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Die Wahrheit · 1931-10-23 · Heft 43 (23.10.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 43 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT von den Jüdischen Gemeinden und Gemeindeverbänden angenommene Resolution gegen die Einführung des Blankotages *) unterbreitet und in einem Begleitschreiben ausgeführt: Wir haben die Ehre, die Protestresolutionen der Weltjuderibeit gegen jede Aenderung des Kalenders durch einen „Blankotag" "zu unterbreiten. Diese Resolutionen wurden von den jüdischen Gemeinden in fast jedem mit dem Völkerbund verbundenen Lande einstimmig angenommen. Die Millionen Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika haben ihre Opposition auf anderem Wege zum Ausdruck gebracht, während die Juden Sowjetrußlands leider im Augenblick unvernehmbar sind. Ferner wurden Petitionen von hunderttausenden einzelnen Juden in 28 Ländern Europas, Asiens und Afrikas unterzeichnet Wir hoffen, daß ein solcher überlegter Meinungsausdruck des ganzen Hauses Israel gegen die unsagbaren Härten und den geistigen Verlust, die sich aus der Einführung eines „Blankotag'-Kalenders ergeben müssen, bei Ihren Erwägungen von einem angemessenen Gewicht sein wird. Indem Sie diese Pläne fallen lassen, werden Sie die ständige Dankbarkeit aller Freunde religiöser Freiheit ernten. Ansprache von Chief Rabbi J. IL Hertz. Zur Begründung der eingebrachten Petitionen und Resolutionen ergriff in der Sitzung der Völkerbundskonferenz Chief Rabbi Dr. J. H. H e r t z das Wort und führte ungefähr aus: Die hartnäckige und unerschütterliche Opposition jüdischer und anderer religiöser Körperschaften gegen die jetzt zur Beratung stehenden Pläne einer Reform des Kalenders mag Sie stutzig gemacht haben; aber Sie werden sich nicht länger über diese Zähigkeit wundern, wenn Sie erfahren, welche Verwicklungen diese Pläne, namentlich der Plan, die letzte Dezemberwoche jedes Jahres zu einer Achttage-Woche zu machen, für das religiöse Leben bringen. Eine der Folgen würde sein, daß der religiöse Sabbat in jedem Jahre auf einen anderen Wochentag fallen würde. Es braucht nicht erst betont zu werden, welch ungeheure Härte dies den frommen Juden und Millionen Angehörigen anderer Konfessionen, die ihrem geheiligtem historischen Ruhetag treu bleiben wollen, bringen würde. Zweimal bereits haben jüdische religiöse Führer in Genf den Befürchtungen des jüdischen Volkes nach dieser Richtung hin Ausdruck verliehen. Auch heute beschwören sie die religiösen Führer aller Richtungen des Judentums in allen Ländern, die seit undenklichen Zeiten bestehende Institution der Siebentage-Woche nicht zu zerstören. Ein wandernder Sabbat würde das religiöse Leben der Juden untergraben. Chief Rabbi Hertz verlas die Resolutionen der Gemeinden, sowie Stellen aus der Petition der weltlichen Führer des Judentums und polemisierte in scharfer Form gegen jene Verfechter der Kalenderreform, die meinen, daß der Standpunkt einer Minorität, auch einer religiösen Minorität nicht zu berücksichtigen sei. Chief Rabbi Dr. Hertz schloß: Wenn es auch eine weltumfassende Forderung nach radikaler Revision des Kalenders gäbe, — es gibt aber keine! —; wenn auch eine solche radikale Revision alle die Vorteile im Rechmings- und Buchhaltungswesen mit sich bringen würde, die ihre Befürworter von ihr erwarten — solche Vorteile werden von kompetenten Autoritäten, deren Desinteressemeht nicht angezweifelt werden kann, geleugnet — auch dann würde es Pflicht dieser Konferenz sein, sich zu fragen, ob diese angeblichen Vorteile nicht mit der Zerstörung religiöser und kultureller Werte zu teurer erkauft sind, ob die Menschheit nicht mehr ist als ein Buchhalter und sein Big