Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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<H£ WAtiRHEn Seite 7 Ein schöner Anfang. Die Jugend-Union, die Jugendgruppe dar „Union österreichischer Juden", hat die Herbst- und Wintersaison bereits am Dienstag, den 1. d. M., mit einem durchaus gelungenen Propaganda-Abend eröffnet. Der schöne Zusammenhalt, der zwischen den stets zahlreicher werdenden Mitgliedern und Freunden dieser rührigen Gruppe selbst während der Sommermonate bestand, in denen die Vereinigung sich lediglich sportlich und gesellig betätigte, hat die Leitung der Gruppe veranlaßt, die Saison schon zu einer Zeit zu beginnen, da sonst im Wiener jüdischen Vereinsleben noch ziemliche Ruhe herrscht. Der schöne Verlauf des Propaganda-Abends, der bereits im neuen Klublokal der Vereinigung (Cafe City, IX., Porzellangasse 1) stattfand, hat dem Entschluß der Jugendgruppe recht gegeben. Die Veranstaltung war, trotz des schönen Wetters und der noch andauernden Urlaubszeit, ganz ausgezeichnet besucht; neben den zahlreich erschienenen Mitgliedern, die sich freuten, daß die Jugend-Union ihre im Frühjahre so rasch beliebt gewordenen Abende wieder aufgenommen hat, fand sich eine stattliche Anzahl von Vertretern des Zentralvorstandes der „Union" ein. Obmann Oskar Hirschfeld eröffnete die Versammlung mit einer herzlichen Begrüßungsansprache, in der er Ziel und Zweck der Jugend- Union klarlegte. Nach ihm sprachen Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n, Vizepräsident Dr. J. T i c h o, der Leiter der kulturellen Sektion der Jugendgruppe, stud. jur. Max Mark, dessen interessantes Referat wir an anderer Stelle der heutigen Nummer wiedergeben, Obermedizinalrat Doktor H. Haase, Vizepräsident Dr. K. Steiner und Dr. E. Feldsberg. Die Redner, die alle den Zweck verfolgten, für die Ideen der „Union" Propaganda zu machen, betonten insbesondere die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der österreichisch-jüdischen Jugend zum gemeinsamen Kampfe gegen den äußeren Feind und zur Hebung des stolzen inneren Bewußtseins, ein jüdischer Oesterreicher zu sein. Die begeisternden Ansprachen wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen und zahlreiche Neuanmeldungen waren der Erfolg dieses vielversprechenden Eröffnungs- Abends der Jugend-Union. — Auch der gesellige Eröffnungs-Abend, der gleichfalls im Klublokal des Cafe City am Samstag, den 5. d. M., stattfand, darf als durchaus gelungen bezeichnet werden. Die Vergnügungssektion der Jugendgruppe, insbesondere ihr rühriger Obmann Siegfried M a u n e r, der auch eine zündende Begrüßungsansprache hielt, hatte alle Vorbereitungen getroffen, um diesen Abend zu einem durchschlagenden Erfolg zu gestalten. Tatsächlich unterhielt sich das zahlreiche Publikum zu den Klängen einer guten Jazz vorzüglich; auch die künstlerischen Vorträge wurden mit viel Beifall aufgenommen. Allenthalben wurde der Wunsch nach recht oftmaliger Wiederholung dieser geselligen Abende geäußert, deren nächster Sonntag, den 27. d. M„ 8 Uhr abends im Klublokal des Cafe City stattfindet. Die politisch-kulturellen Abende der Jugendgruppe werden inzwischen jeden Dienstag ebendort fortgesetzt; am 8. d. M hielt Amtsleiter Rosenfeld ein überaus fesselndes Referat über „Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung Wiens'\ auf das wir noch zurückkommen. Am 15. September, '/>9 Uhr abends, spricht Regierungsrat Dr. Max Lenk über Seipel, Buresch oder Renner? Der deutsche Kronprinz über die Judenfrage. Gelegentlich meiner diesjährigen kurzen Ferien traf ich in Mondsee mit Freunden zusammen, die von den Salzburger Festspielen an