Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 46 (13.11.1931)
- Date
- 1931-11-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Katastrophe der europäischen Judenheit Dr. Bernhard Kahn, der europäische Direktor des American Joint Distribution Cominittec, ist in diesen Tagen aus Berlin in New York eingetroffen. In einem Gespräch mit einem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur erklärte Dr. Kahn, sein Besuch in den Vereinigten Staaten habe den besonderen Zweck, die amerikanisch-jüdischen Führer darüber zu informieren, daß die Judenheit in Osteuropa von einer schweren wirtschaftlichen Katastrophe bedroht ist. die. wenn nicht rechtzeitig Hilfe kommt, auf die Weltjudenheit übergreifen müsse. Die Juden Osteuropas, fuhr Dr. Kahn fort haben Verständnis für die Lage in Amerika und erwarten nicht, daß die amerikanischen Juden ihnen die gleichen hohen Beträge wie in den früheren Jahren zuwenden, aber sie erwarten, daß die amerikanische Judenheit sie in ihrer Not nicht ganz vergißt Die Leistungen des Joint Distribution Comittee für Osteuropa haben sich in den letzten Jahren wesentlich verringert Aber die Verhältnisse in Europa haben sich in einer Weise verschlechtert daß die europäischen Juden schon zufrieden sein würden, wenn es bei den verringerten Leistungen aus Amerika sein Bewenden haben würde. In den Jahren 1923 bis 1927 hat Joint jährlich etwa drei bis vier Millionen Dollar für Hilfe an die notleidende osteuropäische Judenheit aufgewendet Im verflossenen Jahr hat der Joint nur etwas mehr als 500.000 Dollar für Europa. Rußland nicht eingerechnet aufgebracht. Von dieser Summe wurden 300.000 Dollar in Polen verwendet. Rechnet man die Summen hinzu, die die Joint-lca- Foundation und der Agro-Joint aufgewendet hatten, so betrug die letzte Jahresleistung der amerikanischen Judenheit im ganzen 1,600.000 Dollar. Die osteuropäische Judenheit, deren Lage sich gegenüber 1923/27 weit kritischer gestaltet hat möchte wenigstens der weiteren Unterstützung in der Höhe des vergangenen Jahres versichert sein. Die Juden in den osteuropäischen Ländern haben inzwischen gelernt, sich selbst zu helfen. Sie leisten Uebermenschliches, um ihre Institutionen aufrechtzuerhalten, aber ohne eine, wenn auch bescheidene Hilfe, sind ihre Anstrengungen zum Scheitern verurteilt. Hören die Leistungen aus Amerika auf, so werden die mit der Hilfe und den Mitteln des American Joint Distribution Comittee errichteten lebenswichtigen.Institutionen sicher zusammenbrechen. Dr. Bernhard Kahn gab einen Ueberblick über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und führte aus, in wirtschaftlicher Hinsicht sei die Lage der Juden in Polen am kritischesten; dort ist öle Stimmung eine direkt verzweifelte. Nicht viel besser ist die Lage der Juden in Bessarabien und in Karpathorußland, wo große Teile der jüdischen Bevölkerung tatsächlich am Verhungern sind. In R u ß 1 a n d hat sich die Lage der Juden insofern gebessert, als die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung in die Industriefront eingereiht wurde. Mag an sich das Leben in Rußland hart sein, so haben doch die Juden dort die gleichen Möglichkeiten wie alle. Die junge jüdische Generation arbeitet in den Fabriken, es gibt heute in Rußland nur noch wenig „Deklassierte". Bezüglich der Lage in Palästina stellte Dr. Bernhard Kahn fest, daß die Weltkrise das Land Palästina nicht in dem gleichen Maße erfaßt hat wie andere Länder. Das jüdische Aufbauwerk in Palästina aber leidet sehr stark darunter, daß die Jewish Agency mit großen finanziellen Schwierigkeit zu kämpfen hat. Die Jewish Agency ist infolge dieser Schwierigkeiten nicht in der Lage, ihr Werk in Palästina in dem geplanten Umfang fortzuführen. Ich bin hierhergekommen, schloß Dr. Bernhard Kahn, um den Führern der amerikanischen Judenheit die Lage der Juden in Osteuropa wie sie heute ist, darzulegen. Wohl weiß ich, daß die