Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Jüdische Selbstbesinnung. Deutsches Judentum im Krisenwinter 1931. Von Studienrat Dr. Willy Cohn, Breslau. Städtische Versicherungsanstalt 4\ Direktion: Wien I-, Tncüilamlien Nr. S Telephon U27~5"40 Alte VersitlieniMQSxwctae Major Isidore Salmon, der Unterstaatssekretär für Luftfahrwesen der Nationalen Regierung Sir Philipp Sassoon, neugewählt wurden L.M. Gluckstein, A. M. Lyons, Dudley B. Joel und T. Levy, Major Isidore Salmon erhielt eine der größten in dieser Wahl verzeichneten Majoritäten, nämlich eine Mehrheit von 33.827 Stimmen; Samuel Samuel erhielt eine Mehrheit 21.146 und Sir Philip Sassoon eine Mehrheit von 16.669 Stimmen. Die beiden bisherigen konservativen jüdischen Unterhausmitglieder Sir Walter de Frece und Major Brunei Cohen haben diesmal nicht kandidiert Die Wahl zweier weiterer Juden, unter ihnen M. Bloch, der als Konservativer in Glasgow zur Wahl stand, scheint festzustehen. Von Nichtjuden, die in den bisherigen Parlamenten bei Behandlung der Palästina-Frage eine Rolle spielten, wurden die Arbeiterparteiler Dr. Drummond Shiels und Oberst Kenworthy nicht wiedergewählt, dagegen wurde der Arbeiterparteiler Oberst Josiah Wegwod ohne Gegenkandidaten gewählt Wie höllische Reiter rast die Krise durch die Welt. Länder, die niemals an die Möglichkeit gedacht haben, daß auch sie einmal von der Not erfaßt werden könnten, stöhnen heute von dem, was sie bereits getroffen hat. Andere zittern davor, daß es sie morgen erreicht. In den meisten Ländern leben Juden. Und es ist selbstverständlich, daß die Not ihrer Heimatländer auch die ihre ist. Zu verachten ist der, der das Leid seiner Mitbürger nicht als das seine trägt, auch dann, wenn es ihm persönlich noch besser geht. Aber nur in wenigen Ländern der Erde tritt zu der allgemeinen Not, die sich in Arbeitslosigkeit vor allem zu äußern pflegt, die zu Zusammenbrüchen von Unternehmungen führt, noch eine jüdische Not. Niemand wird etwa in England daran denken, für den Zusammenbruch der Währung jüdische Menschen verantwortlich zu machen. Ist es nicht charakteristisch für dieses Land, daß man in das Kabinett der nationalen Konzentration an zwei der wichtigsten Posten, das Außen- und Innenministerium, Juden berufen hat? Aber wenn über Deutschland eine Krise rast, dann hat das alles immer gleich ein anderes Gesicht. Nicht nur, daß der deutsche Jude unter den gleichen wirtschaftlichen Nöten zu leiden hat, wie seine Mitbürger, nicht nur, daß er stärker v.on der •Arbeitslosigkeit gepackt wird, wie die andern, man macht ihn für alles Geschehene verantwortlich, man verfolgt ihn, ja, wie die Vorgänge am Neujahrsfest in Berlin bewiesen, es ist möglich, daß es in der Reichshauptstadt zu einem ausgesprochenen Pogrom kommt. Gewiß, die anständigen Menschen sind von diesen Dingen in Deutschland abgerückt. Das Verbrechen hat äußerlich mit der Verurteilung Einzelner eine Sühne, erfahren, die meisten hat man nicht packen können. Niemand weiß, ob nicht morgen an einer anderen Stelle die gleiche Verfolgung wieder ausbricht Man fragt sich, ob man wirklich im 20. Jahrhundert lebt. Wer jüdische Geschichte kennt, der weiß auch, daß der Pogrom eine uralte Einrichtung ist, die in der Neuzeit nur in der technischen Durchführung Aenderungen gegen ehemals aufweist, im Grunde aber eigentlich sich nicht geändert hat. Würde die menschliche Seele nicht so gebaut sein, daß sie solches . Leid wieder vergäße, so würde ja letzten Endes kein jüdischer Mensch mehr in Deutschland seines Lebens froh werden können, weil er nicht sicher ist, was ihm der morgige Tag bringt. Zivilkourage haben wir immer bewiesen, und