Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 46 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Dlg WAHRHEIT S«it» 5 Städtische Vcisichcmnasanstalt Direktion: Wien I., Tuchlauben Nr. S Telephon U 27-5^40 Alle Versieherunaszweiac Veranstaltungskaleader der „UNION" Dienstag, den 17. November, Uhr abends, veranstalten die Bezirksorganisation XXI der „Union" (Obmann Dr. Julius G r ü n \v a 1 d) und die Jugend-Union (Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden") im Cafe-Restaurant „Goldener Engel", XXL, Am Spitz 3, gemeinsam eine Werbe*Versammlunt|. Referenten: Dr. Ernst Feldsberg, „Der Nationalismus — die Gefahr unserer Tage". Siegfried Mauner, Obmannstellvertreter der Jugend-Union, „Die jüdische Jugend im Kampf gegen den Nationalismus". Gäste willkommen! Veranstaltungen Öerjugenö-Vnion Vergnügungssekfion Samstag, den 21. November, K-9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, I., Schwedenplatz, Große Akademie mit anschließendem Tanz. (Erstklassige Kunstkräfte, Jazzkapelle Hellerschmiedt.) Karten zum Vorverkaufspreis von S 1.— bei allen Leitungsmitgliedern und im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4. Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen! * Stellenvermittlung der „Union". Offene Stelle: Volontärposten für einen Studenten der Chemie. Anfragen zu richten an das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A 19-2-77. (Palüstinensisdke Jladhwicfiten. Polizeiknüppel gegen jüdische Arbeitslose in — Palästina. Am 4. November kam es in der jüdischen Krolonie Chederah zu Unruhen. JüdscheArbeitsIose in größerer Zahl umringten Orangen-Plantagen, auf denen arabische Arbeiter beschäftigt sind, und forderten, daß auch ihnen Arbeit gegeben werde. Wir haben nichts zu essen, riefen sie, und wissen nicht, wohin wir unsere Schritte lenken sollen. Als die Demonstranten der Aufforderung der Ortspolizei, sich zu zerstreuen, nicht Folge leisteten, wurde englische Polizei von auswärts herbeigerufen, die sofort nach ihrem Eintreffen mit Gummiknüppeln auf die Demonstranten einhieb und sie auseinandertrieb. Dabei wurden 20 jüdische Arbeiter, unter ihnen fünf schwer, verletzt. Vier Demonstranten wurden von der Polizei verhaftet. Noch am gleichen Tage wurde in Chederah eine von etwa 800 Personen besuchte Protestversammlung abgehalten. Es wurde eine in scharfen Worten abgefaßte Resolution angenommen, in der gegen das brutale Vorgehen der Polizei und gegen die egoistische Wirtschaftspolitik der jüdischen Plantagenbesitzer, die arabische Arbeiter von auswärts beschäftigen, während im Orte selbst jüdische Arbeitslose Not leiden müssen, protestiert wurde. Der Baliourlag in Palästina. Der 2. November, uer Jahrestag der Verkündung der baliour-Deklaratton. der sonst m Palästina durch arabische Streiks utiu Maniiestatiunen gekennzeichnet war, ist i n diesem J a n r e vollkommen ruhig verlauten. Nirgendwo war etwas von politischen Streiks oder Kundgebungen zu merken, Einzig in der Presse spiegelte sich das Jubiläum der tsaliour-Deklaratiou ab. „r a 1 a s t i n", das Organ der arabischen Exekutive, begründet die Anordnung der Exekutive, in diesem Jahre nicht zu streiken, damit, daß durch einen Streik die arabisctien Ueschaite eine wirtschaftliche Einbuße erleiden müßten. Uie arabische Presse, schreibt „Falastin" weiter, ist diesmal auch nicht in 1 rauerumrandung erschienen, weil die baliour-Deklaration nicht die gute linte ihr schwarze Umrandung wert ist. — Ein Streik begann aber doch am Baltour- Tag. Die Autotaxibesitzer und Chauffeure in Palästina traten nämlich am Montag, den 2. November in Streik, weil die Regierung die Forderung nach Abschaltung der Lizenzgebühren nicht erfüllt