Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 42 (16.10.1931)
- Date
- 1931-10-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite ■ Städtische VcrsicheiuiKisansfalf Aus dem Wiener Kaltasvorstande. Donnerstag, den 8. d. M. fand unter Vorsitz des Präsidenten Prof. Dr. A. P i c k eine Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes statt, deren erster Teil ein ^öffentlicher war. Der Präsident begrüßte zunächst den an Stelle des kürzlich verstorbenen Kultusvorstehers Gustav Moritz als Vertreter der „Werktätigen Juden" in den Kultusvorstand berufenen Herrn Zahntechniker Wilhelm Stern. Hierauf gedachte Professor Dr. Pick, während die Anwesenden sich von ihren Sitzen erhoben, der Verluste, die die Wiener Gemeinde in letzter Zeit durch das Ableben dreier hervorragender Männer erlitten hat. Es sind dies die Herren Gustav Moritz. Oberverwalter Hugo Weiß und Jakob März. Gustav Moritz hat dem Wiener Kultusvorstand durch sieben Jahre angehört -und sich wegen seiner vorzüglichen Charaktereigenschaft, insbesondere seiner stets bewährten Hilfsbereitschaft der Hochachtung und Wertschätzung bei allen Parteien erfreut. Er diente der Gemeinde mit seinem .ganzen Herzen, in der jüngsten Zeit hat er als Obmann der Paritätischen Kommission seine Objektivität besonders bewiesen. Hugo Weiß war als vorzüglicher Beamter für die Kultusgemeinde durch viele Jahrzehnte tätig und hat sich namentlich als Oberverwalter des Spitals. der Gemeinde hervorragend bewährt. Jakob März war durch sechs Jahre ein pflichtbewußtes und arbeitseifriges Mitglied des Kultusvorstandes. Allen diesen Männern wird die Wiener Gemeinde stets ein dankbares und ehrendes Andenken zu bewahren wissen. Kultusvorsteher Wilhelm Hirschfeld dankte namens der Familie wie auch namens der „Werktätigen Juden" dem Präsidenten und seinen Vorstandskollegen für die liebevolle Anteilnahme an dem Hinscheiden des Kultusvorstehers Gustav Moritz. Dem vom Ärhtsdirektor Reg^-Rat G. Fu chs gelb zürn Vortrag gebrachten Einlaufe entnehmen wir: Das Mitglied des Kultusvorstandes. Herr Dr. I. H. Körner, hat in pietätvollem Gedenken an seine verewigte Mutter der Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde zwei herrliche, vierarmige .Sitberleuehter für den Betsaal und einen Betteppich gewidmet; diese Gegenstände sind an den hohen Feier- -iageh ihrer Bestimmung zugeführt worden. Zum Andenken an sieiuen verstorbenen Sohn hat das Gemeindemitglied, Herr Philipp Haas, für die Thorarollen des Stadttempels eine kunstvoll ausgeführte „Mappo" gespendet, die gleichfalls ihrer Bestimmung zugeführt wurde. 1 Vom Matrikenamt der Israelitischen Kultusgemeinde Wien liegt der statistische Ausweis hinsichtlich der Bevölkerungsbewegung für die Monate Mai. Juni, Juli und August 1931 vor. Dieselben weisen folgende Daten auf: •Gesamtzahl der Trauungen: 440. „ Scheidungen: 119. .. Geburten: 383. davon 214 männliche, 169 weibliche. „ Sterbefälle: 837. ., Austritte: 246. „ Eintritte in das Judentum: 85. Nach den Ausweisen des Steueramtes der Israelitischen Kultusgemeinde Wien sind in der Zeit vom 26. April bis 3. Oktober 1931 unter den aus dem Judentume. ausgetretenen Personen 106 Kultussteuerträger zu verzeichnen. Von diesen waren 54 Personen mit einer Kultussteuer von S 1.— bis 10.—. 38 mit einer solchen von S 10.— bis 50.—. 4 Personen mit S 50.— bis 100.—, 5 Personen mit S 100.— bis 200.—. je eine Person mit S 250.—, 400.—. 850.—, 2000.— und 3500.— Kultussteuer bemessen. Die Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde wurde vom Magistrat der Stadt Wien Ende Juli d. J. verständigt, daß die bis dahin mit S 4.— pro Tag und Kopf bemessene Verpflegs- Icostenvergütung für nach Wien zuständige Insassen der israelitischen Versorgungsanstalt auf S 3.