Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 44 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIB WArTWrffilT Seite 5. Städtische Versicherunqsanstalt Direktion: Wien L, Tuchlauben Nr. S Telephon VZ7~S^40 Alle Vcfsicheniiiaizweiae L ficht zur Grundlage für das unerhörte Urteil genommen. Nach dreitägiger Verhandlung wurde nämlich Carl Holz freigesprochen. Aus der Begründung des freisprechenden Urteils sind die folgenden Stellen hervorzuheben: „. ... Es ist aus der Fassung (des „Stürmer"-Artikels. Red.) ohne weiteres zu erkennen, daß durch die Worte „Dr. Wassermann gehört der jüdischen Bastardrasse an" und aus der weiteren Folgerung, daß diese Rasse sich nach dem Talmud und Schulchan-Aruch richtet, die einen rohen und viehischen Inhalt haben, selbstverständlich eine Kollektivbeleidigung sämtlicher Juden gegeben. Gekennzeichnet ist jedoch n u r Dr. Wassermann, deswegen scheidet der Bericht aus. Es sind folgende Fragen zu stellen: 1. Sind die angeführten Stellen tatsächlich zu finden? 2. Sind Talmud und Schulchan-Aruch Religionsbücher, nach denen sich die Juden in Deutschland richten, die bindend sind, nach denen Religionsunterricht erteilt wird? 3. Haben die Stellen religiösen Inhalt? Zu 1. Die Gutachten haben das mit Ausnahme eines Satzes bestätigt. Welche Stellen es sind, ist gleichgültig (!). Die Stellen sind endgültig nicht ia erklären. Es ist dem Angeklagten nicht zuzumuten, sich mit der Auslegung zu befassen. . Es gibt Stellen Im Talmud, die den sittlichen Anschauungen widersprechen. Zu 2. Talmud und Schulchan-Aruch sind keine Religionsbücher, nach denen Religionsunterricht erteilt wird. Soweit religiöser Inhalt vorhanden, ist er nicht kanonisches Recht. Von den liberalen Juden .wird er überhaupt nicht gekannt. Für sich allein betrachtet, sind kritische Aeußerungen über diese Bücher noch keine Beleidigung der Religion. Zu 3. Die beiden ersten Stellen enthalten weder ein Verbot, noch Hh Gebot. Es besteht keine Beziehung zur Religion. Dies würde nicht hindern, daß aus dem Umstand, daß die Juden nach diesen Grundsätzen erzogen werden, eine Beziehung zur Religion geschlossen werden könnte. Aber die Erziehung erfolgt nicht nur im Religionsunterricht. Sie liegt auch in der Hand der Familie mit ihrer mündlichen Ueberlieferung und ihren Traditionen, und man kann nicht sagen, daß die Familienerziehung religiösen Einschlag habe. Es muß also nicht die religiöse Einstellung gemeint sein. Dazu kommt die vorsichtige (!) Abfassung des Aufsatzes, der keine Bezugnahme auf Religion und religiöse Einrichtungen enthält." * Auch Goebbels' darf billig verleumden. Vor der Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts III fand dieser Tage die Be- 'rufungsverhandlung gegen Dr. Goebbels, als verantwortlichen Redakteur des „A n g r i f f" wegen Beleidigung des Berliner Polizeipräsidenten Grzesinski, des Polizeivizepräsidenten Doktor Weiß und zweier hoher Polizeibeamter statt. Er wurde in erster Instanz zu insgesamt einem Monat Gefängnis und 1500 Mark Geldstrale verurteilt. Außerdem wurde dem Verfahren auch noch eine Klage wegen Beschimpfung der jüdischen Gemeinschaft durch Behauptung von Ritualmorden angeschlossen. In diesem Fall war Dr. Goebbels in erster Instanz vom Schöffengericht Charlottenburg freigesprochen worden. Nach dreitägiger Verhandlung, zu der Göbbels persönlich erschienen war, kam die Strafkammer als Berufungsinstanz zu der Entscheidung, daß Dr. Göbbels wegen Beleidigung des Polizeipräsidenten Grzesinski, ferner im Beleidigungsprozeß des Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß und der beiden Polizeibeamten wegen Vergehens gegen das Preßgesetz zu je 300 Mark, also insgesamt zu 1200 Mark Geldstrafe oder 60 Tagen Gefängnis verurteilt werde. In den übrigen Fällen — auch im Falle Beschimpfung der jüdischen Gemeinschaft — wurde der Angeklagte freigesprochen. Hitler triumphiert! An die Leser der „Wahrheit"! Der in den letzten Jahren durchgeführte Ausbau unserer Bezirksorganisationen, die rege Tätigkeit derselben und deren enge Zusammenarbeit mit der Leitung unserer Vereinigung liefern der „Union" ein reiches Material für ihre Schutz- und Abwehrarbeit. Wir wenden uns nun beute an alle Leser der „Wahrheit" mit dem Ersuchen, das Sekretariat der „Union" schriftlich oder telephonisch (A19-2-77) unverzüglich von jedem ihnen bekannt werdenden Falle zu verständigen, in dem die