hat, sondern im Gegenteil aui Nachzahlung der Gebühren seit Juli v. J. drangt. Die arabischen und jüdischen Autobesitzer und Chautteure gehen solidarisch vor, eine Ausnahme machen einige arabische Autobesitzer, die sich einem arabisch-jüdischen Zusammengehen widersetzen. Der Autobesitzerverbaud venügt angeblich über genügende Mittel, um den Streik sogar drei Monate lang ruhig aufrecht erhalten zu können, bis die Regierung nachgibt. Noch ein Opter der Schießerei in Yad-Yur. Die Schießerei, die sich im April d. J. in der jüdischen Kolonie Yad-Yur an der Straße nach Haiia ereignet hat — wie erinnerlich, wurden aus der Zementfabrik „Nesher" zurückkehrende jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen von einer arabischen bände aus dem Hinterhalt beschossen, wobei riinda Fishman, Samuel Dishnel und Jacob Zamil getötet und einige Arbeiter verwundet wurden — hat nun nachträglich noch ein Opter gefordert: öreina Ha 1 perin, die bei der Schießerei erheblich verletzt wurde, warf sich vor einigen 'lagen vor einen jährenden Zug und wurde getötet. Sie war kurz vor dem Uebertall in Yad-Yur aus Polen nach Palästina gekommen. Sie erlitt bei dem Uebertall einen schweren Nervenschock, von dem sie sich nicht mehr erholt hat, und verfiel in eine schwere Gemütsdepression, die sie nun zum Selbstmord trieb. Das Begräbnis iand in Haiia unter großer Beteiligung der Arbeiterschaft statt. Der Sabbath im Heiligen Lande. Rabbi Shachter- Belfast, der den Weltverband Schomre Schabbos in Nord-Irland vertritt, hat anläßlich seines Abschiedsbesuches bei General Arthur GrenieEl W a u c h o p e, dem bisherigen kommandierenden General in Irland, der zum Oberkommissär für Palästina ernannt worden ist, namens der Sabbathtreuen gebeten, seine Autorität dafür einzusetzen, daß dem Sabbath im Heiligen Lande sein Recht geschehe, da die Regierung bei der Durchführung öffentlicher Arbeiten die Bedürfnisse der sabbathhaltenden Juden nicht allzu sehr respektiere. General Wauchope. der alsbald den Besuch Rabbi Shachters erwiderte, versprach, sein Möglichstes zu tun, um die geheiligte Kulturinstitution des Sabbaths in Erez Israel zu schützen. Wie notwendig diese Intervention war. imag folgender Vorfall beweisen: Wie aus Palästina mitgeteilt wird, werden die jüdischen Hafenarbeiter in Haifa gezwungen, am Sabbath ihren Dienst zu verrichten, andernfalls sie darauf verzichten müssen, von der englischen Verwaltung beschäftigt zu werden. Der Weltverband Schomre Schabbos hat nun an den englischen Kolonienminister ein Memorandum gerichtet, in dem zum Ausdruck gebracht wird, daß die Benachteiligung der jüdischen Arbeiter nicht den Intentionen der englischen Regierung entsprechen könne, die sonst jederzeit auf die Bedürfnisse der sabbathhaltenden Kreise Rücksicht geübt und selbst im englischen Mutterlande, wo die Juden nur eine kleine Minorität bildeten, Ausnahmen von der allgemeinen Sonntagsruhe zu ihren Gunsten bewilligt habe. „In Palästina" — so heißt es m der Eingabe weiter — „wo der Sabbath Heimatrecht hat, sollte diese Rücksichtnahme eine Selbstverständlichkeit seim, wie anderseits ihre Außerachtlassung als schwerer Schlag sowohl gegen die palästinensische Judenheit. als auch gegen die gläubigen Juden der ganzen Welt empfunden werden muß." Hoffentlich wird der neue Oberkommissär sein Versprechen halten und sich der bedrohten Interessen der sabbathhaltenden Kreise annehmen. Haftenftrciis omWerft Urteil im Kurfürstendamm-ProzeB. In dem Prozeß gegen die Haupträdelsführer der antisemitischen Exzedenten vom Kurfürstendamm am ersten Neujahrstag wurde nach mehrtägiger Verhandlung am 7. d. M. vom Schöffengericht Charlottenburg folgendes Urteil verkündet: Die