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Die Wahrheit · 1931-11-20 · Heft 47 (20.11.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 47 (20.11.1931)
Date
1931-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen I Die tßahrhei Erscheint jeden Freitag immWUmBUW mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Ämtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien Miumiiuiiiiiüi» Redaktion und Administration: Wien 51., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16—Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 XLV1I. Jahrgang Wien, 20. November 1931 Nummer 47 Panem et circenses! Die Hochschulkrawalle in Wien und in Polen. i 50 kompl. Shi-AnsrQstung An den Toren Wiens und Oesterreichs pocht die Not und der Hunger. Die Wirtschaftskrise nimmt erschreckende Dimensionen an, die Arbeitslosigkeit steigt, Hunderttausende nagen am Hungertuch, die Gefahr weiterer Stillegungen von gewerblichen und industriellen Unternehmungen mit all ihren Auswirkungen rückt immer näher heran, alteingesessene Firmen sehen sich genötigt, vor aller Welt zu verkünden: „Wir können nicht weiter!" Die Regierung ist gezwungen, Sparmaßnahmen auf Sparmaßnahmen zu treffen. Abermals sollen tausende und abertausende von öffentlichen Angestellten abgebaut werden. Der so sehnsüchtig erwartete Kredit wurde „vertagt" und wieder residiert ein „Völkerbundberater" in Wien mit der Aufgabe, den Brotkorb immer höher zu ziehen. Ratlos stehen die maßgebenden Faktoren diesen Erscheinungen, fast hilflos dem drohenden schweren Winter gegenüber. Aufrufe für Hilfsaktionen werden erlassen, öffentliche Sammlungen veranstaltet, Volksausspeisungen, Wärmestuben und Tagesasyle sollen die Allerärmsten vor dem Allerschlimmsten bewahren — der Ruf nach Brot ertönt in allen Gassen! . . . Aber nein, nicht nur der Ruf nach Brot! Das altrömische „Panem et circenses!" läßt sich wieder vernehmen. Wir brauchen nicht nur Brot, sondern auch Spiele, Volksbelustigungen! Allerdings, Brot für die Armen, aber Spiele für die Sorglosen, denen in diesen schweren Tagen nichts mehr zum Glück fehlt, als ein „Studentenrecht auf rassenmäßiger Grundlage!" Und es finden sich akademische Behörden, die diese „Sorge" teilen, und es findet sich ein leibhaftiger Minister, der gerade jetzt nichts besseres zu tun hat, als von der Parlamentstribüne zu verkünden, daß dem Rufe nach dem „Studentenrecht" Erfüllung zuteil werden wird, und es findet sich ein Rektor, der nationalsozialistischen Radaubrüdern den „Dank" für ihr musterhaftes Verhalten ausspricht und den Bock zum Gärtner macht, indem er diese Krawallmacher mit dem „Ordnerdienst" in der Wiener Universität betraut . . . Bald könnten wir das groteske Schauspiel erleben, daß das Braunhemd zum Amtskleid, der Hahnenschwanzhut zur Amtskappe und das Hakenkreuz zum staatlichen Wappen avancieren; bald könnte der schlichte Bürger wegen „Amtsehrenbeleidigung" zur Verantwortung gezogen werden, der einem dieser „amtlichen Organe" den geziemenden Gehorsam verweigert oder einem Radaubruder den Respekt versagt . . . Leben wir in einem Irrenhaus? Hat die Not unsere maßgebenden Faktoren aller Vernunft beraubt? Hatte vielleicht jener Spaßvogel nicht unrecht, der vor Jahresfrist, als die Kandidatenfrage für die Bundespräsidentschaft in Oesterreich auftauchte, den Vorschlag machte, man möge den Professor — Wagner-Jauregg für diese Würde erküren? Als ein exzentrischer amerikanischer Millionär einmal einem Konzert der seinerzeit berühmten Sängerin Adelina Patti beiwohnte, machte er das Angebot, ihre Kehle um .einen sehr hohen Preis zu kaufen, um diese durch Fachmänner untersuchen zu lassen und herausfinden zu können, woher diese göttlichen Töne kommen. Heute müßte sich ein gleichgearteter Mäzen finden, der das Gehirn gar mancher der österreichischen „maßgebenden Faktoren" für den gleichen Zweck erwerben sollte. Ja, was geht in den Gehirnen dieser Menschen vor? i-nnMmmmti/, i BANDAGEN ALLER ART GUMMISTRÜMPFE, Gnmmilose Krampfaderastrümpfe, OUMM1WAREN, Gummischuhe, Watte, Verbandstoffe, Orthopäd. Bauchbinden, Umstandsbinden, Mieder nach Operation, Schlüpfer, Basenhalter, Bruchbänder mit and ohne Feder, Mieder, Monatsbinden, Baby-Waagen, Plattfußeinlagen. Alle Artikel zur Gesundheit«-. Krankenand Kinderpflege. Heißluftapparate, elektrische Heizkissen, Inhalationsapparate, Faradisationsappatate, Solnxlarapen, Höhensonnen, elektrische Kocher, Gummiwärmeflaschen, Zimmerklosette, Bidets, Luftkissen, Thermometer, Bettlehnen, Krücken und Krückstöcke, „Thermolit"-, Kamelhaar-Arm-, Puls-, Leib-, Rücken-, Union- Knie- und Fuß-Wärmer. Katzenfelle, Mitglieder Krankenfahrstühle, Rettungskasten, 10 Prozent Rabatt Asbest - Ofenschirme, Türschoner etc. „Celln"- BANDAGEN-M IKO LASCH TABORSTR. 