Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Milte 4 DIE WAHRHEIT sich Worte finden wie: „Mensch und Tier hilf du, o Gott!" (Psalm 36, 7.) „Der Gerechte kennt die Seele seines Tieres"; dem Gesetze, das in einem Altertum, das keinerlei Vorschrift für die Tötung der zum Fleischgenuß bestimmten Tiere kannte, religiöse, also implicite humane Regeln dafür feststellte. Es ist unzulässig und unkorrekt, alle Verteidiger der jüdischen Schächtmethode als Lügner zu brandmarken und ihre Beweise und Behauptungen als „Unwahrheit" zu bezeichnen. Sie könnten im schlimmsten Falle unrichtig sein. Aber auch das sind sie nicht Auf dem jüngst stattgehabten Tierschutzkongreß in Florenz hat ein jüdischer Teilnehmer eine eindrucksvolle Verteidigungsrede für die jüdische Schlachtungsmethode gehalten. Das verdroß offenbar Herrn Dr. Melkus gar sehr und er sieht sich genötigt, in dem erwähnten Artikel neuerlich dagegen Stellung zu nehmen. Animosität und tendenziöse Darstellung und Schilderung stehen nie und nirgendwo im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit Man darf billig verlangen und erwarten, daß die Beschützer der Tiere denselben Sinn für eine wahrhaftige und gerechte Beurteilung der Gesetze der Juden besitzen. Die Art aber, wie Dr. Melkus vorgeht, ist, bei aller Hochachtung vor seiner begeisterten TierlieTje, die ich durchaus und als Jude mit ihm teile, nicht objektiv. Nun liegt aber die Sache augenblicklich so, daß von vielen Tierschutzvereinen der Welt Betäubung vor der Schlachtung gefordert wird. Die Verteidiger der jüdischen Schlachtmethode und eine wissenschaftlich einwandfreie, von hunderten Autoritäten geführte Beweisführung halten den Schächtschnitt für vollkommen ausreichend. Ein Gegenbeweis ist trotz drastischen, ins Auge springenden und abschreckenden, ja abstoßenden Vorkommnissen, Bildern, Vorführungen nicht erbracht Der Zweck dieser Schildeningen und Vorführungen ist eben, Grauen und Entsetzen über scheinbare Grausamkeiten, an Tieren begangen, zu erwecken. Es ist vergebliches Bemühen, diese Art der Propaganda gegen die jüdische Schächtmethode zu bekämpfen; sie wird immer und überall wirksam sein. Wir sträuben uns aber durchaus nicht gegen eine Betäubung vor dem Schächten, wenn sie das religiöse Gesetz nicht verletzt und unbedingt und lückenlos zuverlässig, keine wie immer geartete, auch nur leiseste Schädigung der Tierorgahe verursacht Diese Methode ist bis heute nicht gefunden worden. Es bedarf nicht der Feststellung, daß wir die Vorbereitungen für die Schlachtung auf das vollkommenste zu gestalten bestrebt sind. Ein jüdischer Lehrer der Antike hat einmal den Wunsch geäußert, die Furcht vor Gott möge so groß sein wie die Furcht vor Menschen. Ich möchte wünschen, daß die Sorge ums Leben, Glück und Gesundheit der Menschen so groß sein möchte wie die Liebe des Tierschutzes zu den Tieren. So wenig wir Juden von anderen Völkern und Religionen über Menschenliebe belehrt zu werden nötig haben, ebensowenig bedürfen wir des Unterrichts über Behütung der Tiere vor Quälereien. Liebe zu den Geschöpfen ist uns seit Urzeit eingeprägt, zu allen Geschöpfen ausnahmslos. Alle Kreatur ist uns in gewissem Sinne heilig. Wunder genug, daß , wir diese Lehre nicht vergessen haben. An uns hat die außerjüdische Mitwelt oft und oft schwerer gesündigt als an irgend einem Tiere. Es ist paradox, uns über Liebe eine Lektion erteilen zu wollen in einer Zeit, die von tollstem Judenhaß bis zum Rande voll ist. Unsere Verbundenheit mit Universum und