Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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^-He € Dg WAMRIiEfT ttn&esendet.V in Verbindung mit einer Steuerangetegenbeit wurde Herrn Kommerzialrat Simon R e nd*. Graz, von den beiden Wiener jüdSscbnattanalen Blättern der Vorwurf «njüdischen Handelns gemacht. Da wir Herrn Kommerzialrat Rendi kennen und wissen; daß er nebt nur einer unjüdischen Handlung unfähig ist, sondern da£ er auch jede ideale Gesmnung eines Anderen, wenn sie auch nicht seine eigene ist in hohem Maße respektiert, daß er sogar, obwohl er Nichtzionist ist und er. wie er «1 wiederholten Aussprachen erklärte, die jüdischnationale Poittflc außerhalb Palästinas in ihrer Auswirkung als das «Tößte Unglück, das das Judentum betroffen hat, betrachtet, dein Palästina-Aufbau große Summen zuwendet, haben wir ans trat der. Bitte um Aufklärung an ihm gewendet und erhalten folgendes Antwortschreiben: Sehr geehrter Herr Redakteur! In bezug auf die mir und meinem Bruder ungerechterweise von den beiden Wiener jüdischnationalen Blättern gemachten Vorwürfe, unmodisch gehandelt zu haben, weil wir m einer auf unsere Steuerangelegenheit hezughabenden seitenlangen „Erklärung" in drei in Klammer gehaltenen Worten darauf hinwiesen, daß wir 67 arische Angestellte beschäftigen, haben wir folgendes mitzuteilen: In unserer Steoenangelegenbeit selbst ist uns nach teaiifmäriniscfaen Begriffen das bitterste Unrecht zugefügt worden; denn es ist in Oesterreich noch nicht vorgekommen, daß gegen einen der ergiebigsten Steuerträger des Landes, der den höchsten je von einem andern fatierten Prozentsatz vom Umsatz einbekannte, eine Stoerstrafuntersuchung ohne Vorhalt eingeleitet wunde. Trotz dieser strengen Maßregel konnte bei uns nur em Reserfonds von */u Prozent des Umsatzes beanstandet werden, der von uns angelegt wurde, um wenigstens zum Teil den Gefahren^ denen unser Unternehmen ausgesetzt rst, zu begegnen. Ehe Gründe, die ans zu dieser Reserve veranlagten, schienen uns so stichhaltig, daß wir bis zum letzten Momente auf die naebträgfiebe Genehmigung derselben (rechneten. Die Steuerbehörde hat aber die Notwendigkeilt unserer Reservierungen gar nicht geprüft und in den ersten Instanzen angenommen, daß' wir einen Dolus begangen haben. Der Instanzenweg ist aber noch nicht erschöpft. In meiner, in der Grazer „Tagespost" erschienenen „Erklärung" kann kein unbeeinflußt denkender Mensch eine unjüdische Handlungsweise finden. Durch eine ungesetzliche Indiskretion erhielten die hiesigen Nationalsozialisten von unserer Steuersache Kenntnis und haben uns in rufmörderischer Weise angegriffen. Wir hätten auf diese Angriffe gam eicht reagiert; wenn wir nicht die Wahrnehmung gemacht hätten, daß die christliche Umwelt (wir haben 99 Prozent christischer Abnehmer) beunruhigt und mißtrauisch geworden sind. Von vornherein war es mir •War, daß die Veröffentlichung, daß wir 67 arische Angestellte beschäftigen, ganz allein imstande sein wird, -<fie Umwelt zu beruhigen. Tatsächlich haben die diesbezüglichen in Klammern gehaltenen dreif Worte ganz aNein diese Beruhigung herbeigeführt Zu bekritteln! wäre es gewesen, wenn wir. durch die Angriffe der Hakenkreuzler eingeschüchtert, die Tatsache, daß wir 67 Arier beschäftigen, erst herbeägeföhrt hätten; aber die diesbezüglich seit jeher bestandene Tatsache der Oeffenthehkeit bekanntzugeben, war