Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite Sie die Krawalle dirigierte, aber er hat natürlich nichts gesehen und noch weniger etwas getan. Das gleiche gilt von dem Stahlhelmingenieur Brandt, dem Führer des Charlottenburger Jung-Stahlhelms. Auch er fuhr in Begleitung einiger Kameraden mit seinem Wagen den ganzen Abend den Kurfürstendamm und seine Nebenstraßen entlang. Er verplappert sich einmal und gibt zu, von einem bevorstehenden „Klamauk" gewußt zu haben. Das erste Ziel seiner Autofahrt ist bezeichnenderweise die Synagoge in der Fasanenstraße. Im Gerichtssaal hält er politische Reden, erhebt schwere Anklagen gegen die Polizei. Er hat sich an jenem Abend mit seinen Freunden „köstlich amüsier t". Er begrüßte die auf dem Kurfürstendamm weilenden Jung-Stahlhelmer von seinem Wagen aus. Immer wieder erscholl der Ruf: „Chef, Chef, Chef!" Und dann trat irgendein Jung-Stahlhelmer an den Wagen. Man tauschte höhnische Bemerkungen über die „jüdische Neujahrsfeier" aus. Aber gehetzt, angestiftet, dirigiert hat man beileibe nicht Es war ja ein „ganz gewöhnlicher Bierulk". Reichlich dunkel ist noch die Rolle des Grafen He Udorf und seiner Begleiter. Graf Helldorf, der Führer des Berliner S.-A.-Gausturms, ist mit seinem Stabsleiter Ernst und dem Angeklagten G e w ehr während der Unruhen im Auto den Kurfürstendamm auf und ab gefahren. Die Reitpeitsche in der Hand (sie wurde im Wagen gefunden und liegt auf dem Richtertisch), beobachtete er die Demonstrationen. Passanten sahen, wie aus seinem Wagen heraus Anweisungen gegeben wurden, und veranlaßten seine Feststellung. Für jeden Einsichtigen ist er der Organisator des Ganzen. Seine Opfer sind es, die als Zeugen ihre Mißhandlungen schildern. Seine Opfer sind auch die Angeklagten. Aber nicht nur seine. Von den nur zu gut bekannten Verantwortlichen sprach niemand. Aber ihr Schatten schwebte über der Angeklagtenbank. Dort saß unsichtbar, aber jedem erkenntlich, die antisemitische Hetzpresse, in deren Redaktionen die Stimmung erzeugt wurde, die sich am Kurfürstendamm so roh entlud. Dort saßen die Agitatoren, die Abend für Abend in den nationalsozialistischen Versammlungen die verzweifelten Opfer der Wirtschaftskrise zu Judenhaß und Gewalttätigkeiten aufreizen. Dort saßen die „großen" nationalsozialistischen Führer, die Goebbels, Streicher, Ley, die einer wie der andere planmäßig und jahrelang judenfeindliche Leidenschaften erzeugten und nährten. Dort saß endlich Adolf Hitler selbst, der einmal gesagt hat, „daß nichts in der Partei ohne sein Wissen und Wollen geschehe", und der damit auch die Verantwortung trägt für die von gewissen nationalsozialistischen Zeitungen in niedrigster Form verübte Judenhetze und die sich aus ihr ergebenden blutigen Ausschreitungen. Wenn dieser Prozeß dazu verhilft, daß die deutsche Oerie ntlichkeitdiese persönliche Verantwortung Hitlers für die wüsten Ausschreitungen seiner Anhänger und den Radauantisemitismus seiner Partei erkennt, dann war er keinesfalls vergebens. W. G., Berlin. m YOßNCüMC FAMILIEN - PENSION 1 |BBstaupatioii,HaffBBiiaus j täglich 5-Uhr-Tee m ISCMMERING1 I^^^^P ^Sä^-^x^- :«ME2l ■%J;i^\m~^.4 TELEPHON 11 m iHochstraße 43 1 _ neben Hotel Panhans B H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts j| jj Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser s §§ in jedem Zimmer. ps Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein, Besitzer m ^mmmmummummmmmamm^ worunter mehrere Geistliche, auch für die rein „jüdischen" Themata — das Alte Testament ist ja fast eine christliche Domäne geworden — großes Interesse aufbrachten. S. Zeitlins Vortrag: Der jüdische Kalender m biblischer und frühchristlicher Zeit löste Interesse aus wegen der geplanten und vielleicht gar bevorstehenden Kalenderreform: R. Edelmann (Bonn) sprach über Heimat, Alter und Rolle der synagogalen Poesie; H. Loewe (Oxford) über Schetaroth (Schuldscheine) im Britischen Museum; S. L. H. Blank (Cincinnati) behandelte eine hebräische Bibelhandschrift in der Bibliothek des Hebrew Union College. Der Vortrag des M. B. A m z a 1 a k aus Lissabon, den wir als den Apostel der portugiesischen Maranen verehren, blieb leider aus, weil der Genannte nicht anwesend war. Wunderbar sind die Wege der Vorsehung! In den kümmerlichen Resten der einst blühenden spanischportugiesischen Judenheit dürfte es heutzutage wenige «eben, die sich in einer solennen Versammlung der Gelehrten zeigen können: aber die Schätze der