Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 43 (23.10.1931)
- Date
- 1931-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DBB WAHRHEIT Satte 5 Städtische Versicheninasaiistall 4\ Direktion: Wie» L, TudilautoeiiL Nr. S Teleplxon U Alle Vcrtichcrunqszwciqe Edison und Emilie Berliner. Niemand wird die Verdienste des eben heimgegangenen großen Edison schmälern wollen, am wenigsten ich, die zu den wenigen Wienern gehören dürfte, die Edison persönlich gekannt haben. Zur Ehre des Judentums soll aber wieder daran erinnert werden, daß einer der Unsrigen, der als 14jähriger Autodidakt aus Hannover nach Amerika ausgewanderte Erfinder des elektrischen Transmittors Emile Berliner in einem 4 Jahre währenden großen Patentstreit vor dem höchsten amerikanischen Patentgerichtshof in Washington über Edison und noch drei große amerikanische Elektriker den Sieg der Priorität für ein Patent davontrug. Der Kampf, den beide große Erfinder mehr noch im Namen der Gesellschaften, <lie ihre Patente erworben hatten (bei Berliner die Electro-Technical Society) führten, als im eigenen, stellte an die Nervenkraft der vier Prozeßgegner die stärksten Anforderungen und rief jahrelang auch in politischen amerikanischen Blättern einen wahren Blättersturm hervor, der sich wohl gegen den Ausländer, aber, zur Ehre Amerikas sei es gesagt, nie gegen den Juden Berliner richtete, dessen Nachkommenschaft noch heute treu an ihrem Glauben hängt. Erst als man erfuhr, daß Emile, wie sich der deutsche Emil nannte, längst ein vollwertiger amerikanischer Bürger und der Gatte einer geborenen Vollblutamerikanerin sei, legte sich der Zeitungssturm bei Berliners Sieg, der durch diesen Prozeß die lebenslange Freundschaft Wilsons gewann, der ihn juridisch beraten hatte. Aber im Herbste 1889, wenige Wochen nachdem ich Edison in Paris wie einen Halbgott gefeiert sah, wurde Berliner, also indirekt dem Judentum, ein noch größerer Triumph zuteil. Da beide Forscher zufällig gleichzeitig in Berlin anwesend waren, beriefen die zwei angesehensten Physiker des damaligen Berlin. Helmhol t z und Werner Siemens eine Konferenz ein, Jn der über Priorität und Mehrwertigkeit des Grammophons Berliners und des Phonogramms Edisons entschieden werden sollte. Daß sich die ganze Versammlung öffentlich einstimmig für Berliner entschied, erregte wieder in Amerika einen Pressesturm, da man an Protektion glaubte. Wie wenig wußte man jenseits des Ozeans, daß im so antisemitisch eingestellten geistigen Deutschland Wilhelms II. es für einen Juden wenig Protektion gegenüber einem Fremden, einem Amerikaner gab. Es spricht für den Edelsinn beider großen Männer, daß eine so innige Freundschaft sie später und noch heute ihre Familien verbindet, daß nahestehende hier lebende Verwandte Berliners mir eben deswegen diese Episode nicht glauben wollten. Obwohl ich mich auf mein Gedächtnis und die Mitteilungen meines Vaters, der in der Sitzung in Berlin anwesend war, verlassen konnte, mußte ich es ihnen erst in der gedruckten Selbstbiographie Berliners zeigen, bis man mir Glauben schenkte. Clotilde Benedikt. Veröffentfidjungen der „Union" Die Bezirksorganisation Leopoldstadt der «Union" eröffnete am Donnerstag, den 15. Oktober, im Cafe Central ihre in den Mitgliederkreisen so beliebt gewordenen Versammlungsabende. Die Diskussion des ersten Versammlungsabends, den Obmann Dir. Gustav Kolmin mit einer herzlichen Begrüßungsansprache an die zahlreich erschienenen Teilnehmer einleitete, galt dem wohl allerwichtigsten Problem, das alle Juden Oesterreichs derzeit beschäftigen muß, dem Problem der wirtschaftlichen und politischen Lage der Juden in Oesterreich. Der Referent, Herr Dr. Ernst Feldsberg, entwarf vorerst ein Bild der allgemeinen wirtschaftlichen unidl politischen Lage in Oesterreich, die vor allem alle Juden als Staatsbürger in gleichem Maße interessieren müsse, weil die Juden in diesem Staate