Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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2j*lte 4 DIE WAHRHEH er die Unmöglichkeit der Erfüllung dieser Forderungen erkannt hat Damit ist der Zionismus zu Ende." „Es ist wahr, der Kongreß hat eine Resolution angenommen, welche ein Gemisch von konventionellen zionistischen Phrasen ist Aber das kann niemanden täuschen. Nationalen Inhalt hatte keine dieser Phrasen. Die Extreme der Nationalidee sind: in Europa „H i 11 e r i s m u s", in Palästina „Jabotinskysmus". Eine Anzahl von Juden hatte solche Ideen angenommen. Es ist ein Zeichen von Gesundung, daß sie diese Idee jetzt verworfen haben." „Die neue erweiterte Jewish Agency ist immer mehr und mehr unabhängig von der Zionistischen Weltorganisationgeworden. Wir sind in eine neue Aera jüdischen Denkens eingetreten. Wir liberale Juden erschrecken nicht vor dem Namen Palästina. Wir werden dort hellen, wie wir den Juden in Rußland, Polen, Rumänien und anderswo helfen. Die jüdische Nationalidee wird aufhören, ein belebendes Ideal oder eine mögliche Theorie zu sein. Israel wird dazukommen, sich als religiöse Gemeinschaft zu betrachten, als Gemeinschaft, welcher das Andenken an Palästina heilig ist, deren historische Bestimmung aber ist, Palästina zu überschatten und in allen Ländern feste Wurzel zu fassen." Der neue antisemitische Terror in Ungarn. Hebräische Grammatik mit Übungsbuch. Von D. Dr. Hermann L. Strack. 14. Auflage neubearbeitet von Alfred Jepsen. C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung München 1930. In der von der Verlagsbuchhandlung C. H. Beck, München, herausgegebenen Sammlung von Grammatiken der semitischen Sprachen clavis linguarum semiticarum erschien seinerzeit die hebräische Grammatik von H. L. Strack als erste. Das Buch, welches sich als ausgezeichnetes Lehrmittel beim Studium der Bibel bewährt hat, hat mehrere Auflagen erlebt, die letzte, 14. Auflage erscheint nach dem Tode des Verfassers in vollständiger Neubearbeitung durch Alfred Jepsen. Eine völlige Neubearbeitung der Grammatik und auch des Uebungsbuches mußte angesichts der Fortschritte, die die semitische und speziell die hebräische Sprachwissenschaft durch die grundlegenden Arbeiten von Brockelmann (Grundriß der vergleichenden Grammatik der semitischen Sprache), Bergsträßer (Einführung in die semitischen Sprachen). Bauer und Leander (Historische Grammatik der hebräischen Sprache des Alten Testaments) und Bauer (Die Tempora im Semitischen) in den letzten Jahren erfahren hat, notwendigerweise erfolgen, wobei dem Herausgeber das Ziel vorschwebte, einerseits die Tradition zu bewahren, das heißt ein Buch zu schaffen, das sowohl dem Anfänger das Eindringen ins Hebräische möglichst erleichtern als auch den Fortgeschrittenen nicht im Stiche lassen sollte, anderseits auch wissenschaftlichen Anforderungen zu genügen. Um beiden Aufgaben gerecht zu werden, ist das Buch so eingerichtet, daß durch den Druck Wichtiges und Unwichtiges unterschieden wird. Die Darstellung der grammatischen Verhältnisse der hebräischen Sprache zeichnet sich durch Klarheit und Vollständigkeit sowie durch wissenschaftlichen Gehalt aus. Ueberall wird das geschichtliche Werden der Sprachformen aufgezeigt und dadurch das Verständnis, aber auch das gedächtnismäßige Behalten der grammatischen Formen gefördert. Wer zum Beispiel weiß, daß der Akzent im Ursemitischen nach Ausweis des Arabischen und des Akkadischen beweglich war, und erfährt, daß im Kananäischen in einer