Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT nznjz Seite 7 Gemeinde - 'Chronik Geheimrat Berthold Timendorier gestorben. Am 5. Oktober verstarb in Berlin Geheimer Jusuzrat Berthold Timendorfer im Alter von 78 Jahren. Geheimrat Berthold Timendorfer wurde 1853 in Rosdzin (Oberschlesien) geboren und lebte seit 1882 als einer der angesehensten Rechtsanwälte in Berlin. Von 1898 bis 1924 war er üroßpräsident des deutschen Distriktes des Unabhängigen Ordens Bnei Brith. Während seiner Amtszeit wuchs der Orden in Deutschland an Zahl der Logen und Mitglieder außerordentlich. Hierzu trug nicht zum wenigsten die werbende Krait Berthold Timendorfers bei. der seine Aufgabe darin sah, den Orden Bnei Brith zu einem führenden Faktor im Leben .des deutschen Judentums zu machen. Bei der Niederlegung seines Amtes im Jahre 1924 äußerte sich die Verehrung und Dankbarkeft der Logen für ihren langjährigen üroßpräsidenten darin, daß sie ihn zum Ehrenpräsidenten des deutschen Distriktes des Li. 0. B. B. erwählten. Berthold Timendorfer nahm auch sonst an führender Stelle an der Gestaltung des jüdischen Lebens in Deutschland 'teil. Am 8. Oktober wurde Geheimer Justizrat Berthold Timendorfer auf dem jüdischen Friedhof zu Weißensee bestattet. Obwohl die Familie im Sinne des Verstorbenen vor der Bestattungsfeier keine Parte ausgegeben hatte, auch die Stunde der Trauerfeier nicht bekanntgegeben worden war, hatten sich Hunderte von Freunden und Berufsgenossen des Verstorbenen auf dem Friedhof eingefunden, um ihm das letzte Geleite zu geben. Die Logen des U. O. B. B. waren durch sämtliche Präsidenten vertreten. Auch die Anwaltskammer hatte zu Ehren ihres ehemaligen Vorstandsmitgliedes eine Abordnung entsandt. Dem Wunsche des Entschlafenen gemäß zeichnete Rabbiner Dr. Blumenthal nur kurz das Lebensbild des verehrten jüdischen Führers, woraufhin der Großpräsident des U. 0. B. B., Rabbiner Dr. Baeck, tief bewegt von seinem Vorgänger in der Würde eines Großpräsidetften Abschied nahm. Er sagte, der Name Berthold Timendorfers werde in den Annalen der Logen unvergessen bleiben. Trauergesänge des Oberkantors Davidsohn eröffneten und beschlossen die Feier. Dr. Max Grunwalds 60. Geburtstag. Doktor Grunwald, der bekanntlich vor einem halben Jahre nach dreißigjähriger segensreicher Tätigkeit sein Rabbineramt bei der Wiener israelitischen Kultusgemeinde niedergelegt hatte und nach dem schönen Helenental in Baden bei Wien gezogen war, wo er sich rüstig seinen ernsten wissenschaftlichen Arbeiten widmet, war in den letzten Tagen, anläßlich seines sechzigsten Geburtsfestes, der Mittelpunkt verschiedener Ehrungen, vor allem durch die Repräsentanz der jüdischen Gemeinde in Baden. Am vorigen Samstag wurde der Jubilar von Präsidium der Kultusgemeinde von seiner Wohnung abgeholt und zum Gotteshaus begleitet. Nachmittags fanden sich in der Wohnung Dr. Grunwalds der gesamte Vorstand, sowie eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern ein. Oberrabbiner Dr. Carlebach hielt eine innige Ansprache, nach ihm ergriff Herr Präsident Anton Stern das Wort. Dr. Grunwald dankte in herzlichen Worten. Am Sonntag erschienen viele Wiener Freunde, insbesondere Dozent Dr. Ludwig Hofbauer, Prof. Dr. S. Kraus mit Frau und Oberkantor J. L ö w i t, um Dr. Grunwald persönlich ihre Glückwünsche zu entbieten, auch die Kinderbewahranstalt in Wien entsandte eine Abordnung. Hunderte von brieflichen und telegraphischen Gratulationen trafen ein, namentlich ein schönes Schreiben des Präsidiums der Wiener Kultusgemeinde. Der Lehrkörper des Rabbinerseminars in Breslau, dessen Schüler Grunwald gewesen ist, und die dortige Fraenkl-Stiftung richteten an den Jubilar überaus ehrende Briefe. Ein Schreiben