Business- Arbeitgeber. Die Antwort auf diese Fragen überlasse ich den Mitgliedern dieser Konferenz. Ich vertraue darauf, daß Sie durch ihren. Beschluß der unseligen Agitation für ein Kalenderreform mit Hintansetzung religiöser Werte und Interessen endgültig ein Ende bereiten und über die Komödie der Acht-Tage-Kalenderbewegung den Vorhang fallen lassen werden. Es folgten ebenso eindringliche Ansprachen der Repräsentanten des Komitees für Erhaltung der Stabilität des Sabbat in den Vereinigten Staaten. Artur I. L evine und Dr. Eikan N. Addier. Letzte Nachricht Genf, 18. Oktober. (J.T. A.) Die Kommission des Völkerbundes für Verkehr und Transit hat, nach einer Woche lang dauernden Aussprache, beschlossen, die Frage der Kalenderreform auf unbestimmte Zeit zu vertagen. In eingeweihten Kreisen sieht man den Grund der Vertagung darin, daß die Völkerbundkreise es nicht für angebracht hielten, die durch akute Krisen und Fragen aufgewühlte Welt noch in einen Streit um dieses sehr schwierige und heikle Problem zu stürzen. Es wird angenommen, daß der Blankotag bei den zukünftigen Verhandlungen nicht mehr ernstlich in Betracht gezogen werden wird. fORNEBME *) Siehe die in unserer letzten Nummer wiedergegebene Protestresolution des Wiener Kultusvorstandes. D. Red. FAMILIEN - PENSION 1 |HBstfluration,üaffEBhaB51 täglich 5-Unr-Tee B ISEnncRiNOl TELEPHON 11 B iHochstrafie 43 | neben Hotel Panhans §§ Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts g Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser g in jedem Zimmer. §§ Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein« Besitzer ■■■■■■■■■■■■hm? r?Mmm ''-^^^^»^^k Aus dem Wiener Kultusvorstand. In der in unserer letzten Nummer ausführlich besprochenen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes vom 8. d. M. wurde vom Amtsdirektor Regierungsrat G. Fuchsgelb auch der Präsidialbericht erstattet, der sich hauptsächlich mit der Arbeit des Präsidiums während der Sommermonate befaßte. Wir entnehmen diesem Berichte folgendes: Auf dem Gebiete des Kultus mußte zunächst dafür Sorge getragen werden, daß für die Gemeindetempel und für die temporären Betveranstaltungen der Kultusgemeinde, die erforderlichen Funktionäre zur Verfügung stehen, eine Frage, die sich in Anbetracht der zahlreichen Abgänge durch Todesfälle, Pensionierungen usw. und der finanziellen .Lage der Kultusgemeinde besonders schwierig gestaltete. Für die rabbinischen Funktionen ist durch die Heranziehung geeigneter Rabbinatskandidaten zur Substitution der turnusweise in verschiedenen Gemeindetempeln verwendeten Gemeinderabbiner Vorsorge getroffen worden. Durch die Bestellung des Oberkantor M. Taschlitzky aus Subotica zum Ersten Kantor des Gemeindetempels XV., Turnergasse, ist eine allgemein überaus befriedigende Besetzung der durch das Ableben des Ersten Kantor Schleifer vakant gewordenen Stelle vor sich gegangen. Im übrigen wurden aushilfsweise kantorale Funktionäre für die hohen Feiertage bestellt, so daß alle Gottesdienste der Kultusgemeinde in entsprechend würdiger Weise abgehalten werden konnten. Allerdings ergab sich für das Präsidium die Notwendigkeit, den besonderen Schutz der Sicherheitsbehörde für alle gottesdienstlichen Veranstaltungen anzusprechen, weil unmittelbar vor den Feiertagen von der hakenkreuzlerischen Presse, unter Hinweis auf diese Feiertage, in unerhörter Weise und maßlos gehetzt wurde, ohne daß die bei der Preßstaatsanwaltschaft vom Präsidium unternommenen Schritte, in Anbetracht der derzeitigen Gesetzeslage, hätten zu einem Erfolge führen können. Mit Befriedigung kann verzeichnet werden, daß sich keinerlei Zwischenfall ereignete. Gleichwie im Vorjahre wurde auch heuer ein Gottesdienst für die reifere Jugend an