Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 45 (6.11.1931)
- Date
- 1931-11-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette2 DIE WAHRHEfl zieht und die schwächeren Währungen erschüttert, daß die Pariser Politik Oesterreich unter einen besonderen Druck setzt, um es ihren Plänen im Donaubecken gefügig zu machen, daß die fortgesetzten Drohungen mit einem neuen Heimwehrputsch die Unruhe steigern und den Kredit Oesterreichs im Auslande erschüttern. Wir sind daran gewöhnt, daß demagogische Kiemente die Schwierigkeiten Oesterreichs dazu mißbrauchen, um eine Judenhetze zu arrangieren. Wenn aber auch ernster zu nehmende Faktoren in das gleiche Horn blasen, so muß ihnen urbi et orbi gesagt werden, daß die Juden Oesterreichs keineswegs gewillt sind, die Rolle des Sündenbocks auf sich zu nehmen und daß sie Mittel und Wege finden werden, um vor aller Welt den wirklichen Tatbestand festzustellen. Es sind in Oesterreich in den letzten Jahren wiederholt Bankenzusammenbrüche erfolgt; es sei nur an die Centraibank der Deutschen Sparkassen, an die Deutsche Bodenbank erinnert, die unter reinarischer Leitung stand und deren Präsidenten und Generaldirektoren ehemalige Minister und führende deutschnationale Politiker waren. Einige von ihnen wurden auch vor den Schranken des Gerichts zur Verantwortung gezogen — aber ihr Glaubensbekenntnis oder die politische Orientierung spielten dabei keine Rolle. Auch die Angelegenheit der Creditanstalt sollte rein sachlich behandelt werden. Mit Juden und Judentum hat dies nichts zu tun, ebensowenig wie der Weltkrieg und die Friedensverträge, die Zollpolitik der Nachkriegsstaaten und die Absperrung der Grenzen, das Zollunionsproiekt und die Konkurrenz der polnischen Schweinezüchter auf dem Wiener Viehmarkte . . . Dr. K. T a u b. Hakenkreuz-Justiz. Kein Schutz gegen Angriffe auf das deutsche Judentum? Vor dem Nürnberger Schwurgericht fand,?/ie wir in der vorigen Woche meldeten, am 19. Oktober eine ScBwurgerichtsvcrbaiidluug gegen den verantwortlichen Redakteur des antisemitischen „Stürmer" statt. Gegenstand der Anklage waren zwei Artikel, von denen der eine Schmähungen der . jüdischen Religionsgemeinschaft, der andere Beleidigungen gegen einen Jüdischen Professor enthielt Während Redakteur Holz wegen des zweiten Artikels zu 1500 Mark Geldstrale verurteilt wurde, kam das Gericht wegen des Religionsvergehens zu einem' Freispruch. Zu diesem sensationellen Prozeß wird uns geschrieben: Vor dem Schwurgericht Nürnberg fand ein Prozeß gegen den Redakteur Holz des „Stürmer" statt, dem zwei Artikel, die an sich miteinander nichts zu tun haben, in der gleichen Nummer des I51att.es zugrunde lagen. In dem einen Aufsatz „Einsendung eines Reichswehrsoldaten" war ein Vorfall in einer Berliner Klinik geschildert. Wegen dieses Berichtes waren in Berlin Untersuchungen geführt worden, deren Ergebnis die Einstellung des Verfahrens war. In Nürnberg stand der Bericht selbst nicht zur Anklage. Aber , in der üblichen Weise des „Stürmer" waren ihm angebliche Stellen aus Talmud und Schulchan Aruch, die als Geheimbücher, aus denen die Juden ihre Lehren beziehen, bezeichnet waren, angefügt. Daraus wurden die Schmähungen gegen das Judentum gefolgert. in dem anderen Aufsatz war einem jüdischen