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Die Wahrheit · 1931-10-16 · Heft 42 (16.10.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 42 (16.10.1931)
Date
1931-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 50 Groschen 7''. - . ' ■■*#■'- Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Jaden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 16. Oktober 1931 Nummer 42 Bialik und Gandhi. Im Verlaufe der vergangenen Woche sind zwei Nachrichten zu uns gelangt, die geeignet erscheinen, allgemeines Aufsehen zu erregen, für uns Juden aber geradezu den Charakter von Botschaften tragen. Zwei Männer, die auch nicht in entferntester Beziehung zueinander stehen, deren Ansichten jedoch nach ihrem geistigen Rang und ihrer Stellung in der Welt von weittragendster Bedeutung sind, haben das Wort zur Judenfrage ergriffen und Meinungen geäußert, die jeden bewußt lebenden Juden zu einer Stellungnahme zwingen, die Vornahme einer Revision seiner politischen und geistigen Anschauungen fast unumgänglich erscheinen lassen. Daß jener Teil der jüdischen Presse, der sich durch diese Aeußerungen bis ins innerste Mark getroffen fühlen sollte, da durch sie der Kern ihrer nationalistischen Politik und Weltanschauung angegriffen und in Frage gestellt wird, daß jene Presse sich damit begnügt hat, gewichtige Mitteilungen solcher Art ohne bemerkenswerten Kommentar abzudrucken, oder gar, mit wesentlichen Entstellungen, in einer verschämten Ecke ihres Organes unterzubringen, das alles beweist nur, daß sie das aufgeworfene Problem in seiner ganzen Tragweite zu erfassen vielleicht gar nicht imstande ist, sich über die Konsequenzen, die aus ihm folgen, kein klares Bild zu machen vermag, wenn nicht gar angenommen werden soll, daß hier einfach Vogel-Strauß-Politik getrieben wird und man nicht die gehörige Courage aufbringt, der Wahrheit offen ins Gesicht zu schauen. Folgendes aber hat sich abgespielt. Chaim Nachman Bialik, der größte hebräische Lyriker der Gegenwart, der dichterische Heros der zionistischen Bewegung und ihr literarischer Repräsentant, und Mahatma Gandhi, der geistige Führer Indiens und dessen politischer Vertreter vor dem noch immer mächtigen britischen Imperium, der es verstanden hat, seine geniale Passivität zu einer drohenden Waffe umzugestalten, diese beiden Männer haben die Stimmen erhoben und Ansichten geäußert, denen füglich die Schwerkraft von Urteilen zuerkannt werden muß. Beider Urteile aber sind in ihren wichtigsten Schlußfolgerungen Verurteilungen. Verurteilungen jener Bewegung, die sich seinerzeit als die Renaissance-Bewegung des Judentums etabliert hatte, als die Bewegung der Wiedergeburt des jüdischen Volkes und deren trauriges Fazit heute, nach weit mehr als drei Dezennien geräuschvollster Bemühungen, von einem ihrer vornehmsten Vertreter selbst als „katastrophal" bezeichnet wird. — In konsequentem Verfolg seiner erprobten und bewährten indischen Mentalität der Waffenlosigkeit spricht sich Gandhi gegen die Wiederbesetzung Palästinas durch die Juden aus, insoferne dieselbe mit der „Hilfe englischer oder jüdischer Bajonette" erfolgen soll. Dennoch versteht er die Sehnsucht der Juden nach Rückkehr in das Land ihrer Väter. Hingegen findet er Worte eines geradezu dichterischen und religiösen Schwunges für jenes Bestreben innerhalb der Judenheit, das er als den „wirklichen Zionismus" bezeichnet. „Der wirkliche Zionismus", so ruft er aus, „der in den Herzen der Juden ruht, ist ein Ziel, nach welchem man streben und für das man sein Leben hingeben soll. Ein solcher Zionismus ist die Wohnung Gottes. Das wirkliche Jerusalem ist ein geistiges Jerusalem. Und diesen geistigen Zionismus kann der Jude in jedem Teile der Welt verwirklichen." Wir glauben an die ehrliche Ueberzeugung in diesen Worten Gandhis und sind freudig erstaunt über diese tiefe Auffassung jüdischer Berufung, die vollkommen mit jener unserer besten Köpfe und jüdischesten Herzen übereinstimmt Denn was anderes besagen diese Worte als den Ausdruck unseres alten,, guten messianischen Glaubens und Hoffens, dereinst — mit der Hilfe Gottes — in das Land unserer Väter zurückgeführt zu werden? Dieser Glaube hat jedoch durchaus nicht die Bedeutung eines billigen Kinderglaubens oder eines bequemen Sichabiindens. Er hat vielmehr einen stark realistischen, ja realpolitischen Sinn. Denn wer, der die tatsächlichen Verhältnisse auf unserem Globus