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Die Wahrheit · 1931-10-23 · Heft 43 (23.10.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 43 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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SetK 6 DIE WAHRHEIT eigener Berufsstand wie auch das Fleischergewerbe die unbedingte Ablehnung des Gesetzes wegen der drohenden wirtschaftlichen Schäden gefordert hatte. Die Berliner Reichszentrale für Schächtangelegenbeiten, die, unterstützt von 4en Landessynagogengemeinden und den C. V.-Vertretern, seit über Jahresfrist den Abwehrkampf gegen das drohende Schächtverbot geführt hat, gibt zu den Vorgängen in der Landtagssitzung den folgenden Bericht: Im April 1930 wurde von der nationalsozialistischen Fraktion ein Antrag eingebracht, daß sämtliches Schlachtvieh zu betäuben sei Der Antrag wurde zugunsten eines Ton dem thüringischen Staatsministerium im Juni vorigen Jahres vorgelegten Entwurfes „eines Gesetzes über den Tierschutz" zurückgezogen. Der Gesetzgebungsausschuß hat nach mehreren langwierigen Sitzungen die Vorlage angenommen. Auf Drängen der Nationalsozialisten wurde die Schächtfrage auf die Tagesordnung der ersten Herbstsitzung des Landtages gebracht Sie selbst waren allerdings nicht erschienen, als Protest gegen einen vom Präsidenten vorgenommenen Platzumbau im Sitzungssaal Aber auch ohne dies wäre das Schächtverbot gescheitert Nach der Berichterstattung über die Ausschußverhandlungen gab der kommunistische Abgeordnete Heilmann für seine Fraktion die Erklärung ab, daß diese gegen das Verbot stimmen würde. In einer wirtschaftlich derart katastrophalen Zeit sei es unverständlich, daß die Regierung es als eine der dringlichsten Angelegenheiten betrachte, das von den Nationalsozialisten betriebene Schächtverbot zu unterstützen, welches — wie in Bayern —demStaate wirtschaftlich nur Schaden bringen könne. Die Nationalsozialisten, die Krieg und Menschenmord propagieren, sollten statt übertriebenen Tierschutzes das Leben der Menschen zu sichern bemüht sein. Für die Volkspartei erklärte der Abgeordnete Witzmann, daß diese Stimmenthaltung üben werde. Die Schächtfrage sei wissenschaftlich als nicht abgeschlossen zu erachten, und seine Fraktion vertrete den Standpunkt, daß die Regelung eines solchen Gesetzes nicht Sache der Länder, sondern des Reiches sei. Für die Sozialdemokratie hatte schon in früheren Sitzungen der Abgeordnete Dr. Rieß die Erklärung abgegeben, daß auf Grund der eindeutigen Gutachten zahlreicher Kapazitäten und wiederholten Erklärung der obersten Veterinärbehörde des Reicbsgesundheitsamtes jegliche Tierquälerei beim Schächten zu verneinen sei. Auch lür das Niederlegen seien verbesserte Methoden gefunden. Ueberhaupt sei es nach den experimentellen Forschungen zweifelhaft ob die Elektronarkose nicht eher einen Starrkampf bei Aufrechterhaltung des vollen Bewußtseins darstelle. Nach kurzer Debatte, in welcher die Wirtschaftspartei den Versuch machte, die Abstimmung auf eine spätere Sitzung zu vertagen, wurde die Gesetzesvorlage mit dem oben angegebenen Stimmenverhältnis endgültig abgelehnt Laiisbfiberelen und wie sie „gestraft" werden. „Bist du ein Jud?", mit diesen Worten wurde am 17. August d. J. gegen neun Uhr abends auf der Taborstraße der Kaufmann Naphtali Schächter, der ruhig seines Weges ging, von einem jungen mit Hakenkreuz geschmückten Mann apostrophiert. Als Schächter bejahte, erhielt er von dem Hakenkreuzler, dem 21jährigen Drogisten Erich Schleppnik, eine wuchtige Ohrfeige. Ein zweiter Passani der Kaufmann Alfredl Schwarz, der diese Szene beobachtet hatte, fragte Schleppnik, warum er dem Mann eine Ohrfeige gegeben habe. Da packte ihn Schleppnik bei der Brust und warf ihn zu Boden. Schleppnik sowie der 18jährige Hilfsarbeiter Alfred H ö 11 e rhuber, ein Mitglied der Starhemberg- Jäger, fielen über dien auf dem Boden liegenden Schwarz her und mißhandelten ihn so, daß er eine Reihe leichter Verletzungen davontrug. Die beiden Burschen wollten dann mutig, wie die Herrschaften schon sind, davonlaufen, wurden aber von einem Wachmann, der von einer Chemikerin verständigt worden war, auf der Schwedenbrücke angehalten. Dieser Tage hatten sich nun Schleppnik und Höllerhuber beim