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Die Wahrheit · 1931-10-30 · Heft 44 (30.10.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 44 (30.10.1931)
Date
1931-10-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreidiisdier Juden** und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Ktritnsgemeinde Wien Die IDahrkttif Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1I. Jahrgang Wien, 30. Oktober 1931 Nummer 44 I Artur Schnitzlet. I 29 Worte des Gedenkens. Prof. Heinrich Glücksmann: Der geplanten Feier seines 60. Geburtstages entfloh Artur Schnitzler seinerzeit in den Frieden der Berge, um erfrischt, erquickt und durch die zahllosen Kundgebungen der Liebe und Verehrung, Vor' allem des weltumspannenden Verständnisses erfreut, an seinen Schreibtisch zurückzukehren und seiner Gemeinde, die die Besten der Kulturmenschheit einbegreift, neue reifste Gaben seiner Kunst zu schenken. Der Feier seines nahen Siebzigers, zu dem unsere Theater und literarische Vereinigungen bereits rüsteten, ist er gründlicher aus dem Wege gegangen, flüchtete er in die Tiefe der Erde, ins Grab hinein, von wo es keine Wiederkehr gibt. Hunderte der erlesensten Geister unserer Stadt umständen dieses Grab, in den feuchten Augen die Klage über den Verlust .eines Führers, eines Wegweisers und Wegbahners, eines wahrhaften Heroldes seiner Zeit. Aber auch allerlei Volk war da zu sehen, das sich bescheiden im Hintergrunde hielt, kleine Leute, junge Mädchen und junge Burschen, die sich selbst, ihre Sehnsüchte und Träume, ihr-Wesen und ihr Wollen in den Werken dieses Dichters gefunden haben, aber auch ihre Mütter und Väter, die ihm Modelle gewesen, deren Natur er'in Kunst gewandelt, und von jenen Damen und Herren waren welche da, deren Welt- und Lebensanschauung er gebildet, denen er den Blick ins Leben eröffnet, deren Herz und Geist er geformt, erzogen hatte. Auf allen Mienen lag die Trauer der Dankbarkeit. Seinem letzten Wunsche entsprechend, in dessen einzelnen Bestimmungen sich die volle Größe seiner Seele kundtat, gab es ein ganz schlichtes Begräbnis und wurden an Sarg und Grab keine Reden gehalten. Es war recht so. Zu viele hätten sich berufen gewähnt, da zu sagen, was sie von dem Dahingeschiedenen wußten und dachten, und dennoch wäre mit all diesen Soloakkorden die reiche Symphonie dieses Menschentums und Künstlerschaffens nicht zu umfassen gewesen. Sie klingt ganz und voll und rein nur aus seinem Werke, nachdem ihr Instrument, er selbst, verstummt, zerbrochen ist. Nicht bei seinen Biographen und Kritikern, nicht in dem Lob und Tadel, die seinen Schriften zuteil geworden sind, einzig und allein hei ihm selbst, in eben diesen Schriften, werden wir Artur Schnitzler zu suchen haben und werden ihn finden als einen jener seltenen Dichter, die sich im Sturmwirbel der Zeit ihr aufrechtes Mannestum, ihr warmes Menschentum zu bewahren wußten, die darin ihre gottgegebene Mission sahen und sie in treuer Tapferkeit übten: Die Schwachen und Unterdrückten, die Enterbten und Entrechteten fa: Schütz zu nehmen wider dem Druck oder die abgekehrte Gleichgültigkeit der Starken und Mächtigen, als einen jener Dichter, die mit Wärme und Güte in das sie umwogende Leben schauen, das sie befruchtet, und die aus diesen wimmelnden Reservoirs schöpfen mit innigster Zärtlichkeit, heiligstem Mitleid, tiefster Menschenliebe. Das „jüdische Herz" pulste mit mächtigem Schlage im Dichter Artur Schnitzler. Im Angesichte des Leichenwagens, der den Toten an uns vorüberführte, sagte mir ein Schriftsteller, der in unserem Staatsdienste an hervorragender Stelle tätig ist, daß er die weder von den schmeichelnden Schwingenschlägen des Ruhmes, noch von den Keulenhieben gegnerischen Geschimpfes jemals erschütterte Standhaftigkeit Schnitzlers im Judentum besonders hoch einschätze und bewundere. Unser Dichter hätte diese Bewunderung gewiß zurückgewiesen. Ihm war diese Anhänglichkeit etwas Selbstverständliches, ihm An- und Eingeborenes. Die jüdische Ethik war seine geistige Muttermilch gewesen, sie durchströmte sein ganzes Denken, Empfinden und Gestalten. Und sie wurde nicht allen merkbar und fühlbar, wenn er Juden und Judentum, wenn er die seine Artgenossen unmittelbar berührenden Zeitprobleme, den Antisemitismus und die zionistischen Bestrebungen in den Kreis seiner Betrachtung und Darstellung zog, wie er dies in seinem Roman „Der Weg