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Die Wahrheit · 1931-09-11 · Heft 37-38 (11.9.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 37-38 (11.9.1931)
Date
1931-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Lederhandschuhfabrik JosefTjasCmger h, Rotenfurmsfraße 23 Telephon U 25-3-29 * IL, Hollandsfraße 11 Telephon A 47-2-40 ein Hauch zu ihnen hinüber: „Und doch seid auch Ihr Juden". Nicht als Haß, als Verachtung und Verleumdung von außen kommt diese Erinnerung an die Gemeinschaft all derer, die von jüdischen Müttern geboren wurden; nein, aus dem innersten Wesen des jüdischen Menschen steigt, wenn die großen Herbstfeiertage kommen, das Bewußtsein der jüdischen Gemeinschaft, der Verbundenheit mit einem großen Schicksal und einer großen Sendung auf. Das ist mehr, als es bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein hat. Aber es genügt nicht. Es ist nicht genug, wenn dem feierlichen Beginn sogleich wieder das große Nichts folgt, Wenn zwischen Auftakt und Auftakt das leere Sich-mcht-Erinnern steht. Das ganze Jahr hindurch braucht das Judentum seine Söhne und Töchter. Mehr als zu manchen anderen Zeiten braucht gerade jetzt dös Judentum seine Kinder, weil es in seinem Kernpunkt — in seinem hohen ethischen Gehalt — von verleumderischen Feindien angegriffen und1 in den Staub gezogen wird. Und mehr als in früheren Jahrhunderten, in denen die Verleumdung sich noch krasser heranwagte, braucht das Judentum jetzt seine Anhänger, weil es von innen her zu zerfallen droht — weil seine jüngsten Kinder — unsere Kinder, unsere jungen Menschen, nicht mehr vfiel von seinem tatsächlichen Gehalt wissen, oder in eine falsche Stellung zu ihm gedrängt worden sind. Der tiefe Gedanken- und Gemütsreichtum unserer Herbstfeiertage, deren Folge mit RoschHaschonoh beginnt, gibt uns jedes Jahr von neuem Antwort auf die sorgende Frage: „Was soll daraus werden?" Längst noch ist das jüdische Erbe nicht ausgeschöpft, vielleicht aber bedarf es in der heutigen Zeit einer stärkeren und bewußteren gegenseitigen Hilfe, damit die gegenwärtige Generation auf der Höhe ihrer Aufgabe bleibt und damit sie als Väter und Mütter des kommenden Geschlechts in diesem das Judentum als eine lebendige Kraft wirksam machen könne. Möge das Jahr 5692 eingeschrieben werden als ein Jahr, das die vielen fruchtbaren Keime des Jahres 5691 in den Arbeitsgemeinschaften der „Union" und speziell in ihrer Frauen- und ihrer Jugendgruppe zu kräftiger Entfaltung bringt. Luise Fischer-Treu. Außergewöhnlich ist die Erscheinung des Judentums, wunderbar der Verlauf seiner Geschichte, bei der jede Geschichtserklärung versagt Diese Weltumseglung des Judentums in Auge soll das Gelöbnis der Jugend sein: Wir wollen nicht in einem Sumpfe enden. Deshalb wollen wir uns bilden — jüdisch bilden. Und das soll Ziel und Zweck der Jugend-Union sein! Weltumseglung. Aus einem Referat, gehalten von stud. jur. Max Mark. Als Francis Drake von seiner Weltumseglung heimkehrte, geriet sein Schiff unweit der Heimat auf eine Untiefe. Der Matrosen bemächtigte sich Angst und Schrecken, vergessen war der zurückgelegte Weg, einige meinten sogar, den Sprung ins Ungewisse dem Verbleib auf dem Schiffe vorziehen zu sollen. Da rief ihnen der Kapitän zu: „Haben wir eine Welt umschifft, um in einem Sumpf zu enden." Nimmt man diese Geschichte als Gleichnis für das Judentum, so erkennt man in der Handlungsweise der Matrosen das Verhalten mancher Kreise des Judentums. Auch sie haben an die Weltumseglung des Judentums vergessen oder, was noch ärger ist, sie haben sie gar nie gekannt. Speziell die Jugend von heute ist ahistorisch veranlagt und wehrt sich gegen jede Tradition, was bei der jüdischen Jugend um so sinnloser ist, als sie berufen ist, eine der Traditionen