eine dringende Notwendigkeit und muß von jedem gerecht, nüchtern und unbeeinflußt denkenden Menschen, der eine Bemerkung nicht .ans der Fassung reißt, gebilligt werden. Ich hatte ja gar . nicht die Aufgabe, die jüdische Bevölkerung, sondern in unserem Interesse und im Interesse der Grazer Judenschaft die christliche Bevölkerung zu beruhigen. Nebenbei bemerkt, ist es nur einem besonderen Umstand zuzuschreiben, daß wir gegenwärtig außer vier m unserem Geschäfte mitarbeitenden Neffen nur drei jüdische Angestellte beschäftigen. Wir hatten vor dem Kriege und die ersten Jahre nach demselben' eine sehr große Anzahl jüdischer Angestellter, die sämtlich freiwilli« ihre Posten verließen, um sich selbständig zu machen. Da wir mit Rücksicht auf die schwere Zeit keine einzige Endassuirg vorgenommen haben, ist es se&stverständttch, daß alle anderen christlichen Angestellten geblieben sind. Tatsache ist nun. daß wir in den letzten sieben Jahren im ganzen außer Geschäftsdiener nur fünf Beamte neu angestellt haben, darunter drei - Juden. Ich kann bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, die wirklich rührende und freundliche Haltung der hiesigen christlichen Umwelt, der hiesigen christlichen Zeitungen, sowie Wiener Tagesblätter zu erwähnen. Die zahllosen, rührend freundlichen Kundgebungen, die mir in dieser Zeit entgegengebracht wurden, haben mir größte Genugtuung gebracht' Ich erwähnte diese freundliche Haltung der christ- . toben Umwelt der christlichen Tagesblätter usw. nur deshalb, um eine andere Haltung gegenüberzustellen. Denn im Gegensätze zur überaus freundlichen Haltung der Umwelt war es zwei Wiener jüdSschnarionalen Blättern vorbehalten, einen Bericht eines extremen Zionfcten aufzunehmen und gegen uns — frei: nach der Devise der Hakenkreuzler „Nichtzionist verrecke" — herzufallen. Nichts hat mich in meinem Leben so sehr empört, auch nicht das Unrecht, das mir nach kaufmännischen Begriffen durch die Steuerbehörde widerfahren, auch nicht die verunglimpfenden Angriffe der Hakenkreuzler. als das Vorgehen eines Juden gegen mich als Juden, in Verbindung mit einer Angelegenheit, in der ich gerade wegen meines Judentums dulden mußte. Hochachtungsvoll Ihr ergebener S. Rendi, Graz. •) Für diese Rubrik übernimmt die Schriftleitung »einerlei Verantwortnnj; VonWodke zu Woche 75 Jahre „Frankfurter Zeitung". Am 29. Oktober beging die „Frankfurter Zeitung" ein Doppeljubiläum: die Feier ihres 75jährigen Bestehens und den 100. Geburtstag ihres Begründers Leopold Sonnemann. Die „Frankfurter Zeitung", eine der führenden großen Tageszeitungen Deutschlands, genießt in der ganzen Welt den Ruf nicht nur eines der bestinformietren Organe, sondern auch einer unbeirrbaren Vorkämpferin für Demokratie, sowie für wirtschaftliche und politische Freiheit Die „Frankfurter Zeitung" hat als Handelsblatt von Weltbedeutung zum wirtschaftlichen Aufschwung Deutschlands im Innern sowie zur Festigung der wirtschaftlichen Position Deutschlands in der Welt wesentlich beigetragen. In ihrer Jubiläurnsnummer, die Grüße des Reichspräsidenten von Hindenburg, des Reichskanzlers Dr. Brüning, des' preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, einer Reihe anderer Minister, sowie Glückwünsche von führenden Persönlichkeiten in Deutschland und in der ganzen Welt enthält, berichtet Dr. Paul Gold'mann, der zur Zeit, alsdie Dreyfus- Affäre