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Die Wahrheit · 1931-09-25 · Heft 39 (25.9.1931) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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VonWodke zu Wodte Kindergräber geschändet! Kürzlich haben — wie das „Israelitische Familieoblatt" meldet — Friedhofsschänder den jüdischen Friedhof in Wickede (Westfalen) heimgesucht. Die Täter haben zwei Denksteine auf Kindergräbern umgerissen, einen von diesen schleppten sie aus dem Friedhof heraus und warfen ihn in die Straßenböschung. Von den Tätern fehlt noch jede Spur. Warum geht es in Brünn? Die Jüdische Gemeinde Brünn hat auf Grund eines Beschlusses ihrer Rechtssektion durch ihren Anwalt, Dr. Adolf Grünfeld, die Anzeige bei der Sta atsanwaltschaf t gegen die in Brünn erscheinende Zeitschrift „Z u b" (Der Zahn) wegen Beleidigung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft erhoben. Die genannte Zeitschrift schrieb: „Dem Juden erlauben Religion, Moral und Gewissen nicht nur, sondern sie gebieten ihm geradezu jede Lumperei an Andersgläubigen, selbst wenn es Mord wäre. Diese furchtbaren Gesetze der Juden sind heute schon unwiderleglich als die Grundlage des jüdischen Glaubens nachgewiesen." Die Jüdische Gemeinde Brünn wird die Einstellung des Blattes fordern. — Der Ausgang dieses Prozesses wird auch für uns österreichischen Juden von großem Interesse sein, denn ein — wie anzunehmen ist — günstiges Ergebnis der Anzeige der Brünner Gemeinde wird wieder einmal beweisen, wie ungerecht unser Preßgesetz ist, das der Wiener Gemeinde oder einer anderen Interessengemeinschaft der österreichischen Juden ein gleiches Vorgehen gegenüber ähnlichen oder gar noch ärgeren Beleidigungen der jüdischen Religion nicht ermöglicht Unerhörte Brüskierung der Hamburger Juden. Die diesjährigen Hamburger Bürgerschaf ts wählen sind vom Senat auf den 27. September, den zweiten Tag des Laubhüttenfestes angesetzt worden. Es werden so schätzungsweise dreitausend jüdische Wähler, die aus Teügiösen Gründen an diesem Tage nicht schreiben, der Urne fernbleiben müssen. Versuche der Hamburger jüdischen Gemeinde. den Wahltermin verschieben zu lassen, Eingaben republikanischer Parteien, die diese Bemühungen unterstützen sollten, sind ohne Erfolg geblieben. Der Senat ist aus technischen Gründen angeblich an den einmal festgelegten Termin gebunden und glaubt, eine Verlängerung der Wahlzeit über 6 Uhr abends hinaus, die Einrichtung eines besonderen, einige Tage vorher geöffneten Wählbares und ähnliches würde eine Gesetzesveränderung bedeuten, die er nicht vornehmen darf. In Wahlversammlungen und in der Lokalpresse wird die Angelegenheit überaus lebhaft besprochen. Eine sozialdemokratische, speziell für jüdische Wähler einberufene Kundgebung gab die Initiative zu einer an das Hamburger Oberrabbinat offiziell gerächteten Anfrage, die das Rabbinat darum ersucht, einen „Dispens" vom Schreibverbot zu erteilen. Ein solcher Dispens wird selbstverstandlichnichterteilt werden. Nachdem alle Einigungsversuche gescheitert sind und auch die letzten Vorschläge zu gewissen Erleichterungen der Wahlteilnahme für jüdische Bürger vom Senat rundweg abgelehnt wurden, rechnet man in informierten Kreisen damit, daB die hieran interessierten Parteien aus diesen Vorgängen einen Grund zur nachträglichen Anfechtung der Wahl beim Staatsgericlitshof ableiten werden. Die Kalenderreform. „Manchester Guardian", die führende liberale Tageszeitung Englands, befaßt sich in einem Leitartikel mit der Aufgabe der für den 12. Oktober nach Genf einberufenen Konferenz zur Behandlung der Kaienderr e f o r m f r a g e, auf der auch Amerika vertreten sein wird. Die Zeitung unterstützt den die Einführung des Blankotages ablehnenden jüdischen Standpunkt und empfiehlt die Beibehaltung der in der Heiligen Schrift festgesetzten Kontinuität der