gleichberechtigt und gleichverpflichtet sind und daher unter der allgemeinen wirtschaftlichen Krise ebenso leiden wie alle übrigen Staatsbürger. Die wirtschaftliche Not des Staates treffe aber die Juden relativ in erhöhtem Ausmaße, da gerade die Juden fast zur Gänze jenen Berufskreisen angehören, die mit der Kreditwirtschaft in unmittelbarem Zusammenhange stehen. Die Juden sind Kaufleute,; Industrielle, Angehörige der freien Berufe und zu einem großen Teile Angestellte und daher als solche £n einem Abhängigkeitsverhältnisse von den erwähnten Berufen. Aber auch wirtschaftlich werden Radio, Grammophone Schallplattcn neueste Schöpfungen, auch Tauseh, Zahlungserlelchtening. „Elphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 die Juden durch die allgemeine Not hart getroffen, weil der in Oesterreich immer mehr steigende und sich entwickelnde praktische Antisemitismus den Juden viel Leid zufüge. Es wird ganz offen gegen jüdische Geschäftsleute, die an den hohen Feiertagen ihre Geschäfte geschlossen haben, gehetzt, es wird ganz offen die nichtjüdische Bevölkerung aufgerufen, bei diesen Kaufleuten nicht ihre Einkäufe zu besorgen. Weder die Polizei noch die öffentliche Staatsgewalt haben diesem Hetzartikel Einhalt geboten. Dort, wo die Angestellten verhältnismäßig gesichert sind, als Angestellte des Bundes, der Gemeinden, des Landes und anderer öffentlicher Institutionen, finden sich wenige Juden. Es ist eine alte Tatsache, daß es bisher alle öffentlichen Institutionen verstanden haben, Juden als Angestellte fernzuhalten. Die Juden befinden sich als Arbeiter und Angestellte faSt "ausschließlich in Privaitunternehmungen, wo es nicht 4-, 5- oder 6prozentige Gehaltskürzungen, sondern nur Entlassungen gibt. Es ist nur zu bekannt, daß bei diesen Entlassungen das antisemitische Herz des Unternehmers nur zu sehr darauf bedacht ist, nichtjüdische Angestellte zu schützen und jüdische Angestellte auf die Straße zu werfen. Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhange bleiben, daß auch in politischer Beziehung die Juden in Oesterreich unter dem Antisemitismus schwer zu leiden haben. Wo es nur möglich ist, wird gegen Juden gehetzt und der Jude als Prügelknabe hingestellt. Man muß es leider, so beschämend es für alle politischen Parteien ist, feststellen, daß sich keine einzige Partei jemals der Juden angenommen hat, wenn sie entrechtet wurden, wenn ihnen nur aus dem Grunde, weil sie Juden sind, Prügel vor die Füße geworfen wurden. Die wirtschaftliche und politische Lage der Juden erfordere gerade jetzt den unbedingten Zusammenschluß aller österreichischen Juden ohne Rücksicht auf ihre innerjüdisch-politische Schattierung. Nur eine gewaltige Organisation aller Juden wende imstande sein, die brandende Woge des Antisemitismus zu brechen. (Lebhafter Beifall.) In der folgenden Diskussion sprachen Dr. Josef T i c h o, der sich insbesondere mit der Proletarisierung des Mittelstandes und mit der Frage der Berufswahl der Jugend befaßte, Sekretär Oskar Hirschfeld, der die besonderen Gefahren aufzählte, denen die österreichische jüdische Jugend infolge des immer stärker auftretenden Wirtschaitsantisemitismus ausgesetzt ist, Obermedizinalrat Dr. Heinrich Haase, der die Versammlung*über die angesichts dler drohenden Not des Winters beabsichtigten Maßnahmen der Fürsorgezentrale der Wiener Kultusgemeinde informierte. Regierungsrat Dr. Max Lenk, der ganz energisch für Selbstschutzmaßnahmen der Juden gegen ihre Benachteiligung im Wirtschaftsleben eintrat, und Frau Luise Fischer-Treu, die die Notwendigkeit der Stärkung jüdischen Empfindens betonte. In später Stunde schloß Obmann Direktor Gustav Kol min den Diskussiorisabend, der als ein durchaus gelungener Auftakt für die nun einsetzende Versammlungstätigkeit dieser Bezirksorganisation bezeichnet werden darf. Jtfafzenftreux am Wet& Antisemitische Exzesse In Lemberg. An der Lemberger Universität kam es am 19. d. M. neuerlich zu schweren antisemitische« Exzessen nationalistischer Studenten, die Fensterscheiben des akademischen Hauses in der Theresestraße einschlugen und einige jüdische Passanten schwer mißhandelten. Die Polizei mußte einschreiten und nahm einige der Ruhestörer »est. Der Empfang Hitlers durch Hiudenburg. Im Leitartikel der letzten Nummer der Berliner „C. V.