wirtschaftliche Lage auch hier in Amerika eine schlechte ist, ich glaube aber, daß die amerikanische Judenheit noch immer in der Lage ist von der osteuropäischen Judenheit die große Katastrophe abzuwenden, die, wenn nicht sofort Hilfsmaßnahmen ergriffen werden, notwendig hereinbrechen muß. Brief aus Polen. Mit Vergnügen komme ich der freundlichen Aufforderung der Redaktion nach, in diesen Blättern über die Lage der Juden in Polen zu schreiben. Ein wichtiger, verläßlicher Gradmesser für Volkswohlfahrt ist der Zustand der sozialen Hilfstätigkeit. Ich werde also zunächst über dieses Gebiet schreiben. Die soziale Fürsorge steht in den letzten Jahren im Zeichen zweier Erscheinungen: der Unfreundlichkeit der regierenden Faktoren und der wirtschaftlichen Krise. Es ist interessant, daß die Wirtschaftskrise, die ja naturgemäß beklagt werden müßte, weil sie alle guten Absichten zunichte macht und jede Tätigkeit lähmt, von den polnischen Machtfaktoren geradezu als Bundesgenosse willkommen geheißen wird, weil sie ihrer Abneigung der jüdischen Hilfstätigkeit gegenüber den ersehnten Schein von Berechtigung gibt. Die Krise kam ihnen wie gerufen. Man könnte da das berühmte Bismarck-Wort variieren: Wäre die wirtschaftliche Krise nicht da — man müßte sie schaffen... Die jüdischen sozialen Hilfsinstitutionen kämpfen einen Todeskampf. Die Ziffern, die die letztens stattgefundene Tagung des „Vereinigten Komitees für Aufbau und Selbsthilfe" zutage gefördert hat, sprechen eine beredte, überaus schmerzliche Sprache. Unter dem Eindrucke der wirtschaftlichen Krise, die das frühere Goldland, Amerika, heimsuchte, wurden die Spenden des „Joint"*) für Polen immer geringer, immer spärlicher. Während in den Jahren 1923/24 der „Joint" die Bedürfnisse der jüdischen Hilfstätigkeit in Polen noch zu 100 Prozent decken konnte, schrumpfte dessen Beteiligung im Jahre 1926 bis zu 56 Prozent und 1930 gar bis 17 Prozent zusammen! Ist schon diese Statistik an sich traurig, so wird sie durch die Voraussage des „Joinf'-Direktors Neustadt, der die Hoffnungen für die Zukunft in den düstersten Farben malte und die gänzliche Einstellung jedweder Aktion des „Joint" für Polen in den Bereich der Möglichkeit rückte, zum drohenden Verhängnis! Allerdings hatte die Restringierung des amerikanischen Hilfswerks für Polen eine gute Seite: man besann sich und begann Selbsthilfe zu treiben, verlangte Subventionen von Regierung und Kommunalselbstverwaltungen und im Jahre 1930 erreichte man die relativ günstige Beteiligungsziffer dieser Subventionen, 7 Prozent. Wäre die Krise in Polen nicht eine wachsende, würde nicht unter dem Eindrucke der Arbeitslosigkeit und des furchtbaren Stillstandes auch die Lage von Regierung und Kommunen eine immer gedrücktere, so könnte man vielleicht eine immer günstigere Beteiligungsquote erreichen. Leider aber macht der allgemeine Zustand der Wirtschaft auch diese Hoffnung unerfüllbar. Ein Bild des Niederganges bietet der „Zentos", Verband der Waisenfürsorgezentralen, der heutzutage 134 Anstalten erhält, in denen 10.000 heimatlose Waisenkinder betreut, erzogen, fachlich ausgebildet und selbständig gemacht werden. Das Verbandsbudget von 6 Millionen Zloty jährlich Wollen Sie zu Reichtum gelangen? 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Der Verband steht vor der traurigen Konsequenz, die Anstalten zu schließen, die Zöglinge aber sich selbst, d. h. dem Hunger, der Not und, was noch viel schlimmer ist, der Straße zu überlassen. Ein düsteres Präludium dazu bietet der erste Schritt, der bereits gemacht werden mußte: die Verbandsleitung hat bei ihrer letzten Sitzung beschlossen, die Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder aufzulösen. Wenn nicht in letzter Stunde Hilfe geboten wird, werden auch die übrigen Anstalten des Verbandes vom gleichen Geschick ereilt jverden. Ganz parallel geht die abschüssige Bahn bei einer anderen wichtigen