kennt und der die alleinige Wirksamkeit realer, politischer Machtverhältnisse begreift, wird im Ernst unserem waffenlosen und zerstreuten Häuflein von 17 Millionen Juden die Rolle eines „politischen Faktors" zuerteilen wollen? Da tun sich zionistische Journalisten patzig, weif sie ihre Zeitung auf „europäisches Format" gebracht haben und nun auch „große Politik" machen können. Aber im Grunde und vom ersten Augenblick seines Eintrittes in die sogenannte politische Arena war das Judentum als „politischer * Faktor" nichts anderes denn eine „Schachfigur" im Königsspiel der Weltpolitik und noch dazu eine recht unbedeutende. Wie sollte es uns, den Waffenlosen und Zerstreuten, denn auch anders ergehen in einer Welt die sich auf Macht aufbaut, auf einfache brutale Gewalt? Daher steckt in unserem Messiasglauben, wie auch in den Ansichten Gandhis, die er als Führer seines Volkes ja schon praktisch betätigt hat ein tief idealistischer, zugleich aber sehr praktisch realer Sinn. Unser Anspruch auf Palästina mag berechtigt sein; erfüllbar und sinnvoll ist er nur, wenn wir ihn „ohne Bajonette" durchsetzen können, das heißt, in vollem Frieden und in Uebereinstimmung mit unserer Umwelt, also in einem Zeitpunkt da das moralische Niveau der Welt uns unser Palästina verbürgt — Während Gandhi so gewissermaßen nur die Ideologie des materialistischen Zionismus angreift I» Nur bei kompi.Küiaer-sid-iiiisra$in^ besiebend ans: l paar gute Eschenau, I Holtfeld. Chromleder -Bindung, 1 Paar Holtfeld - Bäkes ka 1 Paar FnSbleche, l Paar Haselslocke, I Paar Rohr' JV feiler, 1 Paar Lederschlanfen, i Paar Schneebrille»' 1 Spannholz nnd 1 Klotz, alles zusammen S lSkaj>£ Wr arwashseim S 29.BO. Ski-Bruch-VeT Sicherung, Prämie für ein J»hr S 2:80 ^J*. Sport vatter * sä 20 und ihm als idealen Wert den geistigen Zionismus entgegenstellt jene Liebe zu Zion, die wohl jeder Jude ohne Unterschied und ohne Rücksicht auf seine Parteizugehörigkeit teilt gibt Bialik, der Jude und Zionist, eine Ueberschau des gegenwärtigen Standes unseres Volkes in jeder Hinsicht Eine Ueberschau und einen Rechenschaftsbericht dessen Inhalt, ebenso wie der tragische Akzent seiner Wiedergabe jedes jüdische Herz zutiefst erschüttern muß. Für jenen Teil unseres Volkes jedoch, der die Prätention hatte, die Gesamtheit des Judentums repräsentieren zu wollen, und der daher auch einzig und allein für die geschilderte Situation verantwortlich zu machen wäre, für den Zionismus also ist jene Rechenschaft geradezu vernichtend! Denn wenn der Zionismus wirklieb das geistige und materielle Gut des Judentums zu wahren, ja sogar zu regenerieren berufen war, so bleibt ihn angesichts dieser Bilanz von selten eines so glaubhaften Buchhalters aus seinen eigenen Reihen wohl nichts anderes übrig, als seinen endgültigen Bankrott zu erklären! Es erübrigt sich, hier über die materiellen Errungenschaften des Zionismus zu sprechen; man weiß, welche Aussichten die gegenwärtigen Aspirationen auf Palästina haben. Man weiß dies aus der bisherigen Geschichte der englischen Kolonialpolitik, man hörte es aus dem Munde des letzten Führers der Zionisten, des Dr. Weizmann selbst. — Aber der Zionismus hatte den Anspruch erhoben, auch der geistige Regenerator unseres Volkes zu sein. Er brüstete sich damit, die Wiedergeburt unseres Volkes auch in geistiger Hinsicht in die Wege zu leiten, und dies wohl in erster Linie; denn Palästina als „geistiges Zentrum" oder als „trächtige Scholle" sollte ja nur den „unentbehrlichen" Hintergrund für die geistigen und kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten des Judentums abgeben. Wie aber sieht es mit dieser Wiedergeburt in Wirklichkeit aus? Welche Kräfte hat der Zionismus erweckt und zur Entwicklung gebracht? Welche Wirkung hat die zionistische Idee auf das jüdische Volk bis heute ausgeübt und welche Erfolge hat er nach seiner 35jährigen Tätigkeit und Propaganda zu verzeichnen? Laßt uns die Antwort nicht aus dem Munde der Gegner des Zionismus, laßt uns die Wahrheit nicht von den Lippen seiner politischen Widersacher vernehmen, sondern hören wir sie aus dem Munde eines Zionisten selbst, eines der berufensten Zionisten: „Die Lage der jüdischen Kultur ist in letzter Zeit katastrophal." Mitglieder nnd Freunde der „Union" flbertragen Lebensnnd Elementar- __ Vcrsidierunöen der städtischen Verciffierungsanstatt

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