Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-11-13 · Heft 46 (13.11.1931) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 46 (13.11.1931)
Date
1931-11-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064497--18604-3083652
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 DIE WAdRREn warten .... Wiederum ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens — man muß Illusionen aufrecht erhalten, da sonst die Masse nicht mittun würde und es den zionistischen Führern schwer fallen müßte, die Fiktion aufrecht zu erhalten, als ob das Gros der Judenheit hinter ihnen stünde. Während also die offiziellen Führer ihre Illusionstaktik weiter betreiben, wagte es plötzlich einer der Besonnenen, der Wahrheit die Ehre zu geben und sich auf den Boden der realen Tatsachen zu stellen. Der hebräische Schriftsteller A. S t e i n m a n n, der seit Jahren in Palästina lebt und dessen zionistische Gesinnung kaum anzuzweifeln ist, hatte die Kühnheit, in einem längeren Aufsatz, der noch dazu im offiziellen Organ der' zionistischen Leitung, im „H a o 1 a m", zum Abdruck gelangte, darauf hinzuweisen, daß der Schwerpunkt der heute lebenden Judeiiheit sich nicht in Palästina, sondern in Europa und in Amerika befindet, daß die Voraussetzungen für die Schaffung eines ansehnlichen jüdischen Zentrums in Palästina äußerst gering sind und daß daher aus dieser Sachlage die sich ergebenden Konsequenzen gezogen werden müßten. Steinmann stellt eine Reihe von Thesen auf, die Sich folgendermaßen kristallisieren:; 1. Die Wahrheit ist: Palästina wird noch für einige Generationen ein armes kleines Land bleiben, das in Not lebt und die Hilfe 4er Welt in Anspruch nehmen wird. 2. Von zehntausenden wird nur e i n Jude bereit sein, seine Lebensweise zu ändern und nach Palästina auszuwandern. 3. In der Galutb werden die Juden eine höhere Geltung erlangen, in Palästina jedoch werden sie nur tiefer und tiefer herabkommen, sie werden einen kleinen Zwerg darstellen, der sich Zentruni nennen wird, kein stolzes Zentrum, denn es wird auf die Hilfe anderer Länder angewiesen sein. 4. Wir bauen in Palästina kein geistiges Zentrum, nicht das Zentrum, sondern ein Noch- Zentrum neben den vielen Zentren, die wir haben — für jenen Teil der Juden, die sich in Palästina ansiedeln wollen. 5. Wir dürfen also keine besonderen Hoffnungen auf Palästina setzen. Diese Ausführungen haben nun im Lager der programmatischen Illusionisten eine große Erregung ausgelöst, die noch gesteigert wurde, als der Redakteur des „Haolam", M. K1 e i nmann, sich auf die Seite des Angegriffenen stellte und entgegen allen Vorhaltungen daran festhält, daß die Ausführungen Steinmanns streng zionistisch sind. „Ist das noch Zionismus?" fragen nunmehr die Führer der Illusionisten und möchten am liebsten für den „Haolam" und diesen Realisten einen Scheiterhaufen aufrichten. Sie haben von ihrem Standpunkt aus zweifellos recht: Wer eine Fiktion aufrecht erhalten will, muß sich Illusionen hingeben — anders geht es nicht. Die Wahrheit ist immer bitter! . . . . Sie vergessen nur eines: wer eine Gesundung anstrebt, der muß auch einige bittere Wahrheiten schlucken! . . . . Spectator. PERSERTEPPICHE waren noch nie so billig wie jetzt II ISS. SCHEIN A.C.' nur I., Bauernmarkt 12-14(Keine Filiale in Wien Größtes Lager Wiens in Banyai-Knüpfern Heraus aus der Reserve! In der „Breslauer Jüdisch-Liberalen Zeitung" veröffentlicht George Goetz, Berlin, einen