Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 47 (20.11.1931)
- Date
- 1931-11-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHCTI Wilna aus. Auch in Polen herrscht furchtbare Not und Elend, auch dort schreien die Volksmassen nach Brot — aber die nationalistischen Maulhelden sind brotgesättigt, ihnen fehlen nur die Spiele — und da ist der Hexentanz losgegangen ... In Krakau und Warschau sind die Üniversitütsbehörden mit großer Energie eingeschritten, die Hochschulen wurden geschlossen und den Schuldigen die strengsten Strafen angedroht. Im polnischen Sejm fand der Unterrichtsminister scharfe Worte der Verurteilung •■«■•■■•«•■■•MMWMlItMMHMMHWUMMiHMiMMWMiMmitlMIll Zwei Ereignisse sind es. die in der letzte« Zeit die Aufmerksamkeit des Inlandes und weiter Kreise des Auslandes in Anspruch nehmen: der Prozeß gegen die oppositionellen Abgeordneten (der „Brest-Prozeß" genannt, weil die Beschuldigten ihre Untersuchungshaft in dem seiner harten Ordnung wegen bekannten Militärgefängnis in Brest verbrachten) und die Unruhen an den polnischen Hochschulen. Vor Besprechung des die Leser dieser Blätter interessierenden liochschulantisemitismus wollen wir einen kurzen Rückblick auf die innerpolitischen Verhältnisse werfen und dadurch dartun. daß beide Ereignisse in der parteipolitischen Konstellation ihre Begründung finden und auf einen gemeinsamen Nenner zu vereinigen sind. Die seit Mai 1926 am Ruder stehenden P i 1 s u d s'k i- Regierungen (allgemein „Mai-Regierungen" genannt) haben dem Lande manches Gute gebracht. Das Ansehen des Landes ist im Auslande gestiegen und die Friedensbereitschaft Polens wird von der Welt anerkannt. Diese Lorbeeren der Mai-Regierungen lassen hihi die Opposition nicht ruhen. Pilsudski. die allmächtige Person im Staate oder, wie ihn die Politiker euphemistisch nennen, der „entscheidende Faktor", hat gleich nach Uebernahme der Macht mit rauher Hand die Sozialisten aus seiner Umgebung beseitigt und eine scharfe Schwenkung nach rechts vorgenommen. Zu seinen früheren, man darf wohl so sagen, natürlichen Gegnern, den antisemitischen, klerikalen und extremnationalistischen Parteien, die den Verlust der Macht nicht verschmerzen konnten, gesellten sich nun auch die Sozialisten und vereinigten sich mit jenen Parteien zu einer gemeinsamen Front. Das einzige Programm der Front ist ein Negativum: gegen Pilsudski. Bekämpfung alles dessen, was die Regierung unternimmt, und weitestgehende Diskreditierung der Regierung im Inlande. Nun scheint Pilsudski zu den Naturen zu gehören, die durch Widerstände gereizt erst recht konscauent gegen die Exzedenten — in Wien aber spricht der Rektor der Alma mater den Radauhelden den Dank für ihr Verhalten aus — und der Unterrichtsminister verspricht ihnen die Erlassung eines „Studentenrechtes" . . . Das in Krakau undWarschau, in Wilna und Lemberg vergossene jüdische Blut schreit zum Himmel; die „Studentenrechts"-Groteske in Wien löst Kopfschütteln und Empörung aus; die Welt ist scheinbar aus den Fugen geraten — her mit Wagner-Jauregg! Dr. K. Taub. bleiben und mit eiserner Uncrschütterlichkeit auf der einmal betretenen Bahn fortfahren. Das bewies er oft und oft. Daß er die Sozialisten zu den reaktionären Parteien trieb und sie zwang, mit Endeken und anderen Elementen des Rückschrittes eine gemeinsame Plattform zu suchen (das „Linkszentrum"), kann schon deshalb als glücklicher Scliachzug betrachtet werden, weil er so den Sozialisten den Wind aus den Segeln nahm und sie um den größten Teil ihrer populären Losungen brachte, also vollkommen diskreditierte. In der Tat: die Stellung der Sozialisten in Polen ist seit den Tagen des „Umfalls" ihres ehemaligen Genossen Pilsudski keine beneidenswerte. Gerade das „Grandiose", das darin bestehen sollte, daß alle Parteien der „Ordnung" gegen Pilsudski sind, gerade das Heterogene, das Buntscheckige dieser Opposition kompromittierte sie vor der denkenden Oeffentlichkeit Solche Gegensätze konnten sich nicht anziehen. Eine Unverträglichkeit der Elemente, die kein Hexenspruch vereinigen, kein Alchimist je zusammenzubrauen vermochte. Das tiefste Schwarz und das grellste Rot gingen, von den Wellen gemeinsamen Hasses getrieben, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, mit verhaltenem Grimm und verbissenem Fluch gegen den Bettgenossen, in die Laube . . - Die Regierung Pilsudski hat durch