begann, Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" in Paris war, über die Haltung der Zeitung in der Dreyfus-Affäre. Noch bevor die Affäre zu einem Streitpunkt in der Oeffentlichkeit geworden war, hatte Dr. Paul Goldmann die Ueberzeugung gewonnen, daß Dreyfus unschuldig sei. Er begab sieb zum damaligen deutschen Botschafter in Paris, Fürsten Münster, der ihn versicherte: „Niemals hat die deutsche Botschaft Beziehungen zum Hauptmann Dreyfus unterhalten. Wenn nichts gegen Dreyfus vorliegt, als seine angeblichen Beziehungen zur deutschen Botschaft, ist er unschuldig." So kam es, daß noch bevor in Frankreich der unglückliche Hauptmann Dreyfus seine ersten öffentlichen Verteidiger fand, in der Frankfurter Zeitung" bereits ausgesprochen wurde: „Dreyfus ist unschuldig." Keiner der Historiker der Dreyfus-Affäre hat bisher die Tatsache festgestellt daß die Kampagne für den zu Unrecht Verurteilten von der „Frankfurter Zeitung" begonnen wurde. Dr. Goldmann hat sich durch sein Eintreten für Dreyfus die Feindschaft einflußreicher Parteien und Persönlichkeiten in Frankreich zugezogen und wurde in der nationalistischen Presse täglich beschimpft und bedroht Er hatte mit dem Deputierten Millevoye ein Duell auszufechten, das aber unblutig verlief. Die Kosten der katholischen Judenmissioa. Dieser Tage wurde in Rom die Bilanz der sogenannten „Propaganda Fide", des Fonds für Missionspropaganda in der ganzen Welt, veröffentlicht. Aus der Bilanz ist zu ersehen, daß ein sehr, beträchtlicher Teil des Missionsfonds für Zwecke der Judenbekehrungspropaganda, die sich in den letzten Jahren sehr verstärkt hat, ausgegeben worden ist Insgesamt wurden im Jahre 1930 rund 63 Millionen Lire (!) für Missionszwecke ausgegeben. Zeichen der Zeit Auf Initiative des Rabbi von Z w o h I i n wurde in Warschau eine Liga zur Bekämpfung der Selbstmorde unter den Juden gegründet Auf Anregung dieser Liga hielt der Vorstand der Warschauer Jüdischen Gemeinde unter dem Vorsitz des Gemeindepräsidenten Eli Mazur. eine Sitzung ab, die der Beratung von Maßnahmen zur Linderung der Not und der Arbeitslosigkeit unter den Juden gewidmet war. Es wurde ein neungliedriges Komitee zur Leitung der Hilfsarbeit eingesetzt. Der Sitzung wohnten Rabbiner Professor S c h o r r, der Präsident des jüdischen kaufmännischen Verbandes Sejmdeputierter Waclaw W y s zlicki, der frühere Deputierte Silberstein und Herr. Gitermann vom Jüdischen Rettungskomitee bei. Pontremoll-Inseln. Die Regierung der Sowjetunion hat im Einvernehmen mit der russischen' geographischen Gesellschaft . und dem Institut für PcJarforschung in Moskau beschlössen, eine während der letzten Polarreise des Eisbrechers Malygin entdeckte Inselgruppe zu Ehren des auf; der Nordpolfahrtsexpedition des General Nobili umgekommenen hervorragenden jungen italienischen Forschers Professor Aldo Pontremoü „Pontremoli- Inseln" zu benennen. Professor Aldo Pontremoli war ein treuer Jude und ein Enkel des verstorbenen hervorragenden italienischen Volkswirtschaftlers und früheren Premierministers Luigi Luzzattii 'Haftenfcreuz am Werft Friedhofsschändung in der Marmarosch. In einer der letzten Nächte haben unbekannte Täter den jüdischen Friedhof in der rumänischen Grenzstadt Halme iu (Departement Afaramures) geschändet Es wurden neun Grabsteine umgeworfen und teilweise zertrümmert; außerdem wurde versucht, ein Grab zu öffnen. _______ : _ GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHL »________»—_■_—————————___■—__■ WIEN IX., BEROOASSE NR. 1» FILIALI i XVIII., WAffRINOERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-349 and A 16-8-34 Uihml fOr Hallanc—Hm■ AbteilungemürKoscherfleisch wmlkmr Aufsieht dea ahn*. Rabbinates d«r l»r. Kultmgemelnd« Wl«n. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Was sie wollen. Der Reichstagsabgeordnete Gregor Strasser, nach Hitler der prominenteste Führer der Nationalsozialisten, hat in einer Ansprache im Berliner Sportpalast am 23. Oktober die Entrechtung des Judentums und dessen Ausschaltung aus jeder öffentlichen Tätigkeit als Regierungsprogramm seiner Partei bezeichnet Die „C. V. -Zeitung" ist in der Lage, den folgenden Passus aus Strassers Rede wörtlich wiederzugeben: „...Eine nationalsozialistische Regierung bedeutet, daß die Herrschaft des Judentums in Deutschland zu Ende ist Nationalsozialismus hat mit Radauandsemitismus nichts zu tun, er ist ein Bekenntnis zu unserer Art. zu unserer Volkseinheit. Daher Ausschaltung des Judentums aus allen Gebieten, wo es die deutsche Entwicklung zu hemmen imstande ist Antisemitismus ist immer nur Abwehr. Die Entthronung des Judentums bei uns ist eine Anstachelung für die anderen Mächte. Der erste nationalsozialistische Minister ist das Ende des Judentums in Deutschland...." Gemeinde - thronitt Schwierigkeiten des jüdischen Erziehungswesens in Amerika. Auf der Nationalkonferenz der jüdischen sozialen Fürsorge der Vereinigten Staaten teilte der Direktor des jüdischen Erziehungsrates in Chicago, Alexander M. Dushkin, mit, daß die jüdischen Unterrichtsanstalten in den Vereinigten Staaten infolge der Wirtschaftskrise ihre Budgets einschränken mußten; diese Einschränkungen bewegen sich zwischen 10 und 25 Prozent. An manchen Schulen wurden seit mehreren Monaten keine Lehrergehälter gezahlt. Mehrere Schulen mußten infolgeLehrerstreiksgeschlossen werden, andere Schulen wurden geschlossen, weil keine Fonds zu ihrer Erhaltung vorhanden waren. Etwas besser ist die Lage der mit dem Kommunal- und Unterrichtssystem verbundenen Schulen, wenn auch an diesen Schulen die Einkünfte aus Unterrichtsgebühren bis um 35 Prozent gesunken sind. Zusammenbruch der jüdischen Gemeinde Kischinew. Die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde Kischinew hat sich dieser Tage in einer außerordentlichen Sitzung mit der ungemein schwierigen finanziellen Situation der Gemeinde befaßt. Sämtliche Institutionen der Gemeinde stehen infolge des katastrophalen Rückganges der Einnahmen, insbesondere des bedeutsamsten Einnahmepostens, der Koscherfleischtaxe, vor dem Z usammenbruch. Die Gemeindeschulen, die bereits seit Wochen ihre Tätigkeit hätten aufnehmen sollen, sind aus Mangel an Mitteln noch immer geschlossen. 2000 jüdische Schulkinder der ärmsten Bevölkerungsschicht sind ohne Unterricht, tagsüber auch ohne Aufsicht. Unter den Gemeindeangestellten, die monatelang kein Gehalt bekommen, herrscht Not. Winterhilfe der Jüdischen Gemeinde Bukarest Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Bukarest hat im Hinblick auf die unter der jüdischen Bevölkerung herrschende schwere Not beschlossen, eine großzügige Winterhilfsaktion einzuleiten. Es werden mehrere Volksküchen errichtet und an die Bedürftigsten warme Kleidungsstücke zur Verteilung gebracht werden.