Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1931-09-25 · Heft 39 (25.9.1931) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 39 (25.9.1931)
Date
1931-09-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064453-3064490--18540-3083581
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Preis dieser Nummer 50 Groschen Jüdische DI« Wahrheit Ersdieint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der israelitischen Kultusgemeinde Wien m Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLV11. Jahrgang Wien, 25. September 1931 Nummer 39 Trübe Feiertage, Rausch haschonoh und Jomkippur, die höchsten jüdischen Feiertage sind vorüber. In allen Synagogen der Welt — sogar aus Moskau, dem Hauptsitz der russischen antireligiösen Propaganda, berichtet der Draht von überfüllten Gotteshäusern — beteten Juden aus inbrünstigem Herzen um Frieden für Israel, Frieden für die Menschheit. Frieden für die Menschheit! Seit dem Ende des blutigen Völkerringens gab es wohl keine Zeit, in der das Menschengeschlecht in solchem Unfrieden lag wie in diesen unseren Tagen. Gewiß, die Waffen des Kampfes schweigen, wenn auch in fernstem Osten wieder Kanonendonner zu vernehmen ist, aber eine andere Beunruhigung hat sich der Welt bemächtigt, die Unruhe des Zusammenbruches der Weltwirtschaft. Seit Wochen ist die Welt erfüllt von neuen Krisennachrichten, denn die Wirtschaftskrise macht nicht Halt bei den Besiegten, sie ergreift auch die Siegerstaaten, und wohl die niederschmetterndste Meldung aus dem Tollhaus der europäischen Wirtschaft war" jene, die uns gerade am Jomkippur erreichte, die nämlich, daß die älteste und angesehenste der europäischen Notenbanken, die Bank von England, nicht mehr in der Lage sei, für den Pfund das entsprechende Goldquantum zu bezahlen, sondern sich vorbehalte, dieses Quantum je nach ihren Kräften zu modifizieren. Damit hat die wirtschaftliche Erschütterung einen Höhepunkt erreicht, der es jedem einsichtigen europäischen Staatsmann als Gewissenspflicht auferlegt, nationale Bindungen fallen zu lassen und durch gemeinsame Arbeit mit den verantwortlichen Lenkern der anderen bedrohten Staaten einem Uebel beikommen zu helfen, das nicht auf das eine oder andere Land beschränkt ist, sondern — tritt man ihm nicht ehestens mit aller Energie entgegen — alle Welt und die gesamte Wirtschaft zu vernichten droht. So stehen heute die Dinge und es kann festgestellt werden, daß die ihrer Pflichten wirklich bewußten Staatsmänner sich durch Konferenzen aller Art wenigstens einigermaßen bemühen, der tristen Situation durch einiges Zusammenwirken Herr zu werden. In Europa, insbesondere aber in Mitteleuropa, gibt es nun gewisse Politiker, die, zwar nicht durch Volkes Stimme zur Leitung des Staates berufen, aber in selbstherrlichem Machtdünkel sich zu dieser Leitung berufen glauben und in ihrem Machtwahn alles unternehmen, um die Unruhe Europas nicht nur nicht abflauen zu lassen, sondern im Gegenteil an diesem Brandherde ihr eigenes Süppchen kochen möchten. Oesterreich hat am zweiten Rausch haschonoh-Tage ein solches Prachtexemplar staatsmännischer Weisheit an der „Arbeit" gesehen, die glücklicherweise nicht einmal einen ganzen Tag lang dauerte. Pf r im er, der Putsch- Advokat aus Judenburg, ist ein Rebell echt österreichischer Färbung und auch seine Rebellion trug diese matte Tünche. Deshalb hat auch, so politisch unangenehm die Folgen im Ausland, namentlich in .Genf gewesen sein mögen, seine Putscherei in Oesterreich selbst nicht gerade beunruhigend gewirkt. Das österreichische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit wußte, daß das obersteirische Experiment Verbrechen und Irrsinn sei und begrüßte die Entschlossenheit, mit der schon im Anfangsstadium diesem mittelalterlichen Spuke ein Ende bereitet wurde. Auch die österreichischen Juden verband mit ihren vernünftigen christlichen Mitbürgern das Gefühl der Verachtung über diese provinziellen Unruhestifter und die Nachricht über das vollständige Mißlingen ihrer „Volkserhebung" hat in jüdischen Kreisen restlose Befriedigung ausgelöst. Wir verhehlen nicht, daß mit diesem Aufatmen die Befreiung von einer Spannung verbunden war, die nun einmal mit den glorreichen Namen der Rassenantisemiten Pfrimer und Starhemberg verbunden ist. Noch zu gut klingen in unseren Ohren die blutrünstigen Hetzreden dieser mehr oder minder hohen Herren, gehalten selbst zu Zeiten, als ihre Berufung zu verantwortlichen Staatsämtern ihnen mehr Mäßigung und Zurückhaltung auferlegt hätte. Und als gar bekannt wurde, daß der Putsch mit Hitler, dem diese Herrschaften bedenklich nahestehen, vorbesprochen war, der jedoch