ihre Antipathie gegen die Volksvertretung, durch die mehr oder minder permanente Ausschaltung des Sejm bei der Opposition eine ständig steigende Erregung hervorgerufen, sie wurde der Diktatur, des Absolutismus beschuldigt und ihren Kulminationspunkt erreichte diese Erregung in jenen denkwürdigen Septembertagen anno 1930, wo in Krakau der Kongreß der vereinigten Opposition tagte, jener Kongreß, der mit so viel Tamtam einberufen wurde und dem eine so glänzende Reklame voranging, daß die regierenden Kreise beschlossen, die sich vorbereitende Erh-jbung im Keime zu ersticken. „Es kreißten die Berge und gebaren eine Maus." Dem Lande, dem öffentlichen Wohle brachte der Kongreß keinen Erfolg, dafür aber steigerte er den Antagonismus bis zur Unversöhnlichkeit. Die Regierung handelte E PERSERTEPPICHE : waren noch nie so billig wie jetzt a I II IgmiSS. SCHEIN A.G. I nur I-, Bauernmarkt 1244 iKeine Filiale in Wien) * | OrfifitAs Lager Wiens in Banyai-Knfipfern | tum energisch. Die Einberufer wurden verhaftet, nach Brest überführt, erst nach mehreren Monaten auf freiem Fuß gesetzt; inzwischen fanden Neuwahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften statt, die der Regierung einen ungeahnten Sieg brachten, so daß die Opposition in Sejm und Senat zu einer ohnmächtigen und einflußlosen Minderheit hinabsank. In Warschau findet gegenwärtig die Hauptverhandlung gegen elf Einberufer des Krakauer Kongresses statt. Der Prozeß ist reich an Sensationen, politischen Emotionen. Es ist der Epilog jener Septembertage. Sö weit die politischen Voraussetzungen der Warschauer Hauptverliandlung. Sieht man vom Abgeordneten L iie b c r m a n ti, einer der markantesten Persönlichkeiten auf der Anklagebank, ab, so ist dieser Prozeß ganz judenrein (bis auf die Groteske, daß die Anklage Liebermanii, zum ersten Male in seinem Leben, H e r s c h vel Hermann nennt, um ihn als Juden hinzustellen); es treten da keine Juden als Juden auf, noch werden jüdische Probleme erörtert. Es mag also scheinen, daß die Juden dabei ungeschoren bleiben sollten. Wie oft, trügt auch hier der Schein. Sprechen wir einmal über den Judenpunkt Was ist er? Eine der heikelsten, verwundbarsten, wehleidigsten Stellen an jedem politischen Organismus. Hier und anderswo. (Wenn eine Analogie gestattet ist. mag daran erinnert werden, daß die österreichischen Sozialdemokraten es seinerzeit für nötig hielten, sich gegen den Verdacht, eine Judenschutztruppe zu sein, zu schützen.) Der Verdacht, Judensöldling zu sein, hat so manche Regierungspersönlichkeit, so manche herrschende Partei aus dem Gleichgewicht gebracht und zum Frontwechsel veranlaßt. Der Judenpunkt besitzt aber noch einen schätzenswerten Vorteil: er ist als Ventil, als Blitzableiter für Volkszorn, für elementaren Ausbruch von angehäuften Leidenschaften mit ausgezeichnetem Erfolg zu verwenden. Tausendfach bewährt. Von Autoritäten und Praktikern bestens empfohlen. Versagen ausgeschlossen' Betrachten wir nun die Ereignisse der letzten Zeit. Nach vergeblichen Versuchen sieht sich die Opposition dort, wo sie vor Jahren war. Keine Aussicht, die Lage zu ändern oder auch nur den Gegner mürbe zu machen. Die Macht der Regierung ungebrochen, der Elan frisch, Brief aus Polen. Brest-Prozeß und Hochschulexzesse. Feuilleton Friedmann & Co. Originalbericht von Job Paäl. Semmering, Mitte November 1931. (Copyright) In internationalen Hotels hat der Journalist immer die Möglichkeit, interessante Menschen kennen zu lernen. Hier, am Semmering habe ich beim 5-Uhr-Tee des Südbahnhotels zwei Diplomaten aus dem exotischen Paraguay, die Herren Carlos Vasconrellos und Franz Hirsch kennen gelernt Sie vertreten ihr Land in Wien. Herr Vasconrellos ist Legationssekretär und Herr Hirsch Generalkonsul auf der paraguayischen Gesandtschaft in Oesterreich. Herr Generalkonsul Hirsch kam gerade aus Südamerika, er hatte eine besondere Mission gehabt: Zwei Monate hindurch war er Begleitperson des österreichischen Ministers a. D. Andreas T h a 1 e r auf dessen Studienreise durch Paraguay. Minister Thaler, der bekanntlich auch eine führende Persönlichkeit bei der christlichsozialen Partei ist, will mit 2000 Landwirten aus Tirol am Ufer des Flusses Parana in Paraguay eine Kolonie gründen. Der Gedanke stammt eigentlich vom Herrn Generalkonsul Hirsch und ist in agrarischen Kreisen sehr populär. Das Interesse der gesamten