Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT halten es für untragbar, daß Palästina, das Land, in dem die-Grabeskirche steht, unter, dem Mandat des Staates der anglikanischen Kirche stehen solle. Es ist zu erwarten, daß auf dem Kongreß die Uebertragung des Mandates an ein katbolU sches Land gefordert werden wird. Hierbei wird auch die Balfour-Deklaration in die Diskussion gezogen werden. ' * i Wo gespart wird... Die hebräischen Schulen der JewishAgency, die am vergangenen Sonntag hätten eröffnet werden sollen, sind immer noch geschlossen. Eine Wiedereinstellung der generell gekündigten Lehrer ist noch nichterfolgt Die Exekutive der Jewish Agency teilt mit, daß sofort eine Reduzierung des Budgets um 33.000 Pfund gemacht werden muß, wovon 20.000 Pfund auf das Unterrichtsbudget entfallen, eine weitere Kürzung um 8000 Pfund werde nicht zu umgehen sein. Der Direktor des Unterrichtsdepartements der Jewish Agency und Mitglied der Agency-Exekutive Dr. Berkson bat seinen Rücktritt bekanntgegeben, er wurde aber veranlaßt, wenigstens in der Exekutive der Jewish Agency zu verbleiben. Die Exekutive teilt mit, die Budgetreduktion mußte vorgenommen werden, weil sonst die landwirtschaftlichen Siedlungen gefährdet sein würden. Eine Entscheidung gegen den Numerus clausus in Ungarn. Eine wichtige Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in Ungarn schlug eine tiefe Bresche in das Numerus clausus-System, insbesondere betreffend dessen Auswirkungen auf ökonomischem Gebiete gegen indische Numerus clausus-Opfer, die im Ausland ihr Studium absolvierten, aber zu keiner Berufsausübung in Ungarn zugelassen werden. — Ein ungarisch-jüdischer Mediziner, Dr. Martin Kupferstein, machte das medizinische Doktorat an der Wiener Universität wurde aber in Ungarn weder zur Nostrifizierung noch zur Ausübung seines Berufes als Arzt zugelassen. Er klagte den ungarischen Staat auf Schadenersatz wegen Behinderung an der Ausübung seines Berufes an und wurde von allen unteren Instanzen kostenpflichtig abgewiesen. Dieser Tage entschied nun der Oberste Gerichtshof, daß die Klage Dr. Kupfersteins rechtens zu verhandeln ist, da Ungarn verpflichtet sei, die Nostrifizierung zu gewähren und dem Kläger die Ausübung seines medizinischen Berufes zu ermöglichen. — Diese oberstgerichtliche Entscheidung schafft ein Präjudiz für alle ähnlichen Fälle. Verschärfung des Numerus clausus in Polen. Der in Polen zwar nicht legal, aber in der Praxis bestehende Numerus clausus gegen jüdische Studienwillige wurde zu Beginn des neuen Universitätssemesters erheblich verschärft. Die medizinische Fakultät der Warschauer Universität hat von 300 Gesuchen jüdischer Studenten um Immatrikulation im ganzen 15 berücksichtigt; an de/ Fakultät für Zahnheilkunde wurden auf 100 Christen nur 7 Juden aufgenommen; an der landwirtschaftlichen Hochschule hat man alle jüdischen Bewerber abgewiesen. Dieses Ergebnis hat unter der jüdischen Studentenschaft Warschaus ungeheuer deprimierend gewirkt. Aus den Provinzuniversitäten laufen Meldungen ein, die nicht weniger trostlos lauten. Alles in allem wurden in diesem Jahre an den polnischen Universitäten und Hochschulen kaum halb soviel jüdische Studenten wie im Vorjahre aufgenommen. Diese einschränkenden Maßnahmen gegen jüdische Studenten an den polnischen Hochschulen wiegen um so schwerer, als der Generalkonsul der Tschechoslowakischen Republik in Polen aus offenbar antisemitischen Motiven keinem jüdischen