fortzusetzen, auf der die abendländische Kultur beruht, eine Tradition, die vom Anfang der Weltgeschichte bis auf dem heutigen Tag in den Händen der Juden ist: die sittlich-religiöse. Auf drei Traditionen beruht unsere Kultur: Auf der juristisch-politischen Roms, der künstlerisch-wissenschaftlichen Athens und der religiös-ethischen Jerusalems. Römer und Griechen sind dahin, die Juden leben. Wie kommt das? Daß die Römer, das mächtigste Volk des Altertums, ebenso wie die anderen mächtigen Völker dem Tode verfielen, lag daran, daß sie sich auf das Schwert stützten, nicht auf eine Idee. Sie verfielen dem Vergeltungsgesetz und starben durch das Schwert Die Griechen haben eine Kultur geschaffen, tändelnd, spielerisch. Sie hatten keine bestimmte, selbstbewußte Lebensaufgabe. Sie lebten für die Gegenwart ihre Kultur war nur für die Tagseite des Lebens geschaffen. Als das Unglück über sie kam, brachen sie zusammen und gingen in einem Gemisch barbarischer Völker unter. Die Juden aber hatten eine Lebensaufgabe, deren sie sich bewußt waren. Diese hat sie geeinigt und im Unglück gestärkt und erhalten. Die Aufgabe der Juden war darauf gerichtet, an sich selbst zu arbeiten, die Selbstsucht zu überwinden. Sie fühlten sich auserwählt nicht an Rechten, wie die anderen -Völker des Altertums, denen der Fremde als Barbar galt bestimmt von ihnen unterworfen zu werden, sondern auserwählt an Pflichten. Nur ein Volk, das so hart an sich arbeitete, war imstande, ein solches Werk zu schaffen, wie es der Monotheismus und die Bibel sind. Nachdem dieses Werk vollbracht war, fiel das Nationale — sinnbildlicher Verlauf der Geschichte, der den Jüdischnationalen zu denken geben sollte, — wie der Mantel nach dem Glockengusse und in die Diaspora gehen die Juden als Gemeinschaft der Idee und des Glaubens. Man hat geglaubf!£d^s Judentum müsse „mehr" sein als eine Religionsgemeinschaft — es sei ein Volk. Doch jedes Volk unterliegt dem biologischen Gesetz. Es ist jung, es wird alt und stirbt ab. Nichts von dem beim Judentum, es ist alt und jung, es ist also und — lebt: Es ist die Verkörperung einer Idee und so ewig wie die Idee ist das Judentum. Wenn man gemeint hat das Judentum müsse mehr sein als eine Religionsgemeinschaft so hat man die jüdische Religion nach den anderen Religionen beurteilt. Wie falsch eine solche Beurteilung ist lehrt folgende Reminiszenz: Als die Reformation nach Oesterreich kam, fand sie hier weite Verbreitung: die Leute wurden protestantisch. Als dann die Gegenreformation einsetzte, wurden die . Oesterreicher wieder katholisch und die Söhne von Protestanten waren die eifrigsten Katholiken. Ganz anders beim Judentum. Als manche Juden sich unter dem Drucke der spanischen Inquisition taufen ließen, da lebten sie dennoch im Geheimen als Juden weiter und jetzt nach Jahrhunderten wollen die Nachkommen jener Marannen zurück zum Judentum. * Wenn der Satz, Bildung macht frei, je für eine Personengruppe gegolten hat so für die Juden. Denn die jüdische Bildung schafft diese innere Freiheit den Stolz auf die Eigenart und den Glauben an die Zukunft, sie ist es, die inmitten einer Welt von Feinden den seelischen Halt gewährt: das Judentum, das eine spanische Inquisition überdauert hat, braucht sich vor dem Antisemitismus eines Hitlers etwa nicht zu fürchten. Die jüdische Bildung schafft aber auch Distanz und Abgeklärtheit gegenüber innerjüdischen Vorgängen, die darauf abzielen, das Problem „Israel und die Völker" zu lösen. Es hat einen David Reubeni gegeben, einen Sabattai Zevi und schließlich einen Theodor Herzl. Man wird sich damit abfinden müssen, daß jenes Problem nicht gelöst wird. Denn Glück und Verhängnis, der Juden ist es, zwischen den Völkern zu leben. Wenn eine talmudische Legende erzählt, Sinn und Zweck dieser Welt