ins Freie" getan und auch in seiner kühnen Komödie „Professor Bernhardi", die von den Christlichsozialen und ihren Liebedienern im Staatsbetrieb durch volle sechs Jahre unter Verbot gehalten und erst durch den Geist der Republik erlöst und ihrem Zwecke, von der Bühne herab für die Freiheit der Wissenschaft, der Humanität, der Menschenliebe einzutreten, zugeführt wurde. Auch in diesen Werken tritt aber schon die Unparteilichkeit, die Gerechtigkeit Schnitzlers klar zutage. Er malt nicht weiß und schwarz, er sieht gut und böse, wo es eben ist, er verbindet seine Augen nicht vor Fehlern im eigenen, wie vor Vorzügen im anderen Lager. Welch prächtige Kern- und Edelmenschen stellt er z. B. im „Bernhardi" hin, nicht nur in dem sich selbst und seine Interessen überwindenden, für die Wahrheit zeugenden katholischen Priester, auch in dem warmherzigen Schwätzer Cyprian, dem jugendlich temperamentvollen alten Achtundvierziger Pflugfelder und seinem Sohn, dem Assistenten, der sich als Ehrenmann vom Antisemitismus des Korpsstudenten zum Antiariertum bekennt, als er die Unsauberkeit dieser Gesellschaft erkennt Und der Dichter scheut ebenso nicht davor zurück, die „Objektivität" des Dozenten Dr. Adler, der im kritischen Moment dem angegriffenen Kollegen in Nur bei 50 kompl. SM Ausrüstung bealehendans: l Paar gute Esc benski, l Hnitiela» Chromleder-Bindung, I Paar Hnitfeld-Baken, l Paar Fufibleche. l Paar Haselstocke, t Paar Rotarteller, 1 Paar Lederscblanien, t Paar Schnee» brlllen, 1 apannholz n. 1 Klotz, ioklusive erstklassiger Montage, a les zusammen S 2«SK Dasselbe» fürs Kind * ISrSO Sportvatter SSä20 den Rücken fällt, um sich gegen das Recht auf die Seite der Macht zu schlagen, die Gesinnungslosigkeit des getauften Juden Schreimann und die daneben schießende Galligkeit des immer in seiner Rasse gekränkten Dozenten Löwenstein mit der schärfsten Lauge seiner Ironie zu übergießen. Aber wie es ihm in diesem monumentalen Bühnenwerke, mit diesem stolzen Männerstück, in das auch nicht das geringste erotische Tröpflein eingeflossen ist und das seine Dichtervignette endgültig von dem Epitheton des Nur-Erotikers, des „Süßen Mädel'-Barden säuberte, letzten Endes gar nicht um Anti- und Philosemitismus, um jüdische und christliche Weltanschauung zu tun war, sondern bloß um ethische Klarheit und Wahrheit, so verleugnete er sein jüdisches Fühlen in keinem seiner Werke, gab jedem Farbe und Wärme, Temperament und Temperatur. Er hat sich einen Ehrenplatz in der deutschen Literatur errungen, er hat; in fast alle Kultursprachen übersetzt, erfreulicherweise vielfach und von Berufenen auch ins Jiddische und Hebräische, populär in China, in Japan-, in den türkischen Ländern und in Amerika, wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen, den deutschen Geist und die deutsche Kunst in der Welt vertreten. Gerhart Hauptmann hat seinem ganz besonders kultivierten Stile die „deutsche Grazie" nachgerühmt, Hermann Bahr hat sein Schaffen als eine Wende der deutschen Kunstkultur begrüßt, und doch ist dieser große Deutsche immer der gute Jude gewesen, hat er sich als solcher auch nicht verleugnet, wenn er die in tausend Fassetten schillernde Kultur des Wienertums, die er aus tiefster Kenntnis und Erkenntnis heraus liebte und doch in vielem schonungslos streng be- und verurteilte, als ihr Geschichtsschreiber schilderte, wenn er in seinen Stücken und Erzählungen mit dem durch die eigenen Erfahrungen geschärften Blick das Inventar der Zeit aufnahm, wenn sich ihm in seinen Gestalten Probleme der Epoche zu Ewigkeitsproblemen verdichteten und diese mit der Lebhaftigkeit und Leidenschaftlichkeit, aber immer auch mit dem Wahrheitsdurste seiner Rasse durchlebt, durchdacht, umkämpft wurden. Auch auf einen stark ausgeprägten jüdischen Zug seines Wesens, die Dankbarkeit, sei hier noch hingewiesen. Er hat sie nicht nur gefühlt, auch betätigt. Max Burckhardt, der gegen Judenhaß und Intrigen seiner „Liebelei" die Pforten des Burgtheaters erschloß, hat er in der erquicklichsten, liebenswürdigsten Figur seines „Professor Bernhardi", in dem witzigen Hofrat Winkler, in dessen Uniform sozialdemokratisches Unterfutter eingenäht ist, ein prächtiges Denkmal errichtet. Und Mitglieder nnd freunde der „Union" übertragen Lebens- und Elementar Versidierungen der Stadtisdien Versifflerungsanstaif

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