den hohen Feiertagen im Festsaale des „Hotel Post" abgehalten. Die Teilnahme an diesem Gottesdienste war eine überaus Tege. An den Rausch-Haschonoh-Tagen waren etwa 500 und am Jörn Kippur bei den Hauptgottesdiensten mehr als 600 Jugendliche beiderlei Geschlechtes anwesend. Bei jedem Gottesdienste wurde eine Ansprache über die Bedeutung des Festes an die Jugendlichen gehalten. Besonders hervorzuheben ist die musterhafte Disziplin und die weihevolle Andacht, die bei allen diesen Gottesdiensten herrschte. Anläßlich Simchas-Thora wurden im Stadttempel und in der Synagoge. XX., Kluckygasse 11, eigene Festgottesdienste für die Schuljugend abgehalten», die überaus gut besucht waren. Im Stadttempel waren etwa 700 Kinder, im Tempel des 20. Bezirkes ungefähr 1000 Kinder erschienen. An dem Gottesdienste im Stadttempel, der einen sehr würdigen Verlauf nahm, haben auch zahlreiche Eltern teilgenommen. Am 10. d. M. wurde in sämtlichen Gemeinde- und Vereinsbethäusern der Jugendgottesdienst wieder aufgenommen und es läßt die umfassende Propaganda, die vom Kultusvorstande in dieser Richtung eingeleitet wurde, eine günstige Frequenz erwarten. Die ungünstige Wirtschaftslage spieeelte .sich in den Ergebnissen des Betsitzkartenverkaufes wieder. Trotz gesteigerter Abgabe von Betsitzen und vorgenommener Preisregulierungen ist infolge gewährter Ermäßigungen von Betsitzpreisen das Gesamtergebnis um nahezu 10.000 S unter dem budgetierten Betrage geblieben. An das Fürsorgewesen waren und werden infolge der allgemeinen Wirtschaftslage Anforderungen gestellt, denen nachzukommen bei den so eng begrenzten Mitteln der Kultusgemeinde, trotz der größten und lobenswertesten Bemühungen aller in Betracht kommenden Faktoren, einfach unmöglich ist. In Ausführung der diesfälligen Beschlüsse des Kultusvorstandes wurde eine Sammelaktion eingeleitet. Das Gesamtergebnis beträgt bisher bloß 30.000 S. Umfassende Arbeit liatte die Fürsorge-Zentrale mit der Durchführung der Ferien-Aktion zu leisten, lieber die eigene Ferien-Kolonie Kottingbrunn liegt ein überaus befriedigender Bericht vor. aus welchem ersichtlich ist, daß in dieser Kolonie der Kultusgemeinde 115 Knaben und 28 Mädchen Aufnahme gefunden haben. Die Gewichtszunahmen haben im Durchschnitt mehr als 2 Kilogramm ergeben, die Eigenkosten pro Kind beliefen sich auf 122 S. Besonders erfreulich sind die ausgezeichneten Resultate, die in dem im Anschlüsse an die Kinder-Ambu- $+mm IL, Untere Äugartenstraße Nr. 32 Sämtliche Parfümerie- und Haushaltungsartikel zu den DllllgSfen Preisen Sei der Weg noch so weit, Er lohnt sich wegen der Billigkeit! TELEPHON A 46-6-62 Adresse bitte «coli zu beachten! SomstOIi gettklMSent ^m^^MMB^MiM«HM■■■■■■MBIM lanz der Israelitischen Kultusgemeinde im Augarten untergebrachten „Sonnentagesheim", von dessen Leiter, Prof. Dr. Zappert verzeichnet werden. Insgesamt sind im Rahmen jüdischer Institutionen 2505 Kinder und Jugendliche untergebracht gewesen, wodurch ihnen Erholung und Wiedererlangung der Gesundheit ermöglicht wurde. Gleich wie im Vorjahre wurden während der Sommermonate das Spital und die Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde, die Kinder-Ambulanz und das „Sonnentagesheim", der Kindergarten in der Brigittenau, sowie die verschiedenen von Vereinen erhaltenen Ausspeisungen vom Präsidium unangesagt inspiziert und durchaus befriedigende Ergebnisse erzielt. Die Frage der Zulässigkeit von Fun kr tionen im Trauerhause, bzw. in den israelitischen Zeremonienhallen der jüdischen Friedhöfe bei solchen Leichen, die der Einäscherung zugeführt werden sollen, hat das ehrw. Rabbinat, die „Friedhofskommission" und schließlich eine Konferenz der bei Leichenbegängnissen fungierenden Rabbiner beschäftigt. Die