Strafbezirksgericht! I (Landesgerichtsrat Dr. J ellin ek) wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung zu verantworten. Höllerhuber war mit einem sehr reich dekorierten Heimwehrhut erschienen. Schleppnik erklärte, daß er von einem Passanten angerempelt worden sei und mit einer Ohrfeige reagiert habe. Sonst habe er nichts getan. Schleppnik lehnte sich dlabei mit den Händen in der Hosentasche an den Gerichtstisch, lächelte fortwährend in einer Weise, daß der Richter ihm zurief: „Sie benehmen sich ja wie kleine Buben!" Höllerhuber erklärte, überhaupt nichts getan zu haben. Der Richter fand beide Angeklagten wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung für schuldig, verurteilte Höllerhuber zu einer Geldstrafe von 10 Schilling, Erich Schleppnik zu 48 Siimden Arrest Schleppnik meldete Berufung an, da «fie ganze Sache nicht stimme.—Die Milde, die sich in diesem Urteil ausdrückt, wird niemand verstehen und noch weniger billigen können. Sie bildet ja geradezu den Anreiz, ähnliche Lausbübereien zu wiederholen. Wenn man sich erinnert, wie die nationalsozialistischen Pogromhelden vom Kurfürstendamm kürzlich in Berlin wirklich empfindlich abgestraft wurden und heute liest, wie Pogromistten sogar in R ad o m abgeurteilt wurden, so wird einem der Unterschied in der Beurteilung derartiger Provokationen erst . richtig offenbar. Strenge Bestrafung von polnischen Pogromisten. Das Kreisgericht von R a d o m hat am 16. Oktober das Urteil gegen sieben Teilnehmer am Pogrom in Radom gesprochen. Der Pogrom begann damit, daß nach einer sportlichen Veranstaltung, bei der die jüdischen Sportler Sieger geblieben sind, nichtjüdische Zuschauer über die jüdischen Sportler herfielen, sie schwerstens mißhandelten, aber schließlich von ihnen in die Flucht geschlagen wurden. Unter Rufen, daß Juden über „echte" Polen herfallen, hetzten antisemitische Agitatoren die Menge gegen die jüdische Bevölkerung. Der Mob, unter ihm zahlreiche Gymnasialschüler, . überfiel - die jüdischen Wohnviertel von Radom und terrorisierte mehrere Stunden lang die Bevölkerung, wobei zahlreiche jüdische Männer, Frauen und Kinder mehr oder weniger schwer verletzt wurden. Das Kreisgericht verurteilte den Haupträdelsführer zu zwei Jahren, zwei der Rädelsführer zu je sechs Monaten, zwei zu je drei Monaten Gefängnis und sprach einen der Angeklagten frei. Wie die Alten morden... In dem polnischen Städtchen Dabrowice, Kreis Wohlin, hat sich eine schwere Schultragödie abgespielt. Der 12jährige Komar, der von Haus aus antisemitisch verhetzt ist, fiel im Schulhof ohne jede erkennbare Ursache über seinen Klassenkollegen, den 10jährigen Israel Fleisehon her und schlug mit einem Stock so lange auf ihn ein, bis der Tod infolge Schädelbruchs eintrat. Der jugendliche Mörder wirdl straflos ausgehen, Fürsorgeerziehung für jugendliche Verbrecher gibt es in Polen nicht. An dem Begräbnis von Fleisehon beteiligte sich die gesamte Schuljugend des Städtchens, Juden wie Christen, sowie die gesamte Lehrerschaft. Antisemitische Leichenschänder. Vor kurzem wurde das Leichenauto der Frankfurter Israelitischen Gemeinde während einer Einsargung mit einem Hakenkreuz bemalt. Der diensttuende Bestattungsbeamte ertappte einen Jugendlichen bei der „Arbeit" und verabreichte ihm eine gehörige Tracht Prügel, wobei er von Gesinnungsgenosen des Täters bedroht wurde. Es entstand eine große Ansammlung, und bei der Abfahrt des Leichenautos wurden überaus rohe Zurufe laut. Der Rufer wurde festgestellt und dem Polizeirevier zugeführt. Strafanzeige ist erstattet. Aus dem Lande der ^Dichter und Denker". Nachstehend geben wir auszugsweise den Text der berüchtigten drei „Judenlieder". die auf fast allen Propagandamärschen der Nationalsozialisten und Hitler-Jugend gesungen werden: „Wir sind die Srurmkolonnen". Wir sind die Sturmkolonnen, Wir gehen drauf und dran. Wir sind die ersten Reihen. Wir greifen mutig an. Im Arbeitsschweiß der Stirne. Der Magen hungerleer, ja leer. Die Hand voll Ruß und Schwielen Umspannet das Gewehr. So steht die Srurmkolonne Zum Klassenkampf bereit. Erst müssen Juden bluten. Erst dann sind wir befreit Kein Wort mehr von dem Handeln, Was doch nicht helfen kann, ja kann. Ja. mit unserem Adolf Hitler. Wir greifen