Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 39 (25.9.1931)
- Date
- 1931-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Städtische Versicherungsanstalt Direktion r Wien I-, Tucblauben )Nr. S Telephon UZ7~5*40 Alle Vcrsichciunqszwcioe 70 Nationalsozialisten erschien unter strammer Führung vor dem Cafe. Zunächst wurden zwei Schüsse gegen die Glaswand abgegeben. Dann wurden die draußen stehenden Marmortische und -Stühle in die Höhe gehoben und durch die Glaswand in den Innenraum geschleudert. Dann stürmten die Hitlerleute in das Cafe, schlugen auf die Gäste.los und demolierten die Inneneinrichtung. Es entstand eine fürchterliche Panik. Zu bemerken ist, daß der Inhaber des Cafes Reiman kein Jude ist, das Cafe aber sehr viel von Juden, namentlich jüdischen Künstlern, besucht wird. Bevor noch der Sturm auf das Cafe begann, wurden einige jüdische Herren, die dort vorbeigingen, angerempelt, wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte, wurde niedergeschlagen. Herr Dr. Alexander Rosenfeld, Mitglied des Präsidiums des Welt-Makkabi, der mit einem ausländischen jüdischen Journalisten an dem Cafe vorbeiging, wurde von einem Hitlerjungen rücklings über den Kopf geschlagen. Als er sich umdrehte und sich mit seinem Stock zur Wehr setzen wollte, sprangen drei andere Hitlerjungen hinzu und schlugen so lange auf ihn los, bis er aus mehreren Wunden blutend am Boden liegen blieb. Passanten brachten den Verletzten in einem Auto in seine Wohnung. Dr. Rosenfeld erhielt zwei blutende Kopfwunden, einige Blutergüsse und Kontusionen an verschiedenen Stellen des Körpers. Auch vor der Konditorei Möhring am Kurfürstendamm Ecke Uhlandstraße wurden mehrere Passanten mißhandelt, unter ihnen der Sohn des Konditors Möhring, der so geschlagen wurde, daß er einen Nervenschock erlitt. Mit blutenden Kopfwunden wurde er zum Arzt gebracht. Möhring ist kein Jude, sondern wurde nur wegen seinesjüdischenAussehensverp rüge lt. In der Nähe der Gedächtniskirche wurde ein Herr v. Löwenstein, ein früherer Offizier, der kein Jude ist, aber etwas jüdisches Aussehen hat, blutig geschlagen. Auch vor dem Cafe H e s s 1 e r in der Kantstraße veranstalteten die Hitlerleute einen Tumult und schlugen die Fensterwand ein. Die nationalsozialistische Aktion kam so plötzlich, daß die Polizei von ihr vollkommen überrascht wurde und nicht rechtzeitig an den gefährdeten Punkten erscheinen konnte. Wo sie aber erschien, griff sie, wie Augenzeugen berichten, scharf durch. Gegen 11 Uhr abends war die Ruhe wieder hergestellt. Zu irgendeiner Alarmierung jüdischer Selbsthilfe war kein Anlaß, weil die Polizei, wenn auch spät, durchgegriffen hat. Etwa 50 Nationalsozialisten wurden verhaftet. 'Wiederholung der Ausschreitungen Sonntag abends. Am Sonntag abends wiederholten sich, wenn auch in vermindertem Maße, die nationalsozialistischen Ausschreitungen gegen jüdische Synagogenbesucher. Diesmal war der Schauplatz der Norden Berlins, Nationalsozialisten blockierten eine hauptsächlich von Ostjuden besuchte Kleine Synagoge in der Weise, daß sie sich an beiden Ausgängen der Straße, in der die Synagoge liegt, postierten. Als die Andächtigen am Ausgang des Rosch Haschanah-Festes die Synagoge verließen,, wurden sie von den Hitlerleuten attackiert. Hitlers Jahresbilanz. Am 14. September war ein Jahr seit den Reichstagswahlen verflossen, die der nationalsozialistischen Partei 108 Sitze im Parlament gebracht haben. Die Bilanz der Hitlerwahlen sieht so aus: 154 Millionen Arbeitslose mehr; Abnahme des Goldbestandes um 44,6 Prozent; Kredit-Zurückziehungen in Höhe von 4 Milliarden; Rückgang der Steuereinnahmen um 24,5 Prozent; Zunahme der Konkurse um 31,5 Prozent. Veröffentlichungen der „Union" Jüdeln auf der Bühne. In der Theater-Rubrik der „Neuen Freien Presse" vom 3. d. M. beschwerte sich der Kritiker des kürzlich neuinszenierten Volkstheaterstückes „Kompa rserie" über den „Jargon in Rolle und Darstellung" eines Theateragerrten, der in diesem Stücke auftritt. Diese Kritik gab der „Union österreichischer Juden" Veranlassung, an den wegen seiner Fachkenntnis, aber auch wegen seiner oft bekundeten treuen jüdischen Gesinnung rühmlichst bekannten Dramaturgen des Deutschen Volkstheaters, Herrn Professor Heinrich Glücksmann, mit dem Ersuchen heranzutreten, sich zu dieser Angelegenheit öffentlich äußern zu wollen. Die „Union" betonte in ihrem Schreiben, daß