Natur ist so tief und. stark, daß wir kein Werk des Schöpfers aus unserer religiösen Betrachtung und Bewunderung ausschließen können. Täglich danken wir ihm in Gebet, Segensspruch und Psalmen für die Fülle von Gnade, die. er auf die ganze Schöpfung ausgegossen hat; auf Mensch und Tier, Stein und Pflanze, Himmel und Erde. Doch wir wollen keine philosophischen Höhen besteigen und uns nicht in weite Fernen verlieren. Zu nüchtern ist der Gegenstand unserer Auseinandersetzung. W'ir verlangen nichts, als reine Wahrheitsliebe und harte Gerecntigkuit. VOBNElIflE FAMILIEN - PENSION _ |RBstaBPatioo,RaffBBhaD51 täglich 5-Uhr-Tee g SEFIMERIN61 TELEPHON 11 m Hochstraße 43 | _ neben Hotel Panhans g §§ Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12-—aufwärts jg jH Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser g U in jedem Zimmer. _g Zum Besuch ladet'höflichst em Eckstein, Besitzer j| iniiH Hochschulantisemitismus in Polen. Krakau. An der Krakauer Universität kam es am 29. v. M. zu sehr schweren Zusammenstößen zwischen auf nationaldemokratischer Grundlage organisierten polnischen Studenten und jüdischen Studenten. Die Unruhen begannen damit, daß an der Medizinischen Fakultät die polnischen Studenten versucht haben, ihre i 0dischen Kollegen mit Gewalt aus den Vortragssälen zu entfernen. Die polnischen Studenten erklärten, sie wunden nicht zulassen, daß jüdische Mediziner ihre Uebungen im Anatomischen Institut fortsetzen, bis nicht jüdische Leichen in einem der Zahl der jüdischen Studenten entsprechenden Verhältnis beigestellt werden. Sehr bald dehnten sich die Unruhen auch auf die übrigen Fakultäten aus. Während die angegriffenen jüdischen Studenten an diesem Tage noch ihren Mann stellen und Angriffe abwehren konnten, sahen sie sich am nächsten Morgen stärkeren antisemitischen Studentengruppen gegenüber, die auf sie eindrangen, sie schwer mißhandelten und aus dem Universitätsgebäude hinauswarfen. Eine Abordnung des jüdischen Studentenverbandes „Agniska" begab sich zum Rektor, um diesen um Schutz zu bitten. Auf dem Wege zum Rektoratsbüro aber wurden die Mitglieder der Abordnung von einer größeren Gruppe antisemitischer Studenten angegriffen, schwerstens mißhandelt und auseinandergejagt so daß der Besuch beim Rektor unterblieb. Der Senat der Krakauer Universität trat zu einer Beratung zusammen und beschloß. die Universität für unbestimmte Zeit zu schließen und eine Disziplinarkommission zur Bestrafung der Rädelsführer der Unruhen einzusetzen. Die antisemitische Studentenschaft versammelte sich sodann beim Mickiewicz-Denkmal, von dort wollte sie sich zum jüdischen Akademikerheim begeben; sie wurde aber durch Polizei abgedrängt Das jüdische Akademikerheim und die Redaktion der jüdisch-polnischen Tageszeitung „Nowy Dziennik" wurden ständig durch Polizei bewacht Die jüdische Studentenschaft hielt im jüdischen Viertel Krakaus eine Protestkundgebung gegen den antisemitischen Aufruhr ab, in der für Studierfreiheit an der Universität demonstriert wurde. Am Abend fand in einem geschlossenen Raum eine von über 800 jüdischen Studenten besuchte Versammlung statt, in der beschlossen wurde, an das Rektorat und die Oeffentlichkeit zu appellieren, daß den jüdischen Studierenden Schutz und Studie r f r e i Ii e i t gewährt werden. Die jüdische aka- %* mm IL, Untere Äugartenstraße Nr. 32 Sämtliche Parfümerie- und Haushaltungsartikel zu den billigsten Preisen Sei der Weg noch so weit Er lohnt sich wegen der Billigkeit 1 TELEPHON A 46-6-62 Adresse bitte £«■■ zu beachten! SUUtaft tiettM«SSCat demische Jugend wurde zur Selbstverteidigung, und zur . Verteidigung der jüdischen Ehre aufgefordert. Man zählt viele verletzte jüdische Studenten; die Verletzungen von Cliaim Ederson. Mitglied der Delegation, die sich zum Rektorat begab, und des Studenten Goldmann, der sich einer von Antisemiten angegriffenen jüdischen Studentin annahm, sind s c Ii w erer Natur. Die nationaldemokratische Studentenschaft der Krakauer Universität hielt am 31. v. M. eine Versammlung ab, in der weitere Parolen gegen die jüdische Studentenschaft ausgegeben wurden. Nach der Versammlung marschierten 1500 Studenten geschlossen zum jüdischen Studentenheim, wo sie mehrere Fensterscheiben einschlugen. Durch Steinwürfe wurden zwei jüdische Studenten erheblich verletzt Der Polizei gelang es, die Demonstranten vom Studentenheim abzudrängen. Gegen 1 Uhr mittags formierten sich die jüdischen Studenten zu einem Zug, der sich zur Universität begeben sollte, um bei den Behörden gegen die Behinderung der Lernfreiheit der jüdischen Studenten zu intervenieren. Polizei trieb den Zug auseinander, dabei wurde der jüdische Student Kupermann durch Hiebe von Polizisten erheblich verletzt und mußte ins Krankenhaus gebracht werden. Gegen vier Uhr nachmittags versuchten die natiönaldemokratischen Studenten wiederum zum jüdischen Studentenheim zu ziehen, sie wurden aber von der Polizei abgedrängt Der Universitätsassistent Kruszynski, ein N i c h t j u d e, der sich gegen die antijüdische Hetze wandte, wurde von nationaldemokratischen Studenten barbarisch mißhandelt und sehr erheblich verletzt Der Rektor der Krakauer Universität erließ einen Aufruf an die akademische Jugend, in dem er an die patriotischen Gefühle der Jugend appelliert und sie zu Gehorsam auffordert Die gesamte polnische Presse netzt gegen die jüdische Studentenschaft und schiebt ihr die Schuld an den Geschehnissen zu. Die Universität bleibt bis auf weiteres geschlossen. V Warschau. Die Zeitungen berichten über tägliche wilde antisemitische Exzesse an der Warschauer Universität insbesondere an der juridischen Fakultät, wo die Zahl der jüdischen Studenten etwas größer als an anderen Fakultäten ist Es ist bereits zur Regel geworden, daß in den Pausen zwischen den Vorlesungen- Sprecher der nationaldemokratischen Studenten das Katheder besteigen und rufen: „Die Juden nehmen unsere Plätze ein, die Juden beherrschen die Universitäten, hinaus mit den Juden!" Diese Rufe werden von den Massen nationaldemokratischer Studenten beklatscht und wiederholt. Kommt während dieser Tumulte ein Professor in den Saal, so wartet er ruhig ab, bis der Tumult zu Ende ist und beginnt sodann seine Vorlesung, ohne mit einem Wort auf die Vorgänge hinzuweisen. Kürzlich wurden die erwähnten Losungen durch die Losung „Schlagt die Juden" vermehrt. Aui dieses Signal hin fielen antisemitische Studenten mit Stöcken über die jüdischen Studenten her. Doch fanden sich unparteiische Studenten, die einen Keil zwischen den antisemitischen und den jüdischen Studenten bildeten, so daß es zu schwereren Zusammenstößen nicht gekommen ist. Die jüdischen Akademiker haben beschlossen, eine Abordnung zum Rektor zu entsenden und ihn auf das Martyrium der jüdischen S t u d e n t e n hinzuweisen, denen durch ein System ständiger Bedrohung und- Beschimpfung ein .normaler Studien gang .unmöglich gemacht wird. - Die antisemitischen Unruhen an der juridischen Fakultät der Warschauer Universität haben sich am 31. Oktober wiederholt. Nationaldemokratische Studenten v e r s p e rrten den jüdischen Kolleg enden Zutritt zu den Vorlesungssälen, mehrere jüdische Studenten wurden die Treppen zum U nV versitätsgebäude hinuntergeworfen. Antisemitische Studenten überfielen in Grappen einzelne jüdische Studenten und Studentinnen und mißhandelten sie in rohe s t e r We i s e. Die antisemitischen Studenten an der Medizinischen Fakultät kündigten an, daß sie von nun ■ab keinen jüdischen Studenten zu Sektionen und Uebungen am Anatomischen Institut zulassen werden. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die antisemitischen Unruhen, an denen sich Studenten aller Jahrgänge beteiligen, von langer Hand vorbereitet worden waren. Am 1. November fand im jüdischen Studentenheim eine vom Zentralkomitee der jüdischen akademischai Verbindungen einberufene Versammlung statt, in der g egen die brutalen antisemitischen Ueberfälle und die Behinderung der Studierfreiheit der jüdischen Studenten schärfste ns protestiert wurde. Mit den demokratischen akademischen Vereinen wird wegen Schaffung einer Einheitsfront gegen die organisierte Judenhetze verhandelt. * Am 3. November kam es neuerdings zu schweren antisemitischen Ausschreitungen, die vom nationaldemokratischen Studentenverband organisiert worden waren. Eine Gruppe Studenten drang in die Hörsäle der juridischen Fakultät ein und versuchte die jüdischen Studenten aus dem Saal zu drängen. Es kam zu wüsten Schlägereien. Der Rektor der Universität hat einen Aufruf an die Studentenschaft erlassen, worin er sie zur Ruhe auffordert, widrigenfalls die Warschauer Universität ebenso wie die Krakauer gesperrt werden würde. 16 Juden im neuen englischen Unterhaus. «r i Bei den so sensau°nell ausgegangenen englischen Wahlen zum Unterhaus wurden auch 16 Juden gewählt*. Dem Müheren Unterhaus gehörten 15 Juden an. Die jetzigen jüdischen Parlamentarier gehören alle derKoalition der Nationalen Regierung an. Von den auf der Liste der Labour Party kandidierenden Juden wurde keiner.gewählt die bisherigen, jüdischen Unterhausmitglieder der Arbeiterpartei Emanuel Shinwell, der Mitglied der Arbeiterregierung war, Miss Marion Philips, erste Beamtin der Labour Party, Michael Marcus und Colonel Harry Day kehren nicht mehr in das Parlament zurück. Hocheingeschätzt wird der moralische Erfolg Sir Herbert Samuels, Minister des Innern und Führers der National-Liberalen Partei, der mit einer in seinem Wahlbezirk noch nicht dagewesenen Majorität von 42§7 Stimmen gegen den ihm entgegengesteöten einflußreichen konservativen Kandidaten gewählt wurde. Der Vorsitzende der Exekutive der von Sir John Simon geführten Gruppe der Liberal-Nationalen Partei. H o r e- Belisha, wurde mit einer Mehrheit von 14.420 Stimmen gegen einen Labour-Kandidaten gewählt Von den bisherigen jüdischen Mitgliedern der Samuel-Partei wurden Major James,de Rothschild. Major H. L. Nathan und Percy A. Harris wiedergewählt und Barnet Janner neugewählt Janner siegte über den Kandidaten der Mosley-Partei, den berühmten judischen Boxer Kid Lewis, der in Whitechapel nur 154 Stimmen erhielt Von jüdischen Kandidaten der Samuel-Partei sind Philip Guedalla in Manchester, L. B. Franklin (Sir Heribert Samuels Schwiegersohn) in Hackney nicht gewählt worden. Auch Hugh Franklin, 'ein Neffe Sir Herbert Samuels, der in Hornsey auf der Labour-Liste kandidierte, fiel durch. Auf konservativer Seite wurden wiedergewählt der frühere konservative Minister A. M. Samuel. Samuel S a m u e 1 (Bruder des verstorbenen Lord Beaisted)