bürgerliche Rechtsstellung oder die Ehre der Juden einem Angriffe ausgesetzt werden. So wie die „Union" gegen jede Gefährdung der berechtigten Interessen der jüdischen Allgemeinheit einschreitet, so steht auch ausnahmslos jedem Juden die Hilfe unserer Rechtsschutzsteile zur Verfügung. Union österreichischer Juden. Veröffentlichungen der „Union" Mit freudiger Genugtuung kann heute wieder Bericht über die intensive Arbeit der Jugendgruppe der „Union österreichischer Juden" im Monat Oktober gegegeben werden. Im Mittelpunkt des Interesses standen vor allem die politisch-kulturellen Diskussionsabende, die jeden Dienstag, halb 9 Uhr abends, im Klublokal des Cafe City, IX., Porzellangasse 1. stattfinden. Sie sind immer glänzend besucht, nicht nur von dem stets größer werdenden Mitgliederkreis der Jugend-Union, sondern auch von Gästen aus der „Union" selbst, vornehmlich den Mitgliedern des Zentralvorstandes. Die Diskussion, die sich au die interessanten Referate anschließt, ist stets eine sehr rege und beweist das Interesse, das alle Zuhörer den Vorträgen schon deshalb entgegenbringen, weil, getreu dem Programme der Vereinigung, bei der Wahl der Themen auf möglichste Reichhaltigkeit und Abwechslung Bedacht genommen wird. An solchen Vorträgen sind im abgelaufenen Monat zu verzeichnen: Cand. jur. Max Mark sprach am 6. d. M. über „F r i edensidee und Völkerbund"; er entwickelte in seinem ausgezeichneten Referate die Geschichte der Friedensidee seit ihren insbesondere Jüdischen Uranfängen und gab schließlich einen Ueberblick über die Organisation des Völkerbundes. Die Besprechung der Notwendigkeit dieser Völkervereinigung führte zu einer lebhaften Debatte, in der ganz besonders den durch den Völkerbund enttäuschten Hoffnungen des modernen Judentums Ausdruck gegeben wurde. — Am 13. d. M. hielt Obermedizinakat Dr. Heinrich Haase einen tiefschürfenden Vortrag über „Das Gegensätzliche im Judentum und Christentum", ein Referat, das schon deshalb starken Anklang fand, weil alle Teilnehmer des gerungenen Abends mit dem Vortragenden in seinem Grundgedanken übereinstimmten, daß es für die jüdische Jugend eine unbedingte Notwendigkeit sei, die Religion unserer Umweh kennenzulernen, um zu wissen, welche Unterschiede zwischen unserem und dem Glauben unserer Mitbürger bestehen. Dr. Haase verstand es ausgezeichnet, diese Gegensätze klar und deutlich zu charakterisieren; er gab auch in der seinem Referate folgenden Diskussion gediegene Aufklärungen über diese religiösen Unterschiede. — Eine besonders gute Idee war es, der jüdischen Jugend in unserer Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise Informationen über jene wirtschaftlichen Begriffe zu erteilen, die heute im Munde aller sind. Dieser Aufgabe unterzog sich in glänzender Weise Dr. Ernst Feldsberg, der am 27. d.M. über „Die wirtschaftlichen Begriffe unserer Tage" sprach und mit -seinem Referate wie auch seinen instruktiven Ausführungen in der anschließenden lebhaften Wechselrede starken Beifall auslöste. Der Abend wurde mit einer warmen Gedenkrede des Obmannes Sekretär Oskar Hirschfeld für Artur Schnitz!er eröffnet — Der Ueberblick über die Vorträge in dieser kurzen Spanne Zeit mag beweisen, daß die Leitung bemüht ist, das Programm der Verehrigung wirksam durchzuführen, die Mttgtieder der Jugend- Union nicht nur jüdisch zu bilden, sondern auch für den Kampf ums Dasein in unserem österreichischen Vatertande vorzubereitea Auch die Pflege der Geselligkeit im abgelaufeaen Monat trug erheblich zu dem stets enger werdenden Kontakt zwischen den Mitgliedern und Freunden der Jugendgruppe bei. Im Oktober fanden zwei geseulge Abende statt, die bei starkem Besuche und ausgezeichneter Stimmung sehr schön verliefen. Das Interesse, das. diesen. Veranstaltungen in weitesten Kreisen entgegengebracht wird, hat die Vergnügungssektlon der Jugend-Union veranlaßt, ab kommenden Samstag, den 31. d. AL» 9 Uhr abends, eine Neueinführung In Form von Klubabenden zu treffen, bei denen sich die Mitglieder und Freunde der Jugend-Union in deren lfrablokal (Cafe City. DL. Porzellansasse 1) zu geselligem Spiel und Unterhaltung vereinigen sofien. Diese Klubabende sollen, im Falle ihres wohl zu erwartenden Gelingens, allvierzehntägig stattfinden, während die schon populär gewordenen Tanzabende an dem dazwischen- Begenden Samstag-Abend — nächstens also am 7. November — abgehalten werden. FUr den Jänner ist außerdem eine große Veranstaltung geplant, über die noch Näheres berichtet werden wird. Auch die Sportsektion wird in Kürze mit einem detaillierten Winterprogramm hervortreten; des weiteren werden die verschiedenen schon bestehenden Kurse ausgebaut werden, von denen sich namentifch der Rednerkurs besonderen Zuspruches erfreut, den Regierungsrat Dr. Lenk jeden Dienstag. 