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Die Wahrheit · 1931-09-25 · Heft 39 (25.9.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHETt Die Jüdische Telegraphenagentur New York verbreitete die folgende Botschaft des Präsidenten Herbert Hoover an die Juden der Vereinigten Staaten aus Anlaß des J ü d ischen Neujahrsfestes: „Rosch Haschanah", das jüdische Neujahr, ist die passende Gelegenheit, sich der Beiträge eines alten Volkes an die heutige Welt zu erinnern. Jüdische Leistungen und jüdischer Idealismus sind unauslöschbar in das Buch der Zeit geschrieben. Durch die Jahrhunderte bis auf unsere Zeit floß von den Juden her ein ununterbrochener Strom der Bereicherung des geistigen und kulturellen Lebens in der Welt. In den Handel, die Künste, die Philanthropie, das Staatsleben und vor allem in die Evolution des geistigen Lebens der Menschheit hat die jüdische Rasse Elemente der Kraft, Schönheit und Toleranz hineingetragen, die zum gemeinsamen Erbteil aller Menschen geworden sind. Aus Anlaß des glücklichen Festes, das jetzt gefeiert wird, habe ich das Bedürfnis, den jüdischen Bürgern meine herzlichste Gratulation und meine innigsten Wünsche für das kommende Jahr auszusprechen." Der preußische Minister des Innern Dr. Carl S e v e r i n g hat, veranlaßt durch die jüngsten Ausschreitungen in Berlin am jüdischen Neujahrsfest, in einem Runderlaß den nachgeordneten Behörden erneut strenges Vorgehen gegen die Hetze . der radikalen Gruppen zur Pflicht gemacht. In dem Erlaß heißt es u. a.: „Neben der täglichen Hetze in Wort und Schrift sind schwere politische Ausschreitungen gegen Andersdenkende und sogar verbrecherische Anschläge verübt worden, die in ihrer politischen Bedeutung höchste Beachtung verdienen. Selbst die friedliche religiöse Betätigung ist durch das unverantwortliche Treiben radikaler Gruppen wiederholt gefährdet und gestört worden. Hierher gehört auch die aufs schärfste zu verurteilende antisemitische Verhetzung, die erst vor einigen Tagen wieder in Berlin zu groben Ausschreitungen geführt hat. Solche Vorgänge sind geeignet, den Frieden im Innern sowie das Ansehen Deutschlands nach außen aufs schwerste zu erschüttern." Der Minister weist darauf hin, daß auch die Erweckung und Schürung von Gegensätzen zu antichristlichen oder antisemitischen Zwecken als Gefährdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung anzusehen sei. Die Welt steht In politischen Flammen! Da und dort leuchten manchmal wirkliche Flammen- «arben zum nachtschwarzen Himmel, wie z. B. leider wieder an unserem Neujahrsfeste auf ungarischem Boden. Auch dort wird der Jude als Prügelknabe für den trotz aller drakonischen Maßnahmen der ungarischen Soldateska noch nicht eruierten Bombenattentäter verwendet! Ein Verdächtiger, der Jude sein soll, wird der gesamten Judenschaft zur Last gelegt und obwohl ihm das Verbrechen noch nicht nachgewiesen werden konnte, ertönt schon aller Orten der Jahrhunderte alte Fluch: „Der Jud' ist schuld!" Ein Sachverständiger, der die Tatmöglichkeit des Verdächtigen bestritt, wird prompt als Jude gestempelt und selbst beschuldigt, aus konfessionellen Gründen sein Gutachten abgegeben zu haben. Jude da, Jude dort! Nur die österreichische Judenschaft glaubt noch immer, beruhigt sein zu können. Sie hält es mit ihrem christlichen Landsmann, dem Steinklopfer-Hans und seinem stereotypen Sprüchlein: „Es kann uns nichts geschehe n!" Wir wollen keine Schwarzmaler sein. Die traurigen Geschehnisse der diesjährigen Feiertage sollen uns sicher nicht zu allzu trüben Aspekten veranlassen. Aber was wir verlangen können und verlangen müssen, ist gewappnet zu sein für die Stunde der Gefahr, die kommen kann und deren bedrohliche Art uns gerade die diesjährigen trüben Feiertage bewiesen haben werden. Oskar Hirschfeld. Einejudlsdie Hörnersdialfand Deflians- Yereln bestellt Yom 1. Oktober d. J. einen Beamten. Derselbe hat die Arbeit eines Sekretärs zn besorgen, die Bfldier und die laufende Korrespondenz zu fuhren nnd den täglichen Partelenferkehr zn eriediaen.Stenograpble-undnasfflinsdirelbkenntnlsse erwünsdil. strengste religiöse