Studienwilligen aus Polen ein Visum zum Zwecke der Fortsetzung der Studien an einer Hochschule der Tschechoslowakei gewähren will. Das Zentralkomitee der jüdischen Akademikervereine Polens beschloß, bei den zuständigen Stellen energisch dahin zu wirken, daß die verzweifelte Lage der jüdischen studierenden Jugend gebessert werde. Jüdische Spenden für Arbeitslose in Amerika. Julius Rosenwald, der große Chicajtoer Philanthrop, hat 250.000 Dollar zur Linderung des Loses der Arbeitslosen in Chicago gespendet Sein Sohn L e s s i n g J. Rosenwald gab für den gleichen Zweck 100.000 Dollar. Julius Rosenwald, einer der sröSten Philanthropen der Welt, hat auch für speziell jüdische Zwecke große Summen gespendet, so unter anderem im Jahre 1925 eine Million Dollar für das Werk des Joint Distribution Committee und 1928 fünf Millionen Dollar für das Werk des Agrojoint in Rußland. 500.000 Dollar gab er dem Jewish Theological Seminary zum Andenken an Louis Marshall. In Deutschland wurde vor kurzem Julius Rosenwald viel genannt im Zusammenhang mit seiner Spende von einer Million Dollar für die Errichtung einer Kinderzahnklinik in Berlin. Er ist Besitzer der Gotthein-Medaille für Dienste an der amerikanischen Judenheit und der Rotary-Medaille für Verdienste um soziale Fürsorge in der Welt. Neben Rosenwald haben zahlreiche prominente Juden Amerikas große Summen zur Linderung der Arbe?tslosennot gegeben, so unter anderem Salomon Guggenheim, Paul M. Warburg, und der kürzlich verstorbene Colonol Michael Friedsam, die gemeinsam im Herbst v. J. das ..Emergency Employment Committee" organisierten, das in den ersten sechs Monaten seines Wirkens sieben Millionen Dollar für Arbeitslosenhilfe aufbrachte, sowie Dr. Stephen S. Wise. Dr. Jakob B i 11 i k o p s u. a. m. Letzterer leitet in Philadelphia die Füni-Millionen-DoIIar-Kampagne für Arbeitslosenhilfe. JCafcenfcreuz am Werfo Friedhof Schändung Nr. 107. Auf dem jüdischen Waldfriedhof in Westercappeln in Westfalen wurden vier Grabsteine gewaltsam beschädigt und der Versuch gemacht, weitere Grabsteine umzuwerfen. Auf die Ergreifung der Täter hat die jüdische Gemeinde Westercappeln eine Belohnung von 100 Mark ausgesetzt Die Liste der Friedhofschändungen in Deutschland 1923—1931, über deren Herausgabe durch den Centraiverein wir berichteten, ist soeben in 2. Auflage erschienen. Die Liste mußte innerhalb von vier Wochen um vier weitereFälle von Friedhofschändungen vermehrt werden! Sie enthält jetzt das Material über 106 Schändungen jüdischer Friedhöfe. Bestrafung der Memeler Friedhofschänder. Das Memeler Gericht sprach jüngst das Urteil gegen vier Hakenkreuzler, die vor kurzem den jüdischen Friedhof in Memel geschändet und 29 Gräber zerstört haben. Die drei Angeklagten wurden zu je sechs Monaten, einer zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Die Memeler jüdische Gemeinde hatte eine Belohnung für die Ergreifung der Täter ausgesetzt; diese Belohnung gelangt jetzt zur Auszahlung. Dgglenlsdies Kdnigslicht Seit vielen ahren das anerkannt beste tto^-ntttw Man achte auf die ges. gesch. Marke „Hyglen. Königsllcht" und Name Schute Fabrik und Büro: IVfen XIV., Braiuihfrschengassse 3 Telephen R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM. 