den momentanen Zeitpunkt „nicht für geeignet" fand, da wußte man, wessen man sich von diesen Leuten, wären sie wirklich zur „Macht im Staate", die sie ergreifen wollten, gelangt, zu versehen hätte. Das Abrücken der österreichischen Nationalsozialisten von ihnen — jetzt, nach Tische, auch durch öffentliche Anschläge bekundet — täuscht uns nicht darüber, in welch schwerer Gefahr das österreichische Judentum am zweiten Rausch haschonoh-Tage schwebte, darf uns aber auch nicht darüber täuschen, daß die Gefahr der Heimwehr vielleicht für die nächste Zukunft gebannt sein mag, daß uns aber vielleicht früher, als wir ahnen, Gefahren drohen, denen wir nur durch mannhaftes Zusammenstehen im eigenen Lager begegnen können. Die Berliner Ereignisse am Vorabend des zweiten Rausch haschonoh-Tages bilden auch für uns österreichische Juden ein deutliches Memento. Gewiß, die österreichischen Hakenkreuzler sind noch nicht so weit wie ihre deutschen Gesinnungsgenossen. Sie haben sich damit begnügt, uns als Feiertagsgruß in ihrem Schmähblatte „Der Kampfruf" ein Inserat zu bescheren, das die Aufforderung an die Wiener Hitlerianer enthielt, die der Feiertage wegen geschlossenen jüdischen Geschäfte der nationalsozialistischen Propaganda- Abteilung bekannt zu geben, da diese Anschriften „für spätere Zwecke von Wert" sind. Merkt Ihr was? Man hat versucht, gegen diesen Unfug einzuschreiten, das bornierte österreichische Preßgesetz machte dieses Einschreiten unmöglich. Die Berliner Hakenkreuzler hatten es nicht nötig, sich erst durch ihre Propaganda-Abteilung jüdische Anschriften bekanntgeben zu lassen, sie wußten, wo die Juden an einem ihrer heiligsten Tage zu treffen sind, und nur ein bei dieser Bande ganz verwunderlicher Mangel in der Organisation bewirkte es, daß sie die Juden nicht in jenen Massen antrafen, in denen die noch immer in gewaltiger Ueberzahl befindlichen Helden sie niederzuschlagen erhofften. Die Nachforschungen haben ergeben, daß die pogromartigen Exzesse tatsächlich bis ins geringste Detail von der wiederholt ruhmreich bewährten S. A.-Organisation „durchdacht" waren und wer weiß, welch unangenehme Folgen die ganz unglaubliche Schlappheit in bezug auf den Zeitpunkt des Synagogensturms noch unter den S. A.-Leuten zeitigen wird. Wir Aviederholen, der österreichische und der deutsche Nationalsozialismus sind in - ihren faktischen Auswirkungen heute sicherlich nicht miteinander zu vergleichen. Diese Unmöglichkeit eines Vergleiches im jetzigen Zeitpunkt darf uns aber nicht verkennen lassen, daß die Methoden hüben und drüben ganz die gleichen sind, insbesondere eine Propagandamethode, vor deren Gefährlichkeit in diesen, Blättern oft genug gewarnt worden ist. Während in Deutschland gemeine V o 1 k s a u fw i e g 1 e r ruhig aufzutreten wagen, die mit niederträchtigen Verleumdungen zum Pogrom aufreizen, besorgt dies in etwas versteckterer Form, aber für jedermann deutlich genug, in Oesterreich hauptsächlich die nationalsozialistische Presse. Und wie heute in Berlin nun alle Welt erkennt, daß die langgesäte Giftsaat aufgehen mußte, so müßte auch in Oesterreich rechtzeitig die Erkenntnis durchdringen, daß hier gleiche Giftsaat gesät wird, vielleicht nicht so offen, aber mindestens ebenso intensiv. Ist es nötig, in diesen Blättern Worte des Abscheus zu sprechen über das, was sich am Vorabend des zweiten Rausch haschonoh-Tages in Berlin ereignet hat? Wir glauben nicht. Die an anderer Stelle gegebene Schilderung dieser „Vorübung zum Pogrom" spricht für sich selbst. Es ist auch müßig, Gedanken darüber anzustellen, daß diese Entmenschten bei ihrem empörenden Werke keinen Augenblick bedachten, daß sie sich gegen Frauen und Männer vergehen, die eines ihrer höchsten religiösen Feste feiern. Keine Sekunde zögerten sie, wehrlose junge Schüler niederzuschlagen, keine Scham fühlten sie darüber, daß sie selbst in gefahrloser Ueberzahl einzelne anfielen. Mit tiefer Erschütterung lesen wir in einem Berliner jüdischen Blatte den Bericht eines alten Mannes, der sich vor den Rasenden in ein Auto flüchten mußte, um in seine Wohnung zu fahren, und so zum erstenmal in seinem Leben das jüdische Religionsgesetz übertrat... Nur eine Gegenüberstellung sei noch in diesem Zusammenhange vorgenommen, die Gegenüberstellung zweier Dokumente, von denen das eine ein Kulturdokument, das andere das Dokument der Unkultur einer Generation ist, deren Väter man einst als „Volk der Dichter und Denker" in aller Welt verherrlichte! Mitglieder und Freunde der „Union" aberfragen Lebens- und Elemenlar- Versidiernngen der Sfädllsdien Versicherungsanstalt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.