Lebensführung ist unbedingte Toranssetzung. Bewerber wollen Ihre Gesudie mitdenoeiegenllberAiter,ronililenstond nnd Befähigung ehestens an die Redaktion d. Dl. unter ..sekreffirstelle'* senden. Die Hätte des Friedens. Israel, das Volk der Hoffnung, feiert das Fest der Hoffnung. Nicht in steinernen Mietskasernen, nicht in mehrstöckigen Wohnbauten aus Eisen und Beton, wahrhaften Menschenkäfigen, wie sie jetzt allenthalben erbaut werden, sondern in laubgeschmückten Hütten aus Holz feiert Israel das Fest der Hoffnung; denn dort, wo die Trostlosigkeit des großstädtischen Massenelends sich in engen kahlen Räumen zusammendrängt, wo kalte Mauern aus Stein und Erz jede Regung zur Lebenslust und Lebensfreude ersticken, da kann die zarte Pflanze der Hoffnung nur schwer gedeihen; wo aber grünes Laub luftige Hütten bedeckt, wo Sonne, Mond und Sterne zwischen frischen Zweigen und Blättern hindurchleuchten, wo Pflanzen und Früchte, lebendige Symbole der ewig sich erneuernden Natur, den Menschen, über welchen sich bei Tag das blaue Himmelszelt wölbt und bei Nacht das sternenbesäte Firmament, seine Verbundenheit mit dem All, dem ewig Werdenden und Unvergänglichen, bekunden, da quillt aus freudvollen, naturverbundenen, ewigkeitsdurchtränkten Herzen jener köstliche Balsam für alle Bedrängten und Notleidenden: die Hoffnung. Und Israel ist in der Tat das Volk der Hoffnung! Wie hätte es auch ohne Hoffnung bei all dem Furchtbaren, das ihm im Laufe seiner jahrtausendalten Geschichte widerfahren ist, sich aufrechterhalten und mächtige Völker und Reiche überleben können? Nichts vermochte Israel zu entmutigen, keine noch so schweren Versuchungen und Schicksalsschläge waren imstande, es an seiner Zukunft irr zu machen, ihm den Glauben und die Hoffnung zu rauben, jene Hoffnung vor allem, welche, seit Jahrtausenden in der Seele Israels schlummernd, am Tage des Laubhüttenfestes lebendig wird und welche die Propheten in dem Wunsche zusammengefaßt haben: „Der Ewige möge ausspannen die Hütte des Friedens über Israel und Jerusalem." Aber auch nicht In prunkvollen Schlössern, glänzenden Palästen oder vornehm eingerichteten Gebäuden, wie es die Wohnungen der Peuilteton Lujo Brentano. Im Alter von fast 87 Jahren ist jüngst Lujo Brentano, der Altmeister der deutschen Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte, gestorben. Mit ihm verliert die deutsche Wissenschaft einen führenden Geist, das politische Leben eine stets zum Eingreifen und Richtungweisen bereite, unermüdliche Tatkraft. Mit ihm verlieren auch die deutschen Juden einen Wortführer der Gerechtigkeit, den sein tiefer Einblick in die Zusammenhänge des geschichtlichen Werdens zu einer Zerstörung judenfeindlicher Vorurteile hervorragend befähigte. Das jüdische Problem fand Brentano vor allem in seinen wirtschaftsgeschichtlichen Studien vor. In seinen Vorlesungen über „Das Wirtschaftsleben der antiken Welt"1) befindet sich auch ein Abschnitt über altjüdische Wirtschaftsverhältnisse, in dem er die Grundlagen der Behauptung vom „kapitalistischen Geist der Juden" eingehend durchforscht und die Behauptung selbst, soweit sie den kapitalistischen Geist als eine jüdische Eigentümlichkeit hinstellt, ad absurdum führt Aber nicht nur theoretische Lehrmeinungen, die in der Stille des Studierzimmers zum Leben erwachten, regten Brentano zum Widerspruch an, wenn sie der Wahrheit widersprachen; er stand viel zu sehr mitten im Tageskampf der öffentlichen Meinung, als daß er zu der lärmenden Judenhetze der Nachkriegszeit hätte schweigen können. In der „Neuen Freien Presse" schrieb er 1923 über den „Juden- Ii a ß". Der Aufsatz wurde später vom Berliner Philo-Verlag zur Veröffentlichung erworben, um der Stimme des großen gelehrten Führers auch in weiteren Kreisen Gehör zu schaffen.8) Es *) Bei Gustav Fischer, Jena. 1929. *) Brentano: „Der Judenhaß". Mit einem Vorwort von Rabbiner Dr. M. Eschelbacher. Düsseldorf. Philo-Verlag. Berlin 1924. zeigte sich, daß Brentano keineswegs ein unbedingter Fürsprecher der Juden war. Nach ehrlichster Ueberzeugung verteilt er Licht und Schatten. Aber wie er auch hier schon