sie seit Jahr und Tag gegen die Herabwürdigung des Judentums auf der Bühne durch jüdelnde Darsteller auftritt und es ihr daher nicht gleichgültig sein kann, wenn auch in einem unserer vornehmsten Wiener Theater diese Unart einreißt. Prof. Heinrich Glücks mann reagierte auf das Ersuchen der „Union" in liebenswürdigster Weise mit folgendem Schreiben, das wir, da die Ansicht eines solch bewährten Fachmannes auch für uns natürlich maßgebend ist, ohne jeglichen Kommentar publizieren: Geehrtes Präsidium! In Beantwortung Ihrer geschätzten Zuschrift vom 3. d. M. bemerke ich, daß ich selbstredend im Prinzip gegen das Jüdeln auf der Bühne bin, insbesondere dort, wo es zum Zwecke der Karikierung, also der persönlichen Herabminderung des Juden angewendet wird. Es gibt aber Fälle, wo Direktor und Regisseur dem ausdrück- Hggienisdies Komgsiicht Seit vielen abren das anerkannt beste tahncioi Man achte auf die gas. gasen. Mark« „Myglan. KSnlgsücht" und Name Schals Fabrik und Büro: Ollen XIV., Braunhlrichangausa 3 Telephon R J3-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht4« Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. liehen Gebot des Autors, der in der Anwendung eines wenigstens leise andeutenden Jargons einen charakteristischen Zug der betreffenden Gestalt sieht und nicht missen will, weil er sie dadurch von den anderen Figuren unterscheidet, machtlos gegenüber stehen und sich fügen müssen. Ein solcher Fall liegt in „Komparserie" vor, das doch einen Juden zum Verfasser hat, der gewiß nicht die Absicht hatte, seine Glaubensgenossen zu verunglimpfen. Aber er hat den Theateragenten nach einem lebenden und allgemein bekannten Modell geschaffen und wollte dies möglichst getreu wiedergegeben haben. Wo das Verfallen in den Jargon nicht notwendig ist, da müßte es schon aus Geschmacksgründen unterbleiben. Ganz ist das aber auf dem Theater nicht auszumerzen, so zum Beispiel wird der Schmock in Gustav Freytags „Journalisten" den Jargon immer gebrauchen müssen. Auch die besten Darsteller wie Tyrolt, Thimig und selbst der gute Jude Adolf Weisse sind nicht ganz um ihn herum gekommen. Mit dem Ausdrucke besonderer Hochachtung Ihr ergebener Prof. Heinr. Glücksmann Dramaturg des Deutschen Volkstheaters. Kleinarbeit der „Union". Sekretariat der Union österreichischer Union IX„ Berggasse 4. 11. August 1931. Verehrliche Direktion! Wir gestatten uns, Ihnen folgende Angelegenheit vorzutragen: Auf dem Perron der Abfahrtseite des. Aspangbahnhofes in Wien befindet sich ein Plakat, in welchem „die arische Sommerfrische ersten Ranges, Pöllau, Perle der Oststeiermark", empfohlen wird. Es scheint uns ungehörig zu sein, daß auf öffentlichen Bahnsteigen für Kurorte in einer Art und Weise Propaganda gemacht wird, die jüdische Staatsbürger verletzen muß, und bitten wir daher, die Beseitigung dieses aufreizenden Plakates veranlassen und uns von Ihrer diesbezüglichen Entschließung freundlichst verständigen zu wollen. Durch das General-Sekretariat der Generaldirektion der österreichischen Bundesbahnen, an die wir uns irrtümlicherweise zuerst in dieser Angelegenheit gewandt hatten, erfuhren wir, daß im Bundesbahnbereiche bei den Werbe-Plakaten von Sommerfrischen tendenziöse Hinweise nicht geduldet werden. Wir wollen hoffen, daß auch Ihre verehrliche Direktion einen gleichen gerechten Standpunkt einnehmen wird, und sehen Ihrer Rückantwort mit größtem Interesse entgegen. Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung ergebenst Union österreichischer Juden. An die verehrliche Direktion der Eb. Wien-Aspang, Wien III., Aspangstraße 33. Eisenbahn Wien - Aspang III/4. Aspangstr. 33. 8. Sept. 1931. Zahl: 1—6209/31-V. An die Union österreichischer Juden, Wien IX., Berggasse 4. Mit Beziehung auf Ihr Schreiben vom 11. v. M. teilen wir mit, daß das am Bahnsteig unseres Bahnhofes Wien angebrachte Reklamebild „Arische Sommerfrische Pöllau" entfernt wurde. Die Direktion. Veranstaltungen berJugenb-Vnion Klublokal: Cafe City, K„ Berggasse 1._ Sonntag, den 27. September, 8 Uhr abends: 2. Geselliger Abend bei erstklassiger Jazz. » Dienstag, den 29. September, 549 Uhr abends: Politisch-kultureller Diskussionsabend Walter Steiner: Nationalismus und Internationalismus. Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen. (Die Besprechung der letzten Veranstaltungen der Jugend-Union erfolgt in der nächsten Nummer unseres Blattes.)