werde sich am jüngsten Tag offenbaren, so' gilt dies in erster Linie für das Judentum. Heinrich Graetz. Zum 40. Todestage. Am 7. September jährte sich zum vierzigsten Male der Tag, an dem Hirsch Heinrich Graetz, der geniale Historiker des Judentums, für immer die Augen schloß. Seine in viele Sprachen übersetzte, in allen Ländern bekannte, wahrhaft populär gewordene „Volkstümliche Geschichte der Juden" verdient es heute mehr denn je, daß man ihres ebenso gelehrten wie lebendig gestaltenden und phantasievoll deutenden Verfassers gedenkt. Ist doch kaum jemals ein historisches Werk so tief ins Volk eingedrungen wie dieses, ohne deshalb von seiner gründlichen Gelehrsamkeit, seiner wissenschaftlichen Bedeutung auch nur das Geringste einzubüßen. Ein klarer, vorurteilsloser Forscherblick, eine fesselnde und begeisternde Darstellungsform, ein reiches, fundiertes Wissen und ein warmes, fühlendes Herz um dieses Wissen zu beleben, waren diesem Manne eigen, der seine umfassenden Kenntnisse. autodidaktisch und unter den ärmlichsten Lebensbedingungen erworben hatte. 1817 in Xions, einem winzigen Nest der Provinz Posen, geboren, verlebte er den größten Teil seiner Jugend in Zerkow, wo er im Cheder den ersten, recht dürftigen Schulunterricht genoß. Später kam er nach Wollstein, wurde ein eifriger und wissensdurstiger Schüler des dortigen Ortsrabbiners, der ihm als erster die Schätze des Talmud erschloß. Ein heißer Wissensdrang beseelte schon den Knaben und Jüngling; er erwarb sich aus eigener Initiative und ohne fremde Hilfe gründliche Kenntnisse in den modernen Sprachen. In dem ebenso weltgewandten wie religiösen Rabbiner Samson Raphael Hirsch, der damals in Oldenburg lebte, glaubte der junge Graetz das Ideal .eines Lehrers, .und Führers gefunden zu haben; er schrieb an ihn'und wurde zu ihm eingeladen. In Oldenburg blieb, er dann mehrere Jahre und bereitete sich dort für die Universität vor. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler wurde zehn Jahre später durch unversöhnliche wissenschaftliche Gegensätze von Hirsch zerstört. Sein erstes größeres Werk: „Gnostiz.ismus und Judentum" hatte Graetz jedoch noch „dem geistvollen Kämpfer für das geschichtliche Judentum, dem unvergeßlichen Lehrer, dem väterlichen Freunde in Liebe und Dankbarkeit" gewidmet Durch diese Schrift erwarb sich der junge Forscher die ersten wissenschaftlichen Lorbeeren. Seine Hoffnung, auf Grund dieser erfolgreichen Arbeit als Rabbiner in einer größeren Gemeinde angestellt zu werden, erfüllte sich jedoch nicht man möchte sagen, zu seinem Glück und zum Vorteile der jüdischen Wissenschaft. Ihm fiel eine größere Lebensaufgabe zu, er sprach durch sein glänzendes Forscherwerk zu einer größeren Hörerschaft, zum ganzen Judentum. 1853 übergab Heinrich Graetz in Berlin seine „Volkstümliche Geschichte der Juden" der Oeffentlichkeit und die heftige Leidenschaft, mit der dieses Werk nicht nur gelobt, sondern auch bekämpft wurde (am erbittertsten von seinem ehemaligen Lehrer Hirsch), trug nicht wenig zu seiner ständig wachsenden Popularität bei. Graetz starb 1891 in München. Bezeichnend für das, was er als seine Lebensaufgabe betrachtete, sind die Worte, die er wenige Tage vor seinem Tode über Leopold Zunz sagte: „Dem Manne habe ich viel zu verdanken, nicht nur in dem, was er tat, sondern vielmehr in dem, was er unterließ; er hätte so gut eine Geschichte der Juden schreiben können und hat mir den Platz frei gelassen." Gertrud Isolani. umm^^K^h^^G*mm Ich erlaube mir auf diesem Wege, dem verehrten Vorstand des Slmmeringer Tempelvereines, insbesondere dem Obmann Herrn Leopold B e r g e r, meinen, besten Dank für die mir gekaufte Wohnung auszudrücken. Oberkantor Max S c h I d 1 o und Frau.

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