bestimmten Zeitperiode der Wortton auf die letzte Stammsilbe, welche aber, infolge der vokalischen Endungen, damals die vorletzte Wortsilbe war, geworfen wurde, der versteht, wie im Hebräischen nach Abfall der vokalischen Endungen die Akzentverhältnisse sich gestaltet haben. Wer zum Beispiel das Verhältnis der Perfektform niktal zum'Infinitiv hikkatel begreifen will, der muß sich vor Augen führen, daß die eine Form ursprünglich nakatala, die andere hankatel gelautet hat. Besondere Sorgfalt wurde auf die Syntax des Hebräischen verwendet und auch hier wurden zum Teil ganz neue Gesichtspunkte durchgeführt. Ein Muster von Korrektheit und übersichtlicher Darstellung sind die 16 Paradigmentafeln. Das Uebungsbuch ist ein methodisches Hilfsmittel zur Einübung der Grammatik, deren Paragraphe über dem Kopfe der einzelnen Uebungen angegeben sind. Die Uebersetzungsübungen aus dem Deutschen ins Hebräische sind sehr geschickt zusammengestellt, sie dienen zur Befestigung des grammatischen Stoffes. Zum Schlüsse folgt noch ein deutsch-hebräisches und ein hebräischdeutsches Wörterverzeichnis. Trotz sorgfältiger Durchsicht sind doch einzelne Druckfehler, die verwirrend wirken können, stehen geblieben. Das Tonzeichen Metheg muß unter den die Silbe beginnenden Konsonanten gesetzt werden. Alles in allem genommen, ist das Buch ein vorzügliches Lehrmittel, zugleich aber auch ein Denkmal für den verstorbenen Meister der hebräischen Sprachwissenschaft Hermann Strack, dessen Namen auch in jüdischen Kreisen in dankbarer Erinnerung fortleben wird. Dr. H. Redisch. Der Reichstagsabgeordnete Geza Desi hat kürzlich den Ministerpräsidenten Grafen Julius Karolyi aufgesucht und sich mit ihm über einige aktuelle Fragen unterhalten, darunter auch über die Lage der ungarischen Judenheit. Desi betonte dabei, daß er, obzwar der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehörig, ohne jegliche Betrauung und ohne amtlichen Charakter spreche, lediglich als Privatmann und in seiner Eigenschaft als Mitglied der Einheitspartei Er äußerte sich vor dem Ministerpräsidenten über die Gesichtspunkte, von denen sich die ungarische Judenheit in der Vergangenheit hat leiten lassen und denen gemäß sich die jüdische Bevölkerung des Landes als einen integrierenden Bestandteil der ungarischen Nation betrachte, an diesem ungarischen Nationalgefühl unverbrüchlich festhalte und dessen sämtliche Konsequenzen zu tragen stets bereit sei. Desi verhehlte jedoch nicht, daß es in den verflossenen Jahren Symptome gab, von denen die ungarische Judenheit schmerzlich berührt war, und zählte in diesem Zusammenhang die einschlägigen Erscheinungen auf, die in einem Teil der öffentlichen Meinung und im gesellschaftlichen Leben zutage getreten sind. Ministerpräsident Graf Julius Karolyi nahm die Mitteilungen Desis mit lebhaftem Interesse entgegen und betonte in seiner Antwort, daß er sich nie durch einseitige Gesichtspunkte habe leiten lassen. „Wer mich kennt, fuhr Ministerpräsident Graf Karolyi fort, „und mein Wirken im öffentlichen Leben mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, kann wissen, daß ich weder im privaten, noch im gesellschaftlichen Leben, noch auch in der Ausübung der öffentlichen Gewalt, beispielsweise bei Emennungen, Unterschiede zwischen Mensch und Mensch nach Glaubensbekenntnissen gekannt habe, daß mich vielmehr lediglich die Kriterien der Tauglichkeit und der individuellen Eigenschaften bei der Beurteilung und der Vergleichung der Individuen geleitet haben. Ich