Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 44 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 DIE WAHRHEIT VonWoehezu Wodke Dr. Adolph Stern, der Vorkämpier der Emanzipation der rumänischen Juden, verstorben. In Bukarest-ist am 18. d. M. der hervorragende jüdische Politiker, Schriftsteller undi Jurist Eh". Adolph S^ern, Vorkämpfer der Emanzipation, der rumänischen Juden, im Alter von 84 Jahren verstorben. Das rumänische Judentum trauert üm den Hingang einer großen jüdischen Persönlichkeit und eines von allen verehrten Führers. Dr. Adolph Stern wurde im Jahre 1848 in einer Stadt Altrumäniens geboren. Schon als junger Rechtsanwalt begann er seinen Kampf für die Glcichberechti- «ung der rumänischen Juden. Zum Zwecke der Fort- Khrung dieses Rampfes begründete er im Jahre 1909 die „Uniunea Evreilor Pamajiteni" (Union de rbo den ständigen Juden), die in allen größeren Städten Altrumäniens Sektionen unterhält und in Bukarest ein eigenes Organ, den „Curierul Israelit", herausgibt Nach der Bildung des großrumänischen Reiches in den Nachkriegsjahren bildeten sich Sektionen •*er Union auch in den neurumänischen Provinzen. Adolph Stern war bis zum Jahre 1924 Präsident und seither Ehrenpräsident der Union, die 1923 in „U n i u- ■ e.a Evreilor Roman i" (Union rumänischer Juden) umgewandelt wurde. Dr. Adolph Stern hatte die Genugtuung, die Frucht seines Lebenskampfes reifen zu sehen. Die Emanzipation der rumänischen Juden wurde nach Schluß des Weltkrieges verwirklicht, die jüdische Gleichberechtigung in der Verfassung des vergrößerten rumänischen Reiches verankert Der Umstand, daß in Rumänien von Zeit zu Zeit immer noch Judenverfolgungen vorgekommen sind, cnö daß einem Teil der Juden in Rumänien, namentlich in den neuen Provinzen als „Flüchtlingen" und „Staatenlosen" die bürgerlichen Rechte vorenthalten werden, tut dieser Errungenschaft keinen Abbruch. Dr. Adolph Stern selbst gehörte in den Jahren 1922 bis 1926 der rumänischen Deputieitenkammer an und war Vorsitzender des Jüdischen Klubs. Er ist auch Ehrenpräsident der Jüdischen Gemeinde von Bukarest gewesen. Dr. Adolph Stern hatte auch als Schriftsteller einen Namen, er übertrug Shakespeare ins Rumänische. Die Bestattung Dr. Adolph Sterns. Unter außerordentlich starker Beteiligung aller Schichten der jüdischen Bevölkerung von Bukarest, sowie zahlreicher Abordnugen jüdischer Verbände aus den Provinzen wurde am 20. Oktober Dr. Adolph Stern zu Grabe gerragen. Die Feier im Trauerhause wurde durch eine ergreifende Ansprache von Oberrabbiner Senator Dr. I. Niemirower eingeleitet Dr. Wilhelm Fildermann würdigte im Namen des jüdischen Gemeindeverbandes und der Union rumänischer Juden, dessen Verdienste um die jüdische Bevölkerung Rumäniens. Namens, der Jüdischen Partei Rumäniens nahm deren Präsident Deputierter Dr, Theodor Fischer. Abschied von dem Toten. Weitere Ansprachen wurden unter arideren von Adv. Aureliu Weiss namens der Bnet Birth und Oberrabbiner Dr. Sabbatai D j a e n namens der SephardSm gehalten.- Im Trauerhause hatten sich der Gesandte der Vereinigten Staaten, Wilson, und Vertreter rumänischer Behörden eingefunden. Taüsende von Juden aus allen Bevölkerungsschichten folgten dem Sarge. In der Synagoge sprach namens des Vorstandes Herr Micu Zentler. bei der Beerdigung auf dem Friedhofe wurde noch eine Reihe von Ansprachen von Vertretern verschiedener Organisationen gehalten. In der Str. Lipscani waren beim Passieren des Konduktes sämtliche Geschäftsläden geschlossen. Weizmann sieht schwarz. Die Prager zionistische „Selbstwehr" veröffentlicht eine Unterredung ihres Berliner