Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 40 (2.10.1931)
- Date
- 1931-10-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Gerechte Sühne. Am dritten Verhandlungstag wurde nach anstrengender fünfzehnstündiger Verhandlung gegen die Berliner Pogromhelden folgendes Urteil gefällt: Wegen einfachen Landfriedensbruchs in Tateinheit mit Aufreizung zum Klassenhaß und zu Gewalttätigkeiten, erhalten acht Angeklagte je ein Jahr drei Monate, elf Angeklagte je ein Jahr, vier Angeklagte je neun Monate Gefängnis. Wegen schweren Landfriedensbruchs erhielt ein Angeklagter, der einen Passanten mißhandelt hatte, ein Jahr neun Monate Gefängnis, wegen einlachen Landfriedensbruchs ein Angeklagter ein Jahr fünf Monate Gefängnis, wegen Beihilfe zum schweren Landfriedensbruch ein Angeklagter ein Jahr sechs Monate Gefängnis. Wegen einfachen Landfriedensbruchs in Tateinheit mit Aufreizung und Beamtenbeleidigung erhielt ein Angeklagter ein Jahr einen Monat Gefängnis. Dazu kamen die üblichen Nebenstrafen. Mangels ausreichender Schuldbeweise wurden sieben Angeklagte freigesprochen. Die Verurteilten bleiben in Haft. Bewährungsfrist wurde ihnen versagt. Die Staatsanwaltschaft wie auch die Verteidiger haben Berufung eingelegt Dieses Urteil weicht in manchem von den weitergehenden Strafanträgen der Staatsanwaltschaft ab. Sie hatten gegen die Rädelsführer zwei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust beantragt. Darin ist ihr das Gericht nicht gefolgt. Das Urteil übernimmt die Voraussetzungen der Anklage. Das Gericht stellte fest daß es sich bei den Vorgängen am Kurfürstendamm um einen planmäßig organisierten Landfriedensbruch und um eine eindeutig antisemitische Aktion handelte. Ihre Verwerflichkeit hat Staatsanwaltschaftsrat Dr. Schade treffend gekennzeichnet, als er darauf hinwies, ein wie hohes Gut gerade das Vertrauen der Welt zur Disziplin des deutschen Volkes in der heutigen Krisenzeit darstelle. Dieses Vertrauen wurde durch die Tumulte am Kurfürstendamm erschüttert. Sie waren ein Verbrechen an der Nation; ihre gerichtliche Sühnung ist eine nationale Notwendigkeit. Das Urteil stellt ferner die Rädelsführerschaft der Berliner S.-A.-Leitung fest. Das ist das politisch wichtigste Ergebnis dieses Prozesses. Graf Helldorf, der diesmal nur als Zeuge vernom- Feuilleton K. k. Ghetto-Fachschulen. Erinnerungen an unsere „polnischen Jüdinnen". Von Friedrich v. M i n k u s. Bei einer Führung durch die seinerzeitige k. k. Anstalt für Frauen-Hausindustrie fragte mich Kaiser Franz Joseph vor einer Kiste voller Spitzen, die zum Versand an die EngrosverkaufsfUiale New York bereitstand, woher die Ware stamme. „Von unseren jüdischen Exposituren in Galizien, Majestät: wir sind mit ihnen ganz besonders zufrieden." — ..Das sind brave Leute", erwiderte der Kaiser. Es waren irische Häkelspitzen. Seit etwa 1900 waren sie die große Mode. Irland, die französischen Spitzendistrikte, konnten für den Bedarf zumal Amerikas nicht mehr aufkommen. Die Technik bot den organisatorisch und kommerziell außerordentlichen Vorteil einer sonst auf dem Gebiete der Spitzenerzeugung ausgeschlossenen Arbeitsteilung: in Mengen verschiedenster Zeichnung hergestellte Einzelfiguren wurden durch anderenorts rasch angefertigten Netzgrund zum Endprodukt verbunden. Diese Prozedur ermöglichte wenig riskante Haltung eines großen Lagers von Halbfabrikat und damit die prompte Abwicklung von Aufträgen, anderseits verhinderte die territoriale Auseinanderhaltung der beiden Arbeitszweige lohndrückende Konkurrenz. Daß die Irisfa Lace-Mode vorübergehend