Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Ich bin stolz darauf, Jude zu sein. Interview mit Max Reinhardt Originalbericht von Job Paäl. Salzburg, Anfang September 1931. Die Lakaien sind alle in Livree gekleidet. Unter ihren Kniehosen tragen sie seidene Strümpfe, welche zu den Lackschlüpfern sehr gut passen, sie halten den antiken Kandelaber hoch, die Flammen der dünnen Kerzen flackern. Die schweren Türen des alten Waffensaales des einstigen Erzbischofs zu Salzburg im Schloß Leopoldskron gehen auf, in den prunkvollen venezianischen Lustern brennen kleine Flammen, irgendwo aus dem Versteck erklingen leise Töne und mit majestätischen Schritten schleicht die Hoheit in den Saal. Prinzipessa Maria Jose di Piemonte. Man sieht ihr deutlich an, daß ihre Ahnen schon lange die Krone trugen. Ihr Vater: König von Belgien. Und wenn es der liebe Gott so will, wie Millionen von Menschen, so wird sie einst auf dem Throne von Italien sitzen. Sie reicht ihre beiden feinen Hände demjenigen, der zu ihrer Begrüßung herbeieilt, ihr Gesicht leuchtet vor Freude, daß sie herkommen konnte, und in der wunderbaren Sprache der Toscaner sagt sie klingend: „Cher professor, ich bin außerordentlich glücklich, daß ich Sie in Ihrem Heim begrüßen darf." Die Gäste nehmen Platz an dem großen Tisch und die Lakaien servieren das Diner in den alten Goldschüsseln der einstigen Erzbischöfe. Professor Reinhardt ist der Gastgeber und die italienische Kronprinzessin ist sein Gast. # * * „Mein Vater ist in einem kleinen Dorf in der Slowakei geboren, und ich bin auch nach Stomfa, jetzt Stupava,' zuständig. Mein Vater hieß Wilhelm Goldmann, in seinem kleinen Laden verkaufte er Bänder und Schleifen. Ich leugne es nie ab, daß ich f r ii h e r Q o 1 dmann geheißen habe, als kleines Kind war ich der Maxi Coldmann. Ich bin stolz darauf, daS ich ein Jude bin, und ich schäme mich nicht, daß ich an einem Tage im Jahre, am Tage der Versöhnung, mit Seele und Herz bei Gott bin und den ganzen Tag faste. Meine Großeltern sind am alten jüdischen Friedhof in Stupava begraben, mein Vater ruht auf dem jüdischen Friedhof in Berlin, und wenn ich vor den großen Feiertagen die Grabstätten meiner Lieben besuche, fühle ich doppelt, daß ich von jenem Volk stamme, welches die Kultur der Menschheit schenkte", — sagte mir Professor Reinhardt an einem schönen, mondhellen Augustabend im herrlichen Garten des Wunderschlosses Leopoldskron. Und der schönste Platz des katholischen Salzburg trägt den Namen des großen Regisseurs. Der Platz vor dem Festspielhause und hinter dem Dom heißt jetzt „Max Reinhardt-Platz" und im großen Vestibüle des Festspielhauses steht die lebensgroße Büste des Meisters, wenige Schritte vom alten Dom entfernt, in unmittelbarer Nähe des Platzes, dort, wo alle Nationen der Welt begeistert der Vorstellung des größten Wunderschauspieles, „Jedermann", huldigen. Wenn der Professor in der alten Stadt ankommt, wo die Zahlen 1227 und 1380 an den alten Häusern nicht selten sind, so ist der Erzbischof immer der Erste, der ihm die Aufwartung macht. Der Erzbischof von Salzburg begrüßt den Mann, der seine Residenz groß und weltberühmt gemacht hat. * * * Nur der Traum von Menschen voller Romantik und die Genialität Reinhardts konnten das Wunder ins Leben rufen, welches Schloß Leopoldskron genannt wird. Dies ist ein alter Barockbau, Graf Firnian, der nicht Erzbischof zu Salzburg, sondern auch deutsch-römischer Fürst war, hat dieses Schloß im Jahre 1736 erbauen lassen. i L franzcBsftad g Grand-Restauration „Fürstenhof' *TO3 