Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-10-23 · Heft 43 (23.10.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 43 (23.10.1931)
Date
1931-10-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064494--18576-3083621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlidnmgen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Ktdtusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 XLVI1. Jahrgang Wien, 23. Oktober 1931 Nummer 43 Boykott In der jüdischen Presse Amerikas wird in diesen Tagen mit stärkstem Nachdruck darauf hingewiesen, daß eine Erscheinung des amerikanischen Wirtschaftslebens, die auch früher zu beobachten war, sich in den letzten Monaten immer stärker in den Vordergrund schiebt, nämlich der verschärfte Boykott gegen Beschäftigung jüdischer Angestellter und Arbeiter. Amerika ist das Land der fortgeschrittensten Mechanisierung im Produktionsprozeß, das Land des Taylor-Systems, in welchem auf die Herkunft und die Individualität des Arbeiters am allerwenigsten Rücksicht genommen wurde. Wenn irgendwo in der Welt der Mensch zur Sache geworden ist, so ist dies in Amerika in allerstärkstem Maße geschehen. Nur in einer Hinsicht scheint die amerikanische Wirtschaftspsychologie — abgesehen von der landesüblichen Abneigung gegen alle Farbigen — von dieser Methode abzugehen, und zwar wenn es sich um jüdische Stellungsuchende und Beschäftigungsbewerber handelt. Da entdeckt man plötzlich im Arbeiter und im Angestellten das Individuum mit einer bestimmten Physiognomie und von einer sonst für den Arbeitgeber völlig irrevälenten Herkunft. Eine Statistik, die durch alle Blätter ging, belehrte, daß von 100 jüdischen Stellungsuchenden 91 zurückgewiesen wurden, nur weil sie Juden sind. Zu gleicher Zeit aber erfuhr man aus dem Munde repräsentabler amerikanischer Politiker, daß der amerikanische Staat keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden mache, daß er das jüdische Element wegen seines Fleißes, seiner Loyalität und wegen seiner humanitären Tugenden besonders schätze. Selbst der Präsident der Vereinigten Staaten H o o v e r ließ es sich nicht nehmen, den Juden. anläßlich des Rosch Haschonoh die lobenswerten Eigenschaften zu attestieren, die von weniger bedeutenden Repräsentanten im öffentlichen Leben Amerikas gerühmt werden. Das Phänomen des antijüdischen Boykotts ist den Juden in Europa nicht unbekannt. Nicht nur in Osteuropa, sondern auch in Mitteleuropa — überaus kraß in Deutschland — wie auch in Belgien, in der Schweiz und in anderen Ländern höchster politischer Freiheit werden die Juden im Wirtschaftsleben heute zurückgesetzt. Wo sie selbständige Unternehmer sind oder in der Industrie und im Handel sich führend betätigen, wo sie anonym unter der Fassade von Aktiengesellschaften und Verwaltungsgremien wirken, ist die Ablehnung jüdischer Betätigung nicht so evident, wiewohl sie auch dort schon vorhanden ist. Furchtbar aber ist derzeit das Los der jüdischen Angestellten. Es ist nachgerade bereits eine Selbstverständlichkeit geworden, und auch bei uns in Oesterreich regt man sich fast gar nicht mehr darüber auf, daß jüdische Angestellte nicht einmal mehr den Versuch unternehmen, sich um eine freie Stelle bei einem nichtjüdischen Arbeitgeber zu bewerben. Dies ist teilweise schon in Zeiten besserer Konjunktur so gewesen. Man kann sich nun vorstellen, wie es in dieser Hinsicht gegenwärtig bestellt ist, da der Konkurrenzkampf und der Wettbewerb der Stellungsuchenden infolge der schweren Arbeitslosigkeit auf den höchsten Grad gestiegen sind. Auch in Oesterreich sind heute noch Gesellschaften vorhanden, die, von Juden ins Leben gerufen und organisiert, noch aus früheren Zeiten jüdische Angestellte haben, obwohl mitt- GUMMlSTRUMPF(auchgummilos)SPEZIAUiT Kniekappen Stack v. 2.SO. Wadenstücke von 5.— STRÜMPFE r. 5.50 Oummlsocken (Fesselfocmer) v. 2.50. Watte, Verbandstoffe FACHANSTALT für BANDAGEN aller Art, Leibbinden v. 7.50 SCHLÜPFER von 5.80. Busenhalter v. t.20 QÜMMIWAREN BRUCHBÄNDER mit n. ohne FEDER v. 3J» Mieder, Monatibinden v. 1Ä Fußstützen (PlattraBeinlagen) fertig od.r nach GipaabdrncJt Flanell-Leibbinden n. Katzenfelle v. 3.