sei, war vorauszusehen; deshalb konnte die Arbeit zur Vermeidung der Verdrängung stabilerer, wenn auch unlukrativerer Techniken in unseren alten Spitzenhausindustriegegenden — vornehmlich dem Erzgebirge und Krain — nicht eingeführt werden. Auf der Suche nach anderen Gebieten, denen die zeitweilige Erwerbsmöglichkeit zuzuführen wäre, begegneten wir dem Bestreben des „Hilfs Vereins für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien". der weiblichen Bevölkerung seines Wirkungsbereiches Verdienst in geregelter Arbeit zu verschaffen. An der Spitze des Vereins, der, gestützt auf die B n e B r i t h und die Freiherr v. Hirsch-Stiftung in großzügigster Weise an die Linderung der krassen Not in breiten Schichten der gaiizischen Judenschaft herangetreten war, standen zwei Männer von hervorragender Bedeutung und Nächstenliebe; -als Präsident der vormalige Proßnitzer Großindustrielle Sigmund Mayer, ein ehrwürdiger Greis von sublimer Weisheit, die er übrigens in schlichtschönen Lebenserinucrungen niedergelegt hat, und als Sekretär Dr. WHhelm Löwy, vormaliger Wiener Magistratssekretär, ein Mann von erstaunlichem Weitblick, klugem Zugreifen und humorvollster Warmherzigmene Führer des Berliner S.-A.-Gausturms, der ein noch kindlicheres Märchen als seine S.-A.-Jungens erzählte, — eine in der Berliner S.-A. bestehende große Spitzelorganisation soll die Unruhen provoziert haben — wird, wenn er in wenigen Tagen vor dem gleichen Gericht steht, einen schweren Stand haben. Den Vorsitzenden, Landgerichtsdirektor Schmitz kennzeichnete eine interessante Episode des Prozesses: als der Verteidiger Dr. Zarnack das Strafmaß der staatsanwaltschaftlichen Anträge als einen „Sonderschutz für eine bestimmte Rasse" bezeichnete, erwiderte ihm der Vorsitzende: „Herr Rechtsanwalt, jetzt ist's genug! Das geht mir über die Hutschnur. Niemand hat in diesem Prozeß bisher von Rasse gesprochen. Nun sprechen Sie hier von Sonderschutz einer Rasse, während das Gericht hier nur bemüht ist, die Unverletzlichkeit der Person und des Eigentums zu schützen. Durch Ihre Ausführungen erreichen Sie nur, daß das Gericht zu härteren Strafen kommt, als es vielleicht sonst der Fall gewesen wäre. Ich verspreche mir wenig vom mechanischen Strafvollzug. Er muß unterstützt werden durch den erzieherischen Wert der Hauptverhandlung. Diesen erzieherischen Einfluß der Hauptverhandlung, Herr Rechtsanwalt, haben Sie mit den — ich kann nicht anders sagen — grotesken Gedankengängen Ihres Plädoyers, vor allem aber mit Ihrer Bemerkung über den Sonderschutz einer Rasse einfach wegeskamotiert!" * * So sensationell dieser Prozeß ansich war, so spannungsarm, ja so monoton war sein äußerer Verlauf. 34 Angeklagte. Alles junge Burschen, Arbeitslose, Angestellte, Arbeiter, Studenten: Nationalsozialisten und Jung^Stahlhelmer, einige an Jahren reifere Männer, Unterführer, der Rädelsführerschaft bezichtigt. 34 Angeklagte, 34 faule Schülerausreden. Keiner dieser „Helden" hat den Mut zum Bekenntnis. Keiner hat an den groben Ausschreitungen teilgenommen, oder etwa nur an einer politischen Demonstration. keit Es war ein sympathisches Bild, diese beiden markanten Vertreter und Sachverwalter des Judentums, denen sich häufig der vornehme galirisch-jüdische Reichsratsabgeordnete Dr. Nathan Löwenstein zugesellte, in hoher Wertschätzung aufgenommen zu sehen in die Runde von Beratern der staatlichen Hausindustrieaktion, der eine Reihe prominenter katholischer Persönlichkeiten angehörte: an ihrer Spitze die — nicht nur dem Rang, auch der Gesinnung und der Leistung nach — „höchste" Schutzfrau, Erzherzogin Maria Josepha, Mutter des späteren Kaiser Karls, dann u. a. die christlichsozialen Abgeordneten Jodok Fink und Dr. Drechsel. die slowenisch-klerikalen Politiker Zitnik und Krek, die Tschechen Stojan und Zahradnik, der Kroate Dr. Biankini und der italienische Monsignore Faidutti. In verblüffend kurzer Zeit und mit bewundernswertem organisatorischen Geschicke schuf der galizischjüdische Hilfsverein in rund fünfzig Judengemeinden den Boden für „Modetechnische Exposituren der k. k. Anstalt für Frauen-Hausindustrie" mit schließlich an die 10.000 Irish-Häklerinnen. Die geschäftliche Leitung lag in den Händen vom Vereine bestellter lokaler „Vertrauensmänner", die technischen Agenden versahen staatliche Fachlehrerinnen, zumal die des Deutschen mächtigen Sloweninnen, nachdem sich auswärtiges Personal autoritativer erwiesen hatte als eingeborenes. Immerhin ward an der Wiener Zentrale eine einheimische Kraft ausgebildet als ambulantes Organ zur Förderung der Einführung der Lehrerinnen in das fremdartige Milieu. Ich gedenke in Dankbarkeit dieses prächtigen Judenmädchens, das in glühender Begeisterung für das Wohl ihrer landsmännischen Glaubensgenossinnen unserer Sache allerwerrvollste Dienste geleistet hat. Auf der Suche nach dieser Inspektionskraft war ich zum erstenmal auf einen Wesenszug gestoßen, der dem Fernstehenden im Charakterbilde des vielgeschmähten „polnischen Juden" fremd war: dem edlen Stolze auf die Geschichte seines Volkes. Ich hatte in einem elenden kleinen Nest in einer Chassidim-Familie in dürftigsten Verhältnissen ein junges Mädchen von ungemeiner Intelligenz ausfindig gemacht und verhandelte nun mit ihr und ihrem Vater über ihre Einberufung in das Lehrerinnenbildungsinternat der Wiener Zentralanstalt. Bei aller Lockung des Dienstes am eigenen Volke und der gesicherten Lebensstellung lehnten sie ab: es ginge nicht an, als einzige Jüdin in das Internat einzutreten. Ich verwies auf das Wohlwollen der Leitung und die Religiosität der übrigen katholischen Internistinnen, die Achtung auch vor anderem Glauben gewährleiste Nicht das sei es, meinte das junge Mädchen, vielmehr rituelle Gründe: die Sabbatruhe, die koschere Kost Ob sie keine Möglichkeit ersehet fragte ich, im Interesse 'hres künftigen Wirkens für ihre Volksgenossinnen auf kurze Zeit von solchen relativen Aeußer- Das äußere Prozeßbiid wird durch drei Gruppen von Aussagen charakterisiert. Die Angeklagten und ihre Entlastungszeugen sind die Harmlosigkeit selbst. „Ja, gewiB, ich bin ausgerutscht und habe mich an einem Mann festgehalten". Auf Vorhalt, daß er aber diesen Mann mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben soll, erklärt der Angeklagte zynisch: „Das ist doch ungefährdasselb e." Die zweite Aussagengruppe rührt von den vernommenen Polizeibeamten her. Sie haben aufreizende Rufe gehört, Zusammenrottungen zerstreut, randalierende oder verdächtige Personen festgenommen, bei einzelnen von ihnen Schlagwaffen gefunden. Die erschütterndsten Aussagen endlich machen die Opfer dieses „harmlosen Abendspaziergang s." Ein 63jähriger schildert, wie er von einer Rotte junger Burschen überfallen, mit Fäusten und Stöcken geschlagen, niedergerissen und getreten wird. Der Cafetier Reimann und ein Angestellter von ihm erzählen von der vandalischen Zerstörung des Cafes Reimann. Andere Zeugen, Juden und Nichtjuden, darunter mehrere Ausländer, Aegypter, Rumänen, Armenier, berichten, wie sie mißhandelt wurden. Das Niederdrückendste ist, daß die Angeklagten sich der Verwerflichkeit ihrer Rohheitsakte auch heute