des Präsidiums der Gemeinde Neue-Dammtor zu Hamburg, deren erster Rabbiner Dr. Grunwald war, versichert, daß die Richtung, die er vor dreißig Jahren gezeigt hat, noch heute die vollste Anerkennung findet. Möge es Dr. Grunwald beschieden sein, an der Seite seiner trefflichen Gattin noch recht viele Jahre in gleicher Geistesfrische und im Vollbesitz seiner körperlichen Kraft der jüdischen Wissenschaft zu dienen. Auszeichnung. Der Bundespräsident hat anläßlich der Feier der zehnjährigen Zugehörigkeit des Burgenlandes zur österreichischen Republik dem Oberrabbiner von Mattersburg Ehrenfeld, gleich wie einem ltatholischen und protestantischen Geistlichen Burgenlands, das Goldene Verdienstzeichen verliehen. Simchas Thora in Baden gestaltete sich heuer zu einem besonders frohen und freundlichen Tage. Der heue Oberrabbiner, Herr Dr- Carlebach, hat sich in den wenigen Wochen seiner Wirksamkeit die Herzen aller seiher Gemeindemitglieder und die Liebe der Jugend bis zu den kleinsten Schülern erworben, so daß alle herbeiströmten, um bei der Seudas Mizwo, welche die Gemeinde und die Chassanim im Sitzungssaal veranstalteten, dem Herrn Oberrabbiner ihre Verehrung zu beweisen. Dr. Samuel Deutsch würdigte in einer Ansprache das Wirken Dr. Carlebachs, insbesondere das Rednertalent des Herrn Oberrabbiners, dessen in Geist und Form gleich vollendete Predigten und zahlreiche belehrende Vorträge auf die Zuhörer nachhaltig wirken; so hat er in der Badener Gemeinde, an deren Spitze der rührige Präsident Anton Stern steht, ein neues pulsierendes jüdisches Leben geschalten. Die Jugend und die kleinen Schüler, mit denen Dr. Carlebach die schwere Kleinarbeit des Lernens und der Erziehung in unermüdlicher, unverdrossener Weise sofort mit Amtsantritt aufgenommen hat, lieben ihren Lehrer wie einen giüügen Vater. Alks in Baden, auch aus den Kreisen, die bisher dem jüdischen Leben nicht so innig verbunden waren, scharte sich am Simchas Thora in Begeisterung um das geistige Oberhaupt der Gemeinde, Herrn Oberrabbiner Dr. Carlebach- Die Jugendgruppe des Tempelvereines „Aeschel- Awrohom'* UU, Pazmanitengasse 6;. beginnt Montag, den 19. d. M., wieder mit ihren Kulturellen Abenden. Herr Rabbiner Dr. Z. Taubes wird einen Vortrag über „Die seelische Not des heutigen Judentums" halten. Mit Rücksicht auf die Aktualität dieses Vortrages bittet der Verein um zahlreichen Besuch. Dieser Abend, wie auch die geselligen, findet im Klublokal „Cafe Sächsischer Hof", IL, Taborstraße (Sep. Eingang Novaragasse) statt Rudolf Goldscheid. Der hervorragende Wiener Soziologe und Ethiker Rudolf Goldscheid, der dieser Tage im Alter von 61 Jahren gestorben ist, wurde in Wien geboren und war J u d e. Er war Präsident der Soziologischen Gesellschaft und einer der bekanntesten Führer der Friedensbewegung Europas. Seit 1922 gab er die „irriedenswarte" heraus. Der große Gelehrte ist wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum und seiner mutig zur Schau getragenen demokratisch-pazifistischen Gesinnung in Oesterreich natürlich niemals zu offiziellen Ehrungen gelangt, Barmizwahfeier. Samstag, den 10. d. M. fand im Polnischen Tempel, 11., Leopoldsgasse 29, die Barmizwahfeier des Gymnasiasten Erich Schächter, Sohn des Herrn und Frau Iro Schächter statt Den freudigen Anlaß hatte eine überaus große Schar von Freunden und Bekannten des Hauses benützt, um Herrn lro Schächter, der als Mensch und Jude in weitesten Kreisen große Sympathien besitzt dieser herzlichen Gefühle zu versichern. Und sc sah man schon im Gotteshause eine stattliche Anzahl von Festgästen, die Sohn und Eltern freudigst beglückwünschten. Der Barmizwoh trug die Haftarah mit besonders auffallendem Verständnis vor, ein Beweis für