Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 39 (25.9.1931)
- Date
- 1931-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 4 DIE WAIfFHETT Jugendseelsorge. Von Prof. Dr. K. Kupfer. Der Beginn des neuen jüdischen Jahres, wie auch der Schulbeginn verlangen von uns allen innere Einkehr, Sammlung, eifriges Nachdenken und ein festes Entschließen zu neuem Beginnen, zur intensiven religiöserzieherischen Arbeit im Schuljahre 1931/32. Vielleicht hat unser jüdischer Kalender mehr Recht und Berechtigung als der bürgerliche mit seinem Neujahr 1932, am 1. Jänner, da wir gleichzeitig mit dem Schulbeginn das Jahr der Arbeit beginnen. So überwältigend ist dieser kalendarische Beginn des neuen jüdischen Jahres, daß wir darin eine Spur des jüdischen Genius sehen, wenn gleichzeitig der Herbst, die ernstere Jahreszeit, der Wiedereintritt der Jugend in die Schulen und das religiöse Jahr mit seiner Geistigkeit, seiner Erbauungsmöglichkeit, mit seiner Hoffnung auf schnellere Verwirklichung der Ideale beginnen. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß bei der Prägung des Wortes Jugendsedsorge der Gedanke vorherrscht, daß die jüdische Jugend nicht nur für den intensiveren Unterricht in Religion zu Hause und in der Schule, sondern auch für den Tempel und deren Organisation, für die Tempel- und Kultusgemeinde gewonnen werden soll. Das neue Jahr soll einen geistigen Aufschwung unseres Judentums hervorbringen. Der schönste Zug daran ist das jüdische Selbstbesinnen. Die Selbstbesinnung bei unserer heutigen jüdischen Generation führt zum Optimismus, zum Glauben an die Menschheit, zu den Idealen, die in der Bibel und in der traditionellen Literatur des Talmud enthalten sind und die das gewaltigste Plädoyer gegen den bewußten, krassen Egoismus und den Menschenhaß bilden. Denn noch nie haben Despotie, Egoismus, Tötung aller menschen- und völkerfreundlichen Gefühle die von allen guten Geistern verlassenen Menschen so beherrscht wie jetzt. Zur Hungersnot gesellt sich die nackteste Herzensarmut. Aber mit dem Blick auf unsere Jugend bannt man Haß und Leid. Mit der Liebe zu unserer Jugend, wie sie einst Dr. Maximilian Steiner verkündet hat, kann man durch leise hingehauchte Worte unserem Volke neues Lebenselixier einträufeln. Unser Jugendgottesdienst soll zur Jugendseelsorge werden. Er ist dem Judentum nie neu gewesen. Am Sabbatnachmittage pflegte man in den orthodoxen Gemeinden unterschiedlos den Zuhörern Erbauungspredigten vorzutragen. In Wien ist es noch im Frieden eine feststehende Einrichtung geblieben, die einen wichtigen Bestandteil des Religionsunterrichtes gebildet hat Am Sabbatvormittag für die Volks- und Bürgerschüler, am Nachmittag für die Mittelschüler. Es war schon im Frieden zu bewundern, wie jeden Samstagnachmittag die Mittelschüler die Tempel der Leopoldstadt, der Inneren Stadt, der Brigiftenau und des IX. Bezirkes bis auf das letzte Plätzchen gefüllt haben. Der Jugendgottesdienst hatte damals für die katholischen Schüler obligatorischen Charakter, für die israelitischen Schüler war es ihr freier Wille; aber trotzdem kamen sehr viele dorthin, und dort lernten sie manches, wurden mit dem Tempel und mit dem Judentume vertraut, wurden zu jüdischen Menschen und erlebten ihr Judentum. Für viele Jünglinge wurde es ein Erlebnis, denn sie erlebten das erhabenste und stillste Buch, das je geschrieben wurde, das Buch der berauschten und grenzenlosen Hingabe an die Menschheit, der festesten und gewissesten Lebensbejahung, des optimistischen