den See gekommen waren, um der Aufführung von „Jedermann" in oberösterreichischer Mundart im Schlosse des Grafen Almeida beJzuwohnen. Es war am 26. August, da wir über den Kirchenplatz schlenderten, als plötzlich der deutsche Kronprinz vor uns stand und einen meiner Begleiter, den er von dessen Tätigkeit als Kriegsberichterstatter kannte, aufs freundschaftäüchste begrüßte. Die beiden Herren kamen bald ins Gespräch und schritten durch die schattige Kastarrienallee dem See zu, als ich durch die Gattin meines Freundes die Aufforderung erhielt, mich dem Kronprinzen vorzustellen. „Wir sprachen gerade über die Judenfrage", sagte mein Freund, der Schriftsteller Dr. Otto König, „und da will ich dich Seiner Kaiserlichen Hoheit vorstellen, damit er einmal Gelegenheit hat, einen glaubenstreuen Juden kennenzulernen und seine politische Einstellung zu erfahren." Der Kronprinz wandte sich dann mir zu und sagte, „daß er die politische Orientierung der Mehrzahl der Juden, insbesondere der deutschen Juden, nicht biffige." „Seien Sie überzeugt, Herr Doktor," fuhr er fort, „daß ich vollkommen vorurteilslos bin, daß ich viele Juden zu meinen persönlichen Freunden zähle, aber die Mehrzahl Ihrer Glaubensgenossen steht sich in einen bewußten Gegensatz zur deutschen Sache." Kronprinz Wilhelm wies darauf hin, daß Prof. Max Reinhardt schon in der schweren Krise des Jahres 1917 ein Stück wie Büchners „Dantons Tod" zur Aufführung brachte und daß dde Piscatorbühne ausgesprochen antideutsche Stücke mit kommunistischen Tendenzen zur Vorführung brachte; die Zuschauer seien größtenteils Juden gewesen. Der verderbliche wirtschaftliche Einfluß der Juden in den Umsturztagen sei nicht bloß von Rußland her bekannt. In meiner eingehenden Entgegnung wies ich darauf hin. daß der Kronprinz den Einfluß eines Theaterstückes, und zu dem noch eines Dramas von historischem Interesse, selbst in krisenhaften Zeiten überschätze, wenngleich ich seine Ansicht teile, daß es damals vielleicht zweckmäßiger gewesen wäre, politisch farblose Dramen aufzuführen. Leider sei die Zeit, in der die Bühne eine Eterarische Anstalt war. dahin, und die Kunst, die nach Brot geht, muß sich wohl oder übel wenigstens teilweise dem Geschmack der Massen anpassen. Was die angeblich verderbliche wirtschaftliche Betätigung der Juden anbelangt, so bemerkte ich. daß insbesondere der Judenschaft die Weltgeschichte das Weltgericht bedeutete. Man habe den Juden Jahrhunderte hindurch den Erwerb von Grund und Boden untersagt, die Aufnahme in die Zünfte und Innungen unmöglich gemacht und sie auf den Handel, auf Geldgeschäfte beschränkt. Das Geld, das der mittelalterliche deutsche Jude besaß, war zugleich Bürge dieser Kammerknechte, zugleich auch die Ursache des Judenhasses und die Kroßen Schuldner der Juden hatten es leicht, durch die Erwirkung von zeitweisen Ausweisungsbefehlen sich von ihren Gläubigern zu befreien. So hat jahrhundertalte Unterdrückung insbesondere die Juden des Ostens in ihrer Berufswahl beschränkt und die freie Entfaltung BilanzabscMflssc nnd StcncrtcKcnndiissc Neaanlagen, tteflsloneo, Badinäditräge sowie SteoereriedlguDgeD jeder Art übernimmt ÜtetlßStilliür DIR. GÜSTAU HOLUM Büro für Buchhaltung, Bilanz und Steuerberatiuuj . TaborsivaOe «2 Telephon R 45-3-30 Kronprinz Wilhelm war meinen Ausführungen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt, versicherte, daß er persönlich den Zusammenschluß aller Staats- und heimatstreuen Elemente aufs wärmste begrüße und wiederholte insbesondere, daß ihm persönlich jede Voreingenommenheit Andersgläubigen gegenüber völlig wesensfremd sei. Die Abendsonne umgoklete den See mit