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Die Wahrheit · 1931-10-16 · Heft 42 (16.10.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 42 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEI1 „Es sab vielleicht noch niemals eine Zeit der innerlichen Leere, wie jetzt Die gesamte Energie der letzten Jahre wurde für den Aufbau Palästinas verwendet, während man gleichzeitig die innere Kulturarbeit vernachlässigt hat*4 „Man merkt keinen Nachwuchs, weder auf dem Gebiete der Religion, noch auf dem Gebiete von Literatur und Wissenschaft.1* „Das schöpferische Judentum geht verloren.** „Alte Geistesinstitutionen sind zerstört, neue wurden nicht geschaffen." Diese wenigen wörtlichen Zitate aus einer großangelegten Rede des Dichters anläßlich der „Tarbut-Konferenz" in Warschau genügten schon allein, um über jeden Führer oder jede führende Partei, die es bis zu einem derartigen Stande der Dinge kommen ließ, den Stab zu brechen. Denn, sagen wir es hier noch einmal und mit aller nur möglichen Eindringlichkeit: wenn der Zionismus tatsächlich die geschichtliche Mission des Judentums fortzusetzen berufen gewesen wäre, wenn er wirklich als der rote Faden in der historischen Entwicklung des neuzeitlichen Judentums anzusehen gewesen wäre, er hätte uns heute ein anderes Gesamtbild des jüdischen Volkstums darbieten müssen, als es leider der Fall ist Nun könnte man ja einwenden, daß dieser Verfall eine Folge sich geltend machender starker Gegenkräfte des Zionismus sei, denen er einfach im Kampfe unterlegen wäre. Insbesondere' ist von zionistischer Seite das Argument zu erwarten, daß die feindlichen assimilatorischen Kräfte im Judentum, daß die „bösen Assimilanten" das schlimme Hindernis in der angebahnten zionistischen Entwicklung bilden. Aber auch auf diesen hypothetischen Einwurf hat der Zionist dem Zionisten die Antwort erteilt. Denn Bialik scheut sich nicht, in anerkennenswerter Kühnheit, seinen Freunden folgenden kardinalen Satz entgegenzuschleudern: „Merkwürdig ist, daß die geistige Ausrottun.gHandinHandgehtmitden Rufen nach Auflebung im volkstümlichen Sinne, Sozialismus, Nationalismus und Zionismus. Es assimiliert sich der Zionist, der Jiddischist." Abgesehen davon, daß in den Bemerkungen Bialiks über das Wesen der Assimilation sich ein gewisser Mangel an logischer Verknüpfung bemerkbar macht, wird mit dieser Behauptung jedenfalls zugegeben, daß der Zionismus ebenso dem in gewissen Grenzen naturnotwendigen Prozeß der Assimilation unterliegt, wie jede Pflanze und jedes Tier, wie jeder Mensch, der mit anderen Menschen unter besonderen Lebensbedingungen sein Dasein verbringt. Im übrigen bekennt sich Bialik durchaus nicht zur Gegnerschaft gegen die sogenannte Assimilation. Im Gegenteil. Er spricht sogar von der ..großen, schöpferischen Assimilation", die er als eine, und nicht die unbedeutendste Seite der allgemeinen, welthistorischen Mission des Judentums aufgefaßt wissen will und deren Grenzen er — unserer Meinung nach jedenfalls zu weit — sogar über den Akt der Taufe hinaus ausgedehnt, noch immer zu verstehen, ja zu billigen vermag. Jeder vorurteilslose Denker wird ferner zugeben müssen, daß gerade die sogenannte Assimilation im Gegensatze zu den Zionisten, die ja das Idol des Nationalismus ihr eigen nannten, eben weil sie jenes Idol nicht anbetete, auf die Wahrung der alten, traditionellen Werte des Judentums, auf Religion und Gottesdienst, auf Erhaltung von Ritus und Kultus mehr bedacht sein mußten und es auch waren. Daß aber Bialik gerade diese Werte für den