die schöne jüdische Erziehung, die er im Eiternhause genossen. Rabbiner Mayersohn richtete an ihn eine geistreiche Ansprache über Sinn und Bedeutung der Barmizwahfeier.' Der zur Thora gerufene Vater und seine ebenfalls aufgerufenen Freunde nahmen die Gelegenheit zu namhaften Spenden für verschiedene jüdische Zwecke wahr. Besonders erhebend wirkte die kantorale Funktion des Herrn Oberkantors E. F r ä nkel, der, unterstützt von dem ausgezeichnet geleiteten Tempelchor, alle Anwesenden begeisterte. Am Nachmittag fanden sich in der Wohnung des Herrn Iro Schächter Freunde und Bekannte des Hauses ein, um neuerlich zu bekunden, welch herzlichen Anteil sie alle an dem schönen Familienfeste nehmen. Man bemerkte u. a. die Rabbiner' Prof. Dr. Ziegler, Karlsbad, Dr. J. M. Bach, Dr. Tag Ii cht und Mayersohn, Hofrat Prof. Dr. S. Frankfurter, mehrere Herren der B.-B., denen Herr Iro Schächter als eifriges Mitglied angehört, Herrn Adolf Gesund, Obmannstellvertreter des Bethausvereines „Oseh Chesed", dessen Vorstands¬ und Ehrenmitglied Herr Schächter ist u. v. a. Nachdem Erich Schächter eine sehr hübsche Ansprache an Eltern und Gäste gehalten hatte, nahm Professor Dr. Z i e g 1 e r als guter Freund des Hauses das Wort zu einer gehaltvollen Festrede über Ethik und Moral des viel verlästerten Kapitalismus. Auch Prof. Dr. S. Frankfurter und Rabbiner Dr. T a g 1 i c h t zeichneten den Barmizwoh durch herzliche Ansprachen aus, in denen die edle jüdische Wirksamkeit des Herrn Iro Schächter lobend gewürdigt wurde. Besonders eindrucksvoll war die Rede des Herrn Obmannstellvertreters Adolf Gesund namens des Vorstandes des Bethausvereines „Oseh Chesed'", der Herrn Schächter in bewegten Worten für seine ersprießliche Tätigkeit in diesem schönen Vereine dankte. Todesfälle. Mit Jakob März, der jüngst nach kurzem Leiden verschieden ist, ist ein Mann dahingegangen, der bei keiner Gelegenheit, wo es galt, jüdisches Elend zu lindern, fehlte. Als langjähriger Präsident des Vereines „M a c h s i k e H a d a t h" schuf er segensreiche Institutionen zur Linderung jüdischer Not. Eine große Ausspeiseanstalt, eine Darlehenskassa und viele andere Institutionen danken ihm ihr Entstehen und ihre Erhaltung. Im Wiener Kultusvorstande wirkte der Verstorbene sechs Jahre hindurch als Vertreter des Misrachi. Allgemein wird diesem herzensguten und rastlos tätigen Mann das beste Andenken bewahrt werden. — Am 3. d. M. verstarb hier im 58. Lebensjahre der bekannte Kohlengroßhändler Leo Agid und wurde unter starker Beteiligung am 5. d. M. zu Grabe getragen. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Bach, der ein schönes Bild von der Wirksamkeit des arbeitseifrigen Dahingeschiedenen entwarf, an dessen Bahre die Witwe Olga Agid, f. PKK EL, Untere Äugartenstraße Nr. 32 Sämtliche Parfümerie- und Haushaltungsartikel zu den billigsten Preisen Sei der Weg noch so weit, Er lohnt sich wegen der Billigkeit! TELEPHON A 46-5-82 Adresse bitte!{«■■■ zu beachten! Sarnstall tfCS«lMSSait geborene Baumann, und die Kinder Kurt Agid und Frau Dr. Hedy Fischer trauern. In Altona verschied, 83jährig, der langjährige Oberkurator der Altonaer Gemeinden, Herr Nathan Nathansohn. Noch vor wenigen Jahren konnte der Entschlafene sein SOjähriges Amtsjubiläum feiern. Er genoß mit Recht den Ruf, einer der größten Chasonim zu sein. Bis ins hohe Alter hinein blieb ihm die Gottesgabe einer schönen und umfangreichen Baritonstimme, die alle Skalen gesanglichen Ausdruckes mühelos beherrschte, und gerade mit zunehmendem Alter verinnerlichte sich immer mehr seine Vortragsweise. Er war der für dieses ehrwürdige Gotteshaus berufene Scheliachzibbur. Sein unesane taukef, ein Meisterstück chasonischer Gestaltungskunst, wird