staatsdienst. Von privaten wirtschaftlichen Institutionen, die nicht ausschließliches Eigentum von Juden sind, schon gar nicht zu reden. Es ist weiter bekannt, daß an den polnischen Hochschulen der Numerus clausus mit äußerster Strenge gehandhabt wird. Besonders an der medizinischen Fakultät wurden heuer weniger Juden aufgenommen, als selbst der Numerus clausus gestattet. (In Lemberg z. B. wurde bloß sechs Juden gegen zwanzig im Vorjahre das Studium der Heilkunde gestattet.) Aber all das hindert die Drahtzieher nicht, das „große" Werk zu inszenieren. Es gibt keine Logik, keine Raison. Der Phrase Alimacht nur beherrscht die Gemüter. Jemand muß doch um Gottes Willen schuld sein. Und was in aller Welt liegt näher, als der alte Sündenbock, der an allem schuld sein muß! In der Anekdote fragt der Lehrer während der Geographiestunde, wer schuld daran ist, daß Island das ganze Jahr hindurch vereist ist, und die ganze Klasse antwortet unisono: „darr Jud!" Wir haben über diese Anekdote einmal herzlich gelacht. Nun vergeht uns das Lachen. Es ist leider keine Anekdote, sondern eine Unverschämtheit, die uns seit den Zeiten des finstersten Mittelalters bis in kaum 2—3 Dutzend Juden zählt, wurden fast sämtliche Juden verprügelt und verwundet. Und nun kommt der traurig-beschämende Grund für dieses merkwürdige Verhältnis der Schülerzahl: die Familie Wawelberg gehört bis auf geringe Ausnahmen nicht mehrdem Judentum an . . . Wir haben oben gezeigt, daß die Regierung nicht ganz schuldlos ist. Aber die Gerechtigkeit zwingt zu einer Feststellung: Hat auch die Regierung ihr vcllgerüttelt Maß an Schuld, daran gemessen, was (.tischen Studenten schützt, so tut sie dies im Staatsinteresse. Wir wünschen, schreibt die Zeitung, daß die polnischen Juden sich nicht nur sicher, sondern auch wohl fühlen sollen. Wir wünschen, daß die Juden loyale Staatsbürger sind, und es freut uns wirklich zu sehen, daß die jüdischen Massen sich immer mehr mit dem polnischen Staat verbunden fühlen. Das Urteil im Helldorf-Prozeß. Nunmehr ist auch der Prozeß gegen die Rädelsführer der Berliner Kurfürstendamm-Ausschreitungen vom 12. September nach zwei Verhandlungswochen zu Ende gegangen. Er unterschied sich von seinem Vorgänger, dem von uns seinerzeit ausführlich besprochenen Schnellgerichtsverfahren gegen 33 Tumultuanten, in wesentlichen Punkten. Als stärkster Eindruck bleibt der, daß die Verführten damals viel schwerere Strafen bekommen haben als jetzt die Führer. Man muß sich über die moralische Verfassung von „Führern" seine Gedanken machen, denen es an Mut mangelt, vor Gericht für ihre und ihrer Untergebenen Taten einzustehen. Denn daß die Helldorf, Ernst. Brandt usw. so unschuldig sind, wie sie ihre Freunde und Anwälte in dem Gerichtssaal darstellten, das glaubte ihnen jetzt dieses Gericht, aber sonst wohl niemand. Der Prozeß begann damit, daß Landgerichtsdirektor Dr. Schmitz wegen Befangenheit abgelehnt und durch Landgerichtsdirektor Doktor Brennhausen als Vorsitzenden ersetzt wurde. Diesem Gericht konnten die S. A.-Führer Märchen von der herrlichen Diszipliniertheit und der Harmlosigkeit ihrer Leute erzählen. Ihm konnten sie, um einen vom Vorsitzenden ungerügten Kraftausdruck, des „zahmsten" der nationalsozialistischen Anwälte zu gebrauchen, „Latrinenparolen" auftischen. Fast nie wurden die offen im Gerichtssaal zur Schau getragenen Hakenkreuzabzeichen, nicht die Handküsse, die die verhafteten Angeklagten mit allerlei nationalsozialistischer Weiblichkeit im Zuschauerraum austauschten, bemerkt, nicht die hämische Kritik, die laut und deutlich im Zuschauerraum an dem Auftreten des Staatsanwalts und der Belastungszeugen geübt wurde, nicht die ungeheuerliche Beschimpfung des preußischen Innenministers, die sich einer der nationalsozialistischen „Reclits"-Anwälte in einer Erklärung leistete, nicht die dauernde Beleidigung der Staatsanwaltschaft durch den gleichen nationalsozialistischen Verteidiger, nicht dessen versteckte Aufforderung zu neuen Gewalttätigkeiten gehört und gerügt. Neue Einzelheiten brachte der Prozeß nur in geringem Umfange. Interessant waren nur die Aussage des Sturmadjutanlen C o s m o 11. wonach seine Leute an jenem Abend auf den Kurfürstendatnm gegangen waren, „u itt .i n d e n /. u v e rdreschen und zu vertrimmen", die Bekundung des Standartenführers K n ü p p e I, eines Kurpfuschers im Zivilberuf, der schon nachmittags um 6 Uhr wußte und es der S. A.-Überführung mitteilte, daß es am Abend am Kurfürstendamm eine „knorke Sache" jreben würde, die Aus-