längeren Aufsatz, in dem er unter der Ueberschnft „Deutsche Judenheit in unserer Zeit" die — mutans mutandis — auch für das österreichische Judentum wichtige Frage der parteipolitischen Neutralität der deutschen Juden untersucht. Er führt ungefähr aus: Juden finden sich in allen deutschen Parteien, außer in denjenigen, welche Judengegnerschaft zum ausgesprochenen Programmpunkt haben. Diese parteipolitische Neutralität schließt aber eine Schwäche in sich ein, die darin besteht, daß es gewisse Zeitströnutngen «nd Kulturbestrebungen gibt, die zwar nicht ausgesprochen Angelegenheit einer einzelnen Partei darstellen, deren Träger aber doch nur einige bestimmte Parteien oder Angehörige dieser bestimmten Parteien sind, während andere Parteien und die ihnen angehörenden deutschen Volksgenossen sich grundsätzlich ausschließen; und daß nun auch die jüdischen Stellen von der Mitarbeit sich fern halten, eben weil nicht a41e Parteien daran beteiligt sind. Die in solchen Bewegungen mitarbeitenden, manchmal sogar führenden Juden sind daher fast immer Außenseiter. Der große Jammer und unermeßliche Schaden besteht darin, daß es sich bei diesen Dingen meistens um Bestrebungen von weittragender Bedeutung und geschichtlichem Ausmaß handelt, an die die offiziellen j ü d i s c h e.n Stellen den IA nschluß versäumen. Ein typisches Beispiel für ein Versäumnis dieser Art war der Pazifismus. Aufgefordert, in Friedensbewegungen einzutreten, meinten die offiziellen jüdischen Stellen, der einzelne Glaubensgenosse könne ja tun, was er wolle, sie aber, die offiziellen Stellen, müßten sich heraushalten, um nicht den Judengegnern noch mehr Arigriffsstoff zu liefern. Der Pazifismus machte auch ohne die Mithilfe der offiziellen jüdischen Stellen seinen Weg, und heute haben die wirklich führenden Regierungsmänner aller zivilisierten Nationen ihn zu ihrem wichtigsten Prögrammpunkt erhoben. Wenn wir uns die Angelegenheit ernsthaft überdenken, so erkennen wir, daß ja auch das lebenswichtigste Ziel unserer deutschjüdischen Gesamtheit, die Gleichberechtigung der jüdischen mit den nichtjüdischen deutschen Volksgenossen, nur von bestimmten Parteien und ihren Angehörigen geteilt wird. In der Tat: Vernunft und .Ordnung sind nur bei bestimmten Parteien zu Mause und es gibt eine Grenze rechts für alle unsere Arbeit. . Die gleiche Versäumnis ist jetzt auf den Gebieten der Wirtschafts- und Finanzfragen, der Angestellten- und Lohnfragen festzustellen. Das jüdische Ethos verbietet uns, untätig zuzusehen, wie die Last der Zeit immer nur auf die wirtschaftlich Schwachen abgewälzt wird; dieses jüdische Ethos im Verein mit dem wohlverstandenen Interesse unserer deutschen Gesamtheit, in die die Juden unlösbar hineinverflochten sind, und darum auch das wohlverstandene Interesse der Deutschen jüdischen Glaubens — das alles muß stärkersein als taktische Rücksichten, die uns den an sich richtigen Grundsatz der parteipolitischen Neutralität falsch anwenden lassen ... Die jüdische Gemeinschaft möge aus ihrer Reserve gegenüber den großen Zeitfragen heraustreten. Peuitteton Heimkehr. Nach einer wahren Begebenheit Als der Rabbi eines Morgens, wie täglich, von der Synagoge heimkehrte, lag auf seinem Schreibtisch ein schwarzumrändertes Kuvert mit einem Adelwappen versehen. Freiherr von So und So war als Absender verzeichnet Interessiert öffnet der Rabbiner dieses nicht alltägliche Schreiben zuerst-- .Euer Hochwürden," lautete