letzten Maßstab der Jüdischkeit hält, darüber läßt er keinen Zweifel. Daß in den tschechoslowakischen Gemeinden, trotz der zionistischen Hochburg in Prag, „65 Prozent der jüdischen Ehen Mischehen sind und 70 Prozent der jüdischen Knaben nicht beschnitten werden", das erscheint ihm als das eigentliche „Symbol des Unterganges". Und er verschweigt auch nicht, wer die Hauptschuld an diesem Zustand trägt „Wir haben", bekennt er, ^Palästina als ein Zentrum mit einem schöpferischen Umfange angesehen, welches die jüdische schöpferische Arbeit in der ganzen Welt stärken wird, aber die Führer haben die ganze geistige Arbeit vernachlässigt und darum muß man sie vor Gericht laden." Man sieht, der Zionismus ist an jenen Punkt der Entwicklung gelangt, da die Bürger daran gehen, ihren Regierungen den Prozeß zu machen. Dennoch scheint dieser katastrophale Zustand, dieser eklatante Zusammenbruch die Mentalität der Zionisten, ihre gewohnte Praxis, die Unentwegtheit ihrer Parteiführer und Parteigenossen nicht im geringsten erschüttert zu haben. Denn nach wie vor wird „große Politik" getrieben, nach wie vor-wird die erlösende und ■^■^■■^■■■■■■■■^■■^^■■■■■■■■B GROSSE HERBST TEPPICnSCIlAl zu billigsten Preisen ECHTE BÄNY AI-KNÜPFER österr. Erzeugnis Teppichha js S. Schein A.-8 Nur I., Bauernmarkt Nr. 12—14 □■F- K>ine Filialen -»C alleinseligmachende Kraft des Zionismus angepriesen und jeder Andersdenkende mit dem Odium eines Verräters an seinem Volke bedacht, obwohl ja diejenigen, die den wahren Weg jüdischer Entwicklung nicht erraten haben, ganz anderswo zu suchen wären. Nach wie vor wird in Landespolitik gemacht, nach wie vor wird um die letzten Stätten des jüdischen Kultus und Ritus gebuhlt, wird die Umwandlung unserer Kultusgemeinden in „Volksgemeinden" gefordert, wohl im „volkstümlichen Sinne einer Auflebung", von der Bialik nicht mehr und nicht weniger zu sagen wußte, als daß sie mit der „geistigen Ausrottung" Hand in Hand ginge. — Wenn es nun, nach dem trostlosen Debakel innerhalb der zionistischen Partei, doch noch jemanden gegeben haben mag, der die hervorgerufene Situation nicht völlig und klar erfaßt hätte, so kann nach diesen Konfessionen aus dem. zionistischen Lager selbst, kein Zweifel mehr bestehen: Der begangene Weg war falsch! Ein neuer Weg muß beschritten werden, neue Wegweiser müssen und werden daher kommen! Jenen aber, die im Wahne ihrer Ideologie oder im hartnäckigen Verharren bei einmal erworbener Parteimacht sich noch immer erkühnen wollen, Forderungen zu stellen oder gar die Rolle von Führern zu agieren, ihnen muß ein energisches „Nicht weiter!" zugerufen werden. Sie müssen immer wieder auf die Kritik des großen Dichters und wahrheitsliebenden Zionisten verwiesen werden, der ihnen ein eindeutiges Urteil gesprochen hat. Es ist keine Schande, einen Kampf zu verlieren, aber als Besiegter mit der Miene eines Siegers einherzugehen ist lächerlich und —^ verhängnisvoll. J. S. tfeuilteton Die Lehre. Aus dem in Kürze erscheinenden Buch: Glück und Elend des Generals Boulanger von Dr. Bruno Weil geben wir im folgenden mit Erlaubnis des Verlages Dr. Walther Rothschild in Berlin einen kurzen Abschnitt wieder. Nachdem der Verfasser im Vorjahr in seinem Aufsehen erregenden, in zahlreichen Auflagen erschienenen Buch: DerProzeß des Hauptmanns Dreyfus diese Affäre spannend und packend geschildert hat, behandelt der neue Band den General Boulanger, der im Frankreich der Achtzigerjahre die Verkörperung des Revanchekrieges darstellte. Auch hier gibt Weil neben der romantischen