— ALLE Artikel zur Krankenn. Kinderpflege. HEISSLUFTAPPARATE elekir. Heiikisaen v. 8.40 lahalatlonsapparate v. 5 «Faradisationaapparate. Soluxlampen. HÖHENSONNEN, eIektr.Kocher,Oammiwarmefla8chenv.2.4-', Zimmerklosettelv. 40.—, Bidet» v. 12.-, Luftkissen v. 7.50, Thermometer t.t8, Bettkautschak, bettlehnen, Kracken, „Zella" -TÜRSCHONER etc. Wir verleihen alle Krankenpflegeapparate BANDAGEN=flIKOLASCII WIEN, Taborstr. 22 Telephon R 47-1-85 Bai Vorweisung dieser Annonce 10% Rabatt IT lerweile Kapital und Leitung dieser Gesellschaften in nichtjüdische Hände übergegangen sind. Diese von früher verbliebenen jüdischen Angestellten haben es nicht leicht Daß sie noch überhaupt beschäftigt werden, kommt daher, weil sie entweder nur schwer kündbare Verträge besitzen oder auf ihrem Gebiete einfach unersetzlich sind. Bei anderen Gesellschaften, die gleichfalls von Juden begründet wurden und früher einmal große Bedeutung für das Wirtschaftsleben besaßen, hat man, wie dieser Tage der Fall der Credit-Anstalt lehrte, sogar hochgestellte jüdische Funktionäre einfach entlassen. Man kann nichtjüdische Arbeitgeber mit keinem Mittel zwingen, Juden zu beschäftigen. In einzelnen Fällen, wo diese Arbeitgeber auf jüdische Kundschaft oder jüdische Geschäftsverbindung angewiesen sind, mag es gelingen, einige höfliche Entschuldigungsworte zu erlangen oder gar irgend einen Paradejuden als 50 Schalwollodea Skihose für Damen nnd Herren In, allen Oroften, r---- Lnmberjack. wasaerdiebter Zellstoff mit ZlppvaracblnB, S 3.78 Ski-Waik-Socken, S 2.2» Ski- Walk-Panstling, S11.80 Doppel-Moppel Sport- Hemd fnrDamen und Herren in Otlb,Rot nndKaaW, III. OroSe. S 1— Tonklng-Skistock, per Stock u... 180 cm lang, anmontiert *.i Sport vatter as* 20 Angestellten unterzubringen, in den allermeisten Fällen ist die Situation heute so, daß jüdische Stellungsuchende gewöhnlich nur bei jüdischen Arbeitgebern ein Unterkommen zu finden vermögen. Aber auch die jüdischen Arbeitgeber sind oft durch den Boykott, welcher sich gegen die Juden richtet, gezwungen, die Tatsache, daß sie Juden beschäftigen, zu „tarnen". Die Fälle sind zahlreich, in denen jüdische Kaufleute rückwärts im Büro jüdische Buchhalter und Stenotypistinnen beschäftigen, im Verkaufslokal jedoch Wert darauf legen, daß die hinter dem Ladentisch stehenden und vom Publikum gesehenen Verkäufer und Verkäuferinnen kein jüdisches Aussehen haben. Ebenso zahlreich sind aber auch leider die Fälle, in denen jüdische Arbeitgeber, ohne zu solchen Maßnahmen gezwungen zu sein, jüdische Angestellte nicht beschäftigen, weil dies — sagen wir es rund heraus — heute einfach Mode geworden Ist. Der antijüdische Verdrängungsprozeß, welcher sich in der Gegenwart so furchtbar auswirkt, stellt heute eines der wichtigsten Probleme der jüdischen sozialen Tätigkeit dar. Trotz der Kompliziertheit und Schwierigkeit der Lage hätte man sehr viel Unglück und jüdische Arbeitslosigkeit vermeiden können, wenn man, wie in diesen Blättern schon vor sehr langer Zeit angeregt, beizeiten durch Organisation der Selbsthilfe, durch Werbearbeit und Aufklärung bei jüdischen Unternehmern und auch bei einzelnen nichtjüdischen Gesellschaften, die sich vom Boykott gegen die Juden fernhalten, auf diese furchtbarste Auswirkung des Antisemitismus, die überdies wirtschaftlich sinnlos und schädlich ist, hingewiesen hätte. Vielleicht ist eine solche organisierte Abwehr auch heute noch möglich; man müßte nur — wollen. Veranstaltungen berJugenb-Vnion Xtabfokal: Cafe City, DL, Berggasse 1. Dienstag, den 27. Oktober, am halb 9 Uhr abends Vortrag Dr. Ernst Feldsberg über JDie wirtschaftlichen Begriffe unserer Tag«.*4 AnschlleBend DiskassloB. Gäste willkommen! Milglleder and rreonde dar „Union" überfragen Lebensnnd Elcmenfar- Vcrsidicrnnücn der Stadtisdien Versldieronösansiall

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.