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Die Wahrheit · 1931-10-02 · Heft 40 (2.10.1931) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 40 (2.10.1931)
Date
1931-10-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische DI* ttUrU Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV1I. Jahrgang Wien, 2. Oktober 1931 Nummer 40 Geist und Körper. Symptome der Zeitgeschichte. In Magdeburg hat kürzlich ein Schupo-Wachtmeister seine Quartierfrau ermordet, um sie zu berauben. Mord, Raub und Totschlag sind in unseren Tagen kider durchaus nichts so Ungewöhnliches, daß ein Einzelfall als besondere Sensation gewertet werden könnte. Man muß schon ein Massenschlächter ä la Kürten sein, um heutzutage Anspruch auf Berühmtheit in diesem Fach zu erlangen. Gemordet wird mitten in den stolzesten Zentren städtischer Kultur und auf dem flachen Lande, im trauten Kämmerchen und auf offener Straße, im jäh aufwallenden Affekt persönlicher Leidenschaft und in kaltblütiger Vollstreckung politischer Femeurteile. Der Magdeburger Schupo-Wachtmeister hat getötet um eines — Buches willen. Das ist neu! Der Mann hatte einen Roman geschrieben und das geraubte Geld sollte dazu dienen, die Vervielfältigung seines Manuskriptes zu bezahlen. Leider ist das Drama, das er mit dem Mordwerkzeug inszeniert hat, früher bekannt geworden, als das epische Werk seiner Feder, und so kommt der Unglückselige anstatt in die Literaturgeschichte bloß in den Kerker. ■ Daß die Literaturgeschichte dadurch einen großen Schaden erleidet, darf stark bezweifelt werden. Denn wahre Kunst ist die Fähigkeit, alle Instinkte, auch verbrecherische, durch ihre Projizierung in einer Welt des Scheins abzureagieren. Hätte Goethe nicht den „Werter" schreiben können, dann wäre er vielleicht selbst den Weg Werters gegangen. Der Magdeburger Schupo-Wachtmeister ist durch das Romanschreiben nicht von tiüsteren Seelenkomplexen erlöst, sondern gerade durch sein Buch zum Verbrecher geworden. Er ist also einen verkehrten, dem des wahren Künstlers entgegensetzten Weg gegangen — aber an dem einen Ende dieses Weges lag immerhin das Buch! Das gibt dem Falle sein besonderes Gepräge. Bisher hat der bange Beobachter deutscher Kulturentwicklung vergebens nach einer Brücke ausgespäht, die von der ungeistigen blutrünstigen Gegenwart zu jener stolzen Vergangenheit führt, da das deutsche Volk das Volk der Dichter und Denker hieß. Der Magdeburger Mord hat diese Verbindung hergestellt. Dort hat ein schlechter Poet^die falsche Richtung eingeschlagen: vom Buch ~zum Verbrechen. Morgen vielleicht schon wird ein guter Dichter den richtigen Weg finden und weisen: aus derNacht des dämonischen Vernichtungstriebes zum Licht des schöpferisch-gestaltenden Kunstdranges. Und dann wird eine neue, geistig orientierte Epoche des Deutschtums anheben. Eine Epoche, in der die Volksgenossen nicht mehr nach Rasse, Klasse und Glauben abgestuft werden, sondern nur nach ihrer Fähigkeit, geistige Quadersteine für den neuen Kulturdom beizustellen. Wie werden wir Juden diese Probe bestehen? Die Frage scheint paradox. Wir, das Volk der Bibel, des Buches der Bücher, sollten mit Bangen einer Zeit entgegensehen, deren Prüfstein das Verhältnis des einzelnen zum Buche sein wird? Haben wir nicht ständig die Lehre gehegt, seit sie uns offenbart worden ist, und haben unsere Weisen nicht in trostlosester Zeit keine größere Sorge gekannt, als die Aufgabe,- einen „Zaun um die Lehre" aufzurichten, einen Zaun, der aus umfangreichen Folianten besteht? Und wann hat seitdem das Lernen in Israel aufgehört? Außerhalb des mittelalterlichen Ghettos entstand eine deutsche Kultur, deren glanzvolle Repräsentanten, die Ritter, nicht lesen und schreiben konnten. Sogar die Literaten unter ihnen machten keine Ausnahme. Wolfram von Eschenbach, der bedeutendste deutsche Dichter des Mittelalters, war angeblich Analphabet und sein Kollege in Apoll, Hartmann von Aue, der das nicht war, durfte sich schon deshalb als einen großen Gelehrten bezeichnen... Innerhalb der Ghettomauern aber schloß sich lückenlos eine Generation von Schriftgelehrten an die andere. Nie trat eine Pause, eine Ermattung ein im Studium der heiligen Schrift und ihrer Kommentare. Und als die Aufklärung kam und sowohl diesseits wie jenseits der Ghettomauern siegreich ihr Panier entfaltete, wechselten viele Juden wohl das Objekt ihres Lerneifers, aber dieser Eifer selbst erlahmte nicht. Hatten die Alten Thora und Talmud studiert, so warfen