so denkt man eigentlich nicht daran, daß die verhetzten Massen, unter denen der Nationalsozialismus, wie der Ausgang der Mecklenburger Wahlen bewiesen hat, noch immer im Wachsen begriffen ist, jeden Tag neue Ausschreitungen begehen können. Viel schlimmer als diese äußere Not aber bedrückt den deutschen Juden die innere. Ueber ihm liegt eine Tragik, die man auch außerhalb der Reichsgrenze stärker begreifen sollte. Seit 150 Jahren hat das deutsche Judentum sich mit einer unerhörten Liebe in deutsches Wesen versenkt. Manchmal sogar ging diese Liebe bis zur Selbstaufgabe. Wer an dieser Stelle alle die Menschen aufzählen würde, die in der Kultur, der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft bahnbrechend gewesen sind und die Juden waren und sind, der würde einen Namenskatalog von vielen Seiten, ja vielleicht einen ganzen Band füllen müssen. Aber durch all das, auch durch die restlose Hingabe an das Vaterland in all den großen Kriegen jener Jahre hat sich offenbar der deutsche Jude noch immer nicht jenes Heimatrecht erworben, das er zu besitzen glaubte. Wenn heute durch alle Straßen großer deutscher Städte, und vielleicht der kleinen nur um so mehr, der Ruf ertönt: „Deutschland erwache", so ist dies ein Beweis, daß die Masse den deutschen Juden als Fremden ansieht. Wie ein Wal! des Nichtverstehens liegt es auf diesen Menschen, sie wissen sehr häufig von irgend einem fremden Volke, das sie auf Bildern des Kinos kennen lernen, viel mehr als von dem jüdischen Bürger, der mitten unter ihnen lebt. Daß zwischen der jüdischen und christlichen Oberschicht fast gar keine gesellschaftlichen Beziehungen mehr bestehen, sei nur nebenbei bemerkt. Aber auch die jüdische Mittel- und Unterschicht bekommt es zu fühlen, daß man sie als lästige Fremde ansieht. Man vergißt es, daß die proletarische Bewegung in Deutschland und in der Welt überhaupt vor allem doch Juden zu verdanken ist. Namen wie die eines Ferdinand Lassalles, eines Karl Marx' sollen wenigstens im Vorbeigehen genannt werden. Das deutsche Parteileben hat Juden unendlich viel zu danken gehabt. Auch Parteien, die heute in zunehmendem Maße judenrein geworden sind und längst nicht mehr wagen würden, ihren Wählern einen jüdischen Kandidaten zu präsentieren, sie sind einstmals von hervorragenden Juden geleitet worden. Auf Dankbarkeit darf man nicht rechnen, nicht im Privatleben und nicht im Leben des Staates. Aber eines ist gewiß, wer da glaubt, daß das deutsche Judentum sich selbst aufgibt, würde einen schweren Irrtum begehen. Es wird sich nicht aufgeben, weder in seinem Judentum, noch in seinem Deutschtum. Denn für denjenigen Menschen, der in der Sprache verankert ist, in der er lebt, ist die Liebe zu ihr nicht davon abhängig, ob die gegenwärtigen Führer, die gegenwärtigen Parteien ihn lieben oder nicht. Vielleicht daß diese harte Krise, die über das deutsche Judentum hinwegrast, auch noch das eine Gute hat: jüdische Selbstbesinnung an Stelle von Gleichgültigkeit treten zu lassen. Professor Economo als Judenfreund. An einem Tage wurden letzte Woche zwei Fürsten im Reiche des Geistes begraben: Arthur Schnitzler und der große Gehirnforscher und Arzt Konstantin Economo. Unser Bundespräsident hat zur peinlichen Ueberraschung weiter Kreise bei beiden Totenfeiern gefehlt aus mir unbekannten Gründen. Unser Kultusgemeindepräsident war bei beiden Anlässen anwesend, ganz selbstverständlicher Weise bei Schnitzler, aber auch bei dem Christen Economo fehlte Generalstabsarzt Professor Pick nicht. Auch hier sind mir sehte Beweggründe unbekannt: war es persönliche Freundschaft und Verehrung. Dankbarkeit für das Leben so vieler durch Economo