Korrespondenten mit Dr. Chaim Weizmann, der u. a. erklärte, von der nächsten Zukunft habe man nicht viel zu erwarten. Englands gebietende Weltstellung ist durch den Pfundkrach bedenklich erschüttert worden und das britische Imperium wird bald ein Staatenbund britischer Interessen werden. Dann erhält auch die Frage eines arabischen Staatenbundes neue Aktualität, was auf die Errichtung der nationalen Heimstätte nicht von günstiger Wirkung sein kann. Die Araber haben nach dem Pfundsturz jeden Respekt und jede Furcht vor England verloren. Darunter haben auch die Beziehungen der Araber zu den Juden gelitten. Weizmann erklärte weiter, im Augenblick sei kein direkter Weg mehr für Verhandlungen mit den Arabern offen, die Araber seien zwar innerlich gespalten, aber nach außen einig. Während sie vor kurzem, wenn auch unter hochtrabenden Bedingungen, zu Verhandlungen bereit waren, wollen sie jetzt von Verständigung nichts mehr wissen. An der Geringschätzung der zionistischen Kräfte ist nicht nur der verlorene Respekt vor England» sondern auch der allzu langsame Fortschritt der Jüdischen Aufbauarbeit schuld. Vorsicht Ist die Mutter der — Diplomatie. Der frühere High Commissioner für Palästina Sir John Chancellor und der neuer nannte High Commissioner General Sir Arthur Grenfell Wauchope toben sich jüngst in London in einer Sitzung der Palestine Archeological Society getroffen. Die Sitzung war veranstaltet worden, . damit sich die Mitglieder der Society von dem 78jährigen Archäologen Sir Flinders Petrie verabschieden, den sich nun abermals nach Palästina zur Fortführung der Ausgrabungen begibt Im Verlaufe der Sitzung ergriff auch General Sir Arthur Grenfell Wauchope das Wort und führte aus, er stehe Palästina als ein rechter Neuling gegenüber. Im Kriege habe er - vier Jahre in Mesopotamien verbracht und dort Gelegenheit gehabt, die archäologische Arbeit zu beobachten. Er hoffe, während seiner Amtstätigkeit in Palästina Sir Flinders Petrie in seiner Arbeit unterstützen zu können. Auch Sir John Chancellor wich im seiner Ansprache jeder politischen Erörterung aus, sprach nur über die archäologische Arbeit in Palästina und bedauerte es. daß Petrie nicht Gelegenheit gegeben sei, an den von amerikanischen Universitäten in Jerusalem geführten Ausgrabungsarbeiten teilzunehmen. Als letzter Redner wünschte General Lord All enby Petrie besten Erfolg zu seinen Arbeiten. Sprachenstreit in Palästina. „Kol Jisroel", das Organ der von Rabbi Sonnenfeld geführten Agudas-Jisroel- G e m e indeinPalästina, führt in einem mit der bevorstehenden Volkszählung in Palästina sich befassenden Artikel aus: „Unsere Umgangssprache ist Jiddisch. Wir wollen uns nicht selbst belügen, wie wir dies anläßlich der Volkszählung vor zehn Jahren getan haben. Wir hatten uns damals den hebräischsprechenden Juden zugezählt, ohne zu ahnen, welchen Schaden der mit der hebräischen Sprache getriebene Kult und der Nationalismus uns bringen würde." Die Schulen in Palästina wieder eröffnet Am 20. Oktober wurde in den Elementarschulen und Kindergärten des Jewish Agency-Schulwerks in ganz Palästina der Unterricht wieder aufgenommen. Geschlossen sind nur noch einige Schulen in Tel Aviv und in Chederah. — Wie die JTA erfährt, hatte sich die Exekutive der Jewish Agency in Palästina zwecks Ueberwindung der Schulkrise bereit erklärt, das Schulbudget statt um 20.000 Pfund um nur 16.000 Pfund zu kürzen, wobei der Jischuw weitere 5000 Pfund und die L e h r e rschaft ihrerseits durch Verzicht auf ein Monatsgehalt 7000 Pfund zum Schulbudget beitragen sollen. Die Exekutive der Jewish Agency hat sich ferner