ihren letzten Strahlen, als der Kronprinz uns die Hand zum Abschded gab. Wir standen noch lange im Banne dieses liebenswürdigen Mannes, der uns Gelegenheit gab zu offener Aussprache über beklagenswerte Irrtümer in der Beurteilung meiner Glaubensbrüder. Mögen meine Worte, vom Herzen kommend, im Herzen des Fürsten eine gute Statt finden! Dr. Felix Taenzer. ihrer wirtschaftlichen Kräfte eingeengt. Nun kam der Krieg. Schon in den ersten Monaten war Polen, Galizien und die Bukowina zum Kriegsschauplatz geworden. Allenthalben flammten jüdische Anwesen und Niederlassungen auf und die judischen Flüchtlinge kamen größtenteils .in tiefstem Elend in das Reichsinnere. Hier hatten sie die Wahl, entweder mit ihren Familien zu verhungern oder aber Handel zu treiben; sie wählten das letztere. Wäre die Organisation des Handelsverkehres mit den notwendigen Bedarfsartikeln vorausschauend und vorsichtig durchgeführt worden, so wäre für den ehrlichen Handel ein hinlängliches Betätigungsfeld übriggeblieben; da die Hals über Kopf zum Gesetz erhobenen Kriegsverordnungen aber den Handel lähmten, ohne auch nur die bescheidenste Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigen Bedarfsartikeln des täglichen Lebens zu gewährleisten, waren dem sogenannten Schleichhandel Tür und Tor geöffnet, den Juden in kleinem und bescheidenem Ausmaß, die anderen hingegen in größtem Stil betrieben. Was die politische Einstellung der Juden in den Umsturztagen, insbesondere in Rußland, anbelangt, so sei darauf hinzuweisen, daß die große Masse der Bevölkerung vom zaristischen Regime in dumpfer Unwissenheit gehalten wurde und die Befreiung des gepeinigten Volkes von jüdischen Führern besorgt wurde, die aber zugleich indem Zeltpunkt, da sie zur Macht gelangt waren, ihre Glaubensgenossen verleugnet und jede Zugehörigkeit zu ihrem Volke in Abrede zu stellen suchten. Daß die Juden das System der Sowjets grundsätzlich ablehnen, kann daraus geschlossen werden, daß diese die religiöse Erziehung der jüdischen Jugend unterbinden und es so der jüdischen Bevölkerung unmöglich machen, ihre Kinder im heiligen Glauben der Väter zu erziehen. „Betrachten Sie nur. Kaiserliche Hoheit." schloß ich, „die politische Lage der jüdischen Intelligenz in Oesterreich. Wir sind im Kaisertum in Mittelschulen erzogen, im Kaisertum an Universitäten herangebildet worden und haben als Offiziere durch vier harte Kriegsiahre im Dienste für Kaiser und Reich gestanden. Dann kam der Zusammenbruch: ein Teil von uns lehnte ein Zusammengehen mit den sozialistischen Parteien ab; durch das antisemitische Programm der bürgerlichen Parteien war uns aber jede staatsbürgerliche Betätigung unmöglich gemacht worden. Wir sind unfreier, als wir es je in der Monarchie gewesen sind, da wir nach der damaligen Verfassung die Möglichkeit hatten, einen Abgeordneten unserer Wahl aufzustellen, um ihn mit der Vertretung unserer Interessen zu betrauen, während wir heute auf Grund des geltenden Wahlrechtes an jene Mandatswerber gebunden sind, die uns die großen Parteien präsentierea Wir österreichischen und deutsche Juden lieben unser Vaterland zumindest ebenso wie unsere anderen Mitbürger, obgleich dieses deutsche Vaterland in Ansehung der Juden Liebt und Schatten nicht in gleicher Weise verteilt. Sehern Sie in uns in erster Linie den Menschen und fragen Sie erst •in zweiter Linie danach, an was wir glauben und wie wir beten. Sie werden alsbald zur Ueberzeugung gelangen, daß meine jüdäschen Mitbürger ihre Heimat ebenso innig Dr. h. c. James Simon — 80 Jahre. Am 17. September 1931 vollendet Dr. phil. h. c. James Siiinon, der weit über Deutschland hinaus bekannte