Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 44 (30.10.1931)
- Date
- 1931-10-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEtl Überspielte Musikalien u. Schallplatten! Einkauf Verkauf u. Umtausch Sehr gut erhaltene antiquarische Musikstücke von S —.40 aufwärts. Oberspielte Schallplatten von S 1.— aufwärts. Große Auswahl. Vorführung unverbindlich. flBSUfiMDS ICO TBBllD (MnslH-llBlon) WienI.Jasomirgottstr.6(Stefansplatz),Tel.U21-3-76 dieses Stück selbst entstand als ein Dokument, als eine Tat der Dankbarkeit. Auf meine Anregung hin, die ich erst nach hartem Ringen gegen die Bescheidenheit und allzu strenge Selbstkritik des Dichters verwirklichen konnte, hatte das „Deutsche Volkstheater" die zyklische Aufführung der „Anatol"- Szenen gewagt und damit dieser Jugendarbeit, dieser ersten Talentprobe Schnitzlers, die er selbst * 3 Dr. David Feuchtwang: Nicht dem weltberühmten Dichter gelten diese kurzen Worte des Nachrufes, sondern dem wahrhaft vornehmen, gütigen Edelmenschen; dem großen Kenner der Menschenseele, dem Analytiker der Psyche, Denker und philosophisch abgeklärten Geist; nicht zuletzt dem Juden in ihm, den er nie verleugnete, sondern bei passender Gelegenheit auch in manchem seiner poetischen Werke betonte. Es war mir gegönnt, viele Jahre freundschaftlich mit Schnitzler zu verkehren. Ein wahrer geistiger Hochgenuß ist es gewesen, mit ihm tiefe Probleme zu besprechen. Die Gesellschaft sah wohl in ihm den scharfblickenden Beobachter und Schilderer ihres eigenen Getriebes; erquickte sich an der bezaubernden Schönheit und Anmut seiner Sprache und Darstellungskunst War er doch ihr und der Welt der Dichter des wienerischen Charmes, des hingehauchten Dufts der Stadt und der Landschaft. Wenige dürften in ihm einen : nie rastenden Grübler empfunden haben, den alle Fragen der Zeiten und Menschheit beschäftigten. Der Ehre des Judentums wurde er bei aller Skepsis gegenüber nationalen und religiösen Dingen durchaus gerecht. Das ist in seinem Roman „Der Weg ins Freie" und im Drama „Professor Bernhardi" scharf und klar fühlbar. In stundenlangen Gesprächen über die historische Erscheinung des jüdischen Volkes und dessen Stellung zu hohen ethischen und religiösen Zielen, frei von aller Beschränktheit und Beschränkung, konnte ich mit schon zu den Toten warf, einen Welterfolg, die Eroberung eines internationalen Publikums für Stück und Buch gebracht. Vertraglich an das Burgtheater gebunden, wollte nun Schnitzler für das Volkstheater ein Stück schaffen, das schon durch seinen Gegenstand für die exklusive Hofbühne unmöglich sein sollte, und so entstand unter meiner bescheidenen Beratung bei Auswahl des Themas dieser „Bernhardi", dieses so lange heiß umstrittene Kampfstück, das einer der stärksten, anhaltendsten Erfolge, eine der reichsten Goldquellen der Bühne wurde, die den „Anatol" zur Auferstehung gebracht hatte. Dem jüdischen Dichter Oesterreichs, dem Dichter des österreichischen Judentums hat der Tod, dem er mit hellem Prophetenauge gar oft ins Antlitz geschaut und dessen geheimnisvoller Unfaßbarkeit er, wie kaum ein anderer Gestalter inne geworden, die gesegnete Feder meuchlerisch früh entwunden. Wir haben für immer Abschied nehmen müssen von Artur Schnitzler, dem Menschen. Aber Artur Schnitzler, der Dichter und Denker, der Weise und der Prophet, nicht zuletzt der treue kernhafte Jude, wird in unseren Herzen allzeit lebendig bleiben. Bewunderung die Feinheit und Weite seines geistigen Horizonts wahrnehmen. Das Buch „Gedanken und Erinnerungen" ist voll von Weisheit, Klugheit, Gerechtigkeit und Scharfsinn. Es fehlt in ihm auch nicht ein Kapitel über Religion und Metaphysik. Ein Spaziergang mit Schnitzler war Freude und Gewinn. Niemand konnte so gut lauschen und zuhören wie er; gerne und dankbar nahm er