Sieben-Tage-Woche. Prag. Die Deutsch-Demokratische Freiheitspartei hat als Nachfolger des verstorbenen Abgeordneten Professor Dr. Bruno Alexander Kafka den bekannten Publizisten Dr. Franz Bacher als ihren Vertreter in das tschechoslowakische Abgeordnetenhaus entsandt. Dr. Franz Bacher ist Jude .und ein Neffe Eduard Bachers, des Mitbegründers der Wiener „Neuen Freien Presse". Er ist 1884 geboren, widmete sich der juristischen und journalistischen Laufbahn und ist seit 1919 Vorsitzender der Gewerkschaft der deutschen Presse in der Tschechoslowakei. An der Freien Schule für politische Wissenschaften doziert Dr. Bacher über Zeitungswissenschaft. Orth. Israel. Tempelverein „Emunas-Aves", XIV.. Storchengasse 21. Wie bereits in unserer letzten Nummer — infolge Raummangels nur ganz kurz — berichtet, fand am ersten Slichoth-Tage die feierliche Einweihung der umgebauten Synagoge des im Titel genannten Tempelvereines statt In den wenigen Zeilen, die wir letzthin schon diesem freudigen Ereignis widmeten, haben wir der besonderen Befriedigung darüber Ausdruck gegeben, daß es Opfermut und Glaubenseifer einer durch tatkräftige Männer ausgezeichnet geleiteten Gemeinde gelungen ist, in verhältnismäßig kurzer Zeit ein Werk zu vollbringen, das dieser Gemeinde zum schönsten Ruhme und zur höchsten Ehre gereicht. Es ist wirklich bewunderswert, daß trotz Wirtschaftskrise und Wirtschaftsnot sich einige beherzte Männer gefunden haben, die, unterstützt durch die munifizente Hilfsbereitschaft der Wiener Muttergemeinde, sich in den Dienst des Tempelbaues stellten, um an jener Stelle, wo sieben Jahrzehnte lang die alte Synagoge stand, die vor Jahresfrist einzustürzen drohte, ein neues, herrliches Gotteshaus, von Künstlerhand entworfen, erstehen zu lassen. Wir dürfen deshalb an die Spitze der Schilderung der imposanten Feier, mit der der umgebaute Tempel eingeweiht wurde, die Namen jener edlen Männer stellen, die sich um das erhabene Werk unvergängliche Verdienste erworben haben, der Herren Obmann Emanuel Weiß und Obmannstellvertreter Emanuel Schulz. Ihnen ist das Gelingen der schwierigen Aufgabe vor allem zu danken, durch ihre Tatkraft wurden zahlreiche Glaubensgenossen veranlaßt, ihr Scherflein zum Umbau des Tempels beizutragen. Zu der feierlichen Einweihung hatten sich Vertreter sämtlicher Schichten des Wiener Judentums eingefunden, die das schöne Gotteshaus, dessen Beschreibung weiter unten erfolgt, bis auf das letzte Plätzchen füllten. Man bemerkte u. a.: In Vertretung der Kultusgemeinde die Vizepräsidenten Dr. J. O r n s t e i n und Doktor J. Löwenherz, die Kultusvorsteher Kommerzialrat Artur Albers, Grünhut, Edmund Hof mann und Wolf Pappenheim nebst dem Amtsdirektor Regierungsrat G. Fuchsgelb und Amtsleiter Meißner, die Mitglieder der Bezirkskommission unter Führung des Obmannes Komm.-Rat Samuel Bernhardt, eine starke Abordnung der „Agudas Jisroel", die Rabbiner Friedmann, Schenk, Dr. Taglicht und Dr. Taubes, Vertreter der Behörden, Deputationen vieler Tempel- und Bethausvereine, für die Chewra Kadischa I/II Herr Paul Schwarzstein, der auch zu den hochherzigsten Spendern für den Tempelumbau gehörte, in Vertretung der „Union österreichischer Juden" Sekretär Oskar Hirschfeld, die Mitglieder des Vorstandes des Tempelvereines „Emunas-Aves", dem auch eine rührige Frauen- und Jugendgruppe angeschlossen ist. u. v. a. Nach dem eindrucksvollen Ma tauwu des Herrn Oberkantor S. Einhorn, dessen Mitwirkung die Erhabenheit der Feier überhaupt wesentlich erhöhte, hielt Obmann Emanuel Weiß an die erschienenen Festgäste eine herzliche Begrüßungsansprache, in der er alle, die zum Gelingen des schönen Werkes beigetragen, insbesondere der Muttergemeinde für ihre tatkräftige Mithülfe den innigsten Dank aussprach. Mit einesgehaltvollen Rede übergab nun Architekt I. Reiser, der Oberleiter des herrlichen Baues, denselben