Liebesgeschichte des Generals unter Benutzung der deutschen diplomatischen Akten ein abschließendes Bild der deutsch-französischen Politik dieser Zeit, vom Eingreifen Bismarcks, der Haltung des alten Kaisers und auf der anderen Seite der Frage: Wer hat den Krieg gewollt? Die Darstellung des Boulangismus ist wie für den heutigen Tag geschrieben; fast alle Fragen, die das politische Deutschland von heute bewegen, haben sich mit umgekehrten Vorzeichen damals in Frankreich abgespielt Georges Ernest Maria Boulanger, Reitergeneral, Kriegsminister, Abgeordneter, Märtyrer des Staatsgerichtshofes, Parteiführer und grandioser Liebhaber — wie wenig Erinnerungen sind an Dich geblieben! Hat sich das impulse, immer zur Anbetung bereite, aber in der lateinischen Klarheit doch letzten Endes kritische Volk der Franzosen der ungeheuren Wallungen für Dich ein ganz klein wenig geschämt? Und es nicht wahr haben wollen, daß ein Federbusch es zur Raserei, ein blonder Bart in einem alltäglichen Gesicht es fast um den Verstand gebracht hatte? Wie so mancher stürmisch Liebende kaum mehr begreifen kann, ist der Rausch der Zärtlichkeit verflogen, daß diese, gerade diese Frau seine Leidenschaft so sehr entfesselt hatte. Und wenn wir oder die nach uns kommen, am Ende der bewegten Epoche, die seit fast zwanzig Jahren die Menschheit in Angst und Schrecken hält, stehen werden, wenn noch ein paar Jahrzehnte ihre Tropfen ins Meer der Ewigkeit haben fallen lassen, was wird ann in den Geschichtsbüchern von Boulanger zu lesen sein? Mit drei Zeilen wird daran erinnert werden, daß es einmal einen Kriegsminister dieses Namens gab, der einen wunderschönen Rappen Tunis ritt, dem das Volk zujubelte und der, fern der Heimat, starb. Oder nein — wird nicht vielmehr im Gedächtnis der Nachfahren aus diesem Leben nur die große, alles überragende Liebe übrigbleiben, und Großmutter wird ihren Enkelkindern wie von Tristan und Isolde, von Romeo und Julia, so auch von Georges und Marguerite erzählen? Aber, wenn auch das Bild des Mannes nach und nach verblaßt ist, so bleiben doch einige Dinge als Schlußfolgerung aus der Bewegung, die seinen Namen trug, übrig, die festgehalten werden müssen. Zunächst dies: Die französische Republik hat sich erst fünf Jahre nach ihrer tatsächlichen Konstituierung ihre Verfassung gegeben. Der Anschlag, den die Royalisteu unter Mac Mahon zwei Jahre darauf auf sie unternommen haben, ist abgeschlagen worden. Aber bis zur Bewegung des Boulangismus blieb die Gefahr immer noch groß, daß — sei es auf dem Wege über den Stimmzettel oder mit Gewalt, legal oder illegal — die Republik gestürzt und die Monarchie an ihre Stelle gesetzt werden könne. Mit dem Fall Boulangers ist die monarchistische Bewegung in Frankreich zu Tode getroffen worden. Seit dieser Zeit ist die königliche Linie der Orleans und die, kaiserliche der Bonapartes zur Einflußlosigkeit verurteilt. Ein Versuch zur Wiederherstellung der Monarchie ist nicht einmal auch nur ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Und wenn auch heute noch in irgend welchen abgelegenen Tälern oder auf einsamen Gebirgsrücken oder selbst in der politisch leicht erregbare» Hauptstadt Paris eine geringe Anzahl Menschen in der Erinnerung an das Könighaus oder an die Taten des großen Korsen lebt, ja selbst, wenn bei einer festlichen Vermählung das immer noch verbannte Haus Orleans alle Getreuen zur weiten Fahrt nach Palermo aufbietet, und wenn dem Ruf eine Anzahl traditionserfüllter, mit der Republik noch nicht versöhnter Monarchisten folgt: Politisch