insbesondere der Sombartschen Lehre vom „jüdischen Kapitalismus" entgegentritt, wie er die Judengegnerschaft der feudalen Schichten in Deutschland aus dem Ressentiment der gestürzten Herrenklasse aufschlußreich erklärt, so findet er vor allem Worte tiefer Entrüstung gegen den politischen Antisemitismus in Deutschland. Weil sein Ruf ans deutsche Volk heute noch und heute wieder hörenswert ist, weil er klingt wie für das Jetzt geschrieben und weil wir hoffen, daß dem toten Führer die Achtung nicht versagt wird, die über die Mahnungen des Lebenden zum Schaden der Allgemeinheit hinweggeschritten ist, deshalb geben wir den Schlußabschnitt seiner Ausführungen wieder: . . . „Noch entsinne ich mich aus meiner Jugend, wie begeistert Philipp Veit, der Enkel von Moses Mendelssohn, einer der Erneuerer der christlichen Kunst, von seiner Teilnahme an den Befreiungskriegen erzählte, in denen er sich das Eiserne Kreuz erwarb. Unvergessen sollten die Tausende bleiben, die im Kriege von 1870/71 und im Weltkriege für Deutschland gefallen sind; und welche Verdienste um die deutsche Einheit haben sich nicht die Juden Gabriel Riesser, Martin Eduard Simson, Eduard Lasker erworben! Wäre nicht ohne Walther Rathenau, der blindwütigem Judenhasse erlegen ist, im letzten Kriege das deutsche Volk schon nach wenigen Monaten seinen Feinden preisgegeben gewesen! Nein, nicht Erweiterung der Spaltungen im deutschen Volk tut uns not. Das Fremdtun innerhalb desselben muß aufhören, wenn es wieder aufkommen soll. Das kann aber weder durch Versuche, die Rassenreinheit herzustellen, die notwendig scheitern müssen, erreicht werden, noch etwa, indem man einen Teil der intelligentesten Bevölkerung Deutschlands zu dessen Feinden macht, indem man etwa, dem früher russischen, jetzt ungarischen und polnischen Beispiel folgend, einen Numerus clausus für jüdische Studenten an den Universitäten oder für jüdische Professoren auf deren Lehrstühlen einführt. Was uns nottut, ist Einheit des Fühlens und Denkens. Sie kann nicht erreicht werden, indem wir dem Beispiel in der Kultur rückständiger Völker, sondern dem derjenigen folgen, deren Stärke es ist, daß sie durch gerechte Behandlung der in ihrer Mitte wohnenden Juden ihre gesamte Bevölkerung in eine einheitlich fühlende Nation verschmolzen haben. In England ist Disraeli nicht der einzige jüdische Minister geblieben; dort hat man einen Juden sogar zum Vizekönig von Indien gemacht. In Frankreich finden wir seit der großen Revolution Juden vielfach tonangebend in Gesellschaft und Politik. In den Vereinigten Staaten ist ihr Einfluß außerordentlich groß, und für Italien ist nichts bezeichnender, als daß bei der Feier der Gründung der Stadt Rom sowohl deren Bürgermeister als auch der Premierminister Juden gewesen sind. In Deutschland dagegen hat die in den letzten Dezennien aufgekommene Antisemitenbewegung wesentlich dazu beigetragen, jene deutschfeindliche Stimmung hervorzurufen, unter der wir zur Zeit, da der Krieg ausbrach, so sehr gelitten haben und welche noch heute die westlichen Völker mit Mißtrauen auf das deutsche Volk blicken läßt. Man sah darin einen Beleg, daß die spezifisch deutsche Kultur, von der in Deutschland die Rede war, in nichts anderem als Gewaltverherrlichung-bestehe. Sie hat zur prinzipiellen Verurteilung des deutschen Geistes als des Feindes der Gleichberechtigung der Menschen und aller friedlichen Kultur mächtig beigetragen. Es ist nicht daran zu denken, daß die westlichen Völker zum Wiederaufbau des Deutschtums die Hand reichen, solange man in diesem die Inkarnation von Gewalttätigkeit gegen andere Völker erblickt. Aber auch die zum Wiederaufbau des Deutschtums unerläßliche Einheit setzt eine solche Verschmelzung der deutschen Juden mit der übrigen deutschen Bevölkerung voraus, wie sie in den westlichen Ländern erfolgt ist. Das restlose Aufgehen der Juden in der deutschen Bevölkerung ist die einzig mögliche Lösung der Judenfrage. Sie aber hat das Aufhören des Judenhasses und dieser das Erlöschen der antisemitischen Bewegung zur Voraussetzung." E. R.-j.

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