geretteten Juden, glaubte er, daß eine aus so vielen Geistern zusammengesetzte Körperschaft wie das Judentum bei der Feier für einen Helden des Geistes nicht fehlen sollte? Wie dem auch sei, wenige jüdische Professoren können in der traurigen Jetztzeit an Juden so viel Gutes tun, wie der begüterte Economo es tat. Ich habe in den letzten Jahren so viel unverfrorenen Antisemitismus von seilen christlichen Akademiker gesehen, daß es wohltuend erscheint, einige Beispiele von Economo's Humanität anzuführen; Er ging vor 4, 5 Jahren auf dem Lande spazieren und hörte aus dem Hause eines jüdischen Landkrämers eine woWgebiJdete Singstimme. Er tritt ein, erfährt die Sängerin, ein wahres Jammerbild, stamme aus vornehmer streng orthodoxer Familie, sei im letzten Jahre Konservatorium, gänzlich verarmt und verhungert. In einer Stunde reiste sie. auf em Schloß Radio, Grammophone SdraUplatieo neueste Schöpfungen, auch Tauseh, Zahlungserleiehterang. „Elphora", 1., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Economo's. das seit Jahren unbenutzt war, ein sechswöchentlicher Landaufenthalt, während der Ortsjude für streng rituelle Kost sorgte, rettete ihr Leben und Stimme, wobei sich der Schloßherr jeden Dank brieflich oder persönlich verbat. Ich selbst habe ihn zweimal nach Mittemacht in seiner Wohnung heimgesucht, er ließ sich bewegen, jüdische Familien als Arzt aufzusuchen, er, der nie eine Praxis ausübte. Bei der armen Familie saß er stundenlang, ebenso bei der wohlhabenden, das Honorar üilbergab er mir „für irgend einen jüdischen Verein". Wenige Jahre später war er bei der Hochzeit dieses Kindes in einem dichtgefüllten Vorstadttempel und folgte tief ergriffen der Zeremonie. Wie unendlich vornehm und gütig er sich gegen /mich benahm, übergehe ich lieber, aber ich bin überzeugt, diankbares Gedenken vieler Juden geleitete ihn in sein aß^ufrubes Grab. Clotilde Benedik. An die Leser der „wafirftetf4! Der in den letzten Jahren durchgeführte Ausbau unserer Bezirksorganisationen, die rege Tätigkeit derselben und deren enge Zusammenarbeit mit der Leitung unserer Vereinigung liefern der „Union" ein reiches Material für ihre Schutz-, und Abwehrarbeit. Wir wenden uns nun beute an alle Leser der „Wahrheit" mit dem Ersuchen» das Sekretariat der „Union" schriftlich oder teiephonlsch (A19-2-77) unverzüglich von jedem ihnen bekannt werdenden Falle zu verständigen, in dem die bürgerliche Rechtsstellung oder die Ehre der Juden einem Angriffe ausgesetzt werden. So wie die „Union" gegen jede Gefährdung der berechtigten Interessen der jüdischen Allgemeinheit einschreitet, so steht auch ausnahmslos jedem Juden die HJUe unserer Rechtssctratzstelle zur Verfügung. Union österreichischer Juden. Die Bezirksorganisation Leopoktstadt der „Union österreichischer Juden" veranstaltet am Mittwoch, den 11. d. ML, um halb 8 Uhr abends im Wintergarten des Hotels Continental, EU Praterstraße, ihre diesjährige Mitglieder-Volrversammlans zum Zwecke der Berichterstattung über die Arbeit des abgelaufenen Jahres und der Vornahme der Neuwahlen. Auf der Tagesordnung stehen ferner Referate über die Arbeit der „Union" in und außerhalb der Kultusgemeinde. •>wr«s?»sws»«»wi«(» . «fliJH m HU—IM—li Veranstaltungen öerJugenö-Vnion Kbblokal: Cafe City, DC„ Berggasse 1. Samstag, den 7. November, halb 9 Uhr abends» Geselliger Tanzabend. (Erstklassige Jazz.) s Dienstag, den 10. November, halb 9 Uhr abends. Kulturell-politischer Diskussionsabend Walter Weinberg: „Die jüdischen Seelenforscher Freud und Adler." Gäste bei diesen Veranstaltungen, die beide im Klublokal des Cafe City, IX., PorzeBangasse I, stattfinden, herzlichst willkommen!