— reduziert werde. Angesichts des empfindlichen Ausfalles an Einnahmen, der sich durch diese Maßnahme für die Israelitische Kultusgemeinde ergibt (S 36.000^— pro Jahr), jst das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde sofort unter Darlegung aller in Betracht kommenden Umstände beim Herrn Bürgermeister vorstellig •geworden. Unter dem 11. September 1931 hat der Herr Magistratsdirektor in Erledigung der dem Herrn Bürgermeister überreichten Eingabe mitgeteilt, daß die ungünstige Wirtschaftslage, in der sich die Gemeindeverwaltung befindet, sie zwinge, ihre Ausgaben auf allen Gebieten einzuschränken und daher auch bei allen anderen Anstalten, die in Betracht kommen, die Verpflegskostenvergütungen herabzusetzen. Der Magistrat sei daher nicht in der Lage, den Beitrag zu •erhöhen. Im Einlaufe befindet sich ferner eine Reihe von Mitteilungen des Stadtschulrates von Wien, laut welchen, unter Bedachtnahme auf den Rückgang der Zahl schulpflichtiger Kinder. Auflassungen von Schulen und Zusammenlegungen von Klassen und Abteilungen verfügt wurden. Durch diese Maßnahmen sowie durch die Erhöhung der Lehrverpflichtung für die israelitischen Religionslehrer der Gemeinde Wien haben sich besondere Schwierigkeiten hinsichtlich der Zuweisung der Reiigionsstunden für das Schuljahr 1931/32 ergeben, so daß in einzelnen Schulen und Religionssammelstationen erst verspätet mit dem Religionsunterrichte begonnen werden konnte. Die verminderte Zahl von Unterrichtsstunden macht es aber auch u nmöglich. die im Dienste der Kultusgemeinde stehenden Religionslehrer im Ausmaße der vollen Lehrverpflichtung im Unterrichte zu beschäftigen. Unter Anwendung der diesfälligen Bestimmungen des Lehrerdienstgesetzes wurde im Einvernehmen mit dem Herrn Obmann der Unterrichtskommission. Dr. J. Ticho, und dem Schulinspektorate Vorkehrung getroffen, daß zwecks vorläufiger Vermeidung von Abbaumaßnahmen solche im Unterricht nicht vollbeschäftigte Lehrkräfte i n den verschiedenen Zweigen des administrativen Gemeindedienstes mitverwendet werden. Vom Kommando des niederösterreichischen infanter ie-Reg. Nr. 5 in Wien wurde das Präsidium der Israelitischen Kultusgemeinde in Kenntnis gesetzt, daß am 20. September d. J. zu Ehren der vor zehn Jahren bei Kirchschlag gefallenen Helden des Regimentes in Kirchschlag eine Gedenkfeier stattfindet, bei welcher die in Steinbach im Burgenland begrabenen drei Regimentsangehörigen, unter welchen sich auch der der israelitischen Konfession angehörige Infanterist Sigmund Smrcka befindet, exhumiert und im Einverständnisse mit der Pfarre von Kirchschlag in einem gemeinsamen Ehrengrabe auf dem Friedhofe in Kirchschlag bestattet werden: Gleichzeitig werde die Enthüllung eines von der Marktgemeinde Kirchschlag errichteten Heldendenkmales stattfinden. Zu diesen Feierlichkeiten erging die Einladung an die Kultusgemeinde. Da die Veranstaltung auf den Erew Jom- Kippur fiel, war die Entsendung eines der Herren MITTEILUNGEN DER JUGEND-UNION (Jugendgruppe der Union österreichischer Juden) Sitz: IX- Berggasse 4. Telephon A19-2-77. Klublokal: Cafe City. IX„ Porzellangasse I. Telephon A 18-4-28. A 18-4-29. Einladung zu der amDienstag.den20. d.M.. 8Uhrabends, im Klublokal des Cafe City. IX.. Porzellangasse 1. stattfindenden 1. orieitiickei GsBiraivareuuBliig dar Juieid-Oiioi Tagesordnung: 1. Rechenschafts- und Kassabericht. 2. Bericht der Revisoren. 3. Statuten. 4. Wahl der Leitung, der Revisoren und Schiedsgerichtsobmänner. 5. Festsetzung des Mitgliedsbeitrages. 6. Anträge. Sollte die Versammlung um 8 Uhr nicht beschlußfähig sein, so findet die Generalversammlung u m K-9 U h r ohne Rücksicht auf die Zahl der Erschienenen statt. Mit bestimmtem Erscheinen bei dieser unserer 1. ordentlichen Generalversammlung nach einem halben Jahre intensiver Vereinstätigkeit rechnet Die Leitung der Jugend-Union. Samstag, den 17. Oktober. 149 Uhr abends, findet in unserem Klublokal. Cafe City. IX- Porzellangasse l. unser 4. gesellige Tanzabend statt. Erstklassige Jazz (Florida-Band). Akademie. Tombola und Damenspenden. Resiebeitraz für Gäste S I.