Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 37-38 (11.9.1931)
- Date
- 1931-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Städtische Vcrsichciunasanstalt niiiaiigi..............i.......liiiiiiiiifüi, ii!ii?[iun[i!iM[ii!iiinsnsiimiini![iuuiU3 Direktion: Wien I., Tuchlauben |Nr. S Telephon U27~5^-40 Alle Vcftichciunqiszweiqc I In memoriam Dr. Alfred Stern | Gedenkrede *) anläßlich seines 100. Geburtstages, gehalten vom Vizepräsidenten Dr. J. O r n s t e i n. (Schluß.) Und nun werden wir uns mit der dem Judentum katexoehen gewidmeten Tätigkeit Dr. Sterns befassen. Dr. Alfred Stern, der in sich die Fähigkeit und den Drang fühlte, sich an die Seite seiner verfolgten Glaubensgenossen zu stellen, fand seinen naturgemäßen Platz in dem großen jüdischen Schutzverein der „Israelitischen Allianz" in Wien, dessen Vorstand er durch 35 Jahre angehörte. Schließlich wurde er Präsident der Allianz. Hier sollte er sehr, bald ein reiches Feld seiner Betätigung finden. Ende der Siebzigerjahre wurde die ganze fühlende Welt durch die blutigen Pogrome inKischinew in Schrecken versetzt Zu Tausenden flohen die Juden unter Zurücklassung ihrer Habe über die galizisch-russische Grenze, nur um das nackte Leben vor der mordgierigen Meute zu retten. Dr. Stern eilte sofort nach Brody. Es war ein merkwürdiger Zufall, daß er schon damals im Hause des Rabbiners Chajes in Brody dessen sechsjährigen Sohn kennen lernte, den. er nach vier Jahrzehnten als Oberrabbiner nach Wien berufen sollte. Dem Dr. Stern verdanken wir, daß die gehetzten und gejagten Juden nicht bettelnd von Ort zu Ort ziehen mußten, um durch ihre Erscheinung dem Antisemitismus neue Nahrung zu bieten, sondern daß sie in den damals noch gastfreundlichen Vereinigten Staaten eine neue Heimat und eine neue Existenz fanden. Mit derselben Begeisterung trat er für die verfolgten Juden in Rumänien in Wort und Schrift ein. Aber um diese Juden Rumäniens erwarb er sich ein noch größeres Verdienst Als unsere siegreichen Heere Rumänien nötigten, um Friedensschluß zu bitten, eilte er mit Dr. Hammerschlag und .dem mährischen Landtagsabgeordneten Ritter von Gomperz zum damaligen Minister des Auswärtigen Graf Burian, um von ihm mannhaft und energisch zu fordern, daß die österreichischen Unterhändler beauftragt werden, als Bedingung des Friedensschlusses die volle, durch die Verfassung verbürgte Gleichberechtigung für die rumänischen Juden zu fordern. Und so verdanken zum großen Teile diesem Eintreten des Dr. Stern die rumänischen Juden das kostbare Gut der gesetzlichen Gleichberechtigung. Dr. Stern gehörte auch dem Vorstande des Komitees zum Schutze der Juden des Ostens an, welches sich im Kriege gebildet hat Es ist mir aus persönlicher Wahrnehmung, insbesondere aus den wiederholten Mitteilungen eines Mitgliedes dieses Komitees bekannt wie Tastlos und unermüdlich Dr. Stern der ihm durch die Mitgliedschaft in diesem Komitee übertragene Aufgabe, den Juden im Osten Schutz und Verteidigung zu bieten, oblag. In den letzten Lebenswochen hat er noch, als nach dem Umstürze entmenschte Horden in Lemberg Pogrome entfachten, eine große Hilfsaktion für die Opfer derselben veranstaltet. Das Bild wäre nicht vollkommen, wenn wir nicht auch seiner Tätigkeit gedenken würden, als er in den beiden großen Ritualmordprozessen Hilsner und B e i 1 i s die Juden der Welt, vor allem aber Wiens aufrief zum flammenden Protest gegen die Schmach, die dem Judentum widerfuhr, gegen die Niedertracht der Verleumdungen und Beschimpfungen. In zwei unter seinem Vorsitz stattfindenden mächtigen Versammlungen im Musikvereinssaale forderte Dr. Stern in zündenden Worten Gerechtigkeit und schrie das Unrecht gegen das Judentum mächtig in die Welt hinaus. Nun meine verehrten Anwesenden, lassen Sie mich über Dr. Stern in der Stellung, welche uns insbesondere als Mitglieder der Kultusgemeinde zur immerwährenden Dankbarkeit verpflichtet sprechen. 