Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-10-09 · Heft 41 (9.10.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 41 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064492--18558-3083601
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groseben Jüdisch e mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Erscheint jeden Freitag Israelitischen Kultusgemeinde Wien Die UUrU Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVII. Jahrgang Wien, 9. Oktober 1931 Nummer 41 Kulturdefizit. Wir geben im folgenden die Festpredigt wieder, die unser geschätzter Mitarbeiter, Landesrabbiner Univ.-Prof. Dr. D. Herzog, am Schmini Azereth im israelitischen Tempel zu Graz gehalten hat Denn diese ausgezeichnete Rede geht wohl über den Rahmen einer Gelegenheitspredigt weit hinaus; sie behandelt — ausgehend von dem Prager Schandurteil gegen den siebenfachen Judenmörder Horak — ein Problem, dem heute die gesamte Kulturmenschheit größte Beachtung schenken sollte« nämlich dem Kulturdefizit, das In dem wüsten Antisemitismus unserer Tage liegt. Dr. Herzog untersucht in vollster Objektivität die Gründe dieses Hasses und findet sie in der gewaltigen Entartung unserer Generation, die er zur Selbstbesinnung aufruft. Möge sein Appell, gehalten in hoher Feierstunde, nicht ungehört verhallen. D. Red. Wir haben in diesen Tagen von einem Urteile gehört, mit welchem ein siebenfacher Raubmörder freigesprochen worden ist. Es ist gleichgültig, welche Gründe diesen Freispruch bewerkstelligt haben. Tatsache ist, daß es möglich war, daß ein überwiesener Raubmörder, der bereits geflüchtet war, um sich den Straffolgen zu entziehen, freigesprochen werden konnte. Das ist mehr als eine Schande, das ist ein Bankrott der Moral, der Sittlichkeit, ein Zusammenbruch dler Kultur. Denn wenn wirklich noch so etwas wie Kultur auf Erden vorhanden wäre, dann hätte trotz der Nöte der Zeit ein Sturm der Entrüstung über die ganze Welt dahinbrausen müssen, um einen solchen Frevel, ein solches Vorgehen zu brandmarken und öffentlich zu geißeln. Man hat vorläufig nichts dergleichen gehört. Allerdings, es handelt sich ja nur um sieben getötete Juden. Auch weiß ich, man wird sagen: da habt ihr es wieder, wenn einem Juden auf den Fuß getreten wird, da erhebt sich die ganze Judenheit einmütig und macht seine Sache zu der ihrigen. Nun, wir wollen nicht leugnen, daß es uns als Juden besonders wehtut, wenn wir sehen, daß Juden wegen ihres Judleseins verfolgt werden, aber wir müssen entschiedenst die Zumutung ablehnen, als ob wir nur darum von dem Falle sprechen, weil er Juden betroffen hat. Wir würden genau so unsere Stimme erhoben haben, wenn es sich um Botokuden oder weiß Gott um Angehörige irgend welcher Rasse gehandelt hätte. Wir glauben diesen Beweis oft genug erbracht zu haben. Also nicht darum, weil es sich um ein an Juden verübtes Verbrechen handelt, erheben wir unsere empörte Stimme, sondern weil unser RechtsgefübJ, ja der Genius der Menschheit in uns verletzt worden ist. Allerdings, um diesen Genius der Menschheit sieht es in unserer Zeit recht schlecht aus. Denn wohin wir auch immer blicken mögen, gewahren wir einen Zerfall, eine Entwertung der Moral, die uns mit banger Sorge für die Zukunft erfüllt. Denn was soll aus einer Menschheit, namentlich einer Jugend werden, die Tag für Tag nichts anderes eingehämmert erhält als Vernichtung des Gesinnungs¬ und Artfremden, der man die Achtung vor der Menschenwürde des nicht Volkszugehörigen immer wieder auszutreiben sucht! Ist es wirklich schon so weit gekommen, daß nationale Gesinnung identisch sein müsse mit Vernichtung aller Außenstehenden? Soll wirklich nationale Gesinnung nur in Haß und Feindseligkeit sich austoben dürfen? Wer so denkt, treibt ein frevles Spiel mit den Instinkten der Menschen. Denn sind diese einmal aus ihrer Bahn gehoben, <l!ann überfluten sie alle Dämme und reißen unterschiedslos alles Bestehende mit sich fort. Es ist unklug, namentlich in politisch und wirtschaftlich bewegten Zeiten, die wilden, tierischen Triebe im Menschen aufzustacheln, weil diese sich dann gar oft auch gegen ihre Erwecker wenden. Die Geschichte beweist es tausendfach, diaß ursprünglich nur gegen Juden gerichtete Gehässigkeiten sich dann später bitter, auch an den Drahtziehern selber rächten, die dann gern eingelenkt hätten. Aber es war zu spar. Denn die entfesselten wilden Triebe lassen sich nicht eher bändigen, bis GUMMlSTRUMPF(auchgummilos)SPEZIALlST Kniekappen Stock v. 2.S0. Wadenstacke von 5.