Belehrung über jüdische Dinge an, die ihm fremd waren. Das wenig beachtete Büchlein „Geist im Wort und Wort im Geist" zeigt sein ernstes Streben nach System und Logik im menschlichen Denken, nach Einordnung der wahrhaft schöpferischen Geistesarbeit, der konstruktiven und destruktiven Elemente schriftstellerischer Tätigkeit in bestimmte PERSERTEPPICHE waren noch nie so billig wie jetzt II ItüMtmS. SCHEIN A.G. nur I., Bauernmarkt 12-14 (Keine Filiale in Wien) Größtes Lager Wien« In Banyai-Knüpfern Gruppen. Es machte ihm Vergnügen, als ich seine bildliche Darstellung dieser Gruppierung als kabbalistisch bezeichnete und ihm dies auch bewies. In allen Lagen des Lebens, das sich ihm nicht immer glücklich gestaltete, behielt er seelische Reinheit und Heiterkeit, die den Verkehr mit ihm so wundervoll und genußreich machten. Unstreitig war er einer der vornehmsten, feinfühligsten Menschen unserer Zeit. Die Bewertung seiner menschlichen Persönlichkeit nahm oft grundfalsche Maßstäbe; ebenso wie seine dichterische Individualität von vielen Teilen immer nur nach einer kleinen Gruppe seiner Werke und deshalb unrichtig und ungerecht beurteilt worden ist. Wahrhaftig ist er in allem gewesen, äls Mensch und als Dichter. Nicht ein oberflächlicher Aesthet oder pathetischer Ethiker. Nur wer ihm persönlich nahe war, ist imstande, die Schönheit seines Wesens zu würdigen, die bezwingende Natürlichkeit und Offenheit seines Charakters zu schätzen. Der entzückende Witz, die haarscharfe Dialektik im Dialog seiner Dichtungen waren im persönlichen Umgang umso sprühender und unmittelbarer. Und bei alledem waren immer Wärme und Herzlichkeit der Gruhdton, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. Man konnte glücklich sein, ihn'Freund nennen zu dürfen. War er auch kein Dichter des Judentums, so war und blieb er bis an sein Ende im Grunde seines Herzens und seiner Seele Jude. Der deutsche, österreichische Dichter wurde dadurch wahrhaftig nicht verkleinert. Wir sollen sein Andenken ehren. Deutschland erwache! Viele Kriegsteilnehmer haben erschüttert er-». leben müssen, daß furchtbare Ereignisse an der Front, persönliche erschütternde Erlebnisse oder seelische Erschütterungen das Willens-, Verstandes- und Gefühlsleben des Menschen stark beeinflußten: völlige Gefühlslosigkeit, zeitweilige Ausschaltung des Verstandes, gänzliches Irresein. Das unglückliche Ende des Krieges und seine bis in die Gegenwart hineinreichenden Nachwehen haben der Zerstörungsarbeit der Seele und des Verstandes keinen Einhalt gebieten können, im Gegenteil, die Neurosen, wie der Mediziner sagt, sind erschreckend angewachsen.-: Insbesondere -auf politischem und geistigem Gebiete macht sich diese Entwicklung bemerkbar. Zunächst mit tiefem Bedauern und ernster Besorgnis, dann mit wachsender Entrüstung und Beschämung ist der in geistiger Selbstzucht und Selbstprüfung groß gewordene Deutsche Zeuge eines teilweise mehr und mehr anormalen und krankhaften, teils geschäftstüchtigen Antisemitismus geworden, der in Verbindung mit „nationaler" Politik die sogenannte „gebildete" Schicht des deutschen Volkes erfaßt hat. Hemmungslos tobt Feuilleton Westjüdischer Roman. Eine Problemstellung. Von S. T a u b e s. Die Frage steht zur Untersuchung, wodurch denn ein westjüdischer Roman zu charakterisieren wäre. Die Beantwortung dieser Frage, eine befriedigende Definition des so ausgedrückten Problems ist durchaus nicht so leicht, als es vielleicht den Anschein haben könnte. Denn, um es gleich vorweg zu nehmen, es steht noch gar nicht fest, ob ein solches Gebilde wie der „westjüdische Roman" überhaupt existiert, ob das, was bisher im gegnerischen und bejahenden Sinne als jüdische Romanliteratur des europäischen Westens bezeichnet wurde, sich auch tatsächlich mit dem Sinn deckt, den