1888 in den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde berufen, gehörte er demselben bis 5. November 1918 an, an welchem Tage er freiwillig den Abschied nahm. 1898 wurde er zum Vizepräsidenten berufen und am 10. April 1904 zum Präsidenten gewählt, welche Stelle er bis zum Austritte inne hatte. Dr. Stern fand bald nach seinem Eintritt in den Kultusvorstand als Obmann der Rechtssektion reiche Arbeit. Innerhalb einer Zeit von kaum zwei Jahren vollzogen sich nämlich zwei Ereignisse, welche von größter Tragweite für den Bestand der Kultusgemeinde und für ihre Betätigung geworden sind. Im März 1890 wurde im Reichsgesetzblatte Nr. 57 das Gesetz zur Regelung *) Siehe Nummer 36 der „Wahrheit" vom 4. September 1931. der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgenossenschaft, kurz das Judengesetz, veröffentlicht. An alle Gemeinden trat nun die gesetzliche Verpflichtung heran, ihr Statut entsprechend den Vorschriften dieses Gesetzes zu ändern. In Wien trat auch noch ein zweites wichtiges Ereignis hinzu, die Einverleibung der Vorortegemeinden in die damals bestehende Stadtgemeinde Wien, welche die Vereinigung der Vorortekultusgemeinden mit der damals bestehenden Wiener Kultusgemeinde nach sich zog. Dr. Stern war vom ersten Augenblicke an der leitende Geist dieser wichtigen und schwierigen Arbeit bei welcher er sich insbesondere von zwei großen Gesichtspunkten leiten ließ. Wir finden seine Leitsätze zum größten Teile in dem von ihm selbst verfaßten Motivenbericht zum Statute der Kultusgemeinde. Der erste Punkt war der Grundlage der Einheitlichkeit der Gemeinde. Dr. Stern sagte: Dem einheitlichen jüdischen Volke, dessen Einheitlichkeit trotz des Vorhandenseins mannigfacher Verschiedenheiten in den Formen der Religionsübung und auch in ihrer Lebensführung bestehen bleibt kann nur eine einheitliche Gemeinde entsprechen. Er hat in zähen Verhandlungen dieses Prinzip zu verwirklichen versucht indem er nach den verschiedenen Richtungen des Wiener Judentums Entgegenkommen gewährte und die divergierenden Anschauungen auszugleichen bemüht war. Es ist ihm dieses Werk gelungen. Einer der Redner, welche an seiner Bahre von ihm Abschied genommen haben, und zwär der vor kurzem verstorbene Rektor der israelitischen theologischen Lehranstalt in deren Kuratorium Dr. Stern als Vorsitzenderstellvertreter fungierte, Herr Hofrat Dr. Schwarz, hat an seinem Sarge ihn gepriesen, daß er die Einheitlichkeit der Gemeinde in dem Statute feststellte, denn nur eine einheitliche Gemeinde und nur das ungeteilte Volk Israels kann der Fahnenträger des einig-einzigen Gottes sein. Dr. Stern war auch Initiator und Begründer des „Allgemeinen österreichisch-israelitischen Gemeindebundes", eine Schöpfung, die allerdings durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie, weil jeder Grundlage beraubt, ein Ende gefunden hat. In seiner Rede am 5. November 1918, in welcher Dr. Stern vor dem Kultusvorstande Abschied nahm, hob er mit Recht hervor, daß es ihm zum größten Stolze gereiche, an der Einigkeit und Einheitlichkeit der Gemeinde mitgearbeitet und sie