jüdischen Wissenschaft der pyrenäischen Halbinsel gehen dennoch nicht verloren, denn es treffen sich einheimische christliche Gelehrte, die sich ihrer annehmen. Von diesem Gesichtspunkte aus war es freudig zu begrüßen, daß J. Mi 1 las aus Madrid über den „Rabbi- Abraham bar Chijja und seine astronomischen Werke in einem Tone sprach, als handelte es sich um eine nationale Größe des alten Spaniens. Gelegentlich der Astronomie sei erwähnt, dall D. Sidersky (Paris) über Josua zu Gibeon sprach, indem er den Sonnenstillstand rationalistisch durch eine von ihm errechnete Sonneneklipse erklärte. Sidersky ist kein Gelehrter von Beruf, sondern ein emeritierter Chemiker, und so mag an seinem Beispiel festgehalten werden, daß sich für unsere Bibel- und rabbinische Wissenschaft auch Kreise. Männer und Frauen, interessierten, die sonst andere Wissensfächer oder gar praktische Arbeit betreiben. Die brennende Frage des Judentums, die Besiedelung Palästinas, wurde im Rahmen dieses Kongresses kaum gestreift, und das ist ganz in Ordnung, da man nur der Forschung wegen zusammenkam. Aber für die Archäologie Palästinas und überhaupt des ganzen vorderen Orients wurde hier bedeutende Arbeit geleistet. So sprach der bekannte Archäologe W. F. Albright über exilisches und nachexilisches Juda im Lichte der palästinischen Archäologie, und hierher gehören auch die Ausgrabungen M. von Oppenheims (Berlin), über die er referierte, Bilder und Statuen, die die von der Bibel verworfene Götterwelt des Heidentums besser verstehen lehren. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß für die so sehr wichtige Assyrologie eine eigene Berufen Sie sich auf die „Union bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt Vom Orientalistenkongreß in Leiden. Der 18. internationale Orierrtalistenkongreß in Leiden, der vom 7. bis 12. September 1931 getagt hatte, war im allgemeinen gut besucht. Man sah hier nicht bloß Orientalisten vom Berufe, sondern auch wirkliche Orientalen, als da sind: Hindus, Perser, Türken, ägyptische und sonstige Araber, und etwas „Farbe" brachten in die Versammlung hinein auch die vielen Missionäre, die in ihren verschiedenen Standorten von der orientalischen Sonne gebräunt worden waren. Die wenigen Juden, die sieb hier einfanden, konnten wenigstens hier in der Bezeichnung „Semiten" nichts Verletzendes finden, und zudem handelte es sich zu gutem Teile um das „Alte Testament" und die hebräische Sprache, und darauf kann jeder Jude stolz sein. Die Nähe der hohen jüdischen Feiertage mag es bewirkt haben, daß manche Juden, namentlich des rabbinischen Standes, nicht erschienen waren, obzwar sie bereits Vorträge angekündigt hatten. Doch war unter anderen David Y e 11 i n aus Jerusalem da, aus Amerika S. Zettl in vom Dropsie- Gollege in Philadelphia, von den einheimischen Juden Professor Dr. J. L. P a 1 a c h e, der in der 6. Sektion, „Semitische Sprachen und Völker", sogar den Vorsitz rührte. Nur die Deutschen waren schwach vertreten; die wirtschaftliche Not hat ihnen die Reise ins Ausland unmöglich gemacht. Speziell von Hamburg war es bekannt geworden, daß den Gelehrten die Ausreise amtlich widerraten wurde. Das Fehlen der Deutschen wurde allgemein bedauert, denn es ist nun einmal nicht zu leugnen, daß die deutschen Professoren die stärksten Träger der alttestamentlichen Wissenschaft sind. Zwar wurde alles Mögliche getan, um den Minderbemittelten den Aufenthalt in Leiden selbst und im nahen Haag und Noordwijk zu ermöglichen, indem ihnen in Privathäusern in: der liebenswürdigsten Weise „Gastfreundschaft" angeboten wurde, und es muß hervorgehoben werden, daß auch der Jude und selbst der prononcierte Jude in christlichen Häusern ebenso gastfreundlich bewirtet wurde, aber dennoch konnten sich nur wenige Deutsche zu der kostspieligen Reise entschließen. Und sprechen wir einmal von der Schattenseite der Veranstaltung, so soll auch nicht verschwiegen werden, daß von den etwa 70 jüdischen Familien in Leiden, dem Vernehmen nach, keine einzige es für nötig erachtet hatte, wenn schon nicht einen christlichen, so doch einen jüdischen Gelehrten gastlich bei sich aufzunehmen. Immerhin waren auch aus Deutschland einige namhafte Vertreter unserer Wissenschaft anwesend, so der greise Altmeister der Bibelexegese, Professor Karl Budde aus Marburg, der mit seinem Vortrage „Der Baum der Erkenntnis in der Paradiesgeschichte" auch diesmal reichen Beifall geerntet hatte, und Professor P. Kahle-Bonn, der