däe Anrede, „ich weiß nicht wie man einen Rabbiner tituliert ich muß Sie aber dringendst sprechen, meine Seele dürstet danach, uewShren Sie mir eine Unterredung, in der ich Ihnen mein gequältes Herz ausschütten darf. Bei uns nennt man das Beichte. In ehrfürchtiger Verehrung Freiherr von So und So."' Was sollte das bedeuten! Für den nächsten Tag wurde die erbetene Unterredung gewährt Pünktiteh. zur festgesetzten Stunde, meldet sich ein blonder, schlanker, blasser, junger Mann in TrauerkleSdung, dem man an seiner ganzen Haltung die tiefe Erregung anmerkt die sein ganzes, einnehmendes Wesen durchbebt Mit einer flandbewegunig bietet der Rabbiner dem jungen Mann einen Platz an und mustert dieses durchgeistigte Antlitz, ans welchem ihm seelenvolle Augen entgegenleucbten. — „Ich weiß nicht" sprach der Rabbi, „was Sie hierher führt jedenfalls seien Sie in meinem Hause wülkommen, das jedermann offen steht der Rat Trost und Hilfe sucht" Und utivermrtteäit ohne Einleitung, stammelt sein Gegenüber: „Ich wäl. ich muß Jude werden. Helfen Sie rmn, ehrwürdiger Herr." — „Ich weiß nicht wer und was Säe zu diesem plötzlichen Entschluß veranlaßt, lieber, hinger Mann. Ich habe kaum das Recht, nach Ihren Beweggründen zu forschen, aber die Frage sei mir gestattet sind Sie sich dessen bewußt in einer von Vorurteien erfüllten Zeit eine Religion anzunehmen, deren Bekenner unterdrückt verachtet ia sogar verlacht und verspottet) werden? Ich bewundere die Glut Ihrer Leidenschaft junger Mann, die Sie auch vor diesem Schritt nicht zurückschrecken läßt um die Angebetete zu erreichen. Dazu ist mir die Religion, unsere Religion zu heilig," setzte der Rabbi fort, „um irdische Liebe in himmlische Liebe zu wandeln. Glauben Sie der Erfahrung eines gereiften Mannes, solche Glücksmöglichkeiten sind mit einem Glaubenswechsel zu teuer erkauft, Sie sind jung, lernen Sie vergessen und suchen Sie das Glück an der Seite einer gteächgesrnnten und gleichgestimmten Seele; und das Glück wird sich einstellen, ohne Kampf, ohne Zwiespalt Ihrer Seele, als Gnadengeschenk des Himmels." Der Rabbi stand auf. um diese Unterredung zu beenden. Es widerstrebte seinem Taktgefühl nach Details zu fragen. — „Sie sind sicher ein guter Menschenkenner," entgegnete in errötender Verlegenheit der junge Besucher, „doch hier haben Sie fehl gegriffen im Borne Ihrer Erfahrungsweisheit" Mit Tränen in der Stämme setzte der fremde Gast fort: „Die Frau, die ich über alles hebte, äst leider tot und nur die Liebe zur Religion, zu ihrer Religion, ist lebendig geblieben. Um mich zu verstehen, müssen Sie mär noch Gehör schenken." Der Rabbi ließ sich wieder geduldig nieder. — „Die Eingebung kam mir so elementar und plötzlich, daß ich kaum in zusammenhängenden Sätzen das wiederzugeben vermag, was in den letzten Wochen auf meine Seele emstürmte. Gestatten Sie mir, Ihnen, hochwürdiger Herr, die Geschichte unseres Hauses zu erzählen, die auch mir erst durch die Ereignisse der jüngsten Zeit offenbar wurde. Ich hoffe zuversichtlich, daß Sie mir dann Ihren wohlgemeinten Rat und Ihre gnädige Unterstützung auf einem für mich so neuem Gebiete nicht versagen werden." — „Unsere Religion kennt keine Beichte," entgegnete der Rabbi, „doch, wenn Sie vermeinen, daß diese Enthüllungen Ihr Herz erleichtern kann, bin ich Ihr aufmerksamster und verschwiegenster Zuhörer." Schicht und einfach begann der seltsame Besucher zu erzählen: „Unser trautes Familienleben