Professor vorgeworfen worden, er habe im Unterricht eine gotteslästerliche Bemerkung getan. Das Kultusministerium erstattete deswegen Strafantrag wegen Beleidigung und übler Nachrede, dem sich der betreffende Professor als Nebenkläger anschloß. Der Landesverband Bayern des Central-Vereins gewährte dem Professor durch Justizrat L e v i n g e r, München, Rechtsschutz und Beistand. Die Wirkung des Artikels zeigte sich bald. Dem Professor., wurden die Fenster eingeworien. ihm das Leben in der kleinen Stadt u n 1 e i d I i c h g e m a c h t; gegen den Pfarrer.'der in der Voruntersuchung und ,in einem bereits früheren Schwürgerichtsprozeß in München die Aussagen des Professorsbestätigt hätte, wurde ein wilderKampientfesselt. Man sammelte Unterschriften gegen ilin usw. Die Stimmung im Schwurgerichtssaale. In der Woche vor dem Prozeß hatte der „Stürmer", gleichsam als gelte es die Einladung zu einer Volksversammlung, das Stattfinden des Prozesses seinen Lesern in Fettdruck angekündigt. Infolgedessen» s^arjd;e r Zuhörerraumvon Nationalsozialisten gedrängt v o 11. Wenn es Aufgabe der Justiz ist, Irrungen und Wirrungen des Menschenlebens in die objektive Sphäre des Rechtes zu heben, so. wirkte einer solchen Sublimierung -die Stimmung im Gerichtssaal sofort entgegen. Holz und sein Verteidiger hielten Hetzreden, die wiederholt von Bravorufen unterbrochen wurden, so daß der Vorsitzende mit der Räumung drohen PERSERTEPPICHE waren noch nie so billig wie" jetzt iiltjjittn: s. SCHEIN A.G. nur I., Bauernmarkt 12-14 (Keine Filiale in Wien). Größten I>ager Wiens in Banvai-Knüpfern mußte. Ohne unterbrochen zu werden, konnte Holz die Juden als eine Köterrasse bezeichnen und andere Beschimpfungen aussprechen. Gegen Zeugen, die dem Angeklagten mißliebig waren, wurden, mehr oder weniger verhüllt, ehrenkränkende Vorwürfe erhoben, nach dem alten. Prinzip, daß man Zeugen, die einem nicht passen, „meineidig zu machen" versucht. Die Ablehnung der Sachverständigen. In der gleichen Linie lag der Antrag der Verteidigung auf Ablehnung der Sachverständigen Rabbiner Dr. Eschelbacher und Professor Dr. Goettsberger, der fairer Weise erst ritfeh der Erstattung des Gutachtens durch Dr. Bise h o f f zu Worte kam. Der Verteidiger begründete sie damit, daß Rabbiner Dr. Eschelbacher Mitglied des Central -Vereines sei und daß Professor Dr. Goettsberger sich nach dem letzten Prozeß schriftstellerisch betätigt habe und diese Aeußerungen in der;,C. V.-Zeitung" erschienen seien. Das Gericht verwarf den Antrag aufoBe Ablehnung von Professor Goettsberger, ga b aberde r Ali lehnung Rabbiner Esche 1bachers statt mit der Begründung, daßerimC. V. mitarbei t e. (!) Dies geschah trotz der Einwendung des Staatsanwalts, der dafauf hinwies, daß die Mitgliedschaft zu einem so weitläufigen Verband keine persönliche Beziehungen und damit keinen Ablehnungsgrund schaffen könne. Das Gericht beschloß aber, Rabbiner Dr. Eschelbacher als sachverständigen ZeugetikZU vernehmen. Die Gutachten. Dr. Bisch off gab ein zwei Stunden langes Gutachten ab. Er behauptete, daß im großen und ganzen die angezogenen Stellen im Talmud .und Schulehan Aruch vorhanden seien, daß er sich aber auf die Auslegung'nichteinlassen könne.. Man könne dem Angeklagten nicht zumute n, s i ch