während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit im Vorstande und als Präsident erhalten zu haben. Und weiters sollte die Gemeinde jenen Zielen dienen, welche unsere Weisen als die Grundlage der Weltordnung, nämlich tneft TtbläXl TtTBS »TTITI der Lehre der Jugend, dem Dienste Gottes und den frommen Werken, und ihre ganze Tätigkeit und Führung sollte Träger sein von drei Idealen Dlbwi pl flÖK . von Wahrheit Recht und Frieden. Er forderte im Motivenbericht, daß keine einzige Bestimmung des Statutes mit diesen Leitgrundsätzen im Widerspruch stehen dürfe. Das waren Grundsätze, wie sie nur einem von den ethischen Forderungen unserer Religion durchdrungenen Herzen entspringen konnten. Dr. Markus Spitzer, Präsident der Chewra Kadischa, sagt an seiner Bahre: „Er war von tiefer Religiosität erfüllt besuchte bis in das späte Alter das Gotteshaus, und unser biblisches Schrifttum bot Ihm nach des Tages Mühen Erquickung und Verjüngung". Zu jedem Sabbate bereitete er sich nach einer Mitteilung des Hofrates Dr. Schwarz durch die Lektüre der Wochensidra vor. Auch in seinem Privatleben war er erfüllt von der Pflicht. Gemilath Chassudim zu üben. Deshalb betätigte er sich auch im Vorstande des Waisenhilfsvereines, sowie als Präsident der Chewra Kadischa. Von seinen wohltätigen Spenden sind insbesonders hervorzuheben die Betätigung im Siechenhause, welche er auf seinen und den Namen seines von ihm überaus geliebten vorverstorbenen Bruders Julius Stern stiftete und welche Stiftung seinen Namen für immerwährende Zeiten mit diesem unseren Siechenhause verbinden wird. Wenn man von diesen zwei großen Prinzipien, welche unserer Gemeinde für immer ihre Wege weisen, spricht so wäre es nahezu überflüssig, von manchen in der täglichen Verwaltung der Gemeinde geleisteten Arbeiten zu sprechen. Wir wollen nur zwei große Aktionen hervorheben, daß Dr. Stern durch die schwierigen Verhandlungen, welche zur Erwerbung der für unseren Friedhof beim 4. Tor notwendigen Grundstücke rührten, der Schöpier dieses unseres Friedhofes wurde, und es soll in diesem Zusammenhange nicht unerwähnt bleiben, daß er immer bemüht war, den konfessionellen Charakter des Friedhofes zu erhalten und jedes fremde Element von ihm ferne zu halten. Es ist ihm gleichfalls durch vielfache Verhandlungen mit dem Hoiärar gelungen, den Grund für das aus dem Legate Spitzberger zu erbauende K i nd e r s p i t a 1 zu erwerben. Der Krieg und die Inflation haben die Erbauung dieses Spitales vereitelt Aber es ist doch gelungen, auf diesem Grundstücke das Kinderambulatorium zu errichten, welches zum Segen für die Armen und nicht nur für die jüdischen Kinder, besonders der ärmsten des II. und XX. Bezirkes geworden ist und die Kinderbaracken anzulegen, in welchen alljährlich zahlreiche tuberkulös verdächtige jüdische Kinder der dauernden Gesundung zugeführt werden. Am 5. November 1918 nahm Dr. Alfred Stern in einer Rede ven dem versammelten Kultusvorstande Abschied, in welcher er einen Rückblick auf seine Tätigkeit warf und feststellte, daß die Wiener Kultusgemeinde ein Ansehen genieße wie keine zweite. Er hat nicht erwähnt daß die Gemeinde das ihm (Dr. Stern) verdankt Wir alle aber wissen es, daß er die Kultusgemeinde auf eine so hohe Stufe gehoben hat Am 13. November 1918 wurde er zum Ehrenpräsidenten ernannt. Die Gemeinde hat dadurch nicht nur ihn, sondern noch mehr sich selbst geehrt Hofrat Dr. Schwarz sagte in seiner Trauerrede: „Er war ein Ehrenpräsident, das heißt ein Präsident der Ehre, weil er die Ehre der