streng orthodoxe Küche iTO SIMON RAAB Bis 90. September geöffnet! Mit aller Pracht und Herrlichkeit, welche es nur geben kann, schmückte der edle Bischof seine Residenz. Und diese Pracht und Herrlichkeit vervielfachte Professor Reinhardt. Wenn er auf seinen Reisen in der Welt etwas besonders Herrliches fand, brachte er es nach Leopoldskron. Grub man in Sizilien eine alte Bacchusstatue aus, fand man in Florenz ein prunkvolles Bett der Borglüas, kam in Syrien ein Brunnen ans Tageslicht: all dies wurde nach Leopoldskron gebracht. Der Park ist ein lyrisches Gedicht. Es gibt aber keinen Dichter, der ihn beschreiben könnte. Ich versuche mit Worten auszudrücken, was ich an einem Tage dort gesehen habe. Kleine Inseln ruhen inmitten des Sees, im Hintergrunde leuchtet der Schnee auf den hohen Gipfeln. Silberne Blätter der Trauerweide weinen am Ufer des Wassers, am Spiegel des Sees schwimmen gelbe, grüne und weiße Blüten der Seerose. Weiße Schwäne sitzen majestätisch daneben, Pelikane und Flamingos, Papageien, Pinguine, Phönixe und exotische Tiere aller Arten treiben sich zwischen den Blumen und Bäumen herum, die unser Auge nie sah. Eine majestätische Stille und Ruhe herrscht überall. Hier kann der Meister träumen und schaffen. In den engen Alleen vereinigen sich hoch oben die Aeste über unseren Häuptern, wir sehen nichs anderes, als wunderschöne Fayencefiguren und kleine intime Lauben, dann breitet sich der Park aus, wir kommen zu einer Wiese, welche halbkreisförmig von lauter Lauben umgeben ist, hier hat Professor Reinhardt die schönste Bühne der Welt erschaffen. Hier wird nur für den privaten Kreis des Regisseurs gespielt, und es wird nur Shakespeare vorgetragen. Der Hintergrund: das schönste Panorama, welches man sich nur vorstellen kann. Das kann man nicht malen. Das Vestibüle: Ein Barocktraum. Seidene Sofas aus Venedig und goldene Tragbahren in den Ecken, die Erzbischöfe 'von Salzburg wurden in ihnen getragen. Alte, herrliche Teppiche belegen den Fußboden und in der Mitte des Saales steht ein alter Kamin. Russische, deutsche und schwedische Prunkschlitten stehen an den Wänden. Nirgends, nicht im Schlosse, nicht im Park kann man elektrisches Licht sehen. Ueberall brennen nur Kerzen. So wie im Jahre 1736 ... * * * Professor Reinhardt hat zwei intime Freunde. Beide sind Juden. Franz M o 1 n a r, der berühmte Schriftsteller, und Max Mär ton, der bekannte Theatermann von Budapest. Mit Herrn Märton kam ich im Cafe Bazar zusammen. Er war glücklich, als ich ihn gebeten habe, er möge mir etwas vom Juden Reinhardt erzählen. Er sagte mir folgendes: „Reinhardt ist die Type des guten jüdischen Menschen. Im Anfang seines Lebens hat er viel kämpfen müssen, als es ihm aber schon besser ging, war seine erste Pflicht, für seine Familie zu sorgen. Seinen Vater brachte er nach Berlin in sein Haus, im Upfergraben 7, und erlaubte ihm nicht, daß er arbeite. Er sorgte für alle Mitglieder seiner Familie. Ich war mit dem alten Goldmann auch sehr gut befreundet, und wenn ich nach Berlin kam, besuchte ich immer den alten Herrn. Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich zu Pessach in Berlin war, hat mich der alte Herr zum Sederabend eingeladen. Reinhardt hatte zufälligerweise eine Premiere, er ging aber nicht ins Theater, sondern sagte den Manisch-Tano am Sederabend." * * * Im vornehmen Hotel zu Salzburg herrscht große Aufregung. Der .mächtige Herrscher von Indien, der Maharadscha von Kapurtale wird erwartet. Er kommt mit einem separaten Zug aus Paris an . . . Der Zug ist schon da, zwei Minister, fünf Sekretäre, sechzehn Diener und hundert- Badezimmer- Einrichtet ngen Modernste Ausführung — Zahlungserleichterung — Kostenüberschläge gratis „Elphora", I., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 siebzig Koffer folgen dem Fürsten. Seine Majestät ist eine vornehme Erscheinung, er reicht seine Hand dem Hoteldirektor, der eine Verbeugung vor ihm bis zur Erde macht. Seine ersten Worte lauten: „Bitte, telephonieren Sie an Herrn Professor Reinhardt und fragen Sie an, wann er mich empfängt." Der Hoteleigentümer eilt selbst zum Telephon, und der Fürst wartet ruhig auf die Antwort. Es wird ihm gemeldet: „Der Herr Professor fühlt sich sehr geehrt, daß er Ihre Hoheit begrüßen kann, bedauert aber, Ihnen heute nicht zur Verfügung stehen zu können. Morgen nachmittags, um 5 Uhr 20 Minuten, sieht er Sie gerne bei einer Tasse Tee in seinem Schloß zu Leopoldskron . . ." Und der Maharadscha von Kapurtale ging am anderen Tage ins Schloß, welches schon mehr Fürsten und Könige sah, als der Königspalast in London. . . . Reinhardt aber arbeitet weiter. Und seine Gedanken schweben manchmal nach dem kleinen slowakischen Dorf Stupava, wo seine Großeltern begraben sind . . . * * * Stupava. Bevor ich diesen Bericht geschrieben habe, mußte ich auch Stupava besuchen. Ein kleines Dorf, mit kotigen Straßen in der Slowakei. Einige Kilometer von dem weltberühmten Kurorte Pistyan entfernt Welch großer Unterschied. Hier: die mondänen Hotels, das vornehme internationale Publikum, Kellner im Frack, der Jazz im Thermia-Palace spielt beim Fife o'clock die modernsten Schlager, und dort: alte verfallene Häuser lehnen aneinander, abends um sieben Uhr kein Leben mehr in den Gassen. Ich suche den kleinen Laden des Moritz Kohn auf, da kann sich aber niemand mehr an die Familien Goldmann erinnern. Nur soviel weiß man: „Professor Reinhardt ist nach Stupapa zuständig und die hiesige Kultusgemeinde kann ihm viel danken. Er ist uns gegenüber sehr wohltätig. Vielleicht der Herr Rabbiner kann mehr erzählen." Neben der kleinen Synagoge wohnt der Rabbiner, Herr Moritz Herzog. Er ist jetzt sehr beschäftigt. Morgen beginnen die Schulen und der neue Lehrer ist heute nachmittags angekommen. Er weiß vieles, leider hat er aber jetzt keine Zeit. Wie es sich dann später herausstellte, will er auch darum nicht sprechen, weil er selbst beabsichtigt, eine Biographie über Reinhardt zu schreiben. Er sammelte die Daten zu seinem Werke zwanzig Jahre hindurch und will diese selbstredend allein bearbeiten. Er sagt: „Reinhardt selbst ist nicht hier geboren, sondern in Baden bei Wien, er ist aber nach Stupava zuständig, hier sind seine Großeltern begraben, hier heiratete sein Vater die Rose Wengraf aus Brünn, ich habe den Heiratsbrief bei mir aufgehoben, und ich habe den Professor öfters begrüßt, als er die Grabsteine seiner Großeltern besuchte. Er ist ein guter Jude. Ich weiß viel davon. Das werde ich aber selbst schreiben." * * * In Berlin besitzt er sieben Theater, in Wien gehört ihm das Josefstädter Theater, New York, London, Riga, Stockholm, Budapest bewerben sich alle um Reinhardts Gunst. Und er träumt jetzt am Rande des stillen Sees in seinem Schloße zu Leopoldskron. Die ersten Kuriere des Herbstes sind schon da, die Abende sind von Tag zu Tag kühler, bald ist der Tag hier, wo wir schon in zeitlichen Morgenstunden die Bänke des Tempels aufsuchen. Prof. Reinhardt wird auch in den Tempel gehen. Denn er ist ein Jude und ist auch stolz darauf... 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