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In einer Rede auf einer Versammlung der Prager Deutsch-demokratischen Freiheitspartei kam Reichstagsabgeordneter Lemmer (Berlin), der bekannte jungdemokratische Führer, auch auf den Antisemitismus zu sprechen und führte u. a. aus: Abgesehen von allen ethischen Forderungen ist es unbegreiflich, wie eine Minorität wie das Deutschtum in der Tschechoslowakei und insr besondere das Deutschtum in Prag Mitbürger jüdischen Glaubens, die sich selbstbewußt und opferwillig zum Deutschtum als zu einer nationalen Minderheit bekennen und damit aus Treue zu ihrem nationalen Bekenntnis Schwierigkeiten auf sich nehmen undaufso manche Chance verzichten, abstoßen will, womit es sich nur selbst schwächt. SynagoeenpoKrom am Simchath Thora in Radom. In der Radomer Vorstadt Zamline überfiel eine mit Revolvern bewaffnete zwanzigköpfige Bande die Synagoge in der Dlugnastraße am Simchas Tauro gegen 12 Uhr mittags, als die Synagoge noch von betenden Männern und Frauen voll war. und veranstaltete einen regelrechten Pogrom. Die Bande teilte sich in zwei Gruppen, eine Gruppe drang in die Synagoge ein. die zweite Gruppe wartete vor dem Tore der Synagoge, um die etwa flüchtenden Juden abzufangen. Die in die Synagoge eingedrungenen Huligans schlugen auf die Betenden ein. wobei der Jude Gabriel Mandelmann so schwer verletzt wurde, daß er für längere Zeit das Bewußtsein verlor. Es entstand eine ungeheure Panik, Frauen fielen in Ohnmacht, die jüngeren Personen unter den Andächtigen versuchten, die Huligans hinauszudrängen, jetzt aber gesellten sich die draußen stehenden Huligans zu ihren Kameraden. Fast alle Betenden wurden brutal mißbandelt, die gesamte Inneneinrichtung der Synagoge wurde demoliert, alle Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Plötzlich zogen die Huligans Revolver und begannen auf die Andächtigen zu schießen. Einem 18jährigen Synagogenbesucher wurden beide Arme von Kugeln durchlöchert. einige andere Andächtige wurden von Kugeln getroffen und mehr oder weniger schwer verletzt. Einer der Andächtigen. Meir Friedmann, schlug einem schießenden Huligan den Revolver aus der Hand. Die mehrmals alarmierte Polizei traf erst eine Stunde nach Beginn des Pogroms am Tatort ein. verhaftete drei Huligans. aber auch den eben genannten Juden Meir Friedmann. Weiters wurde festgestellt, daß ein Soldat des in Radom stationierten 72. Infanterieregiments sich an dem Pogrom führend beteiligte. Die Judenschaft der Vorstadt Zamline lebt in schwerer Panik. Die Führer der jüdischen Gemeinde haben sich bis jetzt vergebens bemüht den unschuldig verhafteten Meir Friedmann frei zu bekommen. Nach Prager Muster. Vor mehr als einem Jahre, in der Zeit vor dem j ü d i s ch e n Neujahrsfest, als auf dem Warschauer jüdischen Friedhof im Stadtbezirk Gensza zahlreiche Juden zum Besuch der Gräber ihrer Angehörigen weilten, wurde der Friedhof plötzlich beschossen. Die Friedhofsbesucher stoben panikartig auseinander, zwei derselben, der Schneidermeister Jankel Lewinski und Dr. Sara Rothstein, erhielten schwere Schußverletzungen und blieben zwischen den Grabsteinen liegen. Auch zahlreiche Grabsteine wurden beschädigt. Die Untersuchung stellte fest, daß der plötzliche Kugelregen aus einem Maschinengewehr stammte, das bei einer Militärübung unweit des Friedhofs in Aktion gesetzt worden war. Oberst Jagusz Zibulski als der Kommandant des Schießplatzes hatte sich wegen „mangelnder Vorsicht" zu verantworten. Er erklärte, daß die Kugeln infolge Lockerung der Montage des Maschinengewehres höher fielen als beabsichtigt, wodurch das Unglück hervorgerufen wurde. Oberst Zibulski wurde freigesprochen.