Gemeinde und die Ehre seines Volkes über alles gestellt hat!" Kaum drei Wochen, nachdem er Abschied genommen hatte, hat er seine Augen für immer geschlossen. Wir dürfen sagen, daß in seinem schon lange kranken und siechen Körper das Lebenslicht so lange leuchtete, so lange dieses durch die unermüdliche Arbeit für seine Gemeinde immer neue Nahrung, gewissermaßen Brennstoff erhielt Er erlosch, als er diese Arbeit, die ihm Lebensinhalt geworden war, nicht mehr leisten konnte. Am 1. Dezember 1918 starb Dr. Stern im Alter von 87 Jahren. Am 4. Dezember 1918 haben wir ihn zu Grabe getragen. Dr. Chajes widmete ihm als Oberrabbiner den Nachruf. Die Worte von diesem als Redner so hervorragenden Manne gehören wohl zu den schönsten, die wir je von ihm gehört und gelesen haben. Er sagte: „Dr. Stern war der Präsident schlechtweg!" Er verglich geistvoll das Gottesgnadentum der Monarchie, das durch den Sturm der Empörung verweht wurde, mit dem Gottesgnadentum der Persönlichkeit Von einem solchen Gottesgnadentum sei die Persönlichkeit des Dr. Alfred Stern gewesen. Aber noch bedeutender sind die den Sprecher selbst so ehrenden Worte, mit welchen er ritterlich vor dem dahingeschiedenen politischen Gegner die Fahne senkte: „Die ehrlichen Gegner müssen es ihm zugestehen, daß er das ganze lange Leben hindurch von seiner frühesten Jugend an ein aufrechter Jude gewesen ist, daß er mit Stolz auf die Vergangenheit und mit Vertrauen in die Zukunft seines Stammes geblickt hat" Und wenn wir sein Leben überblicken, so dürfen wir von ihm die Worte sprechen, die wir in wenigen Tagen am Versöhnungstage in der wundervollen Hafthora im sozialpolitischen Credo unseres größten Propheten Jesaias lesen: "^TMä B^flT Entziehe dich nicht deinem Fleische, deinem Volke! Und dieses Mahnwort dürfte während des ganzen Lebens in der Brust Dr. Sterns erklungen sein, er hat sich nie seinem Volke entzogen. Die Geschichte ist die Lehrmeisterin des Lebens, sie lehrt durch das Vorbild großer, bedeutender Menschen. Wenn wir, seine Nachfahren, sein leuchtendes Vorbild vor Augen, nicht ermüden und nicht rasten werden in der Arbeit für das Judentum, wenn wir immer bereit sind zum Schutze für unser Volk mannhaft und opferbereit einzutreten, wenn wir die Jugend erfüllen werden mit dem Stolz, der durch die Kenntnis unserer so großen Geschichte und durch das Wissen der unvergänglichen ethischen Schätze unserer Heiligen Schriften begründet wird, dann dürfen wir unbesorgt sein, wenn unsere Zeit gekommen sein wird, unsere Arbeit in ihre Hände übergeben, dann dürfen wir von dem Gotte Israels, von seinem Hüter, erhoffen und erbitten, daß sich an uns erfüllen mögen die Worte, die wir unseren teuren Dahingeschiedenen nachrufen: TSPSh pTX ""DT Das Angedenken dieses wahrhaft Gerechten soll uns zum Segen gereichen, es soll uns kräftigen und stählen zu nimmermüder Opferwilligkeit und Arbeit für das Judenrum, es soll uns festigen in der nimmer versiegenden, nimmer erlöschenden Liebe zu unserem Volke, zum Heile und zum Segen für unsere altehrwürdige große Gemeinde, die uns überdauern möge bis ans Ende aller Tage, zum Segen und zum Heile für unser gesamtes, heiß und innig geliebtes Volk Israel. VODNEflflE FAflUIEV- PENSION izwm&&' m täglich 5-Uhr-Tee SErMEMNG j TELEPHON 11 [Hochstraße 45 neben Hotel Panhans Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts , Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser i m jedem Zimmer.; Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein. Besitzer fei-^=-H