—. für Mitglieder S —.30. Danksagung. Oberkantor Salomon Lewy des Tempels HL. Untere Viaduktgasse 13. dankt auf diesem Wege für die ihm anläßlich seines 25iährigen Amtsjubiläums überaus zahlreich zugekommenen Gratulationen aufs herzlichste, da er außerstande ist, jedem Einzelnen separat zu danken. Hanl», tirammopiHHie Sdiallpkitfcn neueste Schöpfungen, auch Tausch, Zahlungserleichterang. nMphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 Wiener Rabbiner zu diesen Feierlichkeiten nicht möglich und es wurde daher die Vertretung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde dem Amtsdirektor Reg.-Rat Fuchsgelb übertragen. Seitens der Veranstalter der Feierlichkeit, bei welcher namens der Wiener israelitischen Kultusgemeinde je ein Kranz am Ehrengrabe und an dem Denkmale niedergelegt und vom Delegierten der Kultusgemeinde eine dem Anlasse entsprechende Ansprache gehalten wurde, ist ein sehr warmes Dankschreiben eingelangt. Der in die Ehrung einbezogene jüdische Held wurde von seinem Kommandanten als einer der Bravsten, Pflichtgetreuesten und Tapfersten der Mannschaft bezeichnet Die Exhumierung in Steinbach erfolgte mit Zustimmung der zuständigen Kultusgemeindu Kobersdorf. Von dem jüdischen Komitee betreffs der „Kaiend e r r e f o r m" in London ist der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde eingeladen worden, sich den in dieser Angelegenheit unternommenen Schritten anzuschließen, und es wurde konform dem Vorgange in anderen israelitischen Kultusgemeinden namens der Wiener israelitischen Kultusgcmeinde die folgende Resolution zwecks Weiterleitung an den Völkerbund übermittelt: „Der unterzeichnete Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien erhebt namens der Israelitischen Kultusgemeinde Wien entschiedenen Protest gegen jede Kalenderreform, die durch Einführung eines Biankotaxes oder mehrerer Blankotage den feststehenden Sabbath gefährden würde. Eine derartige Regelung würde in das jüdische Leben die größte Verwirrung tragen und die ernstesten sozialen und wirtschaftlichen Nachteile für die überwiegende Mehrheit der Juden in der ganzen Welt zur Folge haben. Wir richten daher an den Völkerbund die ergebene dringliche Bitte, nur einer solchen Kalenderreform zuzustimmen, durch die der Sabbath als feststehender Tag gewährleistet ist" Hiefür ist die Dankeskundgebung des Komitees an den Kultusvorstand gelangt. Eine Reihe von Interventions- und Pastori e r un g s b e r i c h t e n für die letzten Monate sind in gewohnter Weise von Herrn Prof. Dr. Kupfer eingelangt. Den ebenfalls sehr interessanten Präsidialbericht, mit dem der öffentliche Teil der Sitzung beendigt wurde, tragen wir (wegen Raummangel) in unserer nächsten Nummer nach. VonWodke xu Wo&e Spanien sühnt das Unrecht an den Juden. Während der Debatte über die Trennung von Kirche und Staat fährte der Justizminister der spanischen Republik Don Fernando de Los Rios in der Kammer unter lautem Beifall der Abgeordneten u. a. aus, die spanische Republik wünscht, historisches Unrecht wieder gutzumachen. Die katholischen Abgeordneten mögen sich an die Geschichte der spanischen Kirche und ihre Judenverfolgungen erinnern, Verfolgungen, die in der Judenaustreibung aus Spanien im Jahre 1492 gipfelten. Jüdische Fragen auf dem Vatikankongreß. Der in kurzem im römischen Papststaat stattfindende „ Wirtschaftsrat" genannte katholische Kongreß wird sich auch mit Fragen des Zionismus und des Antisemitismus befassen. Der letzte Kongreß dieser Art war 1870 abgehalten worden, seither hat infolge des Konfliktes zwischen Vatikan und Quirinal ein solcher Kongreß nicht mehr stattgefunden. Auf der Tagesordnung des Kongresses von 1870 stand u. a. auch die Erörterung derJudenfrage. Zwei prominente katholische Priester, deren einer der zum Katholizismus bekehrte Jude Lehman war, unterbreiteten damals dem Kongreß eine Resolution, in welcher der Antisemitismus vom katholischen Standpunkt gebrandmarkt wird. Die Resolution gelangte nicht zur Abstimmung, weü der inzwischen aüsgebrochene Krieg zwischen Deutschland und Frankreich eine plötzliche Vertagung des Kongresses zur Folge hatte. Es heißt nun, daß der demnächst in Rom stattfindende Kongreß die damalige Resolut "ton wieder aufnehmen und zum Gegenstand einer Aussprache machen wird. Auch die Frage des Palästinamandates wird zur Erörterung gelangen. Einflußreiche vatikanische Kreise