— STRÜMPFE v. 5.50 Qummisocken (Fesselformer) v. 2.50. Watte, Verbandstoffe FACHANSTALT für BANDAGEN aller Art, Leibbinden v. 7.50 SCHLÜPFER von 5.80. Buaenhalter v. 1.20. QUMMlWAREN BRUCHBÄNDER mit u. ohne FEDER v. 3.50 Mieder, Monatsbinden v. 132. Fußstützen (PlattfuSeinlagen) fertig oder nach Qipsabdruck Flanell-Leibbinden u. Katzenfelle v. 3.— ALLE Artikel zur Krankenu. Kinderpflege. HEISSLUFTAPPARATE elektr. Heizkissen v. Wir 8.40. Inhalationsapparate v. 540 Faradisatlons- ■ apparate. Solnxlampen. HÖHENSONNEN, VGrlGlnen elektr.Kocner.OummiwilrBieflaschen v.2.40, ,, . Zimmerklosette v. 40.—, Bidets v. 12.—, alle Kranken- Luftkissen v. 7.5P, Thermometer 1.68, nfWoannaratA Bettkautsctmk, bettlehnen, Krücken, pnegeapparate „zbiiu-'-türschoner etc. BANDAGEN=PIIItOIJISCH WIEN, Taborstr. 22 Telephon R 47-1-85 Bei Vorweisung dieser Annonce 10% Rabatt nicht die Opfer wahllos gefallen sind Und weil wir dies vermeiden wollen, wollen wir heute unsere warnende Stimme erheben und wollen auch, da wir unsere diesjährigen hehren und heiligen Feiertage beschließen, um die Arbeit des Winters zu beginnen, schauen, was wir angesichts dieser traurigen Verhältnisse zu tun haben, um unsere Pflicht zu erfüllen. Leiten soll uns hierbei ein Wort aus dem Gebete Salomos, das er, eh er das Volk aus dem Tempel entlassen hat, gebetet hat: Möchte doch der Ewige unser Gott mit uns sein, wie er es mit unseren Vätern gewesen ist, er verlasse uns nicht und gebe uns nicht auf (1. Kön. 8, 57). * Als denkender Mensch habe ich mir oft genug die Frage vorgelegt, was eigentlich die Gründe sind, daß bei allen Gelegenheiten — in Freude und Not — wir Juden stets von einer Anzahl von Men- 29 "50 Kompl. Shi AQsr aslang Nur bei bestehendaus: 1 Paar gute Eschenski, 1 Huitteld- Chromleder-Bindung, l Paar Huitfeld-Baken, 1 Paar Fußbleche, l Paar Haselstöcke, 1 Paar Rohrteller, 1 Paar Lederscblaufen, I Paar Schneebrillen, ) Spannbolz u. 1 Klotz, inklusive erstklassiger Montage, alles zusammen S 29-50. 9 18'SO Dasselbe fürs Kind Wipplingernfl s'rafle Nr. *V £1 9 18'SO Dasselbe'fürs I Sportvatter sehen mit ihrem Hasse verfolgt werden. Sind wir wirklich so schlecht, wie man uns hinzustellen sucht? Tragen wir wirklich an allen Gebrechen der Menschheit schuld? Sind wir wirklich so bodenlos rachsüchtige Menschen? Nun, ich habe die Juden genau studiert, ich habe mich stets bemüht, in reinster Sachlichkeit uns zu beurteilen, Licht- und Schattenseiten in gewissenhaftester Weise dorthin einzuordnen, wohin sie gehören, aber ich habe trotz sachlichster Prüfung und emsigster Arbeit nicht finden können, daß wir ärger als andere sind. Gewiß, auch in unserer Mitte — wir sind ja nur Menschen und keine Engel — stehen nicht alle auf der höchsten idealen Stufe, auch wir haben leider oft genug Gelegenheit, berechtigte Kritik an manchem von uns zu üben. Aber ich darf ruhig sagen, wir sind! nicht nur nicht ärger, wir sind sogar besser, viel besser als unsere Hasser. Denn wir besitzen Tugenden, die sprichwörtlich geworden sind. Unser Familiensinn, unser Fleiß, unsere Barmherzigkeit, unsere Menschen- und Gerechtigkeitsliebe sind so ausgebildet wie vielleicht bei keinem zweiten Volke der Erde. Mag sein, daß diese Tugenden erst durch die vielen Gehässigkeiten, die man an uns begangen, geschärft worden sind. Aber wir besitzen sie, gleichviel wo und wie wir sie erworben haben. Und wenn man uns materialistische Gesinnung vorwirft, nun so möchte ich nicht untersuchen wollen, ob das, was jetzt in unserem Staate vorgeht, von einer so tiefen Gehässigkeit gegen den Mammonismus zeugen würdef Wir wissen, jeder will und muß leben, und wir gönnen jedem das höchste Maß von Geborgenheit, aber dann erhebe man doch nicht ununterbrochen den Vorwurf der Geldgier gegenüber anderen, wenn man selber nicht frei davon ist. Und der Staat ist doch in Not! Nein, wir sind nicht ärger als unsere Bedränger, wir werden vielmehr nur darum verfolgt, weil wir das wirksamste Objekt einer zügellosen Haß- und Rachsucht sind, da wir als Minderheit nicht die Machtmittel besitzen, uns zur Wehr zu setzen, uns so zur Geltung zu bringen wie große Massen. Ob es nun mutvoll und sittlich zu rechtfertigen ist, daß man seine Macht an Schwächeren übt, das überlasse ich ruhig dem Gewissen derer, die noch nicht das Maß für Gerechtigkeit und Sittlichkeit verloren haben. Uns aber wird all dieser Haß nichts anhaben können, denn wir gehen mit Gott, der uns hierhergesetzt hat, und wir werden den Weg gehen, den uns unsere großen Lehrer vorgezeichnet haben, und unser Wunsch kann nur der sein: Möchte doch der Ewige unser Gott mit uns sein, MHgäieder und freunde der „Union" übertragen lebens- und flementar- Versidierongen der Städüsdien Versitiiernngsanstall_

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.