noch nicht bewußt sind. Vergnügt tuscheln sie miteinander, winken ihren Freunden und Mädchen im Zuhörerraum zu, fühlen sich in einer interessanten Rolle oder als unschuldige Opfer vorgeblicher „polizeilicher Brutalität". Politisch nicht ganz uninteressant wenigstens die „Führer". Der Sturmführer Fischer, hinV los, nicht imstande, sich klar auszudrücken, sich selbst zu verteidigen; der Truppführer Schubert dafür um so redseliger. Der „Student" (er besucht irgendeinen Abendkurs) S o y durch die ziemlich einfache Vernehmung „geistig angestrengt". Er. ist übrigens der einzige, der einiges über die Absichten der Aktion durchblicken läßt und der die Berliner S.-A.-Führung schwer belastet Der Angeklagte Gewehr mit dem Titel „Führer der S.-A.-Stabswache Berlin-Brandenburg" spielt den Harmlosen. Zwar saß er mit in dem Auto der S.-A.-Führung, lichkeiten abzusehen? „Aeußerlichkelten nennt es der Herr," erwiderte sie, „ich nenne es Innerlichkeiten, die unser Volk . Jahrtausende eingehalten hat!" Vor dem Scheiden kam ich darauf zu sprechen, wie im Gegensatz zu manchen anderen Exposituren, die. mit allem Pomp eröffnet nach ein paar Wochen ergebnislos versiegt waren, gerade unsere jüdischen Exposituren sich aus allerbescheidensten Anfängen in überraschend schneller Stetigkeit zu mustergültiger Leistung entfaltet hatten. Sich hoch aufrichtend im schwarzen Kaftan mit der weißen Gürtelschnur und der fuchsverbrämten Kappe, entgegnete der Alte: „Das kommt daher, daß, als die anderen noch als Halbwilde in Höhlen wohnten, unser Volk das erste Volk der Erde war!" - Diese ehrerbietige Geschichtstreue erwies sich mir ein andermal ah der Hand einer anonymen Anzeige von außenstehender Seite, die Expositur in N. greife so feh! in der Heranziehung vorgeblich Erwerbsbedürftiger, daß manche Häklerinnen ihre Arbeiten von — Dienstboten ins Expositurlokal tragen ließen. Es ergab sich, daß es sich um Mädchen aus allerärmsten Familien namens Levy und Kohn handelte, für welche In Ansehung ihrer priesterlichen Herkunft die Arbeitskolleginnen einen Turnus zur Abnahme niederer Verrichtungen eingerichtet hatten. Anonyme Zuschriften waren übrigens auf der Tagesordnung, auch aus dem eigenen Lager unserer jüdischen Schützlinge. Und es war gerade Usance, daß solche Anzeigen — meist von Lappalien — eine Unterschriftsanzahl wie Volksbegehren trugen, all diese Manuproprias in naivster Offensichtlichkeit hingemalt von ein paar, wenn nicht gar von einer einzigen Hand. Eine dieser „Massen"beschwerdeschriften habe ich mir damals abschreiben lassen als klassisches Beispiel der alttestameniarischen Plastizität des Ausdruckes, mit der sie in lapidarer Knappheit die vorgebliche Sachlage bildhaft darzustellen wußten: „Hier in X. geht es schlecht mit der Lehrerin aus der Krain. Kommt man morgens um Arbeit heißt's: sie wascht sich; kommt man vormittags um Arbeit heißt's: sie kocht.; kommt man mittags um Arbeit heißt's: sie speist; kommt man nachmittags um Arbeit heißt's: sie schlaft; kommt man abends um Arbeit heißt's sie spaziert. Wann soll ein armes Judenmädel kommen um Arbeit??? P. S. Auch treibt der Vertrauensmann ein Verhältnis mit den Lehrerin und wird bald Mutter werden . . ." Die Sache stimmte glücklicherweise nicht ganz; zumindest nicht die physiologische Abnormität des Vertrauensmannes. Denn er wurde, laut kalligraphierter Anzeige vom nächsten Jahre, ganz nörmalermaßen Vater eines, „gesunden Knaben", nachdem ihm in moralisch einwandfrelester Vorfrist in der Synagoge zu X. das Fräulein k. k. FacMehrerin als — Ehegattin angetraut worden war.