Institution, dem „TOZ", •einer Anstalt zur Erhaltung der Hygiene bei der jüdischen Bevölkerung. Es ist eine äußerst segensreiche Tätigkeit, die diese Institution seit acht Jahren entfaltet: Ambulatorien, Beratungsstellen, Tuberkulose-Fürsorgeanstalten, Ferienkolonien, hygienische Schulaufsicht, besonders die Bekämpfung der Pavuskrankheit, von der durch den „TOZ" seit der Einbeziehung dieses Gebietes 15.173 Kinder geheilt wurden. Die immer schwächer werdende Subventionierung dieser Anstalt und in sehr vielen Fällen das Ausbleiben bereits präliminierter und daher mit Sicherheit erwarteter Beiträge stellt den Verband vor die Notwendigkeit, ihre Pforten, die Oe^ sundheit, Lebensmut und Lebenslust den jüdischen Massen boten, z* schließen. Wenn sich dann bei den ärmeren Volksschichten die hygienischen Lebensbedingungen verschlimmern, dann bleiben auch die wohlhabenden Klassen davon nicht verschont. Krankheiten kennen keine Standesunterschiede und machen vor keiner Grenze halt. *c Nicht erfreulicher ist der Zustand der Auswanderungsgesellschaft „JEAS", die geradezu vor der Auflösung steht, weil die Regierung und die jüdische Gesellschaft ihre Beiträge fast ganz eingestellt haben. Die Begründung, als ob die Auswanderungsbewegung ganz eingestellt wäre, trifft nicht zu. Juden wandern heutzutage relativ mehr aus als Christen. Infolge der starken Beschränkungen, denen die Auswanderung jetzt unterworfen ist, braucht heute der Auswanderer mehr Dokumente als früher, die Reisevorbereitungen müssen viel intensiver und gründlicher vor sich gehen, ferner ist sprachliche und fachliche Ausbildung notwendig und all dies fordert recht ansehnliche Ausgaben. Leider mußten einige Anstalten dieser Gesellschaft geschlossen werden und steht zu befürchten, daß sich dieses Schauspiel auch betreffend die übrigen Anstalten in der nächsten Zeit wiederholt. Ein trauriger, leider aber schier unabwendbarer Zyklus! So dürfte das Los des Auswanderers immer drückender werden. Findet er zu Hause keine Existenz, dann lockt ihn die Möglichkeit, in d$" Ferne etwas zu erreichen. Wenn er nun auch noch des Schutzes der Emigrationsgesellschaften entbehren müßte — dann würde er ein gebrochener Zweig, ein hilfloses Menschenwrack, allen Launen des Schicksals, aller Schikane, aller Bosheit, aller Gewissenlosigkeit ausgesetzt... Den überaus schmerzlichen Reigen beschließt der „ORT", der bis nun in 50 Städten Anstalten unterhält und Fachbildung in die jüdischen Massen trägt. Ein großes, anderswo fast unerreichbares Wunder, das wie ein Märchen anmuten würde, wenn es nicht unendlich traurig wäre, hielt die Anstalten trotz der großen Not bisher aufrecht: die Lehrer hungerten! Aber auch ihre Kraft ist am Erlahmen. Die Wichtigkeit dieser Institution erhellt daraus, daß in den staatlichen und städtischen Fachschulen bloß 2 Prozent (!) Juden Aufnahme finden. Sollte der „ORT" seine Pforten schließen müssen, dann wird die Fachbildung bei Juden zur Geschichte gehören. Die Umschichtung der Juden, die so vielversprechend begonnen hat, die Ueberführung zu produktiven Berufen, die im In- und Auslande so warm begrüßt wurde, sie wird ein schönes, aber durch die rauhe Wirklichkeit jäh unterbrochenes Märchen bleiben... Keines Volkes Herz ist empfänglicher für die Not, als das jüdische, kein Gemüt zugänglicher für den Ruf der Wohltätigkeit, in deren überlieferten oder in den modernen Formen, als das des Juden. Wenn nun die Gebefreudigkeit der Juden, an deren historischer Wiege das Hohelied von der Wohltätigkeit in allen Tonarten gesungen wurde, wenn nun die Gebefreudigkeit der Juden in solchem Maße erlahmt, so mag man daraus ermessen, wie unendlich traurig, wie unsäglich bitter die Lage der Juden in Polen beschaffen sein muß ... Alles in allem: eine unerfreuliche, eine von Weh getragene Revue! Ueber andere Erscheinungsformen des jüdischen Lebens in Polen demnächst. Lemberg, November 1931. O. Preminger. 4