kenne die Bedeutung der patriotischen ungarischen Judenheit im Leben der Nation, und ich weiß, wie sehr sie in ihren Gefühlen sich mit der ungarischen Nation verschmolzen hat Die Ungarn jüdischer Konfession haben diese Empfindungen nicht nur unter günstigen Umständen im Ungarn der Friedenszeit bekundet, sondern auch in schwierigen Zeiten, als die Berufung auf die Zugehörigkeit zur ungarischen Nation eine schwere Belastung bedeutete und mit einem Risiko verbunden war." Ministerpräsident Graf Julius Karolyi erklärte ferner, daß für die Wiederherstellung des allgemeinen Vertrauens und für die Gewährleistung der öffentlichen Ruhe alles getan werden muß. Von welcher Seite immer, fügte er hinzu, extreme Kundgebungen kommen mögen, die geeignet sein könnten, die nationale Eintracht zu stören, sie werden auf den Widerstand der Regierung stoßen und an diesem Widerstand auch brechen, denn meiner Ansicht nach genügt es nicht, den nationalen Zusammenschluß als eine tönende Phrase zu verkünden, sondern dieser Zusammenschlul muß auch durch Taten dokumentiert und ihm in unserem ganzen nationalen Leben Geltung verschafft werden. Weder vom wirtschaftlichen, noch vom kulturellen oder vom sozialen Standpunkt kann es begründet sein, dal konfessionelle Gesichtspunkte den nationalen Zusammenschluß und die einträchtige Kräfteentfaltung gefährden. Eben deshalb betrachtet die Regierung derartige Tendenzen als im Gegensatz zu ihrem Programm stehend, und wenn solche auftauchen sollten, so wird die Regierung deren Geltendmachung verhindern. Die Hintergründe der Erklärung des - Ministerpräsidenten. Die Intervention Geza Desis, des einzigen jüdischen Abgeordneten der regierungstreuen Einheitspartei, beim Ministerpräsidenten Graf Julius Karolyi und die Erklärung des Ministerpräsidenten haben Hintergründe, die in der obigen halboffiziösen Mitteilung nur angedeutet werden. In den letzten Monaten war im Zusammenhang mit der zunehmenden Wirtschaftskrise auch in Ungarn die antisemitische Propaganda neu aufgelebt, ungeachtet dessen, daß der jüdische Mittelstand in Ungarn unter der Wirtschaftskrise am meisten zu leiden hat und verarmt ist. Diese Propaganda wuchs in den allerletzten Wochen zu einem Terror an, unter dem die jüdische Bevölkerung sehr zu leiden hat. Nach dem Bombenattentat gegen den internationalen Schnellzug Budapest—Ostende bei Bia-Torbagy in der Nacht vom 12. zum 13. September, der ersten Rosch Haschanah-Nacht, nahm der antisemitische Terror gefährliche Formen an. Agitatoren hetzten die Massen gegen die Juden auf, indem sie erklärten, daß jüdische Kommunisten das Attentat verübten, dabei aber ihre jüdische Solidarität dadurch bekundeten, daß sie sich die Zeit der jüdischen Feiertage, an welchen Juden keine Eisenbahnfahrten unternehmen, für das Attentat ausgesucht haben. Dabei ist zu bemerken, daß unter den 22 durch das Zugattentat getöteten Personen auch ein Jude sich befindet. Die antisemitische Propaganda und die von erwachenden Ungarn immer wieder gegen die Juden ausgestoßenen Drohungen, erzeugten bei der jüdischen Bevölkerung eine starke Nervosität. Am Abend und am Morgen des jüdischen Versöhnungsfestes wurden größere Polizeiposten zur Bewachung der Synagogen aufgeboten, da Gerüchte im Umlauf waren, wonach Antisemiten Bombenattentate gegen Synagogen vorbereiten. Die Regierung zeigt sich bemüht, die jüdische Bevölkerung gegen jede Art von Anschlägen zu schützen, der seit dem Zugattentat herrschende Ausnahmezustand gibt den Organen der