Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 43 (23.10.1931)
- Date
- 1931-10-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DBS WAHRHEll — - ---- —MB« Sieben Juden! Ein Nachwort zum Fall Horäk. Von Georg Mannheimer. „Was für Zeremonien wegen sieben Juden?" schrie der Korporal Horäk und trieb sieben Mensclien wie eine Herde Vieh vor sich her. Dann hob er seine Schußwaffe und drückte los. Und seine vier Spießgesellen besorgten den Rest. Es dürfte etwas peinlich gewesen sein, die Uniformen von dem verspritzten Gehirn eines fünfzehnjährigen Knaben reinigen zu müssen; aber, was sich in den Taschen der sieben abgeschlachteten Juden fand, hat von Korporal Horäk und! seinen Leuten das Gefühl solcher Peinlichkeit im Flug weggeblasen. Jeder Tote — eine Banknote! Zwei Mütter werden irrsinnig vor Schmerz. Närrinnen! Haben sie so wenig Verständnis für das Heroische der Situation? Der Krieg ist dazu da, daß Leute vom Schlage eines Korporais Horäk Männer und Kinder wie Hasen über den Haufen schießen, die Taschen ihrer Opfer gemächlich ausräumen und sich nachher bei ihren Offizieren mit der schmunzelnden Meldung einstellen: To jsem si posmäk — das hab ich mir schmecken lassen! Schließlich: scheint das Fleischergesicht des Henkers über den Galgen Cesare Battistis, das zum ewigen Ruhm der österreichischen Soldiateska ein flinker Amateurphotograph festgehalten hat. nicht auch förmlich aus der Photographie herauszuquitschen: „To jsem si posmäk . . .?" * „Was für Zeremonien, wegen sieben Juden!" brummten die Beisitzer des tschechoslowakischen Militärgerichtes, das zur Aburteilung dieses leidigen Falles bemüht wird. Krieg ist keine Spielerei, und mit spionageverdächtigen Kerlen macht man keine Umstände. Der Esel vom Ortsrichter wagt zu behaupten, idlaß die sieben Juden keine Spione gewesen seien! Was versteht der blöde Zivilist von unserem Handwerk? Wenn dem Soldaten etwas verdächtig erscheint, hat er sein Gewehr abzudrücken. Dazu wird er abgerichtet und ins Feld geschickt. Kann ein Kriegsgericht den Krieg verurteilen? Seien Sie in Hinkunft, Herr Korporal Horäk, etwas weniger hitzig in Erfüllung Ihrer patriotischen Pflichten und gehen Sie im übrigen mit Gott. Was für Zeremonien . . . * Verdammt, daß das oberste Militärgericht so wenig Verständnis für die Ueberlastung der Herren Auditoren aufbringt. Wieder muß sich ein Militärgericht mit diesen verdammten sieben toten Juden befassen. Aber, was ein richtiges Militärgericht ist, hat sich noch nie unterkriegen lassen. Die Toten bleiben schuldig, die Lebenden unschuldig. Basta. Man kehre endlich diese Judenkadaver von der Schwelle dler Militärjustiz weg . . . m „Was für Zeremonien wegen sieben Juden!" denkt sich der Zivilist Horäk. Ich habe es satt, noch weitere zehn Jahre zwischen Asien und Afrika herumzugondeln. Man hat mir einen Steckbrief nachgeschickt, aber was kann mir schon geschehen? Man wird in der Heimat gewiß Verständnis dafür haben, daß das Leben von sieben Juden noch lange nicht das kostbare Leben eines Nichtiuden in Legionäruniform aufwiegt. So packt der Zivilist Horäk seelenruhig seinen Koffer und fährt nach Hause. * „Was für Zeremonien wegen sieben Juden!" Die tschechische Presse schreibt das nicht so wörtlich, aber selbst der ungeschulte Leser errät es sofort, wenn er die Ueberschriften in der „N ä r. P o- 1 i t i k a", im „C e s k e S1 o v o" und in den klerikalen „Lid. Listy" zu Gesicht bekommt. „Sieben Juden, sieben Juden, sieben Juden" — in keinem Titel, in keiner Ueberschrift, in keinem Vorbericht über den Prozeß des Zivilisten Horäk vor dem Prager Geschworenengerichte fehlt dieser die Ermordeten geflissentlich belastende, die Mörder geflissentlich entlastende '„Hinweis". Selbst die Anklageschrift glaubt mit dem gewöhnlichen Wortlaut des Mordparagraphen — „wer so handelt, daß er dadurch einen Menschen . . ." — nicht auszukommen und konstruiert rechtsschöpferisch eine lex specialis: „Wer gegen sieben Juden so handelt usw . . ." * „Was für eine Zeremonie wegen sieben Juden!" denken sich die Prager Geschworenen, als die schneeweiße jüdische Matrone, deren Augen leer geworden sind von ewigem Weinen über ihren fünfzehnjährigen hingeschlachteten Knaben, vor die Barriere wankt. Was will diese Matrone, die vier Kinder an einem Tag begraben hat? Was will sie für sich, was kann sie noch für sich wollen? Daß sich zu diesen vier Gräbern nicht mehr und immer wieder neue Gräber gesellen. Daß die einfachen Bürger, die auf der Geschworenenbank