war geadelt durch besondere Innigkeit und Harmonie. Wie ein Bßtz aus heiterem Himmel erkrankte vor einigen Monaten unsere geliebte Mutter. Weder aufopfernder Pflege, noch der Kunst aller herbeigerufenen Aerzte gelang es. der bösen Erkrankung Herr zu werden. In engelhafter Geduld ertrug die Mutter ihr schweres Leiden und mit sanftem Lächeln versuchte sie, uns über die Schwere des Leids hinwegzutäuschen, doch die Kräfte schwanden zusehends. Eines Nachts wurde die ganze Familie an ihr Krankenlager berufen. Eöi neuerlicher Herzanfall, es ging zu Ende.---Und in diesem Augenblicke, dem furchtbarsten unseres Lebens, da die Seele Abschied nahm von der irdischen Hülle, entströmen diesen zärtlichen Mutterffippen Worte, die ich nicht kannte, nie gehört hatte und nicht zu deuten wußte. die letzten ihres Lebens. Klar und deutlich klingt es durch die Nacht .Schema Jisroel . . . Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist eizig'" ... Ein heftiges Schluchzen unterbrach den Redestrom des Erzählenden. „Des Rätsels geheimnisvolle Losung erfuhr ich erst nach der Beerdigung durch meinen Vater, der durch den uns betroffenen Verlust seine Haltung und Zurückhaltung verloren hatte. Immer wieder in den langen Abenden der tiefsten Trauer drang ich in meinen Vater, mich doch einzuweihen in die Bedeutung der letzten Worte der Sterbenden. Denn er müsse doch wissen, was unsere teure Mutter, noch im voüen Bewußtsein, damit sagen wollte. In schmerzlicher Betroffenheit entrollte mir der Vater die Lebens- und Liebesgeschlchtc unserer Eltern; woraus Ich das Wesentlichste davon Ihnen, 'hochwürdiger Herr, verraten muß, um meine jetzige Gefühlswandlung, meine plötzliche Gesinnungsänderung erklärlich zu machen. Mein Vater, damals ein junger Offizier aus altem Adelsgeschlecht, berechtigte zu den schönsten Hoffnungen, als er meine Mutter unter nicht alltäglichen Umständen kennen und lieben lernte. Bei einer Zwangseinquartierung, anläßlich eines Manövers, ergab es sich, daß mein Vater in diesem Meinen Provinzstädtchen gerade im dortigen Rabbinerhause einltaiert wurde. Welch ein Kontrast! — JDie Staatsgesetee sind uns so heilig wie unsere Reßgionsgesetze'. MM diesen Worten empfing der würdige Hausherr seinen unfreiwilligen Gast Mit zurückhaltender Vornehmheit und doch zugleich mit wohltuender Wärme wurde 'hier staatliche Vorschrift in gastliche Freundschaft gewandelt Es ist immer interessant, ein anderes, fremdes Milieu, andere Sitten, andere Gebräuche und Zeremonien kennenzulernen. Mein Vater war vorurteilslos genug, um diesen fremden Zauber heiliger Würde, die das ganze Haus erfüllte, auszukosten. Eines Tages, unverrnittelnd heimkehrend, öffnet ihm ahnungslos die Tochter des Hauses, die er bisher nicht zu Gesicht bekam, däe Haustöre. Die Anmut ihres Wesens; ihre mädchenhafte Scheu und Befangenheit, die Vornehmheit der Haltung, die Unschuld ihrer seelenvollen Augen, dieses liebliche Mädcbenbüdnis, von schwarzen Locken umrahmt nahmen meinen Vater auf den ersten Blick gefangen. Ihr anziehendes, blendendes Aeußere, von ungewöhnlicher Schönheit und Lieblichkeit, mit den reichen Gaben des Herzens und1 Geistes harmonierend, steigerte die zarte Neigung zu leidenschaftlicher Liebe. Lassen Sie mich schweigen von allen Kämpfen, die meine Eltern zu überwinden hatten, von dem Kummer und Schmerz der Familien, die von diesem Herzensbündnis nichts wissen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.