Regierung: die Handhabe, geplante antisemitische Demonstrationen, die leicht zu Angriffen auf Juden führen könnten, zu verhindern. Die Judenfrage an den amerikanischen Hochschulen. Eine ungemein wertvolle umfangreiche soziologische Studie über die Judenfrage an den amerikanischen Hochschulen veröffentlicht in „Harpers Magazine" Harald A. W o o d r u f f, der auf eine 25jährige Lehr- und Verwaltungstätigkeit an verschiedenen Universitäten des Mittelwestens zurückblickt. Der christliche Verfasser schildert den allgemeinen amerikanischen Antisemitismus, von dem der akademische nur ein Teil sei, fast noch düsterer als Ludwig Lewisohn in seinen bekannten Büchern („Gegen den Strom" usw.). Man könne heute kaum eine Zeitung durchsehen, ohne irgend etwas über jüdische Benachteiligungen zu finden: hier versuche ein Krankenhaus, seine jüdischen Aerzte loszuwerden, dort weigere sich eine Universität, jüdische Studenten aufzunehmen; hier veranstalte wieder einmal ein Seebad einen großen „Drive" gegen die Juden, dort rechtfertige ein Grundstücksmakler seine überhöhten Preise damit, daß — „keine Juden in der Gegend" wohnten! Die akademische J udenf rage habe sich erst nach dem Kriege zugespitzt, als (ähnlich wie in Deutschland) ein unerklärlicher allgemeiner Andrang zu den Hochschulen einsetzte. Genötigt, diesen Zustrom irgendwie einzudämmen, habe man REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSE Nr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRBIKA UND JUDAIKA 1d englischer und französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.— KEINE BAND GEBÜHR I TÄGLICHER UMTAUSCHl im Lande der .„Freiheit und Gleichheit" die Juden auszuschließen begönne n, — allerdings fast niemals offen, sondern unter eigens hierzu erklügelten Vorwänden. Aber bei der Zähigkeit der Juden und ihrer Hochwertung des Wissens sei ihr Andrang um so hartnäckiger geworden, je mehr Schwierigkeiten man ihnen in den Weg legte. Oft ließen sie sich auch taufen oder änderten zum mindesten ihre Namen, um aufgenommen zu werden! Den wahren Grund des besonderen Hochschulantisemitismus erblickt Woodruff vor allem in der Gegensätzlichkeit derRassen, während der religiöse Unterschied nur bei dem relativ kleinen orthodoxen Teil der Juderi~ernstere Schwierigkeiten mache. Die amerikanischen Studenten seien von einem fanatischen Drang zur Gleichmacherei, zur Uniformität, beherrscht; wer sich nicht genau wie die anderen benehme, errege allgemeines Aergernis. Nun machten sich die Juden bei ihnen unbeliebt, einerseits durch ihre Geringschätzung der Geselligkeit und vor allem ihre VernachlässigungdesSports, anderseits durch außerordentlichen Fleiß im Lernen. Dem Lehrkörper und der Verwaltung wiederum fielen vor allem ihr überaus enger Zusammenhang mit der Familie auf die Nerven, welche die erwachsenen Söhne auch noch auf der Universität (die in Amerika meistens ein Internat ist) stark „bemutterte". Hinzu komme vor allem noch das stärkere und' weniger verhüllte Gefühlsleben der Juden und ihr überaus starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das zum Beispiel bei Abstimmungen Juden oft blindlings für die Aufnahme anderer Juden eintreten ließ, und der oft ungeheure jüdische Stolz auf die eigene Rasse und Traditio n. Wenn die Juden durch den starken tatsächlich vorhandenen Antisemitismus und das verletzende Benehmen ihrer Kommilitonen in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl und ihrem Mißtrauen noch bestärkt würden, so lasse sie anderseits ihr