Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-10-30 · Heft 44 (30.10.1931) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 44 (30.10.1931)
Date
1931-10-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064495--18591-3083637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

LUE WAHRHEIT itNilü» Seite 1 Die Botschaft hört man wohl . . . Der neue Prozeß gegen die Anstifter der Unruhen von Borscha, der am 12. Oktober vor dem Appellationsgerichtshof in Oradea eröffnet wurde, mußte vertagt werden, weil eine Reihe wichtiger Zeugen nicht stellfg' gemacht werden konnten. Zwei der Hauptangeklagten, Constamtm Danila und der Pfarrer Ion Berindeii haben kurz nach Vertagung des Prozesses an einem Regionalkongreß der nationalzaranistischen Partei in Sighet (Mannarosch) teilgenommen. Danila, der bekanntlich früher einer der. zügellosesten antisemitischen Agitatoren war und sich erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit den Nationalzarahisten angeschlossen hat, hielt eine aufsehenerregende Rede, in der er uiiter anderem ausführte: Die Leute solten nicht auf das Gerede ungezogener Straßenjungen hören, die das. Volk mit großen Worten dem Extremismus in die Arme treiben wollen. Ich bekenne, daß ich mich geirrt habe; auch ich habe mich von jenen tönenden Phrasen, die nichts als Lüge sind, umnebeln lassen. Heute weiß ich, daß die Wahrheit auf Seiten der. nationalen Bauernpartei ist. Eine to ähnlichem Sinne gehaltene Erklärung gab der Pfarrer Ion BerSndei ab. In rumänischen jüdischen Kreisen ist man wenig, geneigt, den Beteuerungen der angeblich zu besserr Einsteht gelangten antisemitischen Hetzapostel Glauben zu schenken. Es wird darauf hingewiesen, daß in naüönalzaranistischen Versammlungen in Transsylvanien häufig genug Antisemitismus gepredigt wird' und daß die jeweiÜge Stellungnahme der Parteiführer zur Judenfrage lediglich taktischen Erwägungen entspringt. Die Erklärungen Danilas und Berändeis zielen .anscheinend! auch darauf ab, die öffentliche Meinung angesichts der bevorstehenden Fortsetzung des unterbrochenen Prozesses in einem für sie günstigen Sinne zu beeinflussen. -Ssi. Bestrafte Verleumder. Während des pfälzischen Gemeindewahlkampfes war in der nationalsozialistischen Zeitschrift „Der Eisenhammer" die Behauptung aufgestellt worden, der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" arbeitet Hand ih Hand mit einem „Bund deutscher Aufbau", in dem verschiedene übelbeleumdete Personen tätig seien. Der Vereinsvorsitzende, Minister o. D. Dr. Gothein und Geschäftsführer Dr. Horriacher, stellten im Auftrag des „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" Strafantrag. Durch kommissarisch vernommene Zeugen in Nürnberg und Berlin wurde festgestellt, daß keinerlei Verbindung oder Beziehung zwischen den beiden genannten Organisationen bestanden hat. Das Amtsgericht verurteilte den beklagten Schriftleiter wegen übler Nachrede zu 150 Mark Geldstrafe. — Der nationalsozialistische Reichstagsabgeordnete. Studienrat Dr. Löpelmann. wurde vor einiger Zeit wegen beleidigender Aeußerungen über den Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß zu vier Wochen Gefängnis verurteilt, wogegen er Einspruch erhob. Das Schöffengericht verminderte die Strafe auf zwei Wochen Gefängnis. Gegen dieses Urteil hatten Dr. Löpelmann und die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. Die Strafkammer verwarf die Berufung des Angeklagten und verurteilte ihn auf die Berufung der Staatsanwaltschaft zu einem Monat Gefängnis. Gemeinde - thronik Jüdische Nothilfe in Budapest Unter der Leitung des Hofrates Samuel Stern wurde eine Notstandsaktäon der Pester Israelitischen Kultusgemeinde eingeleitet. Es