sitzen, Gericht halten über den Krieg von gestern und über den Krieg von morgen. Sie schreit durch den Saal mit der gleichen elementaren Verzweiflung, mit der der Jude Dreyfus einmal zu den stählernen Fäusten und stählernen Herzen schrie, als man ihm die Epauletten von der Schulter riß: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!" Wiederum schreit ein jüdischer Mund! zu stählernen Herzen, wiederum wird in einem jüdischen Menschen der Glaube an Gerechtigkeit gemeuchelt: der „Henker", wie sich Korporal Horäk stolz titulierte, als er seine vier Mordgesellen auf wehrloses Menschenwild hetzte, wird freigesprochen. * Was für Zeremonien wegen sieben Juden! Es gibt Worte, die in der Seele der Menschheit brennen und sie verätzen wie Höllenstein . . . Jüdische Notstandsaktion 1931-32. Die Juden Wiens haben sich durch die „Z e ntralkommission für soziale Fürsorge derisr. KultusgemeindeWien" der überparteilichen Aktion „Winterhilfe" angeschlossen, die unter Mitwirkung aller Kreise Wiens ohne Unterschied des politischen oder religiösen Bekenntnisses in gemeinsamer Arbeit versuchen wird, der für den bevorstellenden Winter mit allem Rechte erwarteten Not wenigstens teilweise zu steuern. Es entsteht nun die Frage, ob mit diesem Anschlüsse der Juden Wiens an die allgemeine Aktion genug getan ist. Keinem Zweifel untierliegt es, daß die Mitunterzeichnung des Aufrufes durch die ..Zentralfürsorgekommission" für alle Juden Wiens, die geben können und die angesichts mannigfacher trüber Erfahrungen sonst vielleicht abseits geblieben wären, der Antrieb sein wird, sich nach ihren Kräften an dem Hilfswerke zu beteiligen. Andersefts aber muß mit Recht bezweifelt werden, daß die Aktion auch bei bestem Willen den hilfsbedürftigen Juden Wiens in dem Maße gerecht werden kann, wie es notwendig ist. Denn düe ungeheure Anzahl der Arbeits- und Erwerbslosen in Wien tfeuitieton Die Lehre*) (Schluß.) Die politischen Parteien aller Länder mit modernem Verfassungsleben setzen sich aus Menschen zusammen, die sich zur Gewinnung von Macht vereinigt haben, weil sie g 1 e i c h a r t i g e p o 1 i t i s c h e, k u 11 urelle, wirtschaftliche oder soziale Interessen haben. Eines dieser großen Interessengebiete gilt ihnen so sehr als über den anderen stehend, daß sie, die sonst im Leben widerstrebend auseinanderlaufen würden, sich durch die Klammer der Partei, als der Vertreterin dieser Interessen zusammenbinden lassen. Es ist zum Schicksal des Boulangismus geworden, daß ihm ein Programmgefehlt hat, das über einige allgemeine Schlagworte hinausging. Weder politische, noch kulturelle, noch soziale, noch wirtschaftliche Formeln waren gefunden worden, die über den Tagesgebrauch hinaus gereicht hätten. Boulanger hatte zwar den ungeheuren Appell an die nationalen Gefühle für sich; aber mochte er sich noch so sehr als nationale Front fühlen, die Parteien, die auf der andern Seite standen, waren nicht geneigt, ihn in nationaler Beziehung als überlegen anzuerkennen, weil er die Revanche stärker als sie' betonte. Sie behaupteten vielmehr — und das französische Volk hat sich im Endergebnis auf ihre Seite gestellt —, daß leidenschaftliche Töne allein den Patrioten noch nicht machen, und daß der Ruf nach Revanche zu neuen kriegerischen Verwicklungen und, wenn die Weltkonstellation nicht zugunsten Frankreichs gelagert sei, zum Untergang führen müsse. Was hatten aber außerhalb des nationalen Gedankens Boulanger und der Boulangismus noch zu bieten? Er hatte in sein Programm gewisse soziale Elemente aufgenommen. Aber hier wieder konnte sein „Sozialismus" nicht bestehen vor der in allen Einzelheiten ausgearbeiteten Lehre der Arbeiterparteien, die init oestem wissenschaftlichen "Rüstzeug von Marx und Lassalle geschaffen war, und, zu der die französischen Arbeitermassen sich gerade in diesem 'Augenblick zu *) Aus dem in Kürze erscheinenden Buch: Glück und Elend des Generals Bo-ulanger von Dr. Bruno Weil (Verlag Dr. Waltker- Rott Schild, Berlin). bekennen begannen. Blieb schließlich als Kernstück boulangistischer Bestrebungen der Ruf nach Revision der Verfassung. Aber auch hierin lag nichts Originales. Auf keiner Seite war eigentlich bestritten worden, daß die Verfassung von 1875 ein Provisorium war, geschaffen, um die Republik zunächst einmal unter Dach und Fach zu bringen. Aber die schlechtesten Gesetze haben ja im Dasein der Völker häufig das zäheste Leben, und so ist diese viel geschmähte und viel angefeindete Verfassung auch jetzt nach