bereit erklärt, einen Vorschlag, laut dem alle Mitglieder des Beamtenstabes der Jewish Agency und der,zionistischen, Fonds einen Monats-, gehalt zugunsten der Schule opfern, in günstige Erwägung zu ziehen. Ein seltenes Jubiläum. Abgeordneter Dr. Paul Sandor, der ener-r gische Vorkämpfer des ungarischen Judentums» der in kurzer Zeit 70 Jahre alt wird, konnte in diesen Tagen ein seltenes Jubiläum feiern: er gelOÜicDlsdics HOniüsilehf Seit vielen Jahren das anerkannt beste tM^netM Man achte auf die ges. getch. Marke «Hygien- Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhtrst heng assss 3 Telephon R .3-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. 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Die spanische Tageszeitung „El Sol" behauptet, der vor einigen Tagen verstorbene geniale amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison sei Abkömmling einer jüdischen Familie gewesen, die ursprünglich in Spanien ansässig war und nach der Judenaustreibung aus Spanien nach Holland ausgewandert ist. Der Blankotag-Plan fallengelassen. Der Londoner Chiefrabbi Dr. J. H. Ii e r t z, der soeben aus Genf zurückgekehrt ist, wo er das Jüdische Komitee betreffend die Kalenderreform in der Konferenz der Völkerbundskommission für Verkehr und Transit vertrat, erklärte gegenüber dem JTA-Vertreter, er glaube, daß der Plan der EinführungeinesBlankotagesfallen« gelassen wurde und daß dieser Plan mindestens für die Dauer einer Generation nicht wieder zur Diskussion gestellt werden wircL 3fai£?€ nfcreuz am Werft Es geht auch anders. Am 17. d. M., so berichteten wir in unserer letzten Nummer, wurde der Drogist Erich Schlepnik, ein Nationalsozialist, der in der Taborstraße jüdische Passanten anrempelte und verprügelte, beim Strafbezirksgericht I vom LGR. Dr. Jellinek zu 48 Stunden Arrest verurteilt. Dazu bemerkten wir, daß die Milde, die sich in diesem Urteil ausdrückt, niemand verstehen und noch weniger billigen könne. Einige Tage später hatte sich dieser Nationalsozialist Erich Schlepnik wieder, bei dem gleichen Gericht zu verantworten, weil die Chemikerin Frau Dr. Sophie Rosenzweig, die Schlepnik bei jenem Vorfall zur Rede gestellt hat, von ihm mit ordinärsten Worten beschimpft wurde. Sie klagte wegen E h r e n b e- 1 e i d i g u n g und der Richter, diesmal LGR. Dr. Kunzel, verurteilte den nichterschienenen Nationalsozialisten zu drei Tagen Arrest, Man beachte: Wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung in zwei Fällen, also wegen eines Offizialdeliktes, wurde der Nationalsozialist von LGR. Dr. Jellinek zu 48 Stunden Arrest verurteilt, wegen des Privatdeliktes, Ehrenbeleidigung, verdiente er nach Ansicht des LGR. Dr.Kunze allein schon drei Tagen Arrest. Wer kennt sich da aus? Beginnende Einsicht Die deutsche Reichszentrale fürSchächtangelegenheiten teilt mit: Am 16. Oktober ist der von den Nationalsozialisten im Mai dieses Jahres in der Stadtverordnetenversammlung zu Kiel eingebrachte Antrag auf Einführung des Schächtverbotes abgelehnt worden. Der Tierschutzverein hatte es sich besonders angelegen sein lassen, in einem Rundschreiben an die Stadtverordneten, unter Hinweis auf ein in Bielefeld einstimmig beschlossenes Schächtverbot, darauf zu drängen, daß der Antrag der Nationalsozialisten unterstützt werde. In der Zwischenzeit ist jedoch in Bielefeld das Verbot zurückgezogen und auch im thüringischen Landtag der Schächtverbotsantrag abgelehnt worden. — Die Ansicht, daß das Schächtverbot auf Grund der Wissenschaft jeder Berechtigung entbehrt und auch wirtschaftlich nur hemmend wirken kann, scheint sich Bahn zu brechen.