ist das ohne jede Bedeutung. Die Republik steht in Frankreich fester als je. Das Beispiel der Boulange hat sich weiter dahin ausgewirkt, daß seit dieser Zeit niemals wieder ein Versuch unternommen worden ist. die Verfassung mit Gewalt zu stürzen. Kein Anwärter auf die Diktatur ist in Erscheinung getreten. Der Gedanke eirter gewaltsamen Aenderung der Verfassung ist nicht einmal im Kriege, als die Kanonen das große Wort zu sprechen hatten, aufgeworfen worden. Die Zivilgewalt hat ihre unbedingte Vorherrschaft gegenüber den militärischen Instanzen immer und überall durchzusetzen gewußt. Die großen militärischen Entscheidungen sind von den Militärs herbeigeführt worden, aber die gesamte Masc nerie des Heeres wurde nie Selbstzweck, blieb ein Teil, wenn auch einer der wichtigsten im Getriebe der politischen Entscheidungen, die die Zivilgewalt mit eisernem Willen in ihren Händen hielt. Ohne daß, wie das Exempel gelehrt hat, die Kriegführung darunter zu leiden brauchte. Boulanger war der letzte General, der eine Diktatur hätte aufrichten können. Selbst er hat es zum Schluß nicht gewagt. Mit ihm sind alle Diktaturpläne zu Ende gewesen. Und noch in einem dritten Sinne hat die Affäre Boulanger Heilung und Aufklärung gebracht: Die Franzosen sind durch sie vor weiterem Mißbrauch des Begriffes des Nationalen behütet worden. Die Boulangerpartei war in der Sprache ihrer Anhänger „die nationale". Sie versuchte sich einen Vorsprung dadurch zu verschaffen, daß sie die andern Parteien als nicht oder ungenügend national bezeichnete. Sie bildete oder suchte zu bilden Frankreichs nationale Opposition. Das hätte um so eher gelingen können, als die Erinnerung an die Niederlage von 1870 und 1871 noch so lebendig war, daß der Appell an die nationalen Instinkte allzu leicht Widerhall im französischen Volke fand. Obschon also die Bewegung sich auf einem Hintergrund abhob, der einem revolutionären General leichten Erfolg versprach, und obschon in der Person des Generals Boulanger ein Mann gefunden war, der für einen großen Teil der französischen Nation das angebetete Idol, den Helden, den Führer, den unbestrittenen Chef darstellte, hat die Bewegung die Spaltung des Volkes in einen nationalen und in einen nichtnationalen Teil nicht erreichen können. Woher der Mißerfolg? War es, weil in romanischen Ländern sich die Volksleidenschaft von Zeit zu Zeit wie der Krater öffnet und glühende Lava auswirft, deren Feuerschein selbst die dunkle Nacht mit Glanz erfüllt, die aber im Weiterströmen alles, was im Bannkreis des Kraters liegt, zerstört und vernichtet? Daß also die Popularität schon nach kurzer Zeit demjenigen zum Verderben gereichen muß, dem das Volk so heiß entgegenjubelt? Mag sein. Volksgunst ist wetterwendisch. Aber entscheidend ist ein anderes gewesen: Kritik, Unzufriedenheit, Verneinung des Bestehenden, Kampf gegen die jeweilige Staatsordnung» und die Machthaber sind ungemein mächtige Triebfedern im Organismus des staatlichen Lebens, insbesondere der Demokratie. Vom Besitz der Macht zu ihrem Mißbrauch ist ein kurzer Weg. Und ewig mißtrauisch wacht darum das Volksbewußtsein, ob die Macht, die den Regierenden anvertraut ist, gerecht verwaltet wird. Aber niemals noch ist es gelungen, die Vereinigung als solche und allein zur erfolgreichen Grundlage einer großen politischen Aktion und einer dauernden Parteigründung zu machen. Das Negativ hat zur Bindung großer Schichten der Volksgenossen aneinander niemals ausgereicht, i- (Schluß folgt.)

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