Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Schulwerk in Palästina und in den Ländern des Nahen Ostens, die Organisierung der Auswandererfürsorge in Deutschland, die Durchführung großzügiger Hilfsaktionen anläßlich der Pogrome in Rußland und Rumänien, bei Naturkatastrophen, während der Balkankriege 1912/13 und insbesondere im Weltkriege, ein weitverzweigtes Hilfswerk für die jüdische Jugend, vom Säuglingsalter angefangen bis zu erfolgter beruflicher Ausbildung — all das sind wichtige Teile der Arbeit des Hilfsvereins, mit der Dr. James Simon aufs engste verwachsen war und ist Während des Weltkrieges unternahm er Reisen nach Stätten, wo die jüdischen Massen infolge der Kriegsoperationen besonders litten. Er bereiste Gebiete, die von der deutschen Armee okkupiert waren, um sich an Ort und Stelle persönlich über die Lage der jüdischen Einwohnerschaft zu informieren. Es wurden dadurch wertvolle Grundlagen für die Hilfsarb'eät gewonnen. Dr. Simon stellte sich stets zur Verfügung, wo.es galt, für die verfolgten Juden in osteuropäischen Ländern einzutreten — sei es durch Interventionen bei hohen Behörden. Auswärtigem Amt, Ministerien usw., sei es durch Fühlungnahme mit einflußreichen jüdischen Persönlichkeiten und Organisationen auch außerhalb Deutschlands. Von besonderer Wichtigkeit war es auch für den Hilfsverein, daß Dr. James Simon dem Conseil der Jewish Colonisation Association angehörte und an deren großen Arbeiten stets lebhaften Anteil nahm. Er ist mit den großen Problemen, weiche die jüdische soziale Hiifsarbeit in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen sucht innig vertraut und bringt ihnen ungemindertes Interesse entgegen. In der letzten Jahresversammlung des Hilfsvereines der Deutschen Juden, in der ein Ueberblick über sein dreißigjähriges Wirken gegeben wurde, hat Herr Max M. W a r b u r g, Hamburg, der Verehrung für Dr. James Simon als Präsidenten des Hilfsvereines der Deutschen Juden durch die Worte Ausdruck gegeben: Eines Ihrer Herzenskinder zu unserem und vieler Menschen Glück war und ist: der Hilfsverein der Deutschen Juden. Die deutschen Orientologen und Archäologen ehren James Simon. Aus Stambul wird berichtet: James Simon wird zu seinem 80. Geburtstag eine seltene Ehrung erfahren. Verehrer des verdienten Mannes haben der Deutschen Orientgesellschaft und dem Deutschen Archäologischen Institut die Mittel für eine „James Simon- Grabung" zur Verfügung gestellt Die Grabung wird bei dem anatolischen Ort Boghazköi, der Stätte von Hatti, der einstigen Hettiterhauptstadt. vorgenommen. Direktor Schede, der Leiter der Stambuler Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, hat sich zur Eröffnung der Arbeiten nach Boghazköi begeben. Die Grabung, deren Zweck die Nachprüfung der Ergebnisse früherer Grabungen ist wird von dem schon in Aegypten bewährten Prähistoriker Dr. Bittel geleitet. „James Simon-Stiftung" des Hilisvereins. Anläßlich des 80. Geburtstages von Dr. James Simon wird eine „James Simon-Stiftung" beim Hilfsverein der Deutschen Juden geschaffen, für die bisher zunächst von einer Anzahl dem Hilfsverein und Dr. James Simon besonders nahe stehender Persönlichkeiten sowie von Organisationen namhafte Beiträge gezeichnet worden sind. Wird England helfen? Ein frommer Wunsch. Der Londoner E. M. S.-Korrespondent des „Neuen Wiener Journals" hatte kürzlich Gelegenheit zu einem Gespräche mit Israel Cohen, dem Generalsekretär der Jewish Agency, über die Wirtschaftsdepression in Palästina. Trotz aller Vorsicht, mit der sich Cohen in diesem Interview äußerte, ist doch aus allen seinen Ausführungen, die im folgenden auszugsweise wiedergegeben werden, die Besorgnis über die prekäre Situation, insbesondere die nun auch in Palästina steigende Arbeitslosigkeit herauszulesen. Israel Cohen sagte unter anderem: Noch sind alle Forderungen der Jewish Agency von der englischen Regierung nicht erfüllt worden, wenn uns auch seit dem Erscheinen des bekannten Weißbuches viele Zugeständnisse