gelangen 120.000 Portionen Mittagessen gratis zur Verteilung, ferner werden in. jedem Stadtbezirk Wärmestuben eröffnet werden, in denen Mittags- und Abendessen zur Verteilung gelangen werden. Bisher sind zu diesem Zwecke Spenden in. der Höhe von 60.000 Pengö eingegangen. Budapest Oberrabbiner Dr. Sigmund Großmann, Direktor der Rabbinatskanzlei der Pester Israelitischen Kultusgemeinde, hat am 15. Oktober sein 25jähriges Dienstjubiläum gefeiert. Seit vielen Jahren betätigt sich Oberrabbiner Dr. Sigmund Großmann mit Erfolg auf dem Gebiete der jüdischen sozialen Fürsorge, seine statistischen Aufstellungen sind ein Quellenwerk der jüdischen Bevölkerungsbewegung in Ungarn. Vor einiger Zeit hatte er eine Studie über die Geschichte der jüdischen Presse in Ungarn veröffentlicht. Einschränkung der Autonomie der jüdischen Gemeinden Polens. In der letzten Sitzung des Vorstandes der Warschauer Jüdischen Gemeinde erstattete der Gemeindepräsident, Herr Mazur, Bericht über die neue Verordnung des Kultusministeriums betreffend die jüdischen Gemeinden und erklärte, diese Verordnung bedeute eine scharfe Einschränkung der Autonomie und der Kompentenzen der jüdischen Gemeinden, die sich die Gemeinden nicht gefallen lassen dürfen. Die Verordnung schränkt nicht allein das Steuerrecht der Gemeinden ein. sondern sie begrenzt die Funktionen der Gemeinde auf nur religiöse Gebiete und untersagt der Gemeinde sogar jede, philanthropische Tätigkeit, die nicht ausdrücklich mit der Erfüllung religiöser Bedürfnisse eusammenbängt. Am einschneidendsten ist die Beschränkung des Steuerrechtes, durch die die Gemeinden und ihre Institutionen auf das schwerste betroffen werden. Präsident Mazur Kündigte für die ersten Novembertage den Zusammentritt eines Gemeindetages der größeren Gemeinden Polens an, der die Attacke des Kultusministeriums gegen die Gemeinden abzuwehren haben wird. Auch der Vorstand der Lemberger Jüdischen Gemeinde hat die Gemeindevorsteher Ostgaliziens zu einer Beratung über die neue Gemeindeordnung der Regierung eingeladen; Die Präsidenten der 15 größten jüdischen Gemeinden Ostgaliziens nahmen an dieser Beratung teil und arbeiteten ein Memorandum an das Kultusministerium aus, in welchem dargelegt wird, daß die Regierungsverordnung dazu angetan sei, jede jüdische Gern e i n d e t ä t i g k e i t lahmzulegen. Eine Abordnung des Gemeindetages begab sich nach Warschau, um der Regierung gegenüber den Standpunkt der Gemeinde zu vertreten. Georg EngeL Der kürzlich in Berlin wenige Tage vor Vollendung seines 65. Lebensjahres verstorbene bekannte Schriftsteller Georg Engel war Jude. Er schrieb auch eine jüdisches Drama „Hadassa". Georg Engel, der 1866 in Greifswald geboren wurde und bis zuletzt in Berlin gelebt hat, studierte Philosophie und Geschichte und war eine Zeit lang Kritiker am „Berliner Tageblatt". Er war Vorsitzender des Verbandes deutschen Schrifttums und seiner NotgemeDnschaft. Er hat sich m den letzten Jahren sehr vüel um die Linderung der Not der deutschen Schriftsteller durch Veranstaltung von Vorlesungen und durch Heranziehung von Staat und Stadt bemüht. Trauung. Sonntag, den 25. d. M., fand im Zeremoniensaal des Großen Leopoldstädter Tempels die Trauungdes Fräulein Ilse E.r n s t, Tochter des Herrn Siegmund Ernst und seiner Gattin Rosa, geborene M e i s e 1, mit Herrn Kurt R e s i n g e r statt. Es entsprach der rühmlichst bekannten Bescheidenheit des in weitesten Kreisen geschätzten und beliebten Brautvaters, daß dieses freudige Ereignis in aller Stille vor sich ging. Denn obwohl Herr Siegmund Ernst auf Grund seiner ersprießlichen jüdischen Tätigkeit — er gehört der Bezirkskommission I der Kultusgemeinde an, ist Mitglied der Chewra Kadischa, des Zentralvorstandes der „Union österreichischer Juden" und vieler anderer jüdischer Vereinigungen — sich ein Anrecht auf besondere Ehrungen an diesem Freudentage .