22 TELEFON R 47-1-85 Haben sie denn gar kein Verständnis mehr für den Wahnwitz einer solchen Politik? Hat sie der nationale Eigendünkel so weit geblendet, daß sie jedes Gefühl und jedes Empfinden für den kategorischen Imperativ des Tages verloren haben? Nicht um die Frage des „Studentenrechtes" an und für sich geht es uns heute; nicht um das Problem, ob ein sogenanntes „Volksbürgerrecht" auf rassischer Grundlage juristisch und verwaltungstechnisch durchführbar sei. Darüber konnte es vielleicht noch Streit geben, solange nicht der höchste österreichische Gerichtshof sein Gutachten abgegeben hatte; heute ist das berüchtigte Gleispachsche „Studentenrecht" bereits eine res iudicata . . . Worum es geht, was die Empörung jedes Menschen mit gesundem Verstand auslösen muß, das ist der Umstand, daß w t gm Daamelb« für»'Kind S18-0O — — i S PO R TV ATT ER Oft IpplIngerstraB* Nr. Um%w Nur bei w bestehend aus: 1 Paar gute Eschenski, l Huitteld- Chromlcder-Bindung, l Paar Holtfeld-Baken. I Paar Fußbleche, l Paar Haselstöcke, 1 Paar Rohrteller, l Paar Lederschlauien, i Paar Scbnee brlllen,- l spannholz u. I Klotz, inklusive erst. Massiger Montage, alles zusammen S 2U-50 angeblich reife Männer auf verantwortungsvollen Posten gerade heutzutage noch Zeit und Muße für derlei Spielereien haben und kein Bedenken tragen, sich vor aller Welt dem Fluche der Lächerlichkeit preiszugeben . . . Im Zuge der Ersparungsmaßnahmen soll ja auch an den Pforten der Hochschulen nicht Halt gemacht werden. Da geht ein Wehklagen durch die Reihen aller „Kulturösterreicher": die Hochschulen, das ist ja unser letztes kulturelles Erbgut, sie bilden ja die Anziehungskraft für das Ausland, den Ruhm des kleinen Oesterreich . . . Nanu, nur gemach, nur keine Sorge — Fakultäten können aufgelassen, Katheder unbesetzt, Kliniken verwaist bleiben — das „Studentenrecht" wird's schon machen; die „Volksbürgerschaft auf rassenmäßiger Grundlage" wird eine Anziehungskraft bilden; das Braunhemd und das Hakenkreuz als „Ordnungssymbol", der Hahnenschwanz als Geßlerhut — juchhei, Oesterreich wird in aller Ewigkeit bestehen! Was schert uns Not, was schert uns Hunger, was schert uns Arbeitslosigkeit, was Elend und Verderben — wir haben ein höheres Verlangen: „Studentenrecht"! Mögen die Massen um Brot rufen, wir, „die einzigen Vollblutösterreicher", wollen unsere Spielereien haben! Mit dem „Studentenrecht" wollen wir der Welt imoonieren, mit der „Volksbürgerschaft auf rassenmäßiger Grundlage" das Vertrauen des Auslandes erwerben — nur rasch damit herbei, und wir werden Kredite bekommen, unsere Währung wird vor jeder Erschütterung bewahrt bleiben, Handel und Industrie werden blühen, der allgemeine Wohlstand sich heben, die Arbeitslosigkeit schwinden, jeder Oesterreicher wird sein Huhn im Topfe haben, alle Welt wird unsere „kulturellen Leistungen" bewundern — wir werden den Nabel der Erde bilden . . . Und sollte jemand die Keckheit aufbringen, daran zu zweifeln, dann ist er ein „Judenknecht", der niedergeschlagen werden muß .... * * * Um der Wahrheit die Ehre zu geben, diesmal war es nicht Wien, das das Stichwort ausgegeben hat. Mit dem Beginn des Herbstes, der trüben und schmutzigfeuchten Regentage, pflegte immer in Wien das Blut der unverfälschten Teutonen in Wallung zu geraten — diesmal ist von Polen her die Parole ausgegeben worden. In Lemberg begann der Krawall wegen der jüdischen Leichen und der Herbststurm löste das Echo in Krakau, Warschau und Mitglieder und Freunde der „Union übertragen Lebens- und Elementar- Versidiernnüen der Stadlisdien verctffienmgsanstatt

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