dem Tempelvorstande, wobei er ihm für seine Unterstützung bei seiner schwierigen Aufgabe herzlichst dankte. Nachdem Rabbiner A. Weiß das Ewige Licht mit einer geistreichen Ansprache, in der er die faktische und symbolische Bedeutung des Lichtes für die Menschheit charakterisierte, angezündet hatte, ergriff in Vertretung des Präsidiums der Kultusgemeinde Vizepräsident Dr. J. O r n s t e i n das Wort zu einer Ansprache, die besonderen Eindruck auslöste. In rühmender Weise hob er die Tatkraft der glaubenstreuen Gemeinde „Emuas-Aves" hervor, die trotz der wirtschaftlichen Krise unerschrocken an die Errichtung dieses neuen schönen Gotteshauses geschritten sei. ein Idealismus, der nur gewaltigem Glaubenseifer und Gottvertrauen entspringen könne. Doktor O r n s t e i n sprach die Hoffnung aus, daß auch die Jugend einer solcher Gemeinde den edlen Taten ihrer Eltern nacheifern werde, deren Ruhm diese prächtige Synagoge stets künden werde. Mit einem eiiesenen Chor rezitierte hierauf Oberkantor S. Einhorn einen stimmungsvollen Festgesang, auf den die Eröffnung der Bundeslade und Einstellung der von den Vorstandsmitgliedern in feierlichem Zuge hereingebrachten Thorarollen erfolgte. Den Höhepunkt der Feier bildete die Festpredigt des Herrn Rabbiner A. Weiß, die, durchdrungen von tiefem religiösen Geiste, eine erhebende Wirkung erzielte. Mit dem Mincha-Gebete des Herrn Kantor M. Schwarz und dem Maariw-Gebete des Herrn Kantor S. Einhorn schloß die imposante Feier, die allen Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben wird. * * Der Umbau der Synagoge gestaltete sich äußerst schwierig, da einerseits infolge der Knappheit der vorhandenen Mittel möglichst viel vom alten Bestand beizubehalten war. anderseits den rigorosen baupolizeilichen und hygienischen Anforderungen nach jeder Richtung hin entsprochen werden mußte. Um den Bau schon nach außen hin zu kennzeichnen, wurde ungefähr die Hälfte der bestehenden Fassade in einem charakteristischen Synagogenstil in gelbem Terranova-Edelverputz mit Maßwerken hergestellt. Durch eine straßenseits gelegene Vorhalle gelangt man in den Männerraum im Parterre, während ein eigener Eingang von der Straße in eine zweite Vorhalle und von da zur Frauengalerie führt. Der Männerraum umfaßt drei Bankgruppen mit zusammen 194 Sitzen, der erhöhte Al-Memar befindet sich nach streng orthodoxem Brauche in der Mitte. Die Altaranl?ge mit Thoranische und eineemauerten Sitzen für die Funktionäre ist aus edlem Holzmaterial hergestellt und wird durch die Zehn-Gebote-Tafeln gekrönt Vom Männerraum gelangt man durch eine große Anzahl fcfc, GROSS FLEISCH HAU ER El IIEGM, KORNMEH1 ««■■■■■■■■■■■■■■■■■■■HMBa^MMaHBMMMaM WIEN IX,, BERGGASSE NR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17*99und A 18-9-34 Lieferant für Hallanstalton AbteilungemorKoscherfleiscft unter Aufsieht des ehrer. Rabbinatea der Isis Kultusaemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen von Ausgangstüren in beide Vorhallen, welche die Opferbüchsen und Waschbecken sowie die Votivtafeln mit den Namen der Vereinsleitung, der Spender und Stifter enthalten. Die Frauengalerie mit ihren 180 Sitzen steigt amphitheatralisch an und ist mit einem Gitter versehen. Für künstliche Beleuchtung ist in ausreichendem Maße durch eine sehr große Anzahl von Glühlampen an den Decken sowie an der Brüstung, ferner durch Wandarme und Deckenlampen gesorgt. Die Heizung erfolgt durch Gas-Radiatoren. Eine besondere Bequemlichkeit für' die Galeriebesucher bildet bei langandauerndem Gottesdienste eine von der Galerie leicht erreichbare große Terrasse. Im zweiten Stockwerke befindet sich ein geräumiger Winterbetsaal, sowie Räume für Schulzwecke, Sitzungen und Versammlungen. Alle diese Räume können bei gewissen Anlässen zu einem großen Saale vereinigt werden. Als besonders erfreulich darf konstatiert werden, daß