-»einer Familie erworben hätte, ging er doch all diesen Ehrungen aus dem Wege und so vereinigte der Zeremoniensaal nur die engsten Familienmitglieder. Die rabbinischen Funktionen hatte Rabbiner Prof. Dr. J. M. B a c h, die kantoralen Funktionen 1. Kantor Leo Funke inne. Die Oeffentlichkeit, die nun erst von der Trauung Kenntnis erhält, wird es sich dennoch nicht nehmen lassen, die Familie Ernst in verdientem Maße zu beglückwünschen. Jüdischer Frauenverein Leopoldstadt. Für sämtliche Wiener jüdische Wohlfahrtsvereine, insbesondere aber die jüdischen Frauenvereine in den einzelnen Wiener Bezirken ist nun eine besonders schwere Zeit gekommen. Wir stehen vor einem Winter, dessen Härte die von diesen Vereinen bisher bedachten Aermsten der Annen besonders arg zu fühlen haben werden. In klugem Verständnis für die schreckliche Periode, die nun für seine Schützlinge heranzubrechen droht,, bat der Jüdische Frauenverein Leopoldstadt bereits seit einiger Zeit eine Kohlenaktion in die Wege geleitet, bei der er auf die Unterstützung edelgesinnter Glaubensgenossen rechnet Vor allem soll diesem Zwecke das Reinerträgnis einer Festvorstellung im Schwedenkino, II., Taborstraße 1, dienen, die Sonntag, den 8. November, um 'AU Uhr vormittags, stattfindet. Zur Aufführung gelangt „David Golder". Der Verein hat schwere Pflichten auf sich genommen, es ist Sache der Allgemeinheit, ihm bei der Erfüllung dieser Pflichten behilflich zu sein. Karten zum Preise von S 1.50, 2.— und 2.50 sind bei allen Vorstandsdamen, ferner im Sanitätshaus Fischer, IL, Taborstraße 24, im Möbelhaus Oppenheim, IL, PraterstraBe 30, in der Redaktion „Die Wahrheit", Wien IL, Heinestraße 13, Telephon R 46-2-16, und an der Tageskassa des Schweden-Kinos ab 9 Uhr zu haben. Todesfall. Vor kurzem verschied hier nach schwerem Leiden Frau Mathilde Rubin, geb. T i n t n e r, die Gattin des Lektors Dr. S. Rubin und wurde am 16. d, auf dem Zentralfriedhof zur letzten Ruhe bestattet Die Verstorbene stammte aus einer bekannten deutschen Rabbiner- und Kantorenfamüie, war selbst künstlerisch ungemein begabt und hat ihre Angehörigen und Freunde oft und oft mit ihrer Kunst erfreut. Bei der Beerdigung, der auch der Vizepräsident der israelitischen KuJtusgemeinde Dr. J. Ornstein, Amtsleiteti W. Freistadt. Hofrat T i n t n e r und viele andere beiwohnten, versah Oberkantor Margulies, selbst ein Freund des Hauses der Verstorbenen, die kantoralen Funktionen mit zu Herzen gehender Innigkeit Lektor Dr. S. Rubin nahm in bewegten Worten Abschied von seiner entschlafenen Gattin und dankte ihr für all die M/ühe und Liebe, die sie ihm gewidmet Wer die nun in Gott Ruhende, die seit zwei Jahren nach schwerer Erkrankung Unsägliches litt, kannte, wird! ihr ein ehrenvolles Andenken bewahren. Unsere gesch. Leser seien auf das Inserat der Firma Musikhaus Le-o Tublin auf Seite 2 der vorliegenden Nummer aufmerksam gemacht Das Geschäftslokal der Firma befindet sich jetzt nur L. JasomirgottstraBe 6 (Stefansplatz). {.PKK EL, Untere Augarfensfraße Nr. 32 Sämtliche Parfümerie- und Haushaltungsartikel zu; den billigsten Preisen; Sei der Weg noch so weit, | Er lohnt sich wegen der ' Billigkeit t TELEPHON A 4S-6-82 Adresse bitte neun zu beacfitenl.SUUfaft ftCHfttoMCat' .- Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien (IL, Ferdinandstraße 23/8) veranstaltet Montag, den 2. November, XA8 Uhr abends, im Klubsaale - ddp „Hakoah", I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashof, eigener Eingang Souterrain), einen Vortrag des Herrn Prot. Dr. Samuel Krauss: „Die jüdische Wissenschaft auf dem Leidener Orientaltetenkongreß (1931)" Eintritt frei Gäste willikommen. ..... ...... Oer Jüdische Frauenverein Landstraße (Präsidentin Frau Erna Schwarz-Hiller) veranstaltet Sonntag, den 3. November, im großen Festsaale des Hotel Continental, Wien 11., Taborstraße 6, den zweiten- Wohltätigkeitstee in dieser Saison. Beginn) präzise 4 Uhr nachmittags. Es finden Vorträge statt, an welche sich ein Tanzkränzchen anschließt. Die Musik wird, wieder von der Kapelle lsy Geiger besorgt Regiebeitrag 2 S. Das Reinerträgnis fließt den wohltätigen Zwecken des Vereines zu, welcher in der gegenwärtigen schweren Zeit ganz außerordentlich in Anspruch genommen ist, weshalb seine Gönner und Freunde gebeten werden, zu der oben angekündigten Veranstaltung sicher zu erscheinen. Besondere Einladungen werden dieses Mal nicht versendet. Oberkantor Hermann GwUlmann hat am 20. d. M; im Radiosender Bratislava (C. S. R.) Alien; Lieder und kantoral-Üiturgische Gesänge zum Vortrag gebracht; Aviso. Herr & Pick, Ausschußmitglied der Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Unian österreichischer Juden", hat vor kurzem im 2. Bezirk, Untere Augartenstraße Nr. 32, ein Geschäft für Parfümerie- und Haushaltungsartikel eröffnet Die Mitglieder der „Union" werden aal dieses neue Unternehmen aufmerksam gemacht, da ihnen dort Gelegenheit zum Bezüge aller einschlägigen Artikel zu besonderen Rabattpreisen geböte« wird. Samstag geschlossen. Tlmttidje VerfauWarungen der Jsraefitisdjen Xuftusgemeinöe Wien Notstandsaktion 1931/32 der vereinigten jüdische» Organisationen Wiens. Am 22. Oktober 1. J. fand im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde Wien eine von der Zentralkommission für soziale Fürsorge einberufene, überaus zahlreich besuchte Versammlung von Vertretern sämtlicher jüdischer Organisationen und Wohlfahrtsvereine Wiens statt, um über die notwendigen Hilfsmaßnahmen angesichts des herannahenden schweren Winters zu beraten. Nachdem der Obmann der Zentralkommission, Dr. Isidor K1 a b e r, die Erschienenen begrüßt und den Zweck der Beratungen dargelegt hatte, ergriff der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Prof. Dr. Alois Pick, das Wort und begründete die Notwendigkeit einer umfassenden Hilfstätigkeit, die nur durch geeinte Kraft erfolgreich geleistet werden könne. Der Amtsvorstand deF Fürsorgezentrale, Emil Engel, legte sodann im einzelnen dar, wie die Fürsorgetätigkeit als solche gestaltet und die für eine umfassende Notstandsaktion erforderlichen Geldmittel beschafft werden müssen. Vor allem kommen Ausspeisungen, bzw. Lebensmittelpakete und die Zuweisung von Heizmaterial an kinderreiche Familien und Greise in Betracht. Die Vertreter der einzelnen Vereine erklärten hierauf, daß sie sich der unter der Aegide der Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien eingeleiteten Aktion anschließen und alle Anstrengungen machen wollen, um die gemeinsame Tätigkeit ersprießlich zu gestalten. Börserat Ignaz Glück wies insbesondere darauf hin, daß es sich um keine Parallelaktion gegenüber der allgemeinen Aktion „Winterhilfe" handelt, welch letztere in erster Linie die „ausgesteuerten Arbeitslosen" berücksichtigen werde. Für die anderen Notleidenden müsse daher nach Möglichkeit noch vorgesorgt werden. Einstimmig gelangte sodann folgende Resolution zur Annahme: „Die heutige Versammlung, zusammengesetzt aus den Vertretern der im Kultusvorstande bestehenden Parteien, den Mitgliedern der Zentralkommission für soziale Fürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Wien, sowie Vor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.