Aufstrebens, die Bibel. Wieviel Erlebnis in der Stunde des Jugendgottesdienstes! Das Buch der Bibel, das man oft vergeblich in der Schule dozieren wollte, wurde im Tempel zur Zuflucht für alle Trostlosen und Traurigen, zur Befreiung vom alltäglichen Zwang . . . Dann kam der Krieg und der Umsturz. Der Jugendgottesdienst hat heute ein anderes Gepräge bekommen. Es kommen die Kleinsten hin. Die Volksschüler und Volksschülerinnen und auch Kinder aus den unteren Stufen der Hauptschule und Mittelschule. Diese große Gemeinde der kleinen und kleinsten Besucher, der Beter und Zuhörer zu gewinnen und zu fesseln, blieb dem Rabbiner Grunwald vorbehalten. Er hat den Ton und die Art getroffen, wie man die Kleinen, ihre jungen Herzen erobert Er sprach zu ihnen wie Vater zu seinen Kindern, «r fand für sie die mildesten und schönsten Weisen, es entwickelte sich ein Fragen und ein Antworten, wie in einem Lehrhause, und dann kam für die Kleinen die Ueberraschung und Belohnung, ein Märchen, eine Sage, eine sinnige Erzählung, aus dem für alle Zeiten unerschöpflichen Reservoir der Agada, des Midrasch, der Erbauungsliteratur des jüdischen Mittelalters u. dgl. mehr. Grunwald hat sich den Kleinen und Kleinsten angepaßt, und trotzdem er selbst in den Schulen nicht unterrichtete, war er für diese zarte Jugend ein Lehrer, ein geheimer Dichter und ein religiöser Erzieher. So füllte sich in wunderbarer Weise an jedem Sabbatnachmittagc der große Leopoldstädter Tempel und ebenso wurden auch die anderen Tempel von den Kleinen gefüllt. Abgesehen von den hohen Feiertagen, waren während des Schuljahres fast in allen Tempeln, aber ganz besonders in der Leopoldstadt am Aisergrund, in der Brigittenau, in Ottakring am Sabbatnachmittag die Tempel ganz voll, denn es kamen nicht nur die Kleinen allein. Sie brachten die Mütter, die Väter, die Großen mit Ein schöner Jugendgottesdienst wurde zum jüdischen Erlebnis. Er wurde zur Hauptaufgabe des jüdischen Jugendamtes in der Kultusgemeinde, ebenso wichtig wie die Bibelschulen. „Die Zukunft des Judentums bilden diese kleinen Teilnehmer des Gottesdienstes", sagte mir unlängst Rabbiner Grunwald. Wir also, die Lehrer, dürfen nicht stumm abseits stehen. Die moralische Pflicht und der kategorische Imperativ von heute gebieten uns die Jugendseelsorge zu pflegen, Worte für alle Ohren und Herzen des Judentums zu finden. Das Wunder der Verjüngung unseres Volkes möge sich erneuern. Die Schule genügt nicht Zum Erlebnis wird das Judentum Im Tempel. Für die Großen an den höchsten Feiertagen, für die Kleinen an jedem Samstagnachmittag. Durch die Macht der Gewöhnung geht also die Religion in das Leben des Kindes über. Das Kind erlebt die Religion, der Tempelbesuch wird ihm zum Erlebnis, bevor es noch die Lehren versteht Wir wissen heute, es gibt sehr wenig echte jüdische Häuser, die orthodoxen Familien ausgenommen, dann bleibt dem Kinde nur das Gotteshaus. Die Eindrücke, die das Kind im glücklichen Alter von 6 bis 12 Jahren empfängt, sind bleibend und unverwischbar. — Die reifere Jugend hält sich von diesem Jugendgottesdienste ganz fern. Kein Wunder. Die Differenz der Jahre ist zu groß. Für den Obergymnasiasten hat dieser Jugendgottesdienst keinen Reiz. Die Väter und Mütter werden von den Kleinen mitgerissen und in den Tempel gebracht, aber die reiferen Schüler verlangen eine andere Behandlung. An diese reifere Jugend reiht sich weiter die Hochschuljugend, die besonders in den ersten Studienjahren, befreit vom Zwange der Mittelschule nach allen