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Die Wahrheit · 1931-10-16 · Heft 42 (16.10.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 42 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT StMta Studien"'Beginn. 99 Das Präsidium der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hatte schon mehrfach Veranlassung, gegen den auf den Wiener Hochschulen herrschenden Antisemitismus, der sich insbesondere gelegentlich der von Zeit zu Zeit wiederkehrenden Krawalle in wahrhaft „glorreicher" Weise manifestiert, einzuschreiten. Auch die noch in allgemeiner trauriger Erinnerung stehenden letzten Universitätskrawalle, bei denen sich die Wut unserer Hakenkreuzstudenten über die Niederlage ihres geistigen Führers, Rektor Wenzel Qleispach, beim österreichischen Verfassungsgerichtshof gegen unschuldige jüdische Studenten und Studentinnen lebensgefährlich austobte, hatten das Präsidium unserer Gemeinde zu einem solchen Einschreiten gezwungen. Damals waren nämlich an den Säulen vor dem Universitätseingange von hakenkreuzlerischen Studenten Plakate mit der Aufschrift: „Juden ist der Eintritt verboten!" angebracht worden. Nach mehrfachen und sehr eindringlichen Vorstellungen im Polizeipräsidium und einer demzufolge stattgehabten Intervention des Herrn Polizei-Vizepräsidenten beim damaligen Rektor wurde die Entfernung dieser Plakate erwirkt, die bei nationalsozialistischen Versammlungseinladungen angebracht sein mögen, an der Universität des Rechtsstaates Oesterreich, so lange dieser Staat auf diesen Titel Anspruch erhebt, nie und nimmer angebracht werden dürfen. Ein Vorkommnis der jüngsten Tage hat, wie aus dem von Reg.-Rat F u'c h s g e 1 b zum Vortrag gebrachten Einlaufe der an anderer Stelle dieser Nummer besprochenen letzten Sitzung des Wiener Kultusvorstandes zu entnehmen war, das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde neuerlich zu einer Intervention beim derzeitigen Rektor der Wiener Universität, Dr. Maresch, veranlaßt. Es handelt sich um eine auch auf akademischen Boden vorgenommene Ausschrotung des Bombenattentates von Bia-Torbagy in antisemitischer Tendenz, wie sie bis zum Momente der Verhaftung des nachweisbar gut katholischen Herrn Sylvester Matuska in der hakenkreuzlerischen Sudelpresse so beliebt war. (Wir könnten ja in diesem Zusammenhange unserer Unser schärfster Protest richtet sich dagegen, daß derartiges an jener Stätte möglich sein kann, die dazu berufen ist, die höchste Bildung und Kultur zu verbreiten und jene auszubilden, deren Aufgabe es dann im Leben sein soll, als Richter und als Organe der Staatsgewalt unparteiisch eines Amtes zu walten und für die Befolgung der Gesetze des Staates Sorge zu tragen. Wir müssen von den akademischen Behörden mit aller Entschiedenheit fordern, daß diese schandvollen Verunglimpfungen und Pauschalverdächtigungen der Angehörigen des israelitischen Religionsbekenntnisses auf akademischen Boden untersagt und verhindert werden. Demgemäß richten wir an Eure Magnifizenz das höfliche Ersuchen, die sofortige Entfernung der in Rede stehenden Anschläge verfügen zu wollen und die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, die geeignet erscheinen, auch in Hinkunft derartige gesetzwidrige, verhetzende und provozierende Mißbräuche der Anhängekasten an der Alma mater hintanzuhalten. Angesichts der großen und berechtigten Erregung, welche das von uns beanständete Vorkommnis unter der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen hat, und unserer Verantwortlichkeit diesem Bevölkerungskreise gegenüber bitten wir Eure Magnifizenz, uns gefälligst umgehend von dem Veranlaßten in Kenntnis setzen zu wollen. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung zeichnet Für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien: Der Amtsdirektor und Die Vizepräsidenten: Erste Sekretär: Dr. L ö w e n h e r z m. p. Fuchsgelb m. p. Dr. Ornstein m. p. Das Antwortschreiben des Rektors hat folgenden interessanten Wortlaut: Aui das dortige Schreiben vom 1. Oktober 1931, Z. 6419, aus 1931, beehre ich mich mitzuteilen, daß ich Ischias, tthcmna, 6tcM Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-» Schlammpackungen, Moor-, Sehwe~ fei-, Sool-, Flehten-, Koblensänrebader, Diathermie, Heifiluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden tSgüch von 8—8 Uhr HellanarfoM ..*l»«ra»i«m" L, Franz Josefakai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer ^iTnnmmuiHBiaimmiiHiinimiiHiiwiPiH B vAnuraMP ■ VORNCffllE RÜHMEN-PENSION tlflFBfiOB.HaflnhBB | täglich 5-Uhr-Tee SEMMEMN6 TELEPHON 11 Hochstraße 43 _ neben Hotel Panhans § Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser ܧ in jedem Zimmer. B Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer r^sysssijp1 Sffl2fe mBi^A § bereits vor Empfang Ihres Brieies aus Professorenkreisen auf den von Ihnen beanständeten, in einem Kasten eines studentischen Vereines ausgehängten Anschlag aufmerksam gemacht worden bin. Es erübrigte sich jedoch ein amtliches Einschreiten meinerseits, da der gegenständliche Anschlag, wie hieramts erhoben wurde, bereits in den Mittagsstunden des 1. Oktober in dem betreifenden Anschlagkasten nicht mehr vorhanden war. Es bedari wohl keiner besonderen Erwähnung, daß ich Anschläge, die unberechtigte Angriffe — gleichgültig, von welcher Seite und gegen wen immer — enthalten, unter keinen Umständen dulden werde. Leider bringt es die Heftigkeit des politischen Kampfes, der sich ja seit jeher in der studentischen Jugend besonders schart auswirkt, mit sich, daß die Gegensätze innerhalb der studentischen Gruppen in mitunter autreizenden Anschlägen ihren Ausdruck finden. Ich habe daher die Absicht, den Vertretern aller studentischen Gruppen nahezulegen, sich in ihren Anschlägen aller unziemlichen Angriffe zu enthalten und durchwegs die durch die Würde des akademischen Bodens gebotene Mäßigung zu beobachten. Mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung R. Maresch m. p., dzt Rektor der Universität Wien. Aus diesem Briefe kann mit besonderer Befriedigung festgestellt werden, daß der neue Rektor nicht gewillt ist, die groben Unzukömmlichkeiten auf akademischem Boden weiterhin zu dulden. Hoffentlich hält er Wort und wird das neue Studienjahr ein anderes Gesicht tragen wie seine Vorläufer, nicht jene scheußliche Fratze, die die Herren vom „K u 11 u r a m t" (wer lacht da nicht?) gleich zu „Studien"-Beginn gezeigt haben. Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei der Stadtischen Versicherungsanstalt Schadenfreude über die unerhörte Blamage dieser Hetzer, die schon mit felsenfester Gewißheit „die Juden" als die einzig Schuldigen an dem ruchlosen Attentate hingestellt hatten, Ausdruck geben, die Abscheulichkeit dieses Verbrechens, dem übrigens auch ein Jude zum Opfer gefallen ist und bei dem zwei weitere Juden schwer verletzt wurden, zwingt jedoch anständig Denkende zum Schweigen.) Der Briefwechsel der Kultusgemeinde mit dem Herrn Rektor ist so interessant, daß wir diese beiden Briefe im nachstehenden wörtlich wiedergeben. Das Schreiben des Kultusvorstandes vom 1. Oktober an Dr. Maresch lautet wie folgt: Eure Magnifizenz! Bedauerlicherweise ergibt sich für den Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, als der gesetzlichen Repräsentanz der Wiener Judenschaft, schon am ersten Tage der Amtswirksamkeit Eurer Magnifizenz Veranlassung, gegen Vorgänge an der Wiener Universität, dieser höchsten, und aus den Mitteln aller Bürger unseres Staates, ohne Rücksicht auf ihre konfessionelle Zugehörigkeit erhaltenen Bildungsstätte, Beschwerde zu führen. In gewissenloser und kulturwidrigster Weise wurde der Anschlagskasten des „Kulturamtes der Deutschen Studentenschaft", der sich neben dem Eingange zur Quästur in der Aula der Wiener Universität befindet, dazu benützt, um in einer den Gesetzen und Rechten hohnsprechenden