nahezu 60 Jahren noch im großen und ganzen unverändert in Kraft Zudem stand Boulanger mit seiner Forderung nach sofortiger Verfassungsreform gar nicht allein. Die Radikalen wollten den Senat schon lange abschaffen. Boulangers eigenen Verfassungsplänen fehlte die Präzision. Hinter seinen großen Reden stand viel mehr der Wunsch nach persönlicher Geltung und nach großer, überragender Stellung im Staatsleben als die feste Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Durchsetzung bestimmter, unabänderlicher Prinzipien des Verfassungslebens. Und gar die Forderung nach Auflösung der Kammer war eine zeitlich bedingte Frage; von ein paar Monaten früheier oder späterer Auflösung konnte das Schicksal der Republik nicht abhängen. Und das war schließlich alles, was an Sachlichem von Boulanger empfohlen wurde. Mit einem solchen gehaltlosen Programm war es wohl möglich, auf kurze Zeit eine Volksbewegung zu schaffen, zumal, wenn sie von einem so populären Mann getragen wurde. Als er aber zu den allgemeinen Wahlen ging, zeigte es sich, daß der Eindruck nicht genug in die Tiefe gegangen war, um Millionen Wähler von ihren bisherigen politischen Ideen abzubringen. Und ein tragischer Irrtum Boulangers und seiner Berater kam noch hinzu: Die Bewegung, die ursprünglich eine republikanische, revisionistische und, wenn man will, revolutionäre gewesen war, wurde durch persönliche Bindungen, durch das Geld der Könige, durch den Ehrgeiz der Führer mehr und mehr an die monarchistischen Parteien gekettet Hier schlössen heterogene Elemente ein Bündnis, ohne sicher zu sein, daß auch die Anhänger ihnen folgten. Der sichere Instinkt des französischen Volkes aber erkannte, daß das Bündnis zwischen Boulanger und der monarchistischen Reaktion entweder direkt oder indirekt auf dem Weg über seine Diktatur, zur Wiederherstellung der Monarchie führen müsse. Nun bedeutete zwar die Legende des großen Napoleon die Erinnerung an eine glorreiche Epoche Geschichte, in der die französischen Fahnen in die weite Welt bis zu den Pyramiden, bis tief hinein ins russische Reich getragen worden waren. Aber das Endresultat sah anders aus. Napoleons Sturz im Jahre 1815 hatte zur Verkleinerung des französischen Staatsgebietes, zur Zurückdrängung des französischen Einflusses, zur Minderung des französischen Ansehens geführt. Was die Revolutionsheere erobert, was die Republik zu Frankreich geschlagen hatte, konnte das Kaiserreich selbst des genialen Mannes aus Korsika nicht behaupten. Der Glanz seines Aufstiegs war von der französischen Nation mit Opfern an Gut und Blut allzu teuer bezahlt worden. Mochte aber auch in den breiten Volksmassen der grüne Hut des ersten Napoleon damals schon im Nebelhaften zu verschwinden begonnen haben, so war doch um die Zeit Boulangers die Erinnerung an den dritten Napoleon noch allgegenwärtig. Auch sein Name hatte mit dem Glanz der Sechzigerjahre, mit der Schönheit der Kaiserin Eugenie, mit den wunderbaren Festen der Tuilerien, mit der Ausbreitung der Finanzmacht einen Höhepunkt französischen Ansehens in der ganzen Welt bedeutet. Aber das Kaiserreich hatte zum Krieg von 1870 und zur Niederlage geführt Sedan. Metz, Straßb'urg — welche schrecklichen Zeichen! Niemand konnte ihre Wiederkehr, niemand einen dritten Staatsstreich wünschen. Aber darüber mußte man sich klar sein: die Errichtung einer boulangistischen Diktatur bedeutete Krieg mit Deutschland. Allzu oft und unverhohlen hatte Bismarck dieser Meinung Ausdruck gegeben. Ein Regime Boulanger hätte den Parteien und Männern in Deutschland, die zum Präventivkriege drängten, nicht einen, tausend Vorwände zum Losschlagen gegeben. Und Bismarck hätte, selbst wenn er es gewollt hätte, sie nicht zügeln können. Da wären die Magazingewehre von selbst losgegangen! In der Einsamkeit des Exils, in den langen, schlaflosen Nächten hat Boulanger seine Fehler auch selbst erkannt Aber diese Erkenntnis ist dem Manne, der sich sehnsuchtsvoll die Augen nach der Heimat ausschaute, zu spät gekommen. Die Stunde, die sich ihm geboten, die er nicht zu nutzen verstanden hatte." ist nie mehr zurückgekehrt. Versenkt, im Meer der Ewigkeit untergegangen. Und darum ist letzten Endes an dem Bündnis mit den Monarchisten, an der Erkenntnis des französischen Volkes, daß die Folge eines boulangistischen Sieges der Krieg sein müsse, die Bewegung gescheitert. Boulanger und sein Anhang hatten die Treue der französischen Nation zur Republik und deu Willem ihrer Mehrheit zum Frieden'unterschäUt.