möglichen Ausdrucksweisen des Lebens Ausschau hält, und die die Schönheit der Jahrtausende alten jüdischen Welt reizen würde. Freiheit Wahrheit, soziale Erneuerung sind im Schatze des zu lehrenden Judentums enthalten. Für diese Jugend sollte etwas geschehen, um sie zu Vorbereitern einer besseren jüdischen Zukunft zu machen. Für diese Jugend, für die Hochschüler und die reifere Mittelschuljugend, die gerne nebeneinander In den Bänken Platz finden würden, soll - eine neue Einrichtung getroffen werden. Einmal im Monate, etwa vor dem Neumonde, sollte am Freitagabend ein Gottes, dienst für die reifere Jugend stattfinden. Nebst den Studenten und Studentinnen würden auch die anderen, gewöhnlichen Besucher erscheinen. Der Inhalt der Predigt würde beseligend und zündend wirken. Aus dem Buch der Bücher und der Literatur der jüdischen Jahrtausende bis zur Aktualität der Gegenwart. Der Hochschüler, der Besucher der Fachschulen, der bisher den Tempel ignoriert hat, wird eines Tages Vertrauen zu uns, zum jüdischen Volke haben und die Neuheit des jüdischen Gefühles wird sein Stolz sein. Sie werden sich zu unseren Propheten, zu den unentwegten Menschheitsverbrüderern hingezogen fühlen und alles Jüdische, das sie vorher abgeschworen und verurteilt haben, wird wieder als neuentdeckte Wahrheit proklamiert werden. Durch solche Emotionen kann so mancher Abfall verhütet werden. Dieser Jugendgottesdienst wird dann zur Jugendseelsorge, ähnlich wie der Gedanke der Berliner Studentenseelsorge, nur mit mehr Ergebung an das Seiende, Vorhandene, an den Tempel mit seinen Gebräuchen, mit seinen Gebeten, die Rührung erzeugen. An alle Rabbiner richtet sich der Appell. Es ist der freudige Wunsch, in unserem neuen jüdischen Jahre und im neuen Schuljahre auf diese neue Hoffnung hinweisen zu können. *■■««•*•«■■>■■■■■ Trauriges Rosch-Haschanah in Berlin. Am diesjährigen zweiten Rosch Haschanah- Abend hatten die Berliner Juden eines ihrer traurigsten Erlebnisse. Während die amerikanischen Juden an ihrem Neujahrsfest die Genugtuung hatten, daß der Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover in einer Rosch Haschanah- Botschaft den hohen jüdischen Idealismus rühmte und die Bereicherung des materiellen, kulturellen und geistigen Lebens der Welt und der gesamten Menschheit durch die Juden feststellte, durfte in Berlin ein tausendköpfiger jugendlicher Mob das heilige jüdische Fest entweihen, in den Straßen wüten und von der Andacht heimkehrende Juden unflätig beschimpfen und blutig mißhandeln. Am Samstag, den 12. September, am zweiten Abend des Rosch Haschanah-Festes, wurde der nationalsozialistische Mob gegen die Juden im Berliner Westen nach einem vorher gefaßten und genau ausgearbeiteten Plan mobilisiert. Wie es schon die Regel bei solchen Anschlägen ist, hielt sich die eigentliche Kerntruppe ider Sturmabteilungen Hitlers noch zurück, es wurden zunächst Jugendliche und Halbwüchsige vorgeschickt, die aber, wie festgestellt wurde, unter dem Befehl erwachsener Hitlerleute das blutige Terrorwerk vollbrachten.' Nach Schilderungen, die von Augenzeugen, unter ihnen Funktionären des Centraivereins, des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten u. a. m. gegeben wurden, haben sich die Vorgänge ungefähr wie folgt abgespielt: Vor 9 Uhr abends tauchten plötzlich an zahlreichen Stellen des Berliner Westens stärkere Trupps Hitlerjungen auf, die zwar äußerlich als Nationalsozialisten nicht kenntlich waren, weil sie sich für diesen Zweck umkostümiert hatten, bei denen