bei diesem Umbau ausschließlich jüdische Firmen und Gewerbetreibende beschäftigt wurden. Die Baumeister- und Betonarbeiten, welche infolge des Alters des bestehenden Gebäudes eine besondere Sorgfalt erforderten, wurden durch die auf diesem Gebiete bestens bekannte Bauunternehmung Ing. Gehler und Weinberg e r ausgeführt die Tischlerarbeit und innere Einrichtung von der bekannten Firma D. Bazar. die speziell in der Ausführung der Altaranlage ein Meisterwerk ersten Ranges geschaffen, die Schlosser- und Kunstschmiedearbeiten von der Spezialfirma M. Dona t h. Ein Prachtstück bilden die Kunstverglasungen mit den herrlich ausgeführten Enblemen aus dem jüdischen Ritus von der bewährten Firma Berthold K u b i e, die gesamte Gas- und Wasserleitungsanlage, sowie die sanitären Einrichtungen stammen von der Firma S- Gröschler. die Beleuchtungsanlage von der speziell auf dem Gebiete der Synagogenbeleuchtung hervorragenden Firma Bernhard S p i e 1 m a n n, deren Leistung besonders anerkannt werden muß. Pflasterung und Verkachelung von der renommierten Firma Schwadron. dSe Spenglerarbeiten in der gediegensten Ausführung von Josef Karp. die Metallarbeiten und Aufschriften von der Firma Winkler & Sohn, die Glaserarbeiten von der Firma Blatt Der gesamte Umbau wurde in vier Monaten durchgeführt, wobei betont sein soU, daß an Samstagen und Feiertagen nicht gearbeitet wurde. Die planliche Ausgestaltung und künstlerische Durchführung, sowie Oberleitung lag in den Händen des rühmlich bewährten Spezialisten auf diesem Gebiete. Architekt Z. V. Ignaz Reiser. Gemeinde ~ "Chronik London. Am 16. September vollendete der hervorragende jüdische Prediger, Gelehrte und Politiker Chacham Dr. Moses Gaster. früherer Oberrabbiner der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London, sein 75. Lebensjahr. Chacham Moses Gaster wurde 1856 in Bukarest geboren, studierte in Breslau an der Universität und dem Jüdischen Theologischen Seminar und wurde 1882 Lektor für rumänische Sprache und Literatur an der Universität Bukarest. 1885 aus politischen Gründen, insbesondere wegen seines Auftretens gegen die Entrechtung der Juden in Rumänien, ausgewiesen, ging er nach England, wo er zunächst als Lektor für slawische Sprachen an der Universität Oxford wirkte. 1887 wurde er zum Chacham der spanisch-portugiesischen Gemeinde in London gewählt die er bis zu seiner Pensionierung (1923) leitete. Seine wissenschaftlich-literarische Tätigkeit ist außerordentlich vielseitig. Er schrieb zahlreiche historische und philosophische Werke, insbesondere zur Geschichte Rumäniens, seiner Sprache und Literatur. Auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums hat sich Gaster besonders als Folklorist betätigt und hat als einer der ersten Juden diesen Wissenszweig behandelt. Dem Wilnaer Jiddischen Wissenschaftlichen Institut steht er als Mitarbeiter und Förderer nahe. Er gab auch eine Reihe von liturgischen Textbüchern hj. rumänischer und englischer Sprache heraus. Im jüdischen Leben Englands nimmt Gaster eine hervorragende Stellung ein. Eine führende Rolle spielte Gaster früher auch in der zionistischen Bewegung. Seit einigen Jahren ist Dr. Gaster erblindet, nimmt aber trotzdem an jüdischen Dingen Jebhaften Anteil. Berlin. Am 1. September fand in der festlich geschmückten Synagoge Passauerstraße die Einführung des neugewählten Rabbiners Dr. Alexander A11 m a n n statt. Nach einem Gesang des Kantors und des Synagogen-, chors begrüßte der Vorsitzende der Gemeinde Herr Isaak Nußbaum mit warmen Worten den jungen Rabbiner, von dessen Wirken ein weiteres Blühen der Gemeinde, besonders aber die Förderung der Jugend erhofft werde. Weiters begrüßte Herr Nußbaum Herrn Dr. Samuel Grünberg, den Vertreter des Rabbiner-Seminars, dessen Absolvent der neue' Rabbiner ist, sowie Herrn

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