unvergeßlich bleiben. Aber nicht nur ein großer Chasen schied von uns, sondern auch ein edler, frommer und warmherziger Mensch. Nathansohn mußte viel herbes Leid überstehen, sah er doch seine Gattin — eine Ateres baaloh — und mehrere Söhne scheiden. Eine kurze schwere Krankheit raffte ihn hinweg. Die Altonaer Gemeinde hat einen großen Verlust erlitten und mit ihr trauern alle, die den Vorzug hatten, diesen seltenen Mann zu kennen. Sichraunau liwrocho! John Jacobsonn. Geschäftseröffnung. Herr S. Pick, Ausschußmitglied der Bezirksorganisation Leopoldstadt der »Union österreichischer Juden", hat dieser Tage im 2. Bezirk, Untere Augartenstraße Nr. 32, ein Geschäft für Parfümerie- und Haushaltungsartikel eröffnet. Die Mitglieder der „Union" werden auf dieses neue Unternehmen aufmerksam gemacht, da ihnen dort Gelegenheit zum Bezüge aller einschlägigen Artikel zu besonderen Vorzugspreisen geboten wird. Samstag geschlossen. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien teüt mit, daß er seine Tätigkeit am 26. d. M. wieder beginnt. Ort der Veranstaltungen: Cafe Atlashof (Souterrain), Eingang: I., Wiesingerstraße 11 (Klubsaal der „Hakoah"). Zeitpunkt: Alle vierzehn Tage Montag abends um halb 8 Uhr. Eintritt frei! Adresse des Vereines: IL, Ferdinandstraße 2318. * Es ist' gewiß ein erhebendes Gefühl, mitten im sozialen Wirrwarr unserer Zeit die stille, kulturell bedeutsame Tätigkeit einer Vereinigung beobachten zu können, die seit mehr als einem Jahrzehnt unentwegt für die Verbreitung jüdischen Wissens durch Veranstaltung populär-wissenschaftlicher Vorträge arbeitet. Unstreitig leben in Wien viele gebildete Juden, die das Verlangen nach modernen, jüdisch-wissenschaftlichen Erörterungen haben, aber außerstande sind, sich dieselben in der Hast des Alltags durch emsige Lektüre anzueignen. Daher ist es das besondere Verdienst einer Gelehrtengruppe, an deren Spitze der bekannte Wiener Professor Dr. Samuel K r a u s z steht, daß sie die Hauptergebnisse der jüdisch-wissenschaftlichen Forschung in volkstümlicher Weise für jedermann zugänglich zu machen bestrebt ist. Immer wieder stößt der einzelne im Berufsleben auf Angriffe und Beschuldigungen gegen uns, gegen unser Judentum und ist leider Ott infolge mangelhafter Ausbildung in der jüdisch-literarischen Ideenwelt nicht in der Lage, die ungerechten und zumeist böswilligen Vorwürfe unserer Gegner und mancher sogenannter „Freunde" ad absurdum zu führen. Es gibt ferner eine Reihe jüdischer Probleme, deren Lösung nur dem engen Kreise der Forscher bekannt sind und deren Verbreitung ohne Zweifel viel zum Nutzen und zur inneren Gesundung unserer jüdischen Weltanschauung beitragen würde. Jedes Gebiet jüdischer Leistung und Errungenschaft in den Rahmen der Vorträge einzubeziehen, bedeutende Männer und Frauen ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit und Lebenseinstellung als Referenten zu gewinnen und so die Kenntnis vom Judentum, seiner Geschichte und Literatur in weite Kreise der Wiener Judenheit zu tragen, das sind die Aufgaben des Wiener Vereines für jüdische Geschichte und Literatur. Daß man dadurch der allgemein fühlbaren und beklagten, aus Unkenntnis entstandenen Interesselosigkeit fürs Judentum teilweise steuern kann, ist einleuchtend. Der starke Besuch der vorjährigen Veranstaltungen ist ein beredtes Zeugnis für die Naturnotwendigkeit solch jüdischen Unternehmens. Muß doch die Verwirklichung dieses allen Juden am Herzen gelegenen Programmes das jüdische Selbstbewußtsein heben, unsere Jugend fürs Judentum interessieren und den jüdischen Geist beleben. Man kann daher dem Vereine anläßlich der Eröffnung seiner diesjährigen Vortragsreihe nur Erfolg und Gelingen wünschen. Josef Babad.