aber verdeckt getragene Hakenkreuze und andere Embleme sichtbar wurden, so daß über ihre Herkunft kein Zweifel besteht. Diese Trupps meist noch ganz jugendlicher Personen, die zum Teil Schülermützen trugen, wurden von Erwachsenen kommandiert. Es waren Kundschafter aufgestellt, die das Herannahen der Polizei rechtzeitig melden sollten, außerdem bestand ein Kundschafterdienst zwischen den einzelnen Trupps, die Befehle her und hin brachten. Wie aus Aeußerungen einzelner Teilnehmer hervorging, war ein Sturm auf die Synagogen wäh- Lederhandschuhfabrik Josef JjasCmgzr h, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 - * IL, Hollandstraße 11 Telephon A 47-2-40 rend der abendlichen Rosch Haschanah-Andacht geplant gewesen, die Veranstalter hatten sich aber in der Zeit verrechnet; denn als sie kurz vor 9 Uhr auf dem Plan erschienen, waren die Andachten bereits beendet, der größte Teil der Andächtigen hatte die Synagogen verlassen, so daß den Hitlerjungen nichts übrig blieb, als über die etwas verspätet heimkehrenden. Synagogenbesucher herzufallen. Insbesondere scheint der jüdische Tempel in der Fasanenstraße das Ziel des Anschlages gewesen zu sein, denn verschiedene Trupps hatten sich so postiert, daß sie alle zu der Synagoge führenden Straßen blockierten. Schauplatz der Ausschreitungen war der Teil des Kurfürstendammes zwischen Kneser beckstraße und der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche samt Nebenstraßen, einzelne Attacken kamen - aber auch in der Tauentzienstraße, am Nollendorfplatz und in anderen Gegenden vor. Die Art der Ausschreitungen war von einer schwer wiederzugebenden Roheit. Sprechchöre brüllten: „Deutschland erwache, Juda verrecke!", „Schlagt die Juden tot!", „Wenn's Jadenblut vom Messer fließt, dann geht's noch mal so gut!". Jüdisch aussehende Personen, die die Straßen passierten, wurden mit Fäusten, Gummiknütteln und Eisenstäben niedergeschlagen, mehrere am Boden Liegende auch noch mit den Stiefelabsätzen getreten. Manche der Trupps stürzten sich auf ihre Opfer unter den Rufen: „Die Synagoge brennt! Sarah packt die Koffer!" Andere riefen: „Das habt ihr Juden euch nicht träumen lassen, daß wir heute an eurem Feiertage zu euch kommen!" Auch unflätige Beschimpfungen gegen das jüdische Fest wurden laut Im ganzen schätzt man die Teilnehmer an den Ueberfällen auf ü b e r 1000. Einzelne Jugendliche lösten sich von den Trupps, mischten sich unter die Straßenpassanten, suchten sich unter diesen ihre Opfer aus, knüppelten sie nieder und liefen dann zu ihrem Trupp zurück. Das alles geschah blitzschnell, so daß es nicht gelang, die Täter festzustellen. Insgesamt wurden etwa neun Juden und vier jüdisch aussehende Christen mehr oder weniger schwer verletzt. Vor der chinesischen Gesandtschaft am Kurfürstendamm wurde ein jüdisch aussehender Herr, der einen Blumenstrauß trug, von den Nationalsozialisten blutig geschlagen. An der Ecke Knesebeckstraße- Kurfürstendamm ließ ein Trupp Nationalsozialisten einen älteren Herrn und eine Dame, die Andachtsbücher trugen, zunächst passieren, dann drehte sich einer der Nationalsozialisten um und versetzte dem Herrn rücklings einige Schläge über den Kopf, so daß der Geschlagene zusammenbrach. Am schlimmsten wüteten die Nationalsozialisten vor und in dem Cafe Reimann am Kurfürstendamm zwischen Unland- und Kriesebeckstraße, gegen das sie — anscheinend aus Wut und Enttäuschung darüber, daß sie zum Synagogensturm zu spät kamen, — eine regelrechte Attacke inszenierten. Ein Trupp von etwa