gemacht wurden. So hoffen wir auch weiterhin auf die Erfüllung aller Wünsche, die von einer vitalen Notwendigkeit ist, da ansonsten die wirtschaftliche Lage weiterhin verschlechtert und das mit vielen Opfern zustande gekommene Aufbauwerk erschüttert würde. Da bei dem Baseler Kongreß die meisten Meinungsverschiedenheiten ausgeglichen werden konnten (?), kann die gemeinsame Arbeit jetzt mit vollstem Nachdruck und mit der Unterstützung aller Zionisten weitergeführt werden. Diese Kooperation ist um so wichtiger, als die wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina von der Weltdepression nicht unberührt geblieben sind und die Arbeitslosigkeit ständig wächst. Diese Feststellung soll nicht pessimistisch klingen, denn wir sind fest davon überzeugt, daß es mit Hilfe der Einsicht der englischen Regierung und der Zusammenarbeit aller in Frage kommenden Faktoren gelingen wird, dieser gefährlichen Erscheinung im palästinensischen Wirtschaftsleben, die bisher eigentlich noch nie besonders auffällig zu verzeichnen war, entgegenzutreten. Die Arbeitslosenziffer ist seit dem Sommer 1929 auf das Doppelte gestiegen und beträgt heute über 1500, was für Palästina eine erhebliche Zahl darstellt. Hierzu kommt noch die etwa ein Drittel betragende Zahl der Arbeitslosen in den Kolonien, die aber ständig wechselt, da dort nur periodischer Arbeitsmangel auftritt . . . Wichtige Verhandlungen wurden mit der Mandatarregierung gepflogen, die noch immer den Hauptarbeitsgeber darstellt. Wir haben es uns immer angelegen sein lassen, die Beteiligung der jüdischen Arbeiter bei der Ausführung von öffentlichen Bauten zu erwirken und erhoffen diesbezüglich eine zustimmende Antwort der Regierung, daß die Zahl der beschäftigten Juden gesteigert werden soll. Dieser Forderung hat auch Dr. Weizmann in seinem Antwortschreiben auf das Weißbuch Ausdruck verliehen, der Erfolg ist aber noch nicht vollkommen zufriedenstellend. Es wurden nur 150 jüdische Arbeiter im Gegensatz zu mehr als 2000 Arabern zu den Bauten herangezogen. Aus einer diesbezüglichen Revision erhofft man sich einen wertvollen Einfluß auf die Bekämpfung der Erwerbslosigkeit, die auch in der mangelnden privaten Bautätigkeit, die infolge verminderter Kapitalzufuhr diminuiert werden mußte, ihre Ursache hat. In der privaten Industrie sind ungefähr sechstausend Arbeiter beschäftigt, obwohl seit den Unruhen die industrielle Tätigkeit stark zurückgegangen ist Inzwischen sind jedoch keine Anstrengungen unterlassen worden, um die durch die temporäre Boykottbewegung entstandenen Schwierigkeiten zu bekämpfen. Die englische Regierung hat aber bisher noch nicht die effektive Bedeutung' der jüdischen Industrieunternehmungen anerkannt ..... Wie man also sieht, kann man mit unnachgiebiger Selbsthilfe (Englands? D. Red.) über die schwersten Hindernisse* die durch die allgemeine . Krise aufgetürmt wurden, hinweglavieren. Um eine völlige Konsolidierung der Verhältnisse zu garantieren und allen Schwierigkeiten beizukommen, Hgglenisdies KönlösliclH Seit vielen Jahren das anerkannt beste M^-notM Man achte auf die ges. gesch. Mark« uMyglen. Königslicht" und Name Schul* Fabrik und Büro: IWIen XIV., Braunhlrschengassse 3 Telephon R 33-1-87 Den allgemeinen Wünschen des konsumierenden Publikums Rechnung tragend, wird unter der Bezeichnung „Hygienisches Königslicht" Nummer 2 ein kleines Jahrzeitlicht in den Verkehr gebracht, das garantiert 24 Stunden brennt und sich im Preise bedeutend billiger als das bisherige Nr. 1 stellt. GROSSFLEISCHHAUEREI flfGM. KORNMEHL UraaBMMBMHBiaaMMBBaMBMBaaaaSMHBBMHBaaHB WIEN IX., BERGGASSE NR. ig FILIALE i XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-349 and A 164-34 Lieferant für Heilanstalten ÄbteilungemürKoscherfleisch unter Aufsicht des ehr«. Rabbfnatas der Ist*. Kultasgemeinde W«n. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen bedarf es allerdings der ausreichenden Hilfe der Regierung, die uns bis jetzt noch nicht in dem Maße zuteil wurde, als es den Engländern ohne die geringste Schädigung ihrer Interessen möglich gewesen wäre. Die Juden bemühen sich durch enge Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung der Krise Herr zu werden und sind, so weit es in ihrer Macht liegt, auch erfolgreich gewesen. Es liegt an der Mandatarmacht, alles noch Fehlende beizutragen, um ein im steten Aufbau begriffenes Land in seinem Kampfe gegen die Ungunst der wirtschaftlichen Lage werktätig zu fördern. Die Lage der marokkanisdien Juden. Vor kurzem befand sich der frühere Präsident der französischen Republik. Doumergue. auf einer Inspektionsreise durch Französisch-M arokko. Aus diesem Anlaß beschäftigte sich die französische und marokkanische Oeffentlichkeit. ebenso die französisch-jüdische Presse lebhaft mit der Frage der Naturalisierung der marokkanischen Juden. Bekanntlich leben in Französisch-Marokko etwa 120.000 jüdische Familien. Sie besitzen die bürgerliche Gleichberechtigung erst seit 1912. dem Jahre, in welchem Frankreich das Protektorat für Marokko übernahm. Bis dahin war es den Juden verboten, Stiefel zu tragen, andere ,als schwarze Kleider anzulegen und zu reiten. Die sogenannten Mellahs. die Judenväertel, wurden noch bis zum Jahre 1920 nachts geschlossen, Juden durften sich dann nicht außerhalb des Ghettos aufhalten: Dadurch, daß die französische Regierung alle diese Bestimmungen fallen ließ, erwarb sie sich die Sympathien der Juden, forderte aber gleichzeitig den Widerspruch der Araber heraus. Hierdurch gerieten die marokkanischen Juden in eine Ausnahmsstellung, die sie von den Mauren isolierte und immer mehr zu den Franzosen tendieren ließ. Auf der einen Seite herrscht für sie noch die zwangsmäßige Kompetenz der rabbinischen Gerichte, es sind ihnen gewisse Beschränkungen hinsichtlich ihrer Freizügigkeit auferlegt, auf der anderen Seite aber fühlen sich die Juden den Arabern gegenüber als bevorzugte, den Europäern näherstehende Bürger. Um dem rechtlich zweideutigen Zustand ein Ende zu machen und die endgültige äußere Europäisierung durchzuführen, bemühen sich die jüdischen Gemeindevertretungen in Marokko zusammen mit französisch-jüdischen Organisationen um die Naturalisierung aller marokkanischen Juden. Sie soll, nach den Wünschen der „Chunta". der jüdischen Gemeindeorganisation, durch ein Dekret vorgenommen werden, das erklärt, alle bisher nur als Juden gekennzeichneten Bürger werden automatisch Franzosen. In einem Interview, das der Generalbevollmächtigte des französischen Residenten in Marokko. M. Urbain Blan, gewährte, wurde diese Frage eingehend besprochen. M. Blan erklärte, daß er persönlich die Zeit für ein solches Regierungsdekret noch nicht für gekommen halte. Die Majorität der Juden wohne noch unter den fürchterlichsten hygienischen und kulturellen Bedingungen in den Jahrhunderte alten Höfen der Ghetti. Sie besäßen kaum eine andere als eine jüdische Bildung, und wenn auch die Alliance Israelite Universelle Vorzügliches zur Hebung des Zivilisations-Standards leiste, so reichen doch ihre Mittel zu einer vollkommenen Umformung der Judenstädte in Europäerstädte nicht aus. Unter solchen Umständen könnten die Juden nur, auf ihren verbrieften Bürgerrechten fußend, deren schrittweise Erweiterung fordern, müßten aber einsehen, daß es für eine Kollektivnaturalisation noch zu früh sei. Solange die Mellahs noch so aussehen wie heute, schloß der Vertreter des Residenten die Unterredung, ist an ein Dekret nicht zu denken. Bemerkenswert sind die Argumente, die der Pascha von Fez, Ibn-Idris, über die gleichen Fragen geltend machte. Er sagte, dem geltenden Rechte nach seien die Juden Untertanen des Sultans, und die französische Emanzipationserklärung von 1912 habe nur mit dessen Einverständnis erlassen werden können. Mit ihr seien die Juden aber nicht etwa freie Bürger, sondern, gleich den Mauren, dem Sultan unterstehende Marokkaner geworden. Daß Frankreich neue Auslegungen des Begriffes „Protektorat über Marokko" geschaffen hat. ändere an der Sach-