mitder Ausleg » n g zu befassen, und man dürfe daher in der Wiedergabe der Stellen und den daraus gezogenen Folgerungen kein Religionsvergehen sehen. Er versuchte dann weiter folgende Darstellung: Das Judentum sei nicht einheitlich, das liberale Judentum mache die Anzeige, sei aber dazu nicht aktiv Feuilleton Der Redakteur. Humoreske von Tunkcler. - „Panje Redaktor, ich hab' eine glänzende Idee, eine Karikatur für die humoristische Ecke unserer Zeitung JOer Ferwelschlrnger'." So sprach der bekannte Karikaturist Pinselspitz zum Redakteur der Tageszeitung „Kurrier", Merchotipcho, und schleckte sich die Lippen ab über diese Idee wie von feiner Marmelade. „Heraus damit! Was für Idee? Laßt uns hören,"' sagte der Redakteur Merchotipcho. „Wir werden aufzeichnen, wie ein Schwiegersohn seine Schwiegermutter zur Bahn begleitet, hahaha. verstehen Sie die Situation? Ein Schwiegersohn begleitet seihe Schwiegermutter zur Bahn, glaubt, sie losgeworden zu sein und bleibt da sie den Zug verpassen, mit langer Nase zurück. Ein goldener Einfall! Eine Rarität von einer Karikatur! So witzig und so originell. Die reinste Ironie des Schicksals. Der Leser wird vor Lachen sterben." Der Redakteur griff sich an die linke Schnurrbartseite und dachte nach. „Glauben Sie. daß die Karikatur niemanden beleidigen wird? Wird säe bewahre niemanden aufregen?" „Gott bewahre, was sprechen Sie. panje Redaktor, ein unschuldiger Witz, ein Schwiegermutterwitz." „Vieffleächt ist er politisch nicht ganz einwandfrei." „Was hat das mit Politik zu tan?" „Vielleicht gesellschaftlich zu scharf!" „Was soll da die Gesellschaft? Es ist ein einfacher, iruermitiger Witz rund um ein nagelneues Thema — Schwiegermutter." „Hm ... ich glaub' auch, daß nicht viel Gefahr drin steckt Ich glaub', daß man darf. Aber . . . wissen Sie. so der Sicherheit wegen wollen wir so zwei, drei Stellen; nrufen." Er griff nach dem Telephonhörer und läutete an. ..11-305 — hallo! Die Zionistische Organisation? Wer spricht? Deputierter TrötHmg? Hier bin ich, Redakteur Merchotipcho. Entschuldigen' Sie, ich. wollte Sie nur fragen. Es ist uns ein ausgezeichneter Gedanke für eine Karikatur eingefallen, die in der humoristischen Ecke unserer Zeitung gedruckt werden soll. Die Karikatur soll einen Schwiegersohn darstellen, der seine Schwiegermutter zur Bahn begleitet und den Zug versäumt hahaha! Begreifen Sie die Ironie des Schicksals? Ein Schwiegersohn begleitet seine Schwiegermutter zur Bahn, glaubt sie losgeworden zu sein und bleibt mit langer Nase zurück. Eine gelungene Karikatur, nicht wahr? Was glaube Sie nun vom Stamipunkt der Zionistischen Organisation, ist sTe vielleicht taktlos? Wird sich die Zionistische Organisation bewahre nicht etwa von dieser Satire getroffen fühlen? Wird sie die Schwiegermutter nicht etwa als Symbol der vierten Alijah nehmen? Nein? Und der Waad Hairenu, wird der nicht beleidigt sein? Und der Keren Hajessod! Und der Keren Kajemeth i'Israel1! Auch nicht? Bestimmt nicht? Wir können 's also machen! Ganz kühn! . . . Und vielleicht würden Sie dennoch Z(entraI-)K(omitee) darüber sprechen und mir Antwort geben? Macht nichts, ich kann bis zur Sitzung warten. Und vielleicht würden Sie selbst eine Generalversammlung einberufen! Lohnt sich nicht! Gut auf Ihre