bekannte Verfasser von grundlegenden Werken zur Massora, der aber diesmal etwas ganz Fremdes, die Amerika-Karte eines Türken vom Jahre 1513, behandelt hatte, auch dies mit der gewohnten Meislerschaft und nicht ohne jüdisches Interesse. Der Kongreß arbeitete in nicht weniger als acht Sektionen, und wenn man Päpyrologie und Kunst und Archäologie des Orients hinznnimmt. die nur lose angeschlossen waren, sogar in zehn Sektionen. Das Interesse der Gelehrten und des Auditoriunis verteilt sich da naturgemäß auf die verschiedensten Gebiete. Dennoch kann man sagen, daß die Verhandlungen der siebenten Sektion: Altes Testament und Judentum — im Mittelpunkte des Interesses standen. Da platzten auch die Meinungen oft sehr aneinander, denn es handelte sich um grundlegende Fragen der Bibelexegese und um sonstige heikle Fragen des Judentums. Die Vorträge von jüdischen Autoren: S. Krauß (Wien), Neue Wege in der Erklärung des Hohen Liedes. S. D a i c h e s (London), Einige, neue exegetische Punkte in den Psalmen, N. G1 u e c k (Jerusalem^ Das Wort „Toebah" im Alten Testament, weil solid und maßvoll gehalten, wurden noch mit Ruhe aufgenommen, aber einige christliche Gelehrte deckten, wie der rabbinische Ausdruck lautet. Falsches in der Thora auf, und das rief mitunter heftige Debatten hervor. So hatte ein Professor aus Budapest in dem schwierigen 68. Psalm Köchinnen und Küche in den Text hineingedeutet; ein englischer Kollege schob das Alte Testament in das Gebiet der Anthropologie, um das Neue Testament desto mehr emporheben zu können; beiden widersprach mit Temperament, aber wirkungsvoll der vorhin genannte S. Daiches. Man muß zugeben, daß die anwesenden Alttestamentlcr, Sektion gebildet worden war. H. Grimme (Münster) las auch hier über seiri beliebtes Thema: Drei neue Sinai-Inschriften. Noch ein Wort wäre von unseren „Brüdern", den Arabern, zu sagen. Aber man sah und fand hier nur Arabisten und keine Araber; das heißt, auch die Araber sprachen über Islam, arabische Sprache und dergleichen, durchaus nicht von den aktuellen Fragen: höchstens schlägt daher die Vorlesung von M. Teymour (Lausanne): Die moderne arabische Literatur. Die amtliche Sprache des Kongresses war, entsprechend dem internationalen Brauch, die französische, aber in den Vortragssälen dominierte mehr Englisch und Deutsch; einige lasen italienisch. Die alte Universität Leiden war wie geschaffen zu einem solchen Kongreß, wurde doch hier von jeher eifrig die Bibel erforscht und Semitistik getrieben, und letzteres hat Holland in Anbetracht seiner Kolonien eigentlich nech heute nötig. Die Regierungskreise wendeten der Sache großes Interesse zu; der Empfang in der Residenz im Haag war geradezu großartig; natürlich verkehrte hier der Jude völlig unbefangen unter seinesgleichen. Aber auch der Empfang in „Lakejihal" seitens der Stadt Leiden stand im Zeichen der Herzlichkeit, und die jüdischen Besucher konnten hier um so mehr befriedigt sein, als die ausgestellten Objekte in den herrlichen Sälen zumeist unsere Literatur, Bibel und Rabbinica. betrafen. Es konnte das nicht anders sein in einer Universität, wo Männer, wie C. Snouck Hugronje. B. D. Eerdmans, F. M. Th. Böhl und viele andere, deren Namen in der ganzen wissenschaftlichen Welt mit Achtung genannt werden, wirken und lehren. Der nächste Kongreß soll in Rom stattfinden. Professor J. Krauß. Wien. ff Der Zionismus am Ende Sß In dem großen Tagblatte „New York Times" gibt Dr. S. S c h u 1 m a n n, Rabbiner der größten New Yorker Synagoge, sein Urteil über den derzeitigen Stand der zionistischen Bewegung ab. Dr. S. Schulmann ist wohl Mitglied der erweiterten Jewish Agency, dabei aber entschiedener Gegner der jüdischnationalen Aspirationen. Er stellt fest, daß der Zerfall der zionistischen Bewegung begonnen hat und daß die durch Nichtzionisten erweiterte Jewish Agency von der Zionistischen Organisation unabhängig geworden ist Dr. S. Schulmann, der dem B aseler Zionistenkongreß beiwohnte, sagt: „Der Zionistenkongreß 1931 war der interessanteste Kongreß seit dem Gründungskongreß im Jahre 1897, denn er bedeutet das Absterben (death) der politischen nationalen Idee Theodor Herzls. Dieser Kongreß ist der Beginn des Zerfalles der Zionistischen Weltorganisation." „Der Zionistenkongreß lehnte es ab, eine Resolution anzunehmen, welche den Judenstaat fordert Er lehnte es sogar ab, dem Wunsch nach einer jüdischen Majorität in Palästina Ausdruck zu geben. Er lehnte es ab, weil