Weise die Angehörigen des israelitischen Religionsbekenntnisses aufs allergröbste zu verleumden und gegen sie eine maßlose Hetze zu inszenieren. Das unheilvolle und verdammenswerte Attentat auf den Eisenbahnzug bei Torbagy, über welches Untersuchungen durch alle in Betracht kommenden Behörden noch in vollem Gange sind, ohne bisher zu irgend einem greifbaren Resultate geführt zu haben, wird von den ahnungsvollen Mitgliedern des „Kulturbundes der deutschen Studentenschaft" dazu mißbraucht, die widersinnigsten Verleumdungen und Pauscbalverdächtigungen gegenüber der Judenschaft vom Stapel zu lassen, indem vorweg behauptet wird, die Attentäter seien Juden, die nur deshalb den Anschlag für den jüdischen Neujahrstag vorbereitet hätten, um ihre Glaubensgenossen, die an diesem Tage nicht reisen, vor Schaden zu bewahren. Das wahre Gesicht des National' Sozialismus. Zwei Urteile, zwei Verurteilungen. Vor einiger Zeit schrieb Kurt M ü n z e r fn der „NeuenFreienPresse": Die S. A.-Partei, das Hakenkreuzlerheer, besteht aus jungen Menschen. Aus jenen, für die d e r Krieg eine blasse J ugenderinn e r ung ist — ihre Ueberbetonung ist konstruiert, nicht ursprünglich —, für die eine Vorkriegszeit praktisch überhaupt nicht besteht. Sie wissen nur, sie leben in einer Epoche der Not, der Unfreiheit und Bedrückung, ja der Aussichtslosigkeit. Ob sie von sich aus nach den Gründen dafür fragen würden? Kaum. Jugend ist zu gegenwartsträchtig, um den Ursachen nachzugehen. Sie hat die schönste Form der Gedankenlosigkeit: einfach leben, den augenblicklichen Zustand mit allen Sinnen erleben, weiter ins Kommende planen, auch sorgen, aber nicht rückwärtsgewandt die Zeit mit Analyse verbrauchen. Wir stehen hier! Wir wollen wissen, wohin?, aber nicht woher! Der Sündenbock. Hier begannen nun die Führer zu reden. ,J) i e Juden tragen die Schuld an eurer Not!" Auf die allereinfachste Formel gebracht, ist das der Sinn aller Argumente gegen das Heute. Das Hakenkreuz — daran sollen die Juden geschlagen werden. Unter diesem Zeichen stehen und reden die Führer, dieses Zeichen trägt man den Regimentern, Sturmtrupps, Demonstrationen voran. Kann man primitiver verführen? Aber der Nationalsozialismus ist ja fundamentiert auf den Unmündigen im Geist, den Armen im Geist, denen ohne Geist. Was der Mensch scheut, ist Kopfarbeit Wer einem das Denken im Leben erspart, hat den größten Mitlauf. Warum zieht der Kommunismus nicht so stürmisch an wie der Nazismus? Der Kommunist muß Bücher lesen und Wirtschaftslehren studieren, muß Kurse mitmachen, seine Weltanschauung theoretisch untermauern, eines der schwierigsten Werke der Welt — Marx — muß seine Bibel werden, er muß im Buchwerk Lenins bvachlagen sein. Der König des Dritten Reichesdagegenverlangtvonseinem Volk nichts weiter als — Gefolgschaft. Esdarfbiind, unwissend, kindlich bleiben, es muß nur Stimme haben, muß mitriifen. niederschreienkönnen. Nichts wird von ihm verlangt als das Papageienwissen einiger Vokabeln, einiger Phrasen. Im Dritten Reich dürfen sie alle wie die Kinder bleiben. Das Hftlertum hat also mit Glück auf die geistige Trägheit der Menschheit spekuliert — gleichzeitig mit auf den Drang, aufatmen zu können. Alle schmachten, es ist keine Frage. Wirtschaftlicher Druck. Auch persönliche Unfreiheit. Man schmachtet unier der erzwungenen Untätigkeit. Unter der Aussichtslosigkeit der Lage. Und Hitler gibt ihnen zu tun. Sie dürfen sogar dreinschlagen! Er verspricht die Schlacht, den Krieg, das Blut. Auf den Wahtplakaten sieht man das Banner des Hakenkreuzes flattern über den Buben, die mit Morgensternen — o herrlicher Dreißigjähriger Krieg! — drauflosschlagen, totschlagen. Juden, Welsche, Pfaffen, nochmals Juden, sie krümmen sich unter Fäusten und Knüppeln, sie verrecken, ihre Köpfe rollen, und aufsteigt aus dem Blutbad die gereinigte deutsche Sonne, der neue deutsche

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