-Zeitung" schreibt A. W.: Der Reichspräsident von Hindenburg, dem alle Schichten des deutschen Volkes, selbstverständlich auch das deutsche Judentum, Verehrung zollten, hat es für notwendig erachtet, den Führer der NSDAP< Adolf Hitler, zu empfangen . . . Was der Reichspräsident auf allgemein politischem Gebiete zutun beliebt, unterliegt nicht der Kritik des „C. V." Mit den Empfindungen aber, die uns als deutsche Juden gerade diesem Empfange gegenüber bewegen, wollen wir der Offenheit wegen, die eine Persönlichkeit wie der Reichspräsident sicher zu schätzen weiß, nicht zurückhalten. Wir haben es als überaus schmerzlich empfunden, daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, zu dessen Parteiblättern der wöchentlich erscheinende Nürnberger „Stürmer" gehört, ein Blatt von einer politischen Niedrigkeit und abstoßenden Schlafstubenriecherei, wie es kein anderes in Deutschland gibt . . . daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, dessen offiziöses Blatt, der „Völkische Beobachter", kurz vorher behauptete, das Judentum habe das entsetzliche Eisenbahnattentat in Ungarn gerade am Neujahrsfeste veranlaßt, weil die Juden an diesem Tage die Bahn nicht benutzen und somit vor körperlichen Schäden bewahrt werden . . . daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, der von sich aus sagt, er kenne alle Vorgänge in seiner Partei und nichts geschehe ohne seine Genehmigung — dessen Parteigänger am jüdischen Neujahrsfeste friedfertige Passanten planmäßig überfallen und zu Boden schlagen . . . daß der Reichspräsident einen Mann empfängt, dessen Zeitungen sich nicht genug tun können, religiöse Schriftwerke des Judentums und selbst Stellen der Bibel aufs niedrigste zu beschimpfen, obschon sie dafür empfindliche Geld- und Gefängnisstrafen erhalten haben . . . dlaß der Reichspräsident einen Mann empfängt, der, da er ja alles kennt und nichts ohne seine Billigung in seiner Partei vorfällt, offenbar die geschilderten Vorgänge und Maßnahmen für in der politischen Taktik erlaubt und als moralisch ansieht . . . Wir wollen nicht glauben, daß dem verehrungswürdigen Reichspräsidenten diese Tatsachen vorher unterbreitet worden sind. Wenn dies geschehen ist, zweifeln wir nicht daran, daß der Reichspräsident als Hüter der Verfassung in seiner Abgeklärtheit und Gerechtigkeit seiner Verurteilung jeder religiösen Verhetzung klaren Ausdruck gegeben hat. Bedauerlich ist nur, daß die OeffentlichkeH lediglich die Tatsache des Hitler-Empfanges und nicht den Inhalt der Aussprache erfährt. Thüringen lehnt ein Schächtverbot ab. Auf der Tagesordnung der ersten Sitzung der Herbstsession des thüringischen Landtages stand der von den Nationalsozialisten vor längerer Zeit eingebrachte Antrag, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten. Die nationalsozialistische Fraktion blieb der Sitzung zum Protest gegen die ihr angeblich ungünstige Platzzuweisung fern, sie verließ sich darauf, daß es den deutschnationalen Freunden gelingen werde, die Verschiebung des Schächtverbotgesetzes auf eine spätere Sitzung zu erreichen. Diese Bemühungen schlugen fehl. In Abwesenheit der Nationalsozialisten wurde das Schächtgesetz mit 21 Stimmen der Sozialdemokraten, Kommunisten und Staatspartei gegen 1fr Stimmen des Landbundes, der Deutschnationalen und der Wirtschaftspartei abgelehnt. Die Deutsche Volkspartei hatte sich der Stimme enthalten und der wirtschaftsparteiliche Abgeordnete, Hotelier Firth, verließ vor der Abstimmung den Saal, weil sowohl sein