Verantwortung. Danke. Auf Wiedersehen, lehitraoth!" Hörer aufgehängt und wieder angeklingelt „17-7-28 . . . Hallo! Rabbinat? Guten Morgen. Entschuldigen Sie. Herr Rabbiner, daß ich Sie störe. Ich spreche. Redakteur Merchotipcho. Wir wollen in unserer Zeitung eine Karikatur machen. Nicht Temperatur — Karikatur . . . Ein Schwiegersohn geht begleiten! . . . nicht töten . . . begleiten . . . er begleitet seine Schwiegermutter zur Bahn ... nicht seine Witwe . . . was auf einmal Witwen . . . es handelt sich um eine Karikatur, nicht Schnur . . . Karikatur . . . so. eine'Gemalerei . . . er führt sie zur Bahn, nicht zum Mann — zur Bahn — nicht Mann — Bahn — Station. Bahnhof — will ich eine Entscheidung — nicht Scheidung, nicht Scheidung, sondern Entscheidung — Sie sollen mir sagen, ob das nicht bewahre die Ehre des Rabbinats tangieren kann. Und ob es nicht bewahre die religiösen Gefühle der orthodoxen Juden verletzt Was? Sie sagen nein? Und Sie persönlich auch nicht? Weiß ich. vielleicht haben Sie sine Schwiegermutter. Sie haben keine Schwiegermutter? Vielen Dank, Herr Rabbiner. Der Herr soll Heil .schicken allen Juden.. Amen, Sela, Adieu!" Den Hörer aufgehängt wieder heruntergenommen. „Sejm? Jüdische Fraktion? Deputierter Wasserklatscher? Schönen guten Morgen, Herr Deputierter. Wir haben eine Idee für eine Karikatur. Nicht Konjunktur — KarikahiT. Wie eine Schwiegermutter einen Ferwelschlinger in den Spalten' der Schwiegermutter,. der Teufel, will sagen von der Bahn — und versäumt die Zeitung — was glauben Sie, wird die Fraktion nichts dagegen haben? Ist es nicht staatsfeindlich? Weiß ich, „Schwiegermutter", man wird1 es noch für „Regierung" nehmen, was glauben Sie, ungefährlich? Kann man da nicht darin eine Andeutung finden, daß ich einervafDeil der Bevölkerung gegen den arideren aufreize? Neiri? die Zeitung wird nicht konfisziert werden? Also bitte, auf Ihre Verantwortung. Na gut adieu." Er bricht ab und läutet wieder an. u>. * „Hallo! Wir haben eine glänzende Idee wegen einer Kar3catur. Was? He! Was! Wer spricht? Zentrale gar? Entschuldigen Sie, bitte geben Sie mir den Frauenverein. Welche Nummer? Sofort Augenblick. 78-34! Hallo! Wir haben eine glänzende Idee für unser Blatt: eine Karikatur begleitet einen Schwiegersohn zur Bahn und versäumt die Schwiegermutter. Möchte ich fragen, ob Ihr Frauenverein nichts dagegen hat. Weiß ich, eine Schwiegermutter gehört ja auch zum weiblichen Geschlecht Sie haben ja wahrscheinlich auch Schwiegermütter in Ihrem Verein. Wie! Gestorben? Wer ist gestorben? Meine Schwiegermutter? Bewahre, sie ist noch nicht gestorben — Ich brauche eine Chewra Kadischa. Wer spricht? Chessed schel Eme«' Nicht Frauenvertwn? Na gut. meinetwegen Chessed schel Emes. Ich kann mich auch mit Ihnen beraten. Wir haben eine glänzende Idee für eine Karikatur. Ein Schwiegersohn begleitet einen Zug auf den Spalten des „Ferwelschlinger". Haflö! Abgebrochen. Haüo! Hören Sie? Ja. ich will Sie fragen . . . Wer spricht? Wer? Firma Getzelsdhn & Comp.? Trikotageausarbeituarg? Gut ich kann mich auch mit Ihnen beraten. Wir haben eine glänzende Idee für unseren ..Ferwelschlinger". Eine Schwiegermutter begleitet ihre Karikatur zum Zug. Wird Sie das nicht beleädigtn? Was? Wer schimpft dort? Verrückt? Sie selbst sind