der Autor dieser Zeilen dem Begriff von einem westjüdischen Roman unterstellt. Um dem Leser nahe zu bringen, welche Vorstellung hier mit dem genannten Begriffe verbunden wird, mögen vorerst einige westeuropäische Autoren in dieser Hinsicht gewertet werden. Ist ein Roman wie der „D a v i d AI r o y" von Beaconsfieldals jüdischer Roman anzusehen? Das Milieu darin ist jüdisch, der Verfasser jüdischer Abstammung. Aber wirkt sich in diesem Roman jene Tendenz aus, worin ein westjüdisches Judentum, wenn es eine Lebenstendenz hätte, seine eigenen Ziele, Kämpfe und Zweifel, Wünsche und Inhalte wiederzufinden vermöchte, also gerade das, was ihn zu einem originalen westjüdischen Werke stempeln würde? Sind die romanhaften „R e i s e b i 1 d e r" Heines jüdisch? Wir denken dabei an jene Schriften des Dichters, die -keine jüdischen Sujets behandeln, in denen man aber doch jene besondere Geistesart sich entfalten sieht, die vielfach als „jüdisch" bezeichnet worden ist. Aber wäre z. B. der fragmentarische „RabbivonBacharach" desselben Schriftstellers als jüdischer Roman zu bezeichnen gewesen, obwohl er ein ausgesprochen jüdisches Milieu behandelte? Diese Frage ist durchaus nicht ohne weiteres zu bejahen. Gewiß, in Heine lebte und sprach sich stets seine jüdische Eigenart aus, aber dies erfolgte nicht bewußt und zweckhaft Heine wußte wohl, daß er Jude sei, aber er verfolgte keine bewußt jüdischen Zwecke im engeren Sinne. Geradeso hätte ein nichtjüdischer Autor ein jüdisches Sujet zum Vorwande seines Romanes erwählen können, wie es ja auch schon tatsächlich öfters der Fall war. Der vorzügliche Roman von Karl Hans Strobl „Seide Borowitz", der sich sogar auf ausgesprochen ostjüdischem Boden bewegt, ist deshalb nichts weniger als jüdisch. Er kann nicht jüdisch sein, weil in der Seele eines nichtjüdischen Autors normalerweise ein jüdisches Werk kaum reifen könnte, es sei denn, jener habe sich innerlich zum Juden gewandelt Man sieht, eine weitere Voraussetzung für einen jüdischen Roman ist nicht nur die jüdische Volkszugehörigkeit oder Abstammung, sondern auch die jüdische Seele, d. h. das bewußte Judentum des Autors. Darum mag das Judentum wohl stolz sein, aus seiner Mitte einen großen Sohn, wie Heine, hervorgebracht zu haben, aber % als „jüdischer Dichter" dürfte er nicht bezeichnet werden. Heine war vorwiegend ein deutscher Dichter. Um jedoch auf die Gegenwart zu kommen. Ist der Roman eines so bewußt jüdischen Menschen wie Max B r o d, etwa sein gelungener Roman „Die Frau, nach der man sich sehnt", auch nur im verborgensten Schimmer eines Wortes jüdisch? Keineswegs. Dieses Buch ist vielmehr ein geradezu unheimlich anmutendes Beispiel der geistigen Assimilationsfähigkeit eines sogar national bewußten Juden. Hier ist ein Werk geschaffen worden, darin mit keiner Silbe der jüdische Ursprung des Verfassers sich verrät und das in dieser Hinsicht als ein Phänomen zu betrachten ist. Daß ab und zu das Sujet jüdisch ist, d. h. die handelnden Personen und der Schauplatz der Handlung, das verschlägt nichts. „Die Jüdin von Toledo" Grillparzers ist eine deutsche Dichtung. Oder sind etwa die Romane und Novellen eines Werfel, diese Ausgeburten einer atomistischen Psychologie, einer Art seelenlosen Seelenkunde nicht auch im Kerne unjüdisch? Und Feuchtwanger, die beiden Zweige, und der liebenswürdigste von allen, der jüngst verstorbene Schnitzler? Alle diese kleinen und großen Helden der Feder sind wohl .Juden, aber keine jüdischen Künstler. Es muß aus dem Bisherigen klar geworden sein, daß da weder das jüdische Sujet, noch auch die jüdische Abstammung, ja nicht einmal die bestehende Volkszügehörigkeit eines Autors entscheidend sind für die J ü d i s c h k e i t seines Romanes und daß diese* Jüdischkeit eine ganz besondere Ingredienz ist. \