mutig an. Wir sind die Sturmkolonnen. Die Handgranat' am Gürtel. Umspannt das Gewehr. So zieh'n die Sturmkolonnen Im deutschen Land einher. Der Jude kriegt 'nen Schrecken. Er macht den Geldschrank auf. Adolf Hitler macht die Rechnung Mit dem Pistolenlauf. ..Wenn das Judenblot". Ihr Sturmkolonnen, jung und alt. Nehmt die Waffen in die Hand. Denn die Juden hausen fürchterlich" Im deutschen Vaterland. Wenn der Sturmsoldat ins FeHer getfK Ja. dann hat er frohen Mut. Denn wenn -das Judenblmt Vom Messer spritzt. Dana xehfs nochmal sp «gt ~~-~K GROSSFLEISCHHAUEREI »MM, KORNMEHL WIEN IX., BEROGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WAHRINOCRSTRJUSE VT Telephon Nr. A 17-3-99 und A 1S-9-34 Lieferant für H«llanstalUn AbteilungenfflrKoscherfleisch antar Jlufaieht des ehrw. Rabbinatas dar Isis Kultiisgemeinda Wlan. Sämtliche Fleischsorten -von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen 110 Patronen in der Tasch' Scharf geladen das Gewehr Und die Handgranaten in der Faust. Bolschewisten kommt 'mal her! „Schießt auf die jüdischen Hunde". Kennt Ihr die Braunen. Hitlers verwegene Schar? Bald wird sich die Nacht erhellen, Brüder» die Freiheit ist da. Ladet die blanken Gewehre. Ladet sie mit Pulver und Blei. Schießt auf die jüdischen Hunde. Nieder mit der Judentyrannei. Dieser Art der politischen Propaganda schließen sich die Reden der nationalsozialistischen deutschen Abgeordneten würdig an. Als Beweis sollen nur einige Stilblüten aus einer Rede des nationalsozialistischen Abgeordneten von Ki'Ilinger dienen: „Erbärmliches, feiges Gesindel hinterlistige Schurken, ein jüdischer Sauhaufen . . . gegen einen haushohen Sauhaufen können selbst 107 nicht anstinken ____blödes Gefasel von Idioten." Und dagegen schreitet kein Staatsanwalt und kein Gericht ein. Das gehört zur „legalen" Eroberung der Macht in Deutschland. TanWoitke zu Wodke Die Juden im neuen lettländischen Parlament Die in diesen Tagen in Lettland durchgeführten Wahlen zum Parlament haben den jüdischen Arbeiterparteien Verluste gebracht. Der Führer der zionistisch-sozialistischen Partei Professor Laserson und der Führer der jüdisch-sozialistischen Partei „Bund" Dr. Meise 1, seit mehreren Jahren Mitglieder des lettländischen Sejm, sind) nicht wiedergewählt worden. Im neuen Parlament werden statt, wie bisher, fünf, nur noch drei Vertreter der jüdischen Bevölkerung sitzen. Zwei Repräsentanten der Agudas Jisroel, unter ihnen Rabbiner Dubin, und der Misrachi-Führer Rabbiner Dr. Nurok. Erfreulich ist, daß es der faschistischantisemitischen Partei nicht gelang* sich auch nur ein Mandat zu sichern. Diese Partei hatte den Wahlkampf ganz auf Judenhetze eingestellt, ihr Führer, Berg, erklärt» in den Wahlversammlungen, Lettland müsse vonder jüdischen Geißel befreit werden. Amerika und das Schicksal der Juden. Dr. William I. Sirovich, jüdisches Mitglied des amerikanischen Repräsentantenhauses und eine der führenden Persönlichkeiten der demokratischen Partei in den Vereinigten Staaten, gab in Bukarest, wo er an den Verhandlungen der Interparlamentarischen Konferenz teilgenommen hat, dem JTA-Vertreter gegenüber auf dessen Frage, welche Haltung das amerikanische Judentum angesichts der Gestaltung der politischen und ökonomischen Lage der jüdischen Bevölkerung der europäischen Länder einnehme, die folgende Erklärung ab: Amerikas öffentliche Meinung verfolgt mit größtem Interesse die Entwicklung und das Gedeihen der jüdischen Bevölkerung in der ganzen Welt. In keinem anderen Lande ist das Gefühl der Solidarität in den Volksmassen so verwurzelt wie in Amerika. Dr. Carl Melchior 6« Jahre. Am 13. d. M., vollendete Herr Dr. Carl Josepk Melchior, Hamburg, Bankier and Wirtschaftspolitiker von internationalem Ruf, Berater der Reichsregiernng i» vielen Fragen des Finanz- und Wirtschaftswesens, sein 60. Lebensjahr. Dr. Carl Joseph Melchior, Abkömmline einer dänisch-jüdischen Familie, deren Mitglieder sowohl in Dänemark als auch in Deutschland Bedeutung erlang» ten, mit der Hamburger Familie Warburg verwandt, wurde 1871 in Hamburg geboren, begann seine Laufbahn als Amtsrichter in Hamburg, wurde 19© Syndikus des Firma M. M. Warburg & Ca, Hambirg, arid b* seit

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