agrarischen Welt begleitete Minister Thaler auf seiner Studienreise durch Südamerika und in den Spalten der Zeitungen erscheinen jetzt lange ausführliche Artikel über das fast unbekannte Land, wo die österreichischen Auswanderer eine neue Heimat bekommen sollen. Die zwei Diplomaten erzählten mir sehr interessante Details über die Pläne des Ministers und während des Gespräches sagte Herr Generalkonsul Hirsch nur so en passant: „. . . Minister Thalerbesuchte aucli die modernen Fabriken des Jakob Friedraann, die Industriestadt, wo mehrere tausend Arbeiter tätig sind, und die drei Söhne des Jakob Friedmann standen mit großer Liebenswürdigkeit zu Diensten des österreichischen Ministers . . ." Der Name Jakob Friedmann war mir verdächtig. Ich war mir sofort darüber im klaren, daß der Träger dieses Namens kaum mit dem Minister Thaler in einem christlichsozialen Klublokal in Wien seinen Mokka trinken könnte. Ich halte es auch für unwahrscheinlich, daß die Urahnen des Herrn Friedmann Infanten in Spanien oder Landwirte in Tirol gewesen sein könnten, und ich habe mich selbstredend für die Geschichte dieses Mannes interessiert. Und bei den Klängen der Jazz des Südbahnliotels tauchten vor mir die Konturen einer mächtigen Karriere auf. Diese Geschichte ist wie ein Roman: Jakob Friedmann pachtete vor 25 Jahren die Güter des Grafen Semsey in Ungarn. Er ging zugrunde. Hatte nur soviel Geld, daß er mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Südamerika auswandern konnte. Die ersten Stationen waren: Buenos Aires und Rio de Janeiro, hier hatte Jakob Friedmann aber nicht viel Glück. Mit seiner Familie wanderte er nördlich des Flusses La Plata, nach Paraguay. Die Welt wußte damals von diesem Lande noch sehr wenig, auch heute sind unsere Kenntnisse über Paraguay ja noch sehr bescheiden. Jakob Friedmann kaufte sich eine Farm, irgendwo in der Umgebung des Flusses Parana. Hier standen noch mächtige Urwälder und wilde Tiere heulten in dunkler Nacht. Aber die Erde lohnte durch reiche Ernte den Fleiß des Menschen. Vier Pflöcke in die Erde geschlagen und mit trockenem Heu gedeckt, das war das erste Heim der Familie Friedmann. Im ersten Jahre gelang es ihnen, aus dem wilden Urwalde das herauszubringen, was für das tägliche Brot notwendig war, im zweiten Jahre arbeiteten schon einige Guarranis auf den Feldern und es wurde Zuckerrohr geerntet. Dann entstand ein weiß gestrichenes Häuschen neben der Hütte und das Zuckerrohr wurde schon mit Pferden in den Hafen gebracht. Eines Tages baute man schon einen hohen Kamin auf eines der Gebäude und Jakob Friedmann fabrizierte Zucker aus dem Rohr. Es kamen immer mehr und mehr Arbeiter in die Kolonie und unmerklich war in der Umgebung der kleinen Hütte eine Stadt entstanden. Heute deckt die Fa. Friedmann & Co. den gesamten Bedarf von Paraguay und ein großer Teil der Produktion wird exportiert. Das Grundkapital ist offiziell auf 30 Millionen Dollar bewertet. Der alte Friedmann starb vor einem Jahre, die Trauer des ganzen Landes begleitete ihn zu Grabe. Er ruht in dem jüdischen Friedhofe in Villa Ricca. Seine Unternehmungen werden durch seine drei Söhne weitergeleitet. Sie empfingen auch den Minister T h a l e r in Villa Ricca, standen ihm in jeder Hinsicht mit der größten Liebenswürdigkeit zur Verfügung. Minister Thaler besichtigte die Industrieunternehmungen der Fa. Friedmann & Co. ebenso genau, wie die Farmanlagen der Firma und man sagt, zu seinem Entschlüsse, die geplante Kolonie in Paraguay zu errichten hat der Umstand beigetragen, daß die Friedmanns gezeigt haben, wie man dort weiterkommen kann, wo sich noch vor kurzer Zeit die mächtigen Urwälder ausgedehnt haben. In dem Parlament in Assuncion — dies ist die Hauptstadt von Paraguay — liegt ein Gesetzentwurf der Regierung. Wenn dieser Entwurf zu Gesetz geworden ist, so ist die Einfuhr von Benzin nach Paraguay verboten. Die Autos dieses exotischen Landes laufen bereits mit dem Betriebsstoff, den die B r üder Friedmann erfunden haben. Dieser Betriebsstoff wird aus Zuckerrohr hergestellt. Die neue Erfindung bedeutet eine Revolution auf dem Gebiete der Autoindustrie. Und in der Umgebung der Stadt Villa Ricca werden fast täglich neue Fabriken und Arbeitshäuser errichtet. Das Wort „Arbeitslosigkeit" ist in Paraguay unbekannt. Daß es so ist, ist ein großes Verdienst des Jakob Friedmann und seiner drei Söhne...