Vorberatungen in dieser Angelegenheit werden, nach Einlangen erforderlicher Unterlagsdaten, fortgesetzt und es dürfte über die Ergebnisse bereits demnächst Bericht erstattet werden können. Die finanzielle Lage der Kultusgemeinde bietet ein überaus tristes Bild. Mit Ausnahme der Kultussteuer, welche im Wege der Voreinzahlung zum Großteil bereits vor dem Einbruch der letzten wirtschaftlichen Katastrophen eingegangen war, bewegen sich die Einnahmen weit unter den Ansätzen-des Präliminares. Unentwegt ist die „Ersparungskommission" bemüht, Drosselungen auf der Ausgabenseite zu bewirken, doch erscheinen immer wieder die derart erzielten Ersparnisse durch unerwartete Ausfälle präliminierter Einnahmen hinfällig gemacht So sei z. B. auf den sehr bedeutenden Rückgang der Friedhoftaxen, die Kürzung der Verpflegskostenbeiträge der Gemeinde Wien und den Rückgang an Tempelspenden hingewiesen. Im Rahmen der Ersparungsmaßnahmen mußte der Kultusvorstand auch auf eine Minderung der personellen Lasten Bedacht nehmen. Durch eine Reihe von Pensionierungen, welche teils über' eigenes Ansuchen, teils von Amts wegen erfolgten und durchwegs solche Angestellte betrafen, die entweder die normale volle Dienstzeit oder die in der Pragmatik vorgesehene Altersgrenze überschritten haben, ist eine Verringerung des Personalstatus erfolgt. Wegen der weiteren Maßnahmen zur Minderung des personellen Aufwandes finden in den nächsten Tagen Verhandlungen mit den Vertretern der Angestelltenschaft statt.' Während der Sommermonate sind u. a. folgende Angestellte in den dauernden Ruhestand getreten: Amtsdirektor und Erster Sekretär Regierungsrat Dr. Emil Adler, Sekretär Dr. Leopold Stern, Rechnungsdirektor Josef Peterselka. Chef der Liquidatur Isidor Kohl mann, Amtsleiter und Bethaussekretär Rudolf Kraus, Bezirkskanzleileiter Zalel Fehr, Expeditsleiter Heinrich Schramm. Im Unterrichtswesen ist Schulinspektor Lazar W i e s n e r in den Ruhestand versetzt worden. Das Präsidium hat die verdienstvollen, in den Ruhestand getretenen Angestellten geziemend verabschiedet und in Begleitschreiben zu den ausgefertigten Dekreten deren Tätigkeit und Verdienste um die Gemeinde gewürdigt. Die Verminderung des Personalstandes machte es unerläßlich, eine Reihe von Reformen in der inneren Verwaltung durchzuführen, um das vorhandene Personale in rationellster Weise verwenden zu können. Die Möglichkeit hierzu ergab sich nur durch die räumliche Zusammenlegung von Aemtern und Abteilungen. Es sind nunmehr Kassa, Liquidatur und Buchhaltung unmittelbar aneinander anschließend untergebracht, wodurch eine Vereinfachung des Dienstganges bewirkt wird, es wurde ferner das Einreichungs- Protokoll mit dem Expedit vereinigt. Um diese aus Ersparungsrücksichten notwendigen Verbesserungen durchführen zu können, mußte das Friedhofamt in die bisher vom Schulbüro benützten Räume im Anschlüsse an die Amtsdirektion in den III. Stock des Hauses 1., Seitenstettengasse 4, verlegt werden, während das Schulbüro die früher von der Buchhaltung benützten Räume im I. Stock des Hauses, I., Seitenstettengasse 2. zugewiesen erhielt. Während der Sommermonate ist, mit Zustimmung der „ErsparungS'Kommission" und über Antrag der „Bau-Kommission", die bereits seit mehreren Jahren immer wieder zurückgestellte und nunmehr unaufschiebbar gewordene Ausmalung der Stiegen und Gänge des Hauses I., Seitenstettengasse 2, zur Durchführung gelangt Sowohl bei dieser Renovierung wie bei der Aemterverlegungen ist mit größter Sparsamkeit und im Rahmen der von der „Ersparungs-Kommission" bewilligten Kredite vorgegangen worden. . . : Der interessante Bericht wurde "einstimn%. zur Kenntnis genommen. - .

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