und verehrte Wirtschaftsmann, Mäzen und Philanthrop, sein 8Ü. Lebensjahr. Mit dem Namen James Simon ist ein wichtiger Teil der Geschichte des deutschen Judentums verknüpft, aber auch in die Geschicke großer Teile der Judenheit in anderen Ländern hat er als Mitbegründer und als jahrzehntelanger Präsident des HiEsvereins der Deutschen Juden wohltätig eingegriffen. James Simon wurde 1851 in Berlin geboren. Ais Chef der weltbekannten Baumwollfirma Gebrüder Simon in Berlin spielte er eine führende Rolle im deutschen Wirtschaftsleben, war jahrelang Vizepräsident der Handelskammer Berlin und Mitglied des Reichsbankdirektoriums. Er gilt als einer der feinsinnigsten Kunstkenner und Kunstsammlcr und hat als Mäzen großen Einfluß auf die Gestaltung des Museumswesens ausgeübt. Die Berliner Museen haben ihm eine große Bereicherung ihres Besitzes zu verdanken. So schenkte er dem Kaiser-Friedrich-Museum seine Sammlung italienischer Renaissancebildcr, Bronzen, Medaillen. Münzen usw.. die in einem eigenen „James Simon-Saale" untergebracht sind, und seine Sammlung deutscher Holzskulpturen und Gobelins. James Simon war Mitbegründer der Deutschen Orientgesellschaft (1898) und beteiligte sich in starkem Ausmaße an der Finanzierung der Ausgrabungen in Mesopotamien (Babylon 1898 bis 1912. Assur 1902—1914). Palästina (Jericho. Synagogen in Galiläa) und Aegypten (Abusir bei Kairo. Abusir-el Meneq und el-Ama/rna 1908—1914). Kleinasien (Boghazköi). Noch bevor James Simon 1901 mit Eugen Landau und Paul Nathan den Hiifsverein der Deutschen Juden begründete, betätigte er sich in hervorragender Weise auf dem Gebiete der jüdischen Wohlfahrtspflege, begründete und unterstützte er eine Reihe sozialer Institutionen. Er war einer der Gründer des Technikums in Haifa. Bis Ende 1929 gehörte er dem Rat der Jewish Colonisation Association (JCA) in Paris an. James Simon und der Hiifsverein. In dem sich weit erstreckenden sozialen Wirkungskreis von Dr. James Simon hat der Hiifsverein der Deutschen Juden seit seiner Begründung einen besonders hervorragenden Platz eingenommen. Als der Hüfsverein im Jahre 1901 geschaffen wurde, konnten die Persönlichkeiten, die mit Dr. James Simon zu seinen Begründern gehörten, darauf hinweisen, daß, während in Frankreich. England und anderen Ländern seit Jahrzehnten repräsentative jüdische Körperschaften bestünden, die eine systematische soziale und kulturelle Hilfsarbeit für die unter politischem Druck und wirtschaftlicher Not leidenden jüdischen Massen in Osteuropa und im Orient leisteten, in Deutschland eine derartige Organisation nicht vorhanden sei. Unter der Leitung von Dr. James Simon und seinen nächsten Freunden und Mitarbeitern — es seien nur Dr. Paul Nathan. Eugen Landau. Carl Leopold Netter. Rabbiner Dr. M. Horovitz. Dr. H. Hildesheimer. Geh. Justizrat Timendorfer angeführt — hat sich der Hilfsverein der Deutschen Juden drei Jahrzehnte hindurch in Zeiten größter politischer Erschütterungen und ökonomischer Umwälzungen in weitem Ausmaße betätigt und wurde ein maßgebender Faktor sehen Hilfswerk. g e s a m t j ü d i- Iieben und für dieselbe zu leiden bereit sind, andern." wie alle Kurze Zeit nach der Begründung des Hilfsvereines übernahm Dr. Simon den Vorsitz in demselben. In langjähriger Zusammenarbeit mit dem verewigten Paul Nathan hat er den Hiifsverein zu einer Organisation ausgebaut, die in engster Verbindung mit großen Körperschaften wie Jewish Colonisation Association. American Jewish Committeei. Joint Foreign Committee, Alliance Israelit« Universelle stehend, stets aktionsbereit war und in Osteuropa und im Orient eine vielseitige Tätigkeit entfaltet hat.