7 Uhr abends, im Sekretariat der „Union", IX., Berggasse 4, Telephon A19-2-77, abhält und zu dem einige wenige Anmeldungen noch entgegengenommen werden können. * So schreitet die Arbeit der Jugend-Union rüstig fort und die Leitung der Vereinigung konnte in der am Dienstag, den 20. d. M., stattgehabten 1. ordentlichen Generalversammlung der Vereinigung einen Ueberblick über diese Arbeit geben, der tatsächlich zu wahrem Stolze berechtigt. Schon die Tatsache, daß die Versammlung, die doch eigentlich nur der Erledigung formeller Angelegenheiten zu dienen hatte, so ausgezeichnet besucht war. daß der große Klubsaal die Zahl der Erschienenen kaum fassen konnte, beweist das stets wachsende Interesse früher fernstehender Kreise an der Jugend-Union. Der Obmann der Vereinigung. Sekretär Oskar Hirschfeld, konnte mit Befriedigung diese stattliche Versammlung begrüßen, der insbesondere mehrere Mitglieder des Zentralvorstandes mit dem Vizepräsidenten Dr. Karl Steiner beiwohnten. Nach einer kurzen Skizzicrung der Vereinszwecke durch den Obmann folgten die Referate der beiden Obraannstellvertreter Max Mark und Siegfried Mauner über die Tätigkeit der Vereinigung in ihren verschiedenen Sektionen. Den Kassabericht erstattete Erich Wechsler; die beiden Revisoren. Dr. Ernst Feldsberg und Adolf Back, beantragten das Absolutorium. das nach eingehender Diskussion einstimmig erteilt wurde. An dieser Wechselrede beteiligten sich namens des Zentralvorstandes der „Union" die Herren Vizepräsident Dr. Karl Steiner, Regierungsrat Dr. Max Lenk, Dr. Ernst Feldsberg. Adolf Back und Rudolf Geiger, die alle die rührige Wirksamkeit der Jugend-Union lobend feststellten und ihr für ihre weitere Tätigkeit die Unterstützung des Zentralvorstandes zusicherten. Von den Mitgliedern der Jugend-Union sprachen Hans Brunner. Bruno David und Rudolf Steiner, die sich insbesondere mit der Frage der Möglichkeit der Abwehr antisemitischer Angriffe auf den Wiener Hochschulen befaßten. Die Leitung de* Jugend-Union vermochte in diesem Falle befriedigende Zusicherungen zu geben, denn für die nächste Zeit ist die Zusammenfassung all jener Akademiker geplant die den Abwehrkampf gegen die Kulturschande des Hochschulantisemitismus als besonders notwendig erachten. Nach Festsetzung des Mitgliedsbeitrages erfolgte die Wahl der Leitung. In später Stunde schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der Bitte an alle Erschienen, ebenso energisch wie bisher an dem Ausbau der Jugend-Union mitzuarbeiten, damit diese Vereinizung das werde, was sie zu werden beabsichtige: das Zentrum der jüdischen Jugend Wiens. In der am 26. d. M. stattgehabten Konstituierung der neuen Leitung wurden folgende Funktionäre wieder-, bzw. neu gewählt: Obmann: Sekretär Oskar Hirschfeld: 1. Obmannstellvertreter: cand. iur, Max Mark: 2. Obmannstellvertreter: Siegfried Mauner: 1. Schriftführerin: Fritzi GroDp: 2. Schriftführer: Walter Steiner: 1. Kassier: Erich Wechsler: 2. Kassierin: Martha Back: Leiter der politisch-kulturellen Sektion: cand. jur. Max Mark: Leiter der Vergnügungssektion: N. .Kofflcr: Leiter der Sportsektion: Leo Gropp. Die verschiedenen Sektionen beginnen sofort mit ihren Arbeiten, über die noch Berichte erfolgen. Dienstag, den 3. November, K9 Uhr abends findet Im Rahmen der Jugend'IInlon Im Goldsaal des Cafe1 Silier I., Sehwedenplatz der f. Literarische AftcM statt S. Taubes liest „Aus eigenen Feuilletons". * * Herr S. Taubes ist den Lesern der „Wahrheit" und den Mitgliedern und Freunden der „Union" aus seinen publizistischen Beiträgen und tiefgründigen Vorträgen bekannt. Seme einheitliche Weltauffassung und sein Bestreben, der jüdischen Zersplitterung durch eine Rückkehr zum ursprünglich Gedanken des Judentums zu steuern, tritt auch aus seinen jüdischen Feuilletons hervor. Der zweite Teil seiner Vorlesung, der allgemeine belletristische Sujets zum Inhalte hat, wird Gelegenheit geben, die Zuhörer mit dieser Seite der literarischen Bestrebungen des jungen Schriftstellers bekannt zu machen.