Angeklagten Graf Helldorf und Ernst werden unter Freisprechung von den übrigen Anklagepunkten wegen einfachen Landfriedenbruches zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt, ferner wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von je 100 Mark, ersatzweise zu weiteren zehn Tagen Gefängnis. Der Angeklagte Brandt wird wegen einfachen Landfriedensbruch.es zu sechsMonaten Gefängnis, der Angeklagte Damerow zu drei Monaten Gefängnis, der Angeklagte Schulz zu vier Monaten Gefängnis, verurteilt. Die Angeklagten Hell, H a g em e i s t e r und S a m e r s k i werden freigesprochen. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurden die Angeklagten Graf Helldorf, Ernst und Brandt aus der Haft entlassen. (!) Wir kommen auf dieses interessante Urteil noch ausführlich zurück. Auch Wien bekommt ein „Braunes Haus". Ein „Graues Hau s" hätten wir schon. Nun werden uns die Wiener Nationalsozialisten auch mit einem „Braunen Haus" bedenken. Seit einiger Zeit werden von den Wiener Hakenkreuzlern Sammlungen durchgeführt, um ein Haus in der Hirschengasse in Mariahilf kaufen zu können, das einem ausländischen Industriellen gehört, der 150.000 Schilling dafür verlangt. Bisher haben die Nazi 100.00 Schilling (!) beisammen, so daß sie vermutlich in Bälde das Haus werden kaufen können. Im Frühjahr werden sie es dann mit brauner Farbe anstreichen und einziehen. Wieder ein abgelehntes Schächtverbot. Wie die Berliner Reichszentrale für Schächtangelegenheiten mitteilt, ist am 3. November im Oldenburgischen Landtag ein Schächtverbotsantrag abgelehnt worden. Dem Landtag hatte ein Antrag von nationalsozialistischer Seite vorgelegen, die in der bisherigen Bestimmung des Staatsministeriums ausdrücklich festgelegte Genehmigung des rituellen Schlachtverfahrens (Schächtens) aufzuheben. Welchen Motiven dieser Antrag entspringt, beweist die Tatsache, daß eine gleichzeitige Aenderung des in derselben Bestimmung vorgesehenen Betäubungszwanges mittels Kopfschlag ebensowenig wiein Bayern beantragt wurde, obwohl beim Kopfschlag anerkanntermaßen unerhörte Grausamkeiten durch wiederholte Fehlschläge vorkommen. Der Antrag auf Einführung des Schächtverbots wurde mit den Stimmen der sozialdemokratischen, Zentrums-undkommunistischen Abgeordneten abgelehnt. Jahrmarkt-Pogrom im Posener Gebiet. In Grodzisk, Kreis Posen, kam es kürzlich aus Anlaß des Jahrmarktes zu einem Pogrom gegen die jüdischen Händler. Etwa 200 HuBgans überfielen die Verkaufsstände der jüdischen Wanderhändler, schlugen auf die Händler ein, zerstörten und raubten die Warenbestände. Die jüdischen Händler mußten sich, um weiteren mit Todesdrohungen verbundenen Mißhandlungen zu entgehen, in Wohnungen von Christen versteckten. Nachts wiederholten sich die Unruhen. Die HuBgans, die keinen jlödischen Händler vorfanden, versuchten die Stände der chrisüichen Händler zu plündern. Die christlichen Händler aber setzten den Hutigans Widerstand entgegen. Laut dem polizeilichen Protokoll wurden 162 Markthändler, in der großen Mehrzahl Juden, bei den Kämpfen mehr oder weniger schwer verletzt: die Verletzungen der jüdischen Händler Faiwel Messer und Abraham Moszkowcu sind sehr ernster Natur. Der Zentrah/erband der jüdischen Kleinhändler Polens intervenierte bei der Warschauer Regierung und ersuchte um Sicherheitsvorkehrungen zugunsten der jüdischen Wa nderhäradler. Eine neue Form des antijüdischen Boykotts. In Altenburg (Thüringen) stellte die dort erscheinende antisemitische Zeitung „Braune Front" Aufpasser vor ein jüdisches Kaufhaus, um die Namen der Besucher zu notieren. Es wurde in der Zeitung angekündigt, daß die Käufer und Besucher bekanntgegeben werden würden. Darauf wurde durch einstweilige