sich die Jungen mit Vehemenz auf die Fächer der modernen Bildung. An die Stelle der heiligen Schrift traten die profanen Bücher — aber immer blieb das Buch Mittelpunkt des jüdischen Strebens. Ein ganzes Heer berühmter jüdischer Namen auf allen Gebieten des Wissens legt Zeugnis ab von der Intensität jüdischer Geistesarbeit. Auch die letzte Hochschüler- Statistik in Deutschland spricht beredt für unsere Heimatberechtigung im Reiche des Spirituellen. Aber alle Juden können nicht an die Hochschulen. Das hat schon äußere, wirtschaftliche Gründe. Viele Kinder müssen frühzeitig einem Erwerbszweige zugeführt werden, verlassen sehr bald die Schule und finden, einmal in den Kampf ums Dasein verstrickt, nur noch mangelhafte Gelegenheit zu weiterer geistiger Ausbildung — suchen sie vielleicht auch gar nicht. Und da klafft gleich ein abgrundtiefer Gegensatz zu dem früheren Zustande, zeigt, wie sehr sich die Entfremdung vom Worte Gottes gerächt hat. Das Studium der heiligen Schrift w^ir kein Privileg bestimmter Berufsgruppen. Den Talmud lernte der schlichte Handwerker neben dem angehenden Arzte, der Kaufmann mit dem Lastträger. Es war ja Gottes Wort, das sie in sich aufnehmen wollten, und dieses ward jedem Juden offenbart, gleichgültig, wovon er sich und die Seinen ernährt. Das profane Studium ist aber in der Regel Berufsstüdium, Brotstudium. Und wer sein Brot ohne Studium verdienen kann, verdienen muß, der geht dem geistigen Leben allmählich verloren. Und so kommt es, daß die modernen Juden die Kukurschwankungen der nichtjüdischen Umwelt viel stärker mitmachen als ihre Vorfahren im mittelalterlichen Ghetto. Die heutige Zeit ist charakterisiert durch den Sieg des brutalen Muskelmenschen über den sensitiven Geistesmenschen. Wie verhält sich die jüdische Jugend diesen Zeitphänomen gegenüber? Wir lassen Tatsachen sprechen: In Palästina gibt es jetzt fast jeden Samstag Krawall, weil die orthodoxen Juden die Austragung von Fußballspielen durch jüdische Mannschaften am Sabbat verhindern wollen... Die Blasphemie, im heiligen Lande ausgerechnet am Sabbat Wettspiele zu veranstalten, erschiene in anderem Lichte, wenn die Fußballspieler dadurch ihren Abfall vom Judentum dokumentieren wollten und jede Gemeinschaft mit den einstigen Glaubensgenossen zu verwischen bestrebt wären. Aber es ist das Gegenteil der Fall: die Sportleute bekennen sich nicht nur laut zum Judentum, sondern haben den Davidschild auf der Dreß und ihre Vereine haben hebräische Namen. Sie wollen mit dem Fußball dem Ruhme des Judentums dienen. Es ergibt sich also die groteske Tatsache, daß es sich bei den angeführten Konflikten nicht um die Gegensätzlichkeit von jüdischem und unjüdischem Lebensbekenntnis handelt, sondern um verschiedene Auffassungen vom jüdischen Leben selbst. Die einen sehen dessen Erfüllung im Festhalten an den religiösen Vorschriften, die anderen in der Züchtung eines vom Geistigen völlig abstrahierten Muskeljudentums. Kann es noch einen drastischeren Gradmesser dafür geben, wie sehr auch das „Volk der Bibel" dem Ungeist der Zeit Tribut zollt? Ich möchte nicht mißverstanden werden. Ich anerkenne die Notwendigkeit, die jahrhundertelange Versündigung einer im Spirituellen aufgehenden Jüdischkeit an unserem Körper gutzumachen. Aber das darf nicht ms entgegengesetzte Extrem ausarten: Hemmungslose Sportbetätigung ohne Rücksicht auf seelische und geistige Momente. Es muß eben die richtige Mitte gefunden werden. Völker mit großer Körper- und Geisteskultur haben dies immer verstanden: Sokrates und Plato holten sich ihre Jünger aus der Ringschule. Es wäre ein großes Glück für das Judentum, wenn ein jüdischer Sokrates in der jüdischen Sportarena geistige Probleme anschneiden und seine Jünger zum Studium der heiligen Schrift als dem bewährtesten Borne jüdischen Geisteslebens zurückführen würde. Der Sport brauchte darunter nicht zu leiden. Im Gegenteil: es könnte ihm nur nützen, wenn er endlich seinen ihm gebührenden Rang im jüdischen Leben erhielte: nicht zu niedrig, aber auch nicht zu hoch. Als Symbol des Judentums ist der Fußball eben so wenig am Platze, wie das mörderische Buch des Magdeburger Schupo-Wachtmeisters als Ausdrucksmittel deutscher Kultur. Beide sind bloß als Zeichen einer verstörten Zeit zu verstehen. Dr. Hugo S p